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Die Dissertation von Heike Wirth beschäftigt sich mit der
Analyse von bildungs- und klassenspezifischen Heiratsbeziehungen. Die
gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland seit Ende des Zweiten
Weltkrieges ist durch eine Vielzahl von Veränderungsprozessen
gekennzeichnet. Die Auswirkungen dieser Modernisierungsprozesse auf die
sozialen Strukturen in der Bundesrepublik werden kontrovers diskutiert.
Grob skizziert sind hierbei zwei Hauptargumentationslinien zu
unterscheiden. Die erste Argumentationsrichtung ist im wesentlichen durch
die Leitthesen der ‘Individualisierung’ und ‘Entstrukturierung’
geprägt. Die Erweiterung von individuellen Handlungsoptionen infolge der
Anhebung des materiellen Wohlstands wie auch allgemeiner
Modernisierungsprozesse habe dazu geführt, so die These, dass
traditionelle Ungleichheitskriterien immer weniger Einfluss auf
individuelles Verhalten und die Strukturierung von sozialen Beziehungen
ausüben. Es komme zu einem Verfall von traditionellen Strukturen und
kollektiven Orientierungsmustern, während individualisierte
Lebensbeziehungen und expressive Verhaltenselemente an Bedeutung gewinnen.
Folglich sei es auch kaum mehr möglich, gesellschaftliche Phänomene
empirisch mit den typischen Merkmalen sozialer Ungleichheit wie Bildung,
Schicht- oder Klassenzugehörigkeit adäquat zu beschreiben oder gar
theoretisch zu verorten. Die zweite Argumentationsrichtung hält dieser
These entgegen, dass die Auswirkungen von objektiv weiterbestehenden
Ungleichheiten auf die Gesellschaftsstruktur unterschätzt würden bzw.
unberücksichtigt blieben. Diese Kritik beruht auf empirischen
Untersuchungen, die belegen, dass Unterschiede in den Lebenschancen auch
in der Gegenwartsgesellschaft in einem engen Zusammenhang mit den
traditionellen Ungleichheitskriterien wie Bildungsniveau und Schicht- oder
Klassenzugehörigkeit stehen.
Die Arbeit bezieht sich in ihrer theoretischen Verortung
insofern auf diese Debatte, als der Frage nachgegangen wird, ob sich die
vermutete Entstrukturierung auch in einem Bereich zeigt, dem für die
Reproduktion sozialer Ungleichheit große Bedeutung zugeschrieben wird:
der bildungs- und klassenspezifischen Partnerwahl. In der neueren
Forschung wird die Durchlässigkeit gruppenspezifischer Heiratsbeziehungen
- gemessen an dem Ausmaß, in welchem zwischen sozialen Gruppen (Heterogamie)
bzw. innerhalb sozialer Gruppen (Homogamie) geheiratet wird - neben
beruflicher Mobilität als ein wesentlicher Indikator für die Offenheit
einer Gesellschaft gesehen.

Durchgeführt wurde die Studie mit Daten der Volkszählung
1970 und dem Mikrozensus 1993, der es erlaubt, auch die bisher noch wenig
erforschte Situation in der ehemaligen DDR in die Analyse einzubeziehen.
Im Kontext der Ausgangsfrage nach der Durchlässigkeit von sozialen
Verkehrskreisen bildete die Frage nach den zentralen Entwicklungstendenzen
der bildungsspezifischen Heiratsbeziehungen einen ersten Schwerpunkt der
Arbeit. Der Wandel von bildungsspezifischen Heiratsbeziehungen ist eine
Dimension für die Überprüfung der von der Individualisierungsthese
angenommenen Öffnungstendenzen unserer Gesellschaft. Der Kern der
Entstrukturierungsdiskussion konzentriert sich allerdings auf die infolge
von fortgesetzter Modernisierung und Individualisierung vermutete
nachlassende Prägekraft der Klassenzugehörigkeit auf individuelle
Handlungsorientierungen. Folgt man Vertretern der
Individualisierungsthese, dann kommt dem Klassenbegriff in der
Gegenwartsgesellschaft kaum noch Wirklichkeitsgehalt zu, die soziale
Wahrnehmbarkeit von Klassen bspw. im Sinne ihrer Abgrenzung durch
„Kontakt-, Hilfs- und Heiratskreise“ ist nicht mehr gegeben.
Als zentraler Befund der verschiedenen
bildungsspezifischen Analysen ist festzuhalten, dass die vorliegenden
Ergebnisse insbesondere für Westdeutschland in eindeutiger Weise der
These einer sozialen Annäherung (Entstrukturierungsthese) zwischen den
Angehörigen verschiedener Bildungsgruppen widersprechen. Die Analyse der
relativen Homogamieraten als maßgeblicher Indikator für Öffnungs- oder
Schließungsprozesse zeigt, dass die Neigung, Partner mit dem gleichen
formalen Bildungsabschluss zu heiraten, das die Heiratsbeziehungen
dominierende Muster darstellt und sich hieran über die Kohorten hinweg
kaum etwas verändert. Die stärkste Schließung findet sich bei der
privilegiertesten Bildungsgruppe, den Akademikern, und der am wenigsten
privilegierten Bildungsgruppe, den Hauptschulabsolventen ohne berufliche
Ausbildung. Am oberen und unteren Ende der Bildungsskala ist demnach eine
Kumulierung der jeweils hohen bzw. niedrigen sozio-kulturellen und ökonomischen
Ressourcen von Männern und Frauen zu beobachten.

Insgesamt deuten die Ergebnisse in der Tendenz auf eine in
der Gegenwart stärkere Polarisierung der bildungsspezifischen
Heiratsbeziehungen in Westdeutschland hin. Die Bildungsexpansion ist nicht
von einer Öffnung der bildungsspezifischen Heiratskreise begleitet,
sondern die soziale Distanzierung zwischen den oberen und unteren
Bildungsgruppen ist eher größer geworden ist. Im Zuge der allgemeinen Höherqualifizierung
ist es zu keiner ‘Verschmelzung’ der mittleren und oberen
Bildungsgruppen gekommen, d.h. es ist keine Öffnung der sozialen
Heiratskreise zu beobachten. Gemessen an den bildungsspezifischen
Heiratskreisen ist die westdeutsche Gesellschaft damit auch in der
Gegenwart als eine 'Geschlossene Gesellschaft' zu sehen. Für
Ostdeutschland ist festzuhalten, dass die allgemeine Strukturierung der
Heiratsbeziehungen in ihren Grundzügen dem Muster in Westdeutschland ähnelt.
Auch bei den ostdeutschen Kohorten ist die Neigung zur bildungshomogamen
Partnerwahl das dominierende Charakteristikum, gefolgt von der Tendenz, dass
beide Partner den gleichen allgemeinbildenden Ausbildungsabschluss
aufweisen.
Der zweite Schwerpunkt der Arbeit ist die Analyse von
klassenspezifischen Heiratsbeziehungen. Hier ist festzustellen, dass die
klassenspezifischen Heiratsbeziehungen im wesentlichen ein ähnliches
Muster der sozialen Durchlässigkeit aufweisen wie intergenerationale
Mobilitätsprozesse. Charakteristisch hierfür ist zum einen die starke
Konzentration der Heiratsbeziehungen auf Partner der eigenen Klassenzugehörigkeit.
Diese tritt - ähnlich wie in Studien zur intergenerationalen Mobilität
belegt - am deutlichsten bei den Dienstklassenangehörigen und den
traditionellen Arbeiterklassen zutage. Gleichfalls weist die
Strukturierung der Heiratsbeziehungen zwischen Angehörigen
unterschiedlicher Klassen ein den Mobilitätsprozessen ähnliches Muster
auf. Dieses ist zum einen dadurch gekennzeichnet, dass den Chancen von
Angehörigen der Arbeiterklassen, in die Dienstklassen einzuheiraten,
offensichtlich erhebliche Barrieren gesetzt sind. Zum anderen sind die
Heiratsbeziehungen durch eine massive Blockbildung gekennzeichnet: Angehörige
des ‘white-collar’ Blocks heiraten ebenso vorwiegend untereinander,
wie dies Angehörige des ‘blue-collar’ Blocks tun. Entgegen der
weitverbreiteten Vermutung, dass ein Durchbrechen dieser traditionellen
‘Kragengrenze’, wenn nicht in großem Maßstab, so doch hinsichtlich
der Heiratsbeziehungen zwischen Facharbeitern und Frauen in
Angestelltenpositionen zu erwarten ist, zeigt sich unter Kontrolle der
Klassenverteilungen von Männern und Frauen keine erhöhte positive
Affinität zwischen diesen beiden Gruppen. Auch wenn die Bedingtheit
zwischen Bildungsniveau und Klassenposition kontrolliert wird, ist eine
klare Klassendimension in den Heiratsbeziehungen zu beobachten. Diese äußert
sich insbesondere in der weiterhin starken Separierung der Heiratskreise
in einen manuellen und nicht-manuellen Block.

Die Modernisierungsprozesse zwischen den 70er und den 90er
Jahren haben nicht zu einer grundsätzlich anderen Zusammensetzung der
klassenspezifischen Heiratsbeziehungen geführt. Ein Verschmelzen der
Heiratskreise von der Arbeiterschaft und den Angestellten bzw. das
Entstehen einer diffusen Mitte lässt sich nicht erkennen. Selbst wenn es
in Hinblick auf den materiellen Wohlstand sicherlich zu einer Überlappung
zwischen Arbeitern und Angestellten gekommen ist und die individuellen
Handlungsoptionen zugenommen haben, scheint sich dies nach den
vorliegenden Ergebnissen kaum auf die sozialen Verkehrskreise dieser
Gruppen ausgewirkt zu haben. Die gesellschaftliche Entwicklung in den
letzten Jahrzehnten hatte somit nahezu keinen Einfluss auf die
klassenspezifische Partnerwahl.
Wie sind diese Befunde von - auch in der Gegenwart - stark
durch die Bildungs- und Klassenzugehörigkeit geprägten
Heiratsbeziehungen zu erklären, angesichts der Ergebnisse anderer
Untersuchungen, die am Beispiel von Heiratsannoncen aufzeigen, dass der
Bezug auf Merkmale der sozialen Position für die Partnersuche deutlich an
Bedeutung verloren hat? In der modernen - auf gemeinsamen Interessen,
gegenseitigem Verständnis und emotionaler Geborgenheit aufbauenden -
Partnerschaft scheint der Bezug auf das eigene ‘social standing’ „increasingly
become illegitimate in the process of searching for a true love partner“.
Stattdessen scheint die Partnersuche heutzutage vor allem an Kriterien des
Lebensstils, der äußerlichen Erscheinung und Freizeitaktivitäten
orientiert. Die einfachste Erklärung für diesen scheinbar widersprüchlichen
Befund ist, daß auch die Herausbildung von unterschiedlicher Lebensführung
und unterschiedlichen Lebensstilen in einem engen Zusammenhang mit ökonomischen
Ressourcen steht. So zeigen andere Untersuchungen eine klare Beziehung
zwischen dem praktizierten Lebensstil und der sozio-ökonomischen
Position. In diesem Kontext erübrigen sich somit explizite Hinweise auf
die eigene soziale Position, da diese bereits implizit bei der
Beschreibung der eigenen Interessen enthalten sind. Weiterhin ist zu berücksichtigen,
dass bereits über die Wahl der Zeitung, in welcher inseriert wird, in der
Regel eine erste soziale Selektion der potentiellen Partner vorgenommen
wird. Schließlich ist zu berücksichtigen, dass der Weg der Partnersuche
über Heiratsannoncen letztendlich bedeutet, dass innerhalb der eigenen
sozialen Verkehrskreise kein akzeptabler Partner gefunden wurde und daher
unter Umständen die Bereitschaft, Partner mit einer anderen sozialen
Position zu akzeptieren größer ist, sofern sonstige Randbedingungen
(z.B. gleiche Freizeitinteressen) gegeben sind.

Wirth, H., 2000: Bildung,
Klassenlage und Partnerwahl: Eine empirische Analyse zum Wandel der
bildungs- und klassenspezifischen Heiratsmuster. Opladen: Leske + Budrich.
© GESIS Yvonne Lechert 02. August 2007
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