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In der Saison 2005/06 besuchten ca. 12,5 Millionen Menschen die Stadien der deutschen Fußball-Bundesligisten. Damit stieg der Zuschauerdurchschnitt seit 2000/2001 zum fünften Mal in Folge auf die Rekordmarke von 40.775 Besuchern pro Spiel an. Doch mit dem Fußballboom der vergangenen Weltmeisterschaft im eigenen Land im Rücken wird dieser Rekord nicht lange Bestand haben.

 

Der Fußball in Deutschland begeistert wie noch nie. Längst ist seine Anziehungskraft nicht mehr auf die treue Anhängerschaft eines spezifischen Fußballvereines limitiert, sondern hat die breite gesellschaftliche Masse mit all ihren Schichten erfasst. Die Faszination, die der moderne Fußball ausstrahlt, ist reich an vielschichtigen Facetten. Während der echte Fan an der Seite seines Vereins die guten und die schlechten Zeiten im schnelllebigen Leistungssport durchlebt und durchleidet, erfreut sich der neutrale Beobachter an schönen Toren und fachsimpelt über Mannschaftsaufstellung, Spieltaktik oder Abseitsstellung. Auch Wirtschaft, Medien und Politik haben den Fußball für sich entdeckt. Vereine der Fußballbundesliga haben sich als wichtige Wirtschaftsfaktoren für ganze Regionen in Deutschland etabliert, sie beeinflussen oftmals durch Auf- oder Abstieg die regionale Arbeitslosenstatistik und die örtliche Wirtschaftskraft. Fernsehsender bauen ihre Existenz auf Fußballübertragungsrechten auf, und die Wahl einer Frau zur bundesdeutschen Kanzlerin wird, wenn auch augenzwinkernd, nach dem Kriterium ihres Fußballfachverstandes beurteilt und bewertet.

Trotz dieser gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Komponenten, die inzwischen unabdingbar mit dem modernen Fußball verbunden sind, handelt es sich letztlich „nur“ um ein einfaches sportliches Spiel. Die Geschichte dieses Spiels beginnt im China der Han-Dynastie im 3. Jahrhundert v. Chr. Nachdem es, geprägt durch spezifisches Lokalkolorit, in unterschiedlichen und reichhaltigen Ausprägungen die Jahrhunderte überlebt hatte, wurde 1863 auf der britischen Insel mit der Football Association (FA) der erste Fußballverband gegründet und die Regeln des Fußballspiels schriftlich fixiert. Hält man sich jedoch vor Augen, dass zu jener Zeit eine Mannschaft aus 15 - 20 Spielern bestand, weder Eckball noch Freistoß existierten und der Ball mit der Hand geführt werden durfte, so wird deutlich, dass sich die Regeln und damit auch das Spiel seitdem erheblich verändert haben.

Selbst der moderne Fußball unterliegt einer stetigen Veränderung. Die zugrunde liegenden Regeln wurden in den vergangenen Jahren immer wieder modifiziert, und ein Ende jenes Prozesses ist nicht in Sicht. So konnten sich Neuerungen wie die Einführung der gelb-roten „Ampelkarte“ oder das Verbot des Rückpasses zum Torwart durchsetzen und stießen auf positive Resonanz bei Spielern und Fans. Andere Regeländerungen hingegen ernteten massive Kritik und landeten, wie jüngst die Einführung des Golden Goals, rasch wieder auf dem Müllhaufen der Geschichte.

Das Grundspiel erfuhr im Laufe der Jahre viele Erweiterungen, neue Varianten wurden kreiert und verfeinert. In Deutschland erfreut sich der Hallenfußball, vor allem in der Winterpause der Bundesliga, großer Beliebtheit, da er durch ein kleineres Spielfeld und bespielbare Banden temporeich ist und den Zuschauern spektakuläre Unterhaltung bietet. Eine andere Version des Spiels in der Halle trägt die Bezeichnung „Futsal“ und entstand in Südamerika. Während sie sich in Süd- und Osteuropa schnell etablieren konnte und inzwischen auf Profi-Niveau ausgeübt wird, gelang es ihr bislang nicht, auch in Deutschland Breitenwirkung zu erzielen.

 

 

 

Ganz anders der Frauenfußball: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen erntet sowohl bei Fachleuten als auch Zuschauern höchste Wertschätzung. Als amtierender Welt- und Europameister waren die Frauen in den letzten Jahren ungleich erfolgreicher als ihre männlichen Kollegen und konnten sich damit schnell in den Fokus der Öffentlichkeit spielen. Gleichwohl blickt der Frauenfußball in Deutschland in seiner Entwicklung auf eine schwierige, von Skepsis, Vorurteilen und Ignoranz geprägte Anfangsphase zurück. Noch 1954, unmittelbar nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft durch die männliche Nationalelf, untersagte der DFB die Bildung von Frauenteams. Erst 1970 stimmte er einem ordentlichen Spielbetrieb zu, ließ es sich aber nicht nehmen, die Fußballerinnen durch Vorschriften und Regelabweichungen zu bevormunden. So wurde die Spielzeit um 20 Minuten beschnitten und eine halbjährige Winterpause verordnet. Doch der Vormarsch des Frauenfußballs ließ sich nicht aufhalten. 1991 feierte die Frauen-Fußballbundesliga ihr Debüt und seit der Einführung des europäischen Teamwettbewerbs UEFA Women's Cup im Jahr 2001 feiern die deutschen Vereine auch auf internationaler Ebene große Erfolge. Dennoch haben die Vereine mit einer sehr niedrigen Zuschauerresonanz zu kämpfen, wie ein Blick auf den Durchschnitt von 503 Besuchern pro Spiel in der Saison 2004/2005 in aller Deutlichkeit zeigt. 

 

 

Modifikationen im Regelwerk, die Einführung fortschrittlicher Trainingsmethoden und progressiver Spielsysteme veränderten im Laufe der Zeit zwangsläufig das Geschehen auf dem Fußballplatz. Die Allianz von Fußball und Wissenschaft, die sich fortlaufend enger verzahnt, sorgt für eine Optimierung der Spielabläufe, eine stärker athletisch geprägte Ausbildung der Sportler und ein allgemein temporeicheres Spiel. Die grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Spielphilosophien, zwischen Offensive und Defensive, Risiko und Sicherheit hat jedoch weiterhin Bestand. Denn das finale Erfolgsrezept ist, zum Wohle des Spiels, noch unentdeckt. Immer wieder zeigt sich, dass Fußball nicht nur ein Spiel ist, bei dem sich Zufall mit Glück paart, sondern zudem 22 Akteure, ungeachtet der taktischen Ausrichtung, individuelle Entscheidungen treffen. Die dadurch bedingte Unberechenbarkeit von Spielverlauf und Ergebnis, also die ureigene Essenz des Spiels, konnte zuletzt bei der Europameisterschaft 2004 gut beobachtet werden.

 

Obwohl das Spielsystem mit Libero längst als anachronistisch verschrien war, ließ Otto Rehagel als Nationaltrainer Griechenlands seine Elf in eben jener Aufstellung auf den Platz laufen. Während der Rest der Mannschaften auf Raumdeckung und Viererkette setzten, so wie es die moderne Philosophie des Tempofußballs vorsieht, gewannen die Griechen Spiel um Spiel und krönten ihre Sensationsleistung mit dem Titel.

So zeigt sich immer wieder, dass der Fußball, obgleich in viele verschiedene Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eingedrungen und ein überaus komplexes Netzwerk aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft tragend, mitunter auf einfachste Wahrheiten reduziert werden kann. Daher werden Sätze eines Sepp Herbergers - „Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten.“  – nicht nur fortwährend zitiert, sondern besitzen in ihrer entwaffnenden Einfachheit unschätzbare Weisheit.

 

 

 

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