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Fußballweltmeisterschaft 2006 - Sozialwissenschaftliche Aspekte |
Deutschland 2006 |
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Aggression und Gewalt
Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen FangruppenAusschreitungen in Zusammenhang mit Fußballspielen sind seit Jahrzehnten furchtbare Begleiterscheinung einer Sportart, die sich selbst als schönste Nebensache der Welt rühmt. Die als "Hooligans" bezeichneten gewaltbereiten Randalierer gehören seit Jahren zum Alltag des Fußballgeschäfts und galten auch im Vorfeld der WM 2006 als drohender Störfaktor für das fröhliche Fest der Nationen. In Deutschland konnte in den vergangenen Jahren durch omnipräsente Videoüberwachung in den Stadien und progressive Präventionsstrategien der Polizei die Gewalt rund um den Sport eingedämmt werden - doch eine umfassende Problemlösung ist noch längst nicht in Sicht. So weichen gewaltbereite Gruppen immer häufiger in untere Spielklassen aus, um der polizeilichen Überwachung zu entgehen. Das Problem der physischen
Gewalt im Fußball trat vor vier Jahrzehnten mit erschreckender Deutlichkeit zu Tage,
als es
in der Türkei im September 1967 nach einer umstrittenen
Schiedsrichterentscheidung 44 Tote und 600 Verletzte gab. Mit der
Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion
beim Europapokal-Endspiel FC Liverpool gegen Juventus Turin am
29. Mai
1985 rückt die Gewalt in Fußballstadien schlagartig in den Fokus der
Öffentlichkeit. Stark alkoholisierte Anhänger des englischen Fußballclubs
Liverpool hatten italienische Fans provoziert und angegriffen. In
Anwesenheit der völlig überforderten belgischen Sicherheitskräfte entsteht
plötzlich eine Massenpanik unter den Zuschauern, auf der Flucht befindliche
Menschen
Die darauf folgende Separierung von gegnerischen Fußballanhänger in getrennte, vergitterte Blöcke hatte zur Folge, dass einige Jahre später, 1989, im Hillsborough-Stadion zu Sheffield bei einer Massenpanik 96 Liverpool-Fans zu Tode gequetscht wurden. Bei der Fußballweltmeisterschaft 1998 in Frankreich lieferten sich deutsche Hooligans nach dem Vorrundenspiel Deutschland – Jugoslawien Straßenschlachten mit der französischen Polizei, bei denen der Polizist Daniel Nivel lebensbedrohliche Verletzungen davon trug. Er lag sechs Wochen im Koma und ist heute schwer behindert. Mit Hilfe von Videoaufnahmen konnten die Täter überführt und verurteilt werden. In Scelje kam es 2005 beim Länderspiel Deutschland-Slowenien zu schweren Ausschreitungen, 45 Deutsche wurden vorübergehend festgenommen. Dieser kurze und in seiner realen Tragweite erschreckende Auszug aus einer langen Liste an Tragödien, die sich im Fußballstadion selbst oder im Einflussbereich von Fußball-Veranstaltungen abspielten, zeigt die hässliche und traurige Seite des Sports. Das unsägliche Zusammenspiel aus Medienhetze, Fanatismus der Zuschauer und Unfairness im Spiel führt manchmal gar zu einer Kettenreaktion wie beim entscheidenden WM-Qualifikationsspiel zwischen der Türkei und der Schweiz im Herbst 2005. Nachdem die Eidgenossen das Hinspiel in der Schweiz mit 2:0 für sich entschieden hatten, mussten sie zum Rückspiel, das über die Weltmeisterschaftsteilnahme entschied, in Istanbul antreten. Im Vorfeld wurde von der türkischen Presse eine unvergleichliche Hetzkampagne gegen die Schweizer Nationalspieler entfacht, um die eigenen Fans aufzuwiegeln. Nach der Ankunft am Flughafen schlug der Schweizer Auswahl grenzenloser Hass entgegen - Eier und Steine flogen gegen den Bus, Plakate begrüßten die Spieler "in der Hölle". Trotz der anschließenden Niederlage konnten sie sich für die WM qualifizieren, doch angesichts der Ereignisse unmittelbar nach Spielende geriet diese Tatsache zur Marginalie. Mit dem Schlusspfiff flogen Gegenstände aufs Spielfeld, die Spieler flohen vom Platz, im Kabinengang kam es zu Prügeleien zwischen Spielern, Ordnern und Betreuern. Die FIFA bestrafte die durch Zeugenberichte und Fernsehbilder ausgemachten Täter beider Mannschaften hart und erlegte dem türkischen Verband eine Heimspielsperre von sechs Pflichtspielen auf. Die Reaktionen der türkischen Presse auf das Urteil der FIFA ließen ein Schuldeingeständnis jedoch nicht erkennen. Die überbordende Unsportlichkeit lässt sich mit dem Druck auf Spieler und Verbände, wenn auch nicht rechtfertigen, so doch zumindest in Ansätzen erklären - die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft ist prestigeträchtig und ermöglicht nicht zu unterschätzende wirtschaftliche Gewinne. Dennoch zeigt eine Studie des Gewaltforschers Gunther A. Pilz, dass Unfairness und so genannte taktische Fouls auf dem Fußballplatz vermehrt Anerkennung bei Spielern und Trainern erhalten. Wolf-Dietrich Miethling vom Institut für Sport und Sportwissenschaft an der Universität Kiel sieht die Doppelmoral von "Fair-Foul-Play" als Bedingungsfaktor für gewaltförmige Aggressionen im Sport. Berühmt-berüchtigt ist die legendäre Äußerung des jugoslawischen Spielers Vlado Saric, der als Abwehr-Spieler bei Rot-Weiß Essen zuerst in der Regionalliga West, dann ab 1967 in der Bundesliga spielte: "Ich fair foul gespielt. Ich nicht getreten." Der französische Soziologe Jean Baudrillard kritisiert vor allem die sensationslüsterne Medienberichterstattung, die er als einen Katalysator für Gewalteruptionen am Rande von Fußballspielen identifiziert.
Staatliche Gegenmaßnahmen
Die Ständige Konferenz der Innenminister
und -senatoren der Länder beschloss 1991 die Einrichtung einer zentralen
Stelle, der
"Zentralen
Informationsstelle Sporteinsätze", um die Daten von
Fußball-Gewalttätern bundesweit zu erfassen und zu speichern. Damit
wurden die bereits länderspezifischen Landesinformationsstellen
Sporteinsätze (LS) zentralisiert und vereinheitlicht. Die Zentralstelle
ist beim Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen angesiedelt und führt in
der so genannten Kartei Die unter Beobachtung stehenden Zuschauer werden in drei Kategorien eingeteilt und nach friedlichem Fan (Kategorie A), gewaltbereitem (Kategorie B) bzw. zur Gewalt entschlossenem Fan (Kategorie C) unterschieden. Die Zahl der Anhänger aus den ersten beiden Kategorien summierte sich in der Saison 2003/2004 in beiden Profiligen auf insgesamt 6.480 Personen. Zwar sank die Zahl im Vergleich zum Vorjahr, doch eine Aussage über den generellen Rückgang der Gewalt bei Fußballspielen lässt sich nicht treffen. Denn gewaltbereite Störenfriede finden sich nicht zwangsläufig im Einzugsbereich eines jeden Fußballklubs, sondern sind eng mit spezifischen Vereinen verbunden. So führte der Abstieg der Vereine Eintracht Braunschweig, FC St. Pauli und Waldhof Mannheim in der Saison 2003/04 zu einem Rückgang der Zahlen. Die Heterogenität der Tätergruppe erweist sich bei der Eindämmung des Hooliganismus als problematisch. Während deutsche Studien belegen, dass sich die gewaltbereiten Anhänger aus gut ausgebildeten und sozial gesicherten Schichten rekrutieren, verweisen Erhebungen in Italien darauf, dass die Täter meist aus sozial benachteiligten und von Arbeitslosigkeit betroffenen Schichten hervorgehen. Die internationale Zusammenarbeit der Polizei bei der Bekämpfung und Vorbeugung der Gewalt wird durch die Uneinheitlichkeit der Hooligangruppen nicht erleichtert. Im Vorfeld der Fußball-WM im eigenen Land startete das Bundesministerium des Inneren eine Kampagne für Weltoffenheit und Toleranz, um sich als Land und Gesellschaft gemäß dem Slogan "Zu Gast bei Freunden" angemessen präsentieren zu können. Zudem entstand das "Nationale Sicherheitskonzept WM 2006", das in erster Linie präventive Maßnahmen enthielt, die sich nicht nur gegen Hooligans und gewaltbereite Fans richteten, sondern gleichzeitig potentiell auftretende, von allgemeiner und organisierter Kriminalität als auch von Terrorismus ausgehende Gefahren frühzeitig einzudämmen versuchte. In Zusammenarbeit mit anderen Ländern war die Bundesregierung darum bemüht, größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten. So fanden in der Vorbereitungszeit der Weltmeisterschaft zehn internationale Sicherheitskonferenzen statt, die am 30./31. März 2006 mit der Abschlusskonferenz endeten.
GewaltpräventionsmaßnahmenIn Deutschland blicken gewaltpräventive Fan-Projekte auf eine lange Geschichte zurück. Dabei kommt der Fan-Arbeit im Umfeld des SV Werder Bremen eine Pionierrolle zu. Sie wurde 1981/1982 als sozialpädagogisches Fan - Projekt - Bremen e.V. ins Leben gerufen und fand bald in Städten mit größeren jugendlichen Fanszenen wie Frankfurt a.M., Köln, Dortmund oder Berlin Nachahmer. In jener Zeit setzte sich die Erkenntnis durch, dass repressive Maßnahmen höchstens die Symptome der Gewaltbereitschaft von Fußballfans bekämpfen können, aber die Ursachen für den unsozialen Habitus unberührt bleiben. Aus diesem Grund wurde mit breiter Unterstützung der Politik, die durch vermehrte gewalttätige Fernsehbilder aufgeschreckt worden war, das "Nationale Konzept Sport und Sicherheit" verabschiedet und somit die pädagogische Arbeit mit Fußballfans ausgeweitet und professionalisiert. Inzwischen gibt es etwa 31 aktive Fan-Projekte, die sich von Aue bis Zwickau über ganz Deutschland verbreiten.
In der Wissenschaft wird schon seit
längerem nach Ursachen, Auslösern und Gegenmaßnahmen für Gewalt im
Dunstkreis von Fußballspielen geforscht. So untersucht Almut Sülzle im Rahmen eines Promotionskollegs an der
Philipps-Universität Marburg unter
In einem vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft geförderten Projekt untersucht das Institut für Sportwissenschaft der Universität Hannover die Wandlungen des Zuschauerverhaltens. Neben einer eingehenden Beleuchtung der Ultraszenen in Deutschland werden auch Polizei und Sozialarbeit im europäischen Kontext von Fanbetreuung und der Einfluss von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit auf das Zuschauerverhalten untersucht. Ein Computerspiel der Bundeszentrale für politische Bildung soll insbesondere Jugendliche im Umgang mit Konfliktsituationen und friedlichen Lösungsstrategien schulen. Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Bielefeld, rief ein Projekt zur Untersuchung von Integration und Assimilation im Fußballsport ins Leben. Seit mehr als 20 Jahren gibt es so genannte 'Fanprojekte', die gewaltpräventiv arbeiten. Vor allem solche Projekte, die mit ihrer Interventionsarbeit eine gewisse "Nestwärme" zu erzeugen vermögen, können Erfolg vermelden. Auch das Institut für Sportwissenschaft an der Universität Potsdam, Humanwissenschaftliche Fakultät, entwickelte im Arbeitsbereich Sportsoziologie und Sportanthropologie mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das erlebnispädagogische Projekt "Straßenfußball für Toleranz", mit dessen Hilfe soziale Kompetenzen und Regelbewusstsein entwickelt werden sollen. Davon erhofft man sich eine soziale Integration in die Sportgruppe und in sportbezogene soziale Netzwerke sowie eine Steigerung der Konfliktfähigkeit und ein Einüben von gewaltfreiem Verhalten bei Jugendlichen. Gunther A. Pilz ist in Hannover seit 1985 Mitbegründer und wissenschaftlicher Begleiter eines Fußball-Fan-Projektes bei Hannover 96. Unter seiner Leitung wird der Mitternachtssport in sozialen Brennpunkten entwickelt, als ein körper- und bewegungsbezogenes Konzept der präventiven Jugendarbeit. Viele seiner Projekte beschäftigen sich mit soziologischen und psychologischen Aspekten der gewaltbereiten Hooliganszene im Fußball-Umfeld. Er sieht die Arbeit gegen die sinnlose Gewalt auf einem guten Weg und bescheinigt ihr gute Ansätze und Erfolge, erreichen doch die Ausschreitungen seiner Meinung nach nicht mehr die Ausmaße früherer Jahre. Dennoch gibt er zu bedenken, dass die Gewalttäter nach neuesten Untersuchungen immer jünger und die gewaltsamen Handlungen enthemmter und rücksichtsloser werden.
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Eigene Datenbankrecherchen - kostenlosSie können selbst interaktive Recherchen in folgenden Datenbanken durchführen: SOFIS enthält Beschreibungen von über 40.000 sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekten, die BISp-Datenbanken SPOLIT (Sportwissenschaftliche Literatur) über 150.000 Publikationsnachweise, SPOFOR über 5.000 Beschreibungen sportwissenschaftlicher Forschungsprojekte und SPOMEDIA mehr als 1.500 überwiegend deutschsprachige audio-visuelle Medien im Leistungssport. Alle Datenbanken werden laufend aktualisiert. HILFE-Funktionen und Erläuterungen ermöglichen auch dem Anfänger eine erfolgreiche Suche. Die WWW-Version von SOFIS wird zweimal monatlich aktualisiert.
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