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Dissertationsprojekte Historische Sozialforschung im ZA
Katharina von Kardorff-Oheimb (1879-1962) – Parlamentarierin der
historischen deutschen Rechten. Eine politische Biografie.
Cornelia Baddack
Im Zentrum für Historische Sozialforschung besteht seit mehr als
zwanzig Jahren der Forschungs- und Servicebereich "Historische
Parlamentarismus-, Eliten- und Biographieforschung". Dort wurden u.a. im
Rahmen des Projekts "Biographisches Handbuch der Mitglieder deutscher
Nationalparlamente" (BIORAB) die biografischen Daten der 1.799 deutschen
Nationalparlamentarier der Weimarer Republik erschlossen. Zu 108 Frauen
aus diesem Parlamentarierkollektiv liegen die biographischen Daten vor.
Vor dem Hintergrund dieser kollektivbiografischen Forschungen
rückt eine der prominentesten Nationalparlamentarierinnen der Weimarer
Republik in den Mittelpunkt eines Dissertationsprojekts: Katharina von
Kardorff-Oheimb (1879-1962) – Tochter einer rheinischen, katholischen
Familie des Besitzbürgertums, mehrfache Ehefrau und Mutter, finanziell
unabhängige Unternehmerin. Durch persönliche Erlebnisse sensibilisiert und
wie viele Frauen ihrer Generation insbesondere durch die Erfahrungen des
Ersten Weltkriegs „fundamentalpolitisiert“, brachte sie ihr ökonomisches,
kulturelles und soziales Kapital in die politische Kultur der Weimarer
Republik ein. Im Umfeld der Deutschen Volkspartei (DVP) war sie als
Vereins- und Parteipolitikerin aktiv, Mitglied des 1. Reichstages
(1920-1924) und als politische Dozentin, Publizistin und Gastgeberin
des politischen Salons in Berlin über Partei- und Hauptstadtgrenzen
hinaus bekannt.
Ihrem hohen Bekanntheitsgrad unter Zeitgenossen und
-genossinnen steht ein bis heute geringes Forschungsinteresse gegenüber,
was angesichts der guten Quellenlage und wissenschaftlichen Relevanz
überrascht. Zwar begegnet uns Katharina von Kardorff-Oheimb immer wieder
in Monografien und Kollektivbiografien zur politischen Arbeit von Frauen
in der Weimarer Republik, doch fehlt noch immer eine wissenschaftliche
Einzelbiografie. Diese soll auf der Grundlage hauptsächlich von
unveröffentlichten Quellen – im Bundesarchiv Koblenz liegt ihr
umfangreicher Nachlass – nun erstmalig realisiert werden. Die Kriterien
der einzelbiografischen Untersuchung werden dabei aus dem Vergleich
insbesondere mit dem weiblichen Parlamentarierkollektiv gewonnen.
Untersuchungsleitend ist die Frage nach dem politischen Stil
Katharina von Kardorff-Oheimbs, dessen Betrachtung die fließenden
Wechselbeziehungen zwischen „Privatheit“ und „Öffentlichkeit“ bestätigt.
Hierzu werden neuere kommunikationsorientierte Konzepte des politischen
Stils als Analysekategorie „historisiert“ und akteurs- und raumbezogen
weiterentwickelt. Der Methoden integrierende Ansatz einer historischen
Individualbiografie spürt den politischen Kommunikations-, Erscheinungs-,
Handlungs- und Verhaltensweisen einer in verschiedenen Räumen, Rollen und
historischen Kontexten agierenden Politikerin nach und fragt vor dem
Hintergrund zeitgenössischer Konzeptionen nach den spezifischen und
typischen Anteilen im politischen Stil Katharina von Kardorff-Oheimbs.
Die frühe Bundesrepublik und ihre Jugend 1949-1965. Eine
historisch-kontextuelle Sekundäranalyse.
Philip Jost Janssen
Im
Dissertationsprojekt werden Jugendumfragen der frühen BRD einer erneuten
Inspektion unterzogen (historisch-kontextuelle Sekundäranalyse).
Die Konstitutionsleistung des Historikers geht dabei über die
Rekapitulation sozialwissenschaftlicher Quellen deutlich hinaus und
beinhaltet neben der Re-Analyse des Datenmaterials eine sorgfältige
Quellenkritik, einschließlich der Fragen nach erhebungstechnischer Praxis
der Meinungsforschungsinstitute sowie nach Eigenart,
Entstehungsbedingungen und Aussagewert der Umfrageergebnisse. Sie
beinhaltet andererseits die historische Kontextualisierung und das
Einbeziehen weiterer Quellentypen, hier v.a. Jugendforschung flankierenden
Diskurse, die sich durch ihre Interdisziplinarität und ihre enorme
öffentliche Wirkung auszeichnen. Diese Deutungen, mithin das von
wissenschaftlicher Seite zeitnah gemalte Bild von der westdeutschen
Jugend, gilt es mittels einer eigenen Analyse der Umfrageergebnisse,
verbunden mit der Einordnung in die allgemeinen historischen
Rahmenbedingungen zu überprüfen.
Die Arbeit soll – neben wissenschaftsgeschichtlichen Teilen –
ein Beitrag zur Geschichtsschreibung der Jugend sein; gleichzeitig aber
auch eine Studie über Selbst-, Ideal- und Alptraumbilder der Gesellschaft
der jungen Bundesrepublik insgesamt, die in ihren Diskursen über die
Jugend (gerade in Verbindung mit Freizeit) eine aussagekräftige
Projektionsfläche ihrer selbst gefunden hatte.
Denn das Reden über Jugend ist zu allen Zeiten, besonders aber in der
frühen („jugendlichen“) Bundesrepublik nicht nur „Sorge um Integration“
sondern auch ein Stellvertretergefecht, dessen Analyse lohnt, indem es die
Suche nach dem Selbstverständnis und Wertehorizont der Gesellschaft
freilegt.
© GESIS Wilhelm H. Schröder
07.02.2007
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