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Der demographische Wandel in Deutschland

 

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Überblick

Im Herbst 2006 wurden verschiedene Fälle massiver Kindesmisshandlungen bekannt. Berichten zufolge lebten die delinquenten gewalttätigen Mütter oder Väter fast ausnahmslos in sozial deprivierten Verhältnissen mit einer gestörten emotionalen Beziehung zum Lebensgefährten. Klaus Hurrelmann, Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld, schätzt, dass in Deutschland rund 80.000 Kinder unter zehn Jahren von extremer Verwahrlosung betroffen sind.

Die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ursula von der Leyen, will soziale Frühwarnsysteme aufbauen und eine Verzahnung des Gesundheitssystems sowie der Kinder- und Jugendhilfe vor Ort in die Wege leiten. Mit Modellprojekten wie "Guter Start ins Kinderleben" unter der Leitung von Prof. Dr. Jörg Fegert von der Universität Ulm sowie "Pro Kind" unter der Leitung von Prof. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen, sollen unterschiedliche Hilfesysteme wie Jugendämter, Familienhelfer, Hebammen und Ärzte miteinander informell verbunden werden. Ferner ist der Aufbau eines "Zentrum des Bundes für frühe Hilfen" geplant.

Wie in den genannten Fällen von Misshandlungen führen häufig sozialstrukturelle Defizite der Familien über delinquente Verhaltensorientierungen zu kinderfeindlichen Reaktionen. Eine geringe Bereitschaft zur Elternschaft zeigt sich gleichfalls am anderen Ende der sozialen Skala, nämlich bei den hoch qualifizierten, gut verdienenden Frauen und Männern. Diese Gruppe weist im Vergleich zu geringer Qualifizierten eine reduzierte Heiratsneigung auf. Gleichzeitig tendieren beide Geschlechter in der Ehe zum Verzicht auf Kinder und gehen stattdessen einer profitablen Erwerbstätigkeit nach.

 

 

Horst W. Opaschowski, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg, macht in der BAT Freizeit-Studie bei vielen jungen Männern eine geringe Bereitschaft aus, sich langfristig um Kinder zu kümmern und familiäre Verantwortung zu übernehmen. Er berichtet von Untersuchungsergebnissen des Jahres 2006, denen zufolge 23 Prozent der Frauen im Alter von 18 bis 39 Jahre und fast doppelt so viele Männer in dieser Altersgruppe (43 Prozent) äußern, zugunsten der Familie nicht auf Sport, Hobbys und Urlaubsreisen verzichten wollen.

Doch auch die Rahmenbedingungen in Deutschland erschweren die Entscheidung zugunsten einer Familiengründung. Die Voraussetzungen sind in anderen Ländern mitunter viel besser als in der Bundesrepublik. Die aus wissenschaftlicher Sicht so genannte "Rushhour des Lebens", d. h. die Periode zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr, in der die Familiengründung mit dem Berufseinstieg zusammenfallen, ist hierzulande besonders intensiv, stressig und belastend. Denn von staatlicher Seite mangelt es an ausreichender Unterstützung, um sämtliche Lebensbereiche erfolgreich miteinander vereinen zu können. Zwar ist das Problem seit einiger Zeit erkannt und im Zuge der Schreckensnachrichten anlässlich des demographischen Wandels wird auch an seiner Lösung gebastelt, doch umfassende Reformpakete sind nicht in Sicht. So wurden zwar 450 Millionen Euro   bereit gestellt, um Kinderbetreuungskosten von der Steuer absetzbar zu machen, doch in Frankreich hat man diesen Posten von 800 Millionen auf 2,2 Milliarden Euro erhöht. Dennoch herrscht inzwischen Einigkeit, dass sowohl die Betreuungsangebote als auch die finanziellen Unterstützungsleistungen ausgeweitet werden müssen, um wenigstens die äußeren Rahmenbedingungen familien- und kinderfreundlicher zu gestalten.

Bereits 2003 präsentierte der saarländische Ministerpräsident Peter Müller den Vorschlag, als Mittel gegen die Geburtenarmut stärkere finanzielle Anreize für Eltern zu schaffen. Ab Januar 2007 löst das von der Großen Koalition in Berlin beschlossene Elterngeld das bisherige Erziehungsgeld ab. Das neue Elterngeld, das an den Elternteil gezahlt wird, der nach der Geburt zu Hause bleibt, beläuft sich auf 67 Prozent des Nettoeinkommens des betreuenden Elternteils, höchstens jedoch 1.800 Euro. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD), plädiert dafür, in Zukunft die Zahl der kostenlosen Kindergartenplätze zu erhöhen und jedem Kind einen gebührenfreien Kindergartenbesuch zu ermöglichen.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist inzwischen als einer der wichtigsten Faktoren für die Entscheidung zugunsten der Familiengründung identifiziert worden. In diesem Zusammenhang sind die Universitäten und Hochschulen ins Blickfeld geraten, da vor allem unter Akademikern kinderlose Paare eher die Regel als die Ausnahme darstellen. Der akademische Nachwuchs verzichtet nicht selten zugunsten der Karriere auf eigenen Nachwuchs - gezwungenermaßen. Denn die Strukturen im akademischen Spannungsfeld zwischen Universität, Promotion und Habitilation stellen die jungen Wissenschaftler meist vor die alternativlose Entscheidung pro oder contra Familie. So hält der Durchschnittsstudent erst mit Ende zwanzig seinen Abschluss in den Händen, nach einem weiten Weg über Promotion und halbe bis 2/3 Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter folgt mit Ende dreißig die Habitilation. Bis dann der Ruf an eine Universität erfolgt, ziehen weitere Jahre der beruflichen Unsicherheit, oft begleitet von zeitweiliger Arbeitslosigkeit oder niedrigem Gehalt ins Land. Dass sich  Frauen unter diesen Umständen nur selten für Schwangerschaft und Kindererziehung entscheiden, kann beim besten Willen nicht verwundern. Die Gesellschaft kann jedoch nicht daran interessiert sein, hoffnungsvolle Nachwuchsakademiker vor die Alternative Kind oder Karriere zu stellen. Der Trend ist inzwischen erkannt, doch die Gegenmaßnahmen laufen nur zögerlich und schleppend an. 

 

Organisationen

  • DJI Deutsches Jugendinstitut e.V. - Abteilung Familie und Familienpolitik. Gegründet 1961, wirkte das DJI am ersten Jugendbericht der Bundesregierung mit. Die Institution war maßgeblich beteiligt an der Erforschung solcher Angeboten wie dem sog. Tagesmütter, mit denen Familien eine ergänzenden Kinderbetreuung ermöglicht wird.
  • IFK Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung (IFK) - In der Gründungsdenkschrift des Instituts von 1990 wird festgelegt, dass die Erforschung der familialen Lebensbedingungen in Brandenburg Aufgabenschwerpunkte des Instituts sind.
  • Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg - Das  IFB ist seit 1994 eine Einrichtung des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen. Es handelt sich um ein eigenständiges, wissenschaftlich unabhängiges Forschungsinstitut mit interdisziplinärer Ausrichtung.
  • Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster - In Zusammenarbeit mit der IGfH (Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen) führt der Fachbereich ein Modellprojekt zum Konzept  „Family-Group-Conference (FGC)“ durch.
  • GeFam Gesellschaft für Familienforschung e.V. - die Gestaltung von Familienpolitik steht im Mittelpunkt der Arbeit des Berliner Instituts. Dabei kommt eine breite Palette unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Verfahren und Untersuchungsmethoden zum Einsatz.
  • Familienwissenschaftliche Forschungsstelle - Die Forschungsstelle im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg führt seit 1982 familienwissenschaftliche Grundlagenarbeit durch sowie Analysen zu sozialökonomischen Strukturen von Familien und zu dem Spannungsfeld Berufstätigkeit und Familie, auch unter dem Aspekt von Kinderbetreuung.

Materialien & Volltexte

  • Die Rechtsmedizinerin Ulrike Böhm der Universität Leipzig untersuchte bereits in den 90er Jahren rund 1.000 Fälle tödlicher Kindesmisshandlung durch physische Gewalteinwirkung und tödliche Kindesvernachlässigung.
  • "Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern unter drei Jahren in Kassel: u3 Bedarfsfeststellung – Auswertung" (PDF-Dokument). Werner Thole und Peter Cloos befragten im Jahr 2004 Eltern zu institutionellen Formen der Bildung, Erziehung und Betreuung von unter dreijährigen Kindern und ermittelten, dass die Mehrheit eine institutionelle stundenweise Betreuung in Anspruch nehmen würde.
  • "Reform der Familienpolitik", (PDF-Dokument) herausgegeben im Jahr 2005 von der Bertelsmann-Stiftung im Rahmen der Aktion Demographischer Wandel. Prof. Dr. Stefan Homburg ist Inhaber des Lehrstuhls für öffentliche Finanzen an der Universität Hannover; Prof. Dr. Reinhold Schnabel leitet den Lehrstuhl für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Essen.
  • Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat im April 2006 eine Untersuchung von Astrid Rosenschon veröffentlicht: Finanzpolitische Maßnahmen zugunsten von Familien – Eine Bestandsaufnahme für Deutschland. (PDF-Dokument) Nach ihren Berechnungen addieren sich die  öffentlichen Transferleistungen zugunsten von Familien auf 240 Mrd. Euro, das entspricht 10,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
  • Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend [Hg.]: Siebter Familienbericht, Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit - Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik, April 2006, (PDF-Dokument), 396 Seiten.
  • "Familienreport 2005 : T. 1, Situation von Familien in Deutschland; T. 2, Familienpolitische Best-Practice-Modelle im Vergleich ausgewählter Bundesländer" Für die Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. erstellten Christine Henry-Huthmacher und statistische Auswertungen aktueller Erhebungen zur derzeitigen Lebenssituation von Familien in der Bundesrepublik Deutschland. Teil 1 beschreibt die Situation von Familien in Deutschland. Teil 2 informiert über Beispiele einer innovativen Familienpolitik: Familienpolitische Best-Practice-Modelle im Vergleich ausgewählter Bundesländer.
  • "Kinderbetreuung und Fertilität in Deutschland" Der Forschungsbericht des Max-Planck-Institut für demografische Forschung untersucht den Zusammenhang zwischen der regionalen Versorgung mit Kinderbetreuung und dem Fruchtbarkeitsverhalten von Frauen.
  • "Vorschläge für eine nachhaltige Familienpolitik" (PDF-Dokument) Günther Steinmann, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Volkswirtschaftliche Diskussionsbeiträge, No. 35, November 2004
  • Nicole Auferkorte-Michaelis; Sigrid Metz-Göckel; Jutta Wergen; Annette Klein; unter Mitarbeit von Christina Möller und Elisabeth Kociemba: Junge Elternschaft und Wissenschaftskarriere - Wie kinderfreundlich sind Wissenschaft und Universitäten?, März 2006, (PDF-Dokument), 11 Seiten.
  • Kommunale Familienpolitik (PDF-Dokument), erschien bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Werner Schönig bearbeitete Grundfragen, Handlungsansätze und Zielkonflikte kommunaler Familiepolitik.

kommentierte Linksammlung

  • Projekt Kinderpanel: Wie wachsen Kinder auf? - Das Projekt sucht Antworten auf folgende Frage: Welche Faktoren unterstützen die Fähigkeit von Kindern, soziale Beziehungen aufzubauen, welche Risikofaktoren können unterschiedliche Arten von Problemverhalten induzieren wie z.B. Aggressivität, Krankheiten oder abweichendes Verhalten?
  • Der DFG-Schwerpunkt Beziehungs- und Familienentwicklung - PAIRFAM Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics an der Universität Bremen beschäftigt sich neben der Erforschung von Paarbeziehungen mit Familiengründungen, Familienerweiterungen und der Gestaltung intergenerationaler Beziehungen. Erhebungsorte des interdisziplinären Projektes sind Bremen, Chemnitz, Mannheim und München. Das Projekt startete im Herbst 2005, ist für insgesamt sechs Jahre Dauer angesetzt und soll die Befragung von ca. 12.000 Personen beinhalten.
  • Demographie Konkret Online: Kinder- und Familienfreundlichkeit - Als zentralem Standortfaktor im Wettbewerb um Einwohner kann der Kinder- und Familienfreundlichkeit von Landkreisen, Gemeinden und Städten inzwischen eine erhebliche Bedeutung beigemessen werden. Drei Beispiele verdeutlichen kommunale Maßnahmen zu Steigerung der eigenen Attraktivität.

 

Literatur- und Forschungsnachweise