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Gewalt in der Schule - Bestandsaufnahme im Jahr 2006

 

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Bündnis für Erziehung, Initiative Verantwortung Erziehung

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat im April 2006 mit dem Motto "Werte geben Kindern und Eltern Halt und Orientierung" eine Debatte um ein bundesweites Bündnis für Erziehung angestoßen. Zu den Mitinitiatoren der ersten Stunde gehören die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann sowie der Berliner Georg Kardinal Sterzinsky. Bei der evangelischen Gesamttagung für Kindergottesdienst in Hannover Mai 2006 trafen rund 3.000 Teilnehmer zusammen, die nach neuen Wegen suchten, evangelische Kindergottesdienste attraktiv zu gestalten, denn "Religion und Erziehung ist eine Frage, die im Moment dran ist", so Pastor Erhard Reschke-Rank aus Aachen. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, die der EKD-Synode angehört, nahm am zeitgleich stattfindenden 96. Deutsche Katholikentag in Saarbrücken teil. Sie begrüßte nachdrücklich, dass den christlichen Grundwerten in der Erziehung wieder ein höherer Stellenwert eingeräumt wird. In einzelnen Kommunen sind die Überlegungen zum Bündnis für Erziehung schon weit fortgeschritten. So stellte Ende Mai 2006 der Hertener Bürgermeister Dr. Uli Paetzel der Presse jene Erziehungsgrundsätze vor, die die Mitglieder des lokalen Bündnisses für Erziehung wie die Fachbereichsleiterin, Vertreter der Stadtschulpflegschaft sowie des Familienbüros gemeinschaftlich erarbeitet hatten.

Der Vorsitzende des ZMD Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V., Ayyub Axel Köhler, äußert sich hinsichtlich des Bündnisses für Erziehung kritisch: "Mit Blick auf die Neutralität des Staates wäre es dringend geboten, auch die anderen Religionen einzuladen". In ähnlicher Weise fordert der Zentralrat der Juden in Deutschland eine Einbeziehung des jüdisch-christlichen Wertefundaments des Abendlandes. Für die Bundestagsfraktion der FDP beklagt Ina Lenke eine Entmündigung der Eltern: "Es ist intolerant und gefährlich, in einem Staat, in dem viele Andersgläubige leben, mit der Brechstange das Christentum zum Leitwert aller Eltern und an der Erziehung der Kinder Beteiligten zu erheben".

Auch Hans Apel, ehemaliger Verteidigungsminister der sozialliberalen Regierung Schmidt/Genscher, räumt dem Bündnis für Erziehung nur geringe Chancen ein; es sei der falsche Weg, dem Land von oben herab christliche Grundwerte verordnen zu wollen.

Tendenziell ähnlich äußert sich die kinder- und familienpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen. Ekin Deligöz begrüßt die Tatsache, dass ein politisch-ethischer Diskurs über eine werteorientierte Erziehung in Gang gekommen ist, gleichzeitig fordert sie eine Einbeziehung von anderen Glaubensgemeinschaften in das Forum. Für den Herbst wurde seitens des Ministeriums eine Erweiterung des Bündnisses um Familienverbände, Verbände der freien Wohlfahrtspflege und der anderen Religionsgemeinschaften angekündigt.

Die Gewerkschaft GEW wertet die Initiative als einen kapitalen Fehlstart: „Deutschland ist kein Gottes-, sondern ein säkularer Staat, dessen Wertesystem auf den universellen Menschenrechten aufgebaut ist. (...) Damit sendet der heutige Wertegipfel leider ein Signal der Ausgrenzung, nicht der Integration aus." Auch der  Bundeselternrat und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) plädieren für ein gesellschaftlich offenes Bündnis. Darüber hinaus fordern beide Organisationen einmütig sowohl von den Eltern wie von den Schulen, den Erziehungsauftrag mit Zeit, Liebe, Ausdauer und Geduld auszuführen, im Gegenzug aber auch Normen wie Verantwortung, Respekt und gegenseitige Achtung einzufordern.

Ende Mai 2006 gab das Bundesfamilienministerium bekannt, dass Zentralrat der Muslime und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland sowie der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV) und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in der "Initiative Verantwortung Erziehung" zusammenarbeiten wollen. Gemeinsam soll ein Dialog über die Vermittlung von Werten in der Erziehung geführt werden. Für den Sommer sind Regionalkonferenzen in Düsseldorf, Hannover, Berlin und München geplant, auf denen über die praktische Umsetzung in Kindertagesstätte und Schule beraten wird.

Familienzentren

Zum Ausbau der Kinderbetreuung plant Familienminister Armin Laschet (CDU), Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration in Nordrhein-Westfalen, in der Pilotphase in 178 Jugendamtsbezirken Familienzentren zu gründen, die Kindergärten, die Arbeit von Tagesmüttern und die Beratung der Familien vernetzen sollen. Beworben haben sich 1.003 Einrichtungen um die Führung von Familienzentren: Kindertagesstätten der evangelischen Kirche, der Arbeiterwohlfahrt und des Caritasverbands der katholischen Kirche.

Der Landesverband NRW des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE NRW) kritisiert, dass trotz der Erweiterung des Aufgabenspektrums der Kindergärten die schwarz-gelbe Landesregierung Rüttgers/Pinkwart eine Umstellung des Finanzierungssystems für Kindertagesstätten plant. In Zukunft soll pro Kind eine einheitliche Pauschale an alle Einrichtungen gezahlt werden ohne Berücksichtigung der besonderen Umstände der Einrichtung, wie es noch derzeit der Fall ist.

Auch Sachsen-Anhalt fördert Projekte der Familienbildung, -begegnung in überregionalen Familienzentren wie auch in regionalen Familienzentren mit Modellcharakter. Das sog. Familie-Plus-Modell kombiniert Familienerholung mit Angeboten der Familienbildung vornehmlich in landeseigenen Einrichtungen. Mit dabei sind auch Städte wie etwa das bayerische Regensburg, das drei Familienzentren aufweist, das sachsen-anhaltinische Halle und das badische Offenburg mit vier Stadtteil- und Familienzentren.

 

Lokale Bündnisse für Familie

Die Initiative „Lokale Bündnisse für Familie“ wurde Anfang 2004 von der damaligen Bundesministerin Renate Schmidt (SPD) ins Leben gerufen, der Europäische Sozialfond finanziert seitdem das Programm. Im Mai 2006 arbeiten bereits 291 lokale Bündnisse für eine familienfreundliche Umwelt an 547 Standorten im gesamten Bundesgebiet. Auf dem von Ursula von der Leyen neu ins Leben gerufenen Ersten Deutschen Familientag auf der Berliner Museumsinsel wollen sie sich und ihre Arbeit vorstellen. Zahlreiche Prominente aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft engagieren sich als Kuratoren der Initiative. Auch Bundespräsident Köhler seine Unterstützung für Maßnahmen zur Schaffung einer familienfreundlichen Arbeitswelt zugesichert.

Die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat in einer Studie der  Wirtschaftsberatungsgesellschaft Prognos AG die ökonomischen Wirkungen lokaler Bündnisse für Familie untersuchen lassen. Dazu wurden in städtischen und ländlichen Milieus 12 regionalen Wirtschaftsanalysen als Fallstudien durchgeführt. Die Interviews mit Verantwortlichen wurden durch eine Netzwerkanalyse ergänzt, die die Kommunikation zwischen den Bündnispartnern aus Kommunen, Wirtschaft und Trägerschaft analysierte. Inzwischen gibt es mehr als 290 Bündnisse für Familie mit mehr als 1.000 Einzelprojekten zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Beteiligt als Partnern für familienfreundliche Lebensbedingungen sind über 1.200 kleine Betriebe und großen Unternehmen. Die lokalen Bündnisse für Familie werden auf der politischen Ebene als Erfolgsmodell für eine moderne Familienpolitik betrachtet.

Beispielsweise gab es im Freistaat Thüringen in 7 von 23 Landkreisen erfolgreiche Bündnisgründungen, in gleich vielen Landkreisen sind Bestrebungen zur Gründung zu verzeichnen. Günstigere sozialdemographische Bedingungen gelten im Landkreis Gießen, der - zwölf Monate nach Gründung von lokalen Bündnissen für Familie- schon als Bündnis des Monats April 2006 bundesweit brillieren kann. In den 18 Städten und Gemeinden dieses Landkreises sind insgesamt zwei weitere Bündnisse aktiv, und zwar in der Stadt Gießen und in der Gemeinde Wettenberg. Im Bundesland Rheinland-Pfalz, dessen Ministerpräsident Kurt Beck sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hat, den Kindergartenbeitrag stufenweise abzuschaffen, betreut die Servicestelle  „Viva Familia" zahlreiche lokale Bündnisse.

Reaktionen in Wissenschaft und Forschung

Kritisch bewertet Klaus Hurrelmann, Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften in Bielefeld und langjähriger Leiter des WHO-Kooperationszentrum “Health Behavior in School Children“ (HBSC), das Bündnis für Erziehung und mahnt, dass die großen christlichen Kirchen als Partner nur Teile des demokratischen Wertespektrums vertreten.

Zwei Gutachter des Bündnisses für Erziehung, die Religionspädagogen der Universität Tübingen sind, nämlich Professor Albert Biesinger für die katholische und Professor Friedrich Schweitzer für die evangelische Kirche, fordern gemeinsam, der wertebezogenen und religiösen Erziehung einen höheren Stellenwert einzuräumen und traditionelle Rituale wie z.B. das Abendgebet beim Zubettbringen der Kinder, wiederzubeleben.

Das Institut Arbeit und Technik befragte in einer repräsentativen Telefonumfrage 1. 232 Mütter in Nordrhein-Westfalen nach ihren Vorstellungen zur Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Kinderbetreuung. In den Familien besteht Nachfrage nach flexiblen Betreuungskonzepten, z.B. „Spätgruppen“ in Kindergärten sowie nach privaten Einrichtungen, die eine stundenweise Betreuung übernehmen können. Ein internationales Expertentreffen mit grenzüberschreitendem Erfahrungsaustausch diente dazu, im Rahmen einer "Best-Pratice"- Initiative gute Beispiele für familienfreundliche Kinderbetreuung in anderen Ländern zu identifizieren und nach Möglichkeit auf deutsche Einrichtungen übertragbar zu machen. Konkret sollen im Rahmen der europäischen Entwicklungspartnerschaft „ABC Arbeit-Betreuung-Chancengleichheit" flexible Modelle der Kinderbetreuung entwickelt, Qualifizierungen im Bereich von Tagespflegepersonen verglichen und vernetzte Betreuungsangebote geschaffen werden.

Das 1963 gegründete Deutsche Jugendinstitut als sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut im Bereich Kinder, Jugendliche, Frauen und Familien, hat die wissenschaftliche Begleitung der Initiative für Lokale Bündnisse für Familie übernommen. Das Jugendinstitut hält auch eine Datenbank vor, die bundesweit alle bekannten örtlichen Zusammenschlüsse dokumentiert und in einem Nutzertest als sehr bedarfsorientiert und praxistauglich evaluiert wurde.

Haim Omer, Professor für Psychologie an der Universität Tel Aviv, dessen beide Elternteile Überlebende des Holokausts waren, hält an der Ersten Koblenzer Elternuniversität ein Referat zum Thema "Elterliche Präsenz und gewaltloser Widerstand im Umgang mit Kindern mit aggressiven oder selbst-destruktiven Verhaltensmustern". Omers Konzept basiert auf der Vermittlung von persönlicher Zugänglichkeit und Nähe, als Verhaltensmuster der Eltern steht gewaltloser Widerstand im Vordergrund, der sich aufschaukelnde Eskalationen konsequent vermeidet.

 

 

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