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"Einige Leute halten Fußball für einen Kampf auf Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es weit ernster ist." Keine Frage, dieses von Bill Shankley überlieferte Zitat konstruiert einen übertriebenen Zusammenhang zwischen Sport und der menschlichen Existenz und verschreckt darüber hinaus durch seine martialische Konnotation. Dennoch zeigt es gleichzeitig auf entwaffnende Weise, dass für viele Menschen die Bedeutung des Fußballs und ihre Begeisterung für den Sport nicht mit dem Spielabpfiff oder dem Verlassen des Stadions endet. Auch in Deutschland erglühte die Weltmeisterschaft im Sommer 2006 so hell am Horizont, dass sie die Themenlandschaft in den Medien komplett überstrahlte und Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft, zumindest für kurze Zeit, völlig dominierte.

Was hatte man sich im Vorfeld von der WM im eigenen Land nicht alles erhofft: wirtschaftlicher Aufschwung, eine patriotische Begeisterungswelle in Deutschland, Anerkennung im Ausland und nicht zuletzt sehnsüchtig erwarteter sportlicher Erfolg. Während die Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft erst in ein paar Monaten abzulesen sein werden, können die anderen Hoffnungen im Nachhinein ausnahmslos als erfüllt gelten. Das Team von Bundestrainer Jürgen Klinsmann überzeugte Fans, Kritiker und gegnerische Spieler mit eine faszinierender Mischung aus solider Abwehrarbeit und temporeichem Offensivfußball, der in dieser Form einzig vom Gastgeberteam erfolgreich vorgetragen wurde. Die deutsche Elf wusste den Heimvorteil, der schon in den WM-Turnieren seit 1930 bislang eine entscheidende Rolle gespielt hatte, für ihren eigenen Erfolg zu nutzen. Nach einer unglücklichen Halbfinalniederlage in der vorletzten Minuter der Verlängerung gegen den späteren Titelträger Italien stand am Ende ein zuvor nie erwarteter dritter Platz zu Buche. Die Begeisterung für den mitreißenden Spielstil der deutschen Mannschaft übertrug sich spätestens seit dem Last-Minute-Sieg im zweiten Gruppenspiel gegen Polen wie ein Lauffeuer auf die Zuschauer und die ganze Bevölkerung in Deutschland. Eine Welle der Euphorie erfasste die Menschen, die mit Autokorso, Public Viewing und gemeinsamen Festen ihrer Freude Ausdruck verliehen. Überraschend fiel dabei der unverkrampfte Umgang der Deutschen mit ihren Nationalsymbolen auf: Ohne falsche Scham und fehlgeleiteten Chauvinismus wurden deutsche Flaggen gehisst, die Nationalhymne gesungen und ein fröhlicher und auch im Ausland anerkannter Patriotismus gelebt. Ob dieses Gefühl der Lockerheit im Umgang mit dem eigenen Land auch die Zeit nach dem Fußballfest überdauern wird, zeigt die Zukunft. Doch für vier Wochen erlebten die Deutschen hautnah die Bedeutung des Sports als Faktor der nationalen Identität. Das Ausland hat den neuen, fröhlichen und alles andere als arroganten Patriotismus in Deutschland wohlwollend aufgenommen. Gleichzeitig fühlten sich sowohl Fans, als auch Spieler und Delegationen aus den 31 teilnehmenden Staaten gastfreundlich in Deutschland empfangen und gut aufgehoben. Die Chance, kursierende Stereotypen eines biederen, kühlen und wenig gastfreundlichen Volkes zu widerlegen, wurde von der deutschen Bevölkerung eindrucksvoll genutzt. Damit war die WM ein Erfolg auf der ganzen Linie - nicht nur für den sportlichen Sieger Italien.