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Gewalt in der Schule - Bestandsaufnahme im Jahr 2006 |
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Formen der Gewalt im schulischen Alltag
Das Beziehungsgeflecht in der Schule ist komplex und verändert sich im Laufe der Zeit. Unterschiedliche Protagonisten treffen aufeinander und interagieren: Lehrer, Schulleiter, Mitschüler in der eigenen Klasse und Schüler aus anderen Klassen. In den folgenden Abschnitten wird der Versuch unternommen, jenes vielschichtige Beziehungsgeflecht ansatzweise zu entwirren und problematische Entwicklungen wie Mobbing, Bullying oder Happy Slapping aufzuzeigen und zu erläutern.
MobbingDer Begriff "Mobbing" stammt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich übersetzt anpöbeln, fertigmachen (mob = Pöbel, mobbish = pöbelhaft). Er wird definiert, als "eine Form von offener und/oder subtiler Gewalt gegen Personen über längere Zeit mit dem Ziel der sozialen Ausgrenzung." Das Phänomen lässt sich sowohl im Arbeitsleben erwachsener Menschen als auch in der Schule finden. Dort sind dann nicht die alltäglichen Schulkonflikte gemeint, sondern Handlungen negativer Art, die durch eine oder mehrere Personen gegen eine Mitschülerin oder einen Mitschüler gerichtet sind und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen. Viele verschiedene Arten von Mobbing machen dem jeweiligen Opfer zu schaffen. Während man in der Literatur weit mehr als 100 registrierte Mobbing-Handlungen findet, spricht Prof. Heinz Leymann, der als Pionier der Mobbingforschung gilt, von 45 Handlungen, die er anhand einer Umfrage zu Beginn der 80er Jahre typisierte. Der Begriff "Mobbing" ist nah mit dem Terminus "Bullying" verwandt und wird häufig im Austausch mit ihm verwendet. BullyingDer Begriff "Bullying" wird häufig als Synonym für Mobbing benutzt. Im englischsprachigen Raum dominiert der Terminus "Bullying", ohne inhaltlich vom Begriff "Mobbing" abgegrenzt zu sein. In der deutschsprachigen Forschung zeichnet sich jedoch jüngst ein Trend ab, den Begriff "Bullying" auf Mobbing unter Kindern und Jugendlichen in der Schule anzuwenden und zu reduzieren und damit von ähnlichen Vorkommnissen am Arbeitsplatz von Erwachsenen abzugrenzen. Dabei unterscheiden sich beide Arten der Gewalt in der spezifischen Subtilität ihrer Anwendung: Während Bullying von einer stärkeren Sichtbarkeit der Aggressionen zwischen Kindern bzw. Jugendlichen ausgeht, da dort auch körperliche Gewalt massive Drohungen angewendet werden, bezeichnet der Begriff "Mobbing" eine subtilere Form der Gewaltanwendung, wie sie sich häufiger unter Erwachsenen feststellen lässt. Gleichwohl sei darauf hingewiesen, dass beide Themenfelder fließende Grenzen besitzen und nicht selten in einander übergreifen.
CyberbullyingIn Zeiten rasanter Technologiefortschritte ändert sich mit dem Angebot an technischen Instrumenten nicht selten auch das menschliche Verhalten - Cyberbullying ist der Ausdruck für die Probleme, die der Technologiefortschritt mit sich bringt. Man spricht von Cyberbullying, wenn mithilfe neuester Kommunikationsformen wie Emails, Instant Messaging, Chatrooms und SMS Mitschüler verleumdet, bedroht und belästigt werden. Obwohl sich Cyberbullying durch die rein verbale Gewaltanwendung von den anderen, bereits angesprochenen Gewaltformen unterscheidet, sollten die Tragweite der Aggressivität und das Potenzial zu verletzen nicht unterschätzt und wirksame Gegenmaßnahmen gesucht werden. An deutschen Schulen wird nach einer
Auswertung von fünf verschiedenen empirischen Studien mittels Fragebogen
mindestens jedes zehnte Kind Opfer von Mobbingattacken. Gleichzeitig wird jedes
zehnte Kind aktiv,
An Gymnasien wird deutlich weniger gemobbt als an anderen Schulen. Der Täter ist meist männlich (ohne verschweigen zu wollen, dass auch Mädchen bisweilen nicht vor physischer Gewaltanwendung zurückschrecken) und findet sich statistisch in den Klassenstufen 6 bis 10. Doch nur zur Hälfte gehört er auch der Klasse seines Opfers an; die Gewalt wird also bemerkenswert häufig über die Grenzen des Klassenverbandes hinaus betrieben. Dabei wird, entgegen dem angesprochenen terminologischen Trend in der Forschung, verbale und psychische Gewalt weit häufiger eingesetzt als körperliche Angriffe. Die betroffenen Schüler gaben zudem in der angesprochenen Auswertung der Umfrageergebnisse mehrheitlich an, dass Lehrer selten oder nur manchmal von ihnen registrierte Mobbingversuche anderer Schüler unterbanden.
Das Kernproblem der betroffenen Opfer ist die größtenteils im Verborgenen liegende Gewalt, die selten von Außenstehenden wahrgenommen wird. So liegt ihr Wirkungsfeld zum einen mehrheitlich im verbalen und psychischen Bereich, der ohnehin selten offen zu legen ist. Zum anderen können solch subtile Attacken, selbst wenn sie von Zuhörern oder Zuschauern registriert werden, mitunter nicht als feindselige Attacken identifiziert werden. Nur das Opfer spürt in solchen Momenten die Verletzung und nur der oder die Täter wissen um die Angreifbarkeit ihres unterlegenen Gegenüber. Interessanterweise sind Mobbing und Bullying häufig Gruppenphänomene, die zwar nur wenige aktive Täter kennen, dafür aber viele schweigende, ja oftmals die gezielte Gewalt tolerierende Mitwisser aufweisen. Dr. Mechthild Schäfer und Stefan Korn vom Institut für Pädagogische Psychologie und Empirische Pädagogik der LMU konnten in einer Studie nachweisen, dass 9 von 10 Schülern eine distinkte Rolle im Bullying-Prozess einnehmen - entweder auf Täter- oder Opferseite. Die eigene soziale Akzeptanz spielt bei der selbst gewählten Einordnung eine entscheidende Rolle: Aus Angst, das nächste Opfer zu werden, schlagen sich Schüler mit fragilem sozialem Status in der Klassenhierarchie bevorzugt auf die Seite des Täters. Bemerkenswert auch der soziale Status von Opfer und Täter: Beide sind in der Klasse unbeliebt, doch der größere Einfluss liegt eindeutig beim Täter. Daher legen die wirksamsten Interventionsstrategien Wert auf die Schwächung der sozialen Position des Täters.
Die Folgen für die Mobbingopfer sind oft gravierend: Die angeknackste Psyche zieht schnell auch den Körper in Mitleidenschaft, die allgemeine Konstitution verschlechtert sich, der gequälte Mensch wird krank. Zunächst auftretenden Konzentrations- und Gedächtnisstörungen folgen häufig Identitäts- und Selbstwertkrisen, neurotische Störungen, Erschöpfungs- und Versagenszustände. Der Betroffene leidet an Versagensängsten und Depressionen - nicht selten verwandelt sich die allgemeine Verzweiflung in Wut, die sich gegen die eigene Person richten und in Extremfällen im Selbstmord enden kann. Die Berichte von Mobbingopfern in der Schule sind erschreckende Zeugnisse von subtiler oder offener Grausamkeit. Mobbing gegen LehrerStanden bislang nur Schüler als mögliche Opfer von Aggressionen ihrer Altersgenossen im Blickpunkt, soll der Kreis der Beteiligten an dieser Stelle geöffnet werden, um auch anderen Aspekten von Gewalt in Schulen, die sich in dem eingangs angesprochenen komplexen Sozialsystem einer Lehranstalt wieder finden lassen, Raum zu geben. So können auch Lehrer Opfer von Gewalt an Schulen werden. Zum einen besteht, wie an jedem Arbeitsplatz, auch im buchstäblichen Lehrerzimmer die Gefahr, von Kollegen oder Kolleginnen durch gezielte Ausgrenzung und Aggression Opfer von Mobbingattacken zu werden. Die Hierarchie des Lehrkörpers, mit dem Direktor an der Spitze und die geringen Aufstiegsmöglichkeiten begünstigen mitunter das Gefühl von Perspektivlosigkeit. Zudem ist der Lehrberuf grundsätzlich eine Tätigkeit, die durch den Status des "Einzelarbeiters" vor einer Klasse ein Gefühl von Einsamkeit und schnell auch Isolation vermitteln kann. Der Erfolg der eigenen Profession ist nur schwer messbar und trotz aller Anstrengungen sind die eigenen Urteile über Schülerleistungen nicht frei von Subjektivität. Dies verursacht nicht selten Unzufriedenheit und Ablehnung, die in Abneigung und Hass umschlagen können.
Gewalt kann im diffizilen Lehrer-Schüler-Verhältnis jedoch auch in die andere Richtung transportiert werden, wenn der Lehrer seine Machtposition gegenüber dem untergebenen Schüler ausnutzt. Lehrergewalt gegen SchülerDie Unterrichtsstruktur im Klassenzimmer, mit dem Lehrer als Dozent im Mittelpunkt und in herausgehobener Stellung, ist unter gewissen Umständen anfällig für Mobbing. Erschwerend kommt die doppelte Ebene hinzu, auf der die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler fußt. Einerseits spielt sich die Wissensvermittlung auf einem sachlichen, neutralen Level ab, andererseits benötigt der im Lehrerberuf implizierte Erziehungsauftrag Vertrauen auf der persönlichen Ebene. Ein Widerspruch, der Spannkraft birgt. Als brisant erweist sich schließlich die Bewertungshoheit des Lehrers, die aufgrund ihrer fehlenden Objektivität als potentieller Faktor für Probleme und Missbrauch identifiziert werden kann. An die wenigsten Klausuren lassen sich ähnlich klare und für Außenstehende nachvollziehbare objektive Bewertungsmaßstäbe anlegen, wie beispielsweise an Mathematikklausuren, die nach eindeutigen Ergebnissen fragen. Insbesondere die mündlichen Noten sind vom subjektiven Lehrereindruck geprägt und bergen somit nicht nur ein immenses Konfliktpotential, sondern auch ein kaum zu kontrollierendes Instrument zum Machtmissbrauch und potentiellem Mobbing gegen einzelne Schüler. Die Lehrperson hat durch ihre beschriebene exponierte Stellung viel Macht, die sie mitunter auch dazu missbrauchen kann, um den Mobbingprozess innerhalb der Klasse gegen einen einzelnen Schüler in Gang zu setzen oder gezielt zu steuern. In einem Urteil des Pfälzischen Oberlandesgericht Zweibrücken vom 06. Mai 1997 wurde einem Schüler, der seinen Lehrer aufgrund von Beleidigungen und Hänseleien verklagt hatte, Schadensersatz zugesprochen. Das Gericht begründete die Entscheidung wie folgt und manifestierte damit die besondere Fürsorgepflicht von Lehrern: "Die Fürsorge - und Obhutspflicht eines Lehrers gegenüber Schülern geht über die allgemeine Amtspflicht eines Beamten hinaus. Dadurch, daß die Schüler verpflichtet sind, die Schule zu besuchen, resultiert für Lehrer während der Schulzeit die Amtspflicht, die Schulkinder vor Schäden an Gesundheit und Vermögen wie auch vor Verletzung anderer grundrechtlich geschützter Güter zu schützen. Sie dürfen weder selbst grundrechtsverletzende Handlungen vornehmen noch solche dulden. Deshalb darf der Lehrer auch nicht dazu beitragen, daß das Persönlichkeitsrecht eines Schülers dadurch verletzt wird, daß gegen einen einzelnen Schüler gerichtete ehrverletzende Äußerungen verbreitet werden. Diese Amtspflicht dient dem Schutz der Grundrechte der Schüler, da sie sich während der Schulzeit in der Obhut der Schule befinden. Sie besteht also gerade den Schülern gegenüber."
Eigene Datenbankrecherchen - kostenlosSie können selbst interaktive Recherchen in folgenden Datenbanken durchführen: SOFIS enthält Beschreibungen von über 40.000 sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekten, die FIS Bildung Literaturdatenbank ist mit über 550.000 Literaturnachweisen zu allen pädagogischen und bildungsrelevanten Themenfeldern der umfassendste Informationsdienst zu bildungsbezogener Literatur im deutschsprachigen Raum. Alle Datenbanken werden laufend aktualisiert. HILFE-Funktionen und Erläuterungen ermöglichen auch dem Anfänger eine erfolgreiche Suche. Die WWW-Version von SOFIS wird zweimal monatlich aktualisiert. | ||
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