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Newsletter - Sozialwissenschaften in Osteuropa 1996-Sonderheft

Deutsche Osteuropa-
Forschung: Beiträge


Der Umbruch in Osteuropa -
Herausforderung für die Soziologie? Zu den Möglichkeiten und Grenzen einer Soziologie Ost- und Ostmitteleuropas

1. Einführung

Die Sektionsveranstaltung auf dem 28. Kongreß der DGS in Dresden ist die 10. eigene Tagung der Sektion "Ost- und Ostmitteleuropa-Soziologie" seit ihrer Gründung als ad-hoc-Gruppe auf dem Soziologentag in Frankfurt a.M. 1990. Dies ist ein willkommener Anlaß, um den Stand und die Perspektiven einer Soziologie Osteuropas zu bilanzieren. Die Zusammenbrüche in Osteuropa können zu Recht als eine der großen Herausforderungen dieses Jahrhunderts für die Sozialwissenschaften im allgemeinen und die Soziologie im besonderen, als Testfall für die Stärken und Schwächen ihrer Erklärungsansätze von Gesellschaft gelten. Hat die Soziologie diese Herausforderung tatsächlich angenommen?

Betrachtet man zunächst die Soziologie im Kontext der sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung als Ganzes, deren disziplinäre Grenzen auf Grund ihres interdisziplinären Anspruchs nicht immer deutlich auszumachen sind, so scheint die Antwort positiv auszufallen. Allein in den fünf Jahren von 1990 bis 1994 haben sich die Zahl der Institutionen, die sich mit Osteuropa befassen ebenso wie die Anzahl der auf diese Region bezogenen Forschungsprojekte verdreifacht, hat sich die Menge an Literatur zu diesem Thema verdoppelt. Etwa 2000-2500 Sozialwissenschaftler werden zur scientific community der deutschen Osteuropaforscher gerechnet. Was die Anzahl der Projekte betrifft, nehmen soziologisch orientierte Institutionen nach den wirtschaftswissenschaftlich und politikwissenschaftlich ausgerichteten Instituten den dritten Platz ein und bei den Inhalten rangieren soziologische Fragestellungen ebenfalls auf den vorderen Plätzen (BECKER 1996). Die Soziologie scheint also auf den ersten Blick ihrer Rolle als eine der Grunddisziplinen der Osteuropaforschung (ANWEILER 1980) gerecht zu werden. Betrachtet man allerdings die praktischen Aspekte konkreter genuin soziologischer Osteuropaforschung näher, so scheint inmitten der allgemeinen Expansion sozialwissenschaftlicher Osteuropaforschung manches für eine Vernachlässigung (STERBLING 1996) wenn nicht sogar Randstellung des soziologischen Blicks auf die osteuropäischen Umbruchsprozesse zu sprechen. So gibt es seit den fünfziger Jahren in der BRD gerade einen Lehrstuhl für die Soziologie Osteuropas, der nach dem Tod des Lehrstuhlinhabers seit anderthalb Jahren unbesetzt ist, während 26 zeitgeschichtliche, zwölf geographische, elf politikwissenschaftliche, zehn rechtswissenschaftliche, zehn erziehungswissenschaftliche und neun wirtschaftswissenschaftliche Professuren der Forschung und Lehre über Osteuropa gewidmet sind (JAHN 1995, 1996). Das setzt sich beim wissenschaftlichen Nachwuchs fort: in den interdisziplinären Graduiertenkollegs, die sich mit Osteuropa befassen, sind die Soziologen in den Minderheit und osteuropabezogene Lehrveranstaltungen werden an den Universitäten überwiegend von den Politik- und Geschichtswissenschaftlern angeboten.

Die Frage, ob die Soziologie die von den osteuropäischen Transformationsprozessen ausgehenden Herausforderungen angenommen hat, ist angesichts dieser widersprüchlichen Bilanzzahlen zu konkretisieren. Dazu ist es notwendig zu präzisieren, worin denn die Herausforderung an eine Soziologie Osteuropas überhaupt besteht und somit einen Reflexionsprozeß anzuregen, der nur dann fruchtbar sein kann, wenn er mehr als bisher von der Soziologie selbst ausgeht. Der Grundstein zur Neubelebung einer solchen Diskussion soll im folgenden anhand von drei Fragen gelegt werden, wobei viele der Überlegungen sicher auch für die Osteuropaforschung im allgemeinen gelten dürften:

1. Worin bestehen die spezifischen Schwierigkeiten einer Osteuropa-Soziologie?

2. Was kann eine Soziologie Osteuropas leisten und was nicht?

3. Welche Bausteine einer Soziologie Osteuropas wurden bereits zusammengetragen?

2. Worin bestehen die spezifischen Schwierigkeiten einer Osteuropa-Soziologie?

Soziologische Analysen über Osteuropa sind in stärkerem Maße als das bei anderen soziologischen Zweigdisziplinen der Fall ist, von außen kommenden Einflüssen (VON BEYME 1995) auf ihre Theorie-, Modell-, und Begriffsbildung ausgesetzt. Erstens wird eine solche soziologische Zweigdisziplin von den nationalen Traditionen und wiederauflebenden Kontroversen der umstrittenen soziologischen Kommunismusforschung, die von der Totalitarismustheorie über konvergenztheoretische Modelle bis zu den Ansätzen einer politischen Soziologie totalitärer Gesellschaften und bürokratischer Herrschaft reichen, mitgeprägt (AHLBERG 1980; GLAESSNER 1995). Zweitens sind die Konkurrenzsituation und die Abgrenzungsprobleme zu anderen Fächern relativ groß, da eine Soziologie Osteuropas wie auch Osteuropaforschung generell nur als interdisziplinäre Veranstaltung denkbar sind (KÖNIG 1993). Dabei erweist es sich als problematisch, daß eine explizite inhaltliche, geographische und zeitliche Gegenstandsbestimmung noch aussteht und sich schon die Suche nach dem richtigen, ideologiefreien Namen jenseits von "Ostsoziologie" und "Kommunismusforschung" für die neue Zweigdisziplin schwierig gestaltete. Drittens wird die Produktion soziologischer Theorien über Osteuropa durch den Zustandswechsel des Forschungsgegenstandes, die Vervielfältigung der "Fälle" infolge der Entstehung neuer Staaten und den Zuwachs der Themen infolge des Wiederauflebens längst tot geglaubter Konflikte sowie die neue Quellenlage beeinflußt. Obwohl eine erfreuliche Tendenz zu vergleichenden Analysen einer möglichst großen Zahl von Fällen besteht, hat die Osteuropa-Soziologie ihre Rußlandlastigkeit als Erbe der Osteuropaforschung noch nicht überwunden. Außerdem besteht die Ironie der sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung gerade darin, daß sich immer dann, wenn die community einem Minimalkonsens über ein erkenntnisträchtiges Forschungskonzept nahe war, gravierende Veränderungen in den osteuropäischen Gesellschaften ereigneten (RYTLEWSKI 1989). Viertens bewegt sich Osteuropa-Soziologie als Produkt des Ost-West-Konfliktes auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Spannungsverhältnis von politischer und wissenschaftlicher Funktion und ist trotz aller Ansprüche der Werturteilsfreiheit anfällig für nichtwissenschaftliche Einflüsse und normative Versuchungen (ANWEILER 1977; GLAESSNER 1995). Dem Aufklärungsbedarf über Osteuropa entspricht ein ebenso großer Erwartungsdruck, wenn die Zusammenbrüche schon nicht vorhergesagt wurden, nun wenigstens eine "Transformationstheorie" zu liefern. Gleichzeitig besteht ein enormer Rechtfertigungsdruck für die Notwendigkeit von Osteuropaforschung im allgemeinen und Osteuropa-Soziologie im besonderen, wobei in existentiellen Kämpfen um Fördermittel und institutionelle Zuordnungen kostbare Forschungszeit vergeudet wird.

Osteuropaforschung hat den Anspruch, über "area studies" hinauszugehen und reklamiert deshalb für sich ein an die jeweiligen Mutterdisziplinen geknüpftes Theorie- und Methodenbewußtsein. Gerade das Verhältnis zwischen ortskundiger Zweig- und theoriegeleiteter Mutterdisziplin, die sich vor 1989 nur wenig für Osteuropa interessierte, gestaltet sich aber in der Soziologie schwierig und hat bisher eher den Charakter einer distanzierten Koexistenz als eines konstruktiven Diskurses angenommen. Die Osteuropa-Soziologie nahm daher innerhalb der Soziologie lange Zeit eine Randstellung ein, weil einerseits die Osteuropa-Soziologen zu wenig in die theoretischen und methodischen Auseinandersetzungen der Mutterdisziplin eingegriffen haben (ANWEILER 1980) und andererseits die Mutterdisziplin zu verschlossen gegenüber anderen als den traditionellen mainstream-Ansätzen war. Eine Schwierigkeit der Osteuropa-Soziologie besteht darin, daß sie trotz vergangener schlechter Quellenlage stärker empirisch ausgerichtet ist, daher in höherem Maße dem Zwang zur Operationalisierung theoretischer Positionen unterliegt und ihr deshalb mit allzu universalistischen, großen Theorieentwürfen wenig gedient ist. Allerdings hat sie dabei in der Vergangenheit teilweise die Beziehung zur klassischen Tradition der Sozialtheorie verloren (BENCE/ LIPSET 1995). Zugleich macht sie sich unbeliebt durch die Auseinandersetzung mit den dominierenden westlichen Modellen, zum Beispiel von Demokratie und Marktwirtschaft, die sie für ihre Zwecke durch die Einbeziehung kultureller Besonderheiten modifizieren muß. Dabei blieb und bleibt ihr, will sie nicht nur "informierte Beschreibungen" (RYTLEWSKI 1989) osteuropäischer Gesellschaften liefern und sich so selbst zur Erbringerin wissenschaftlicher Dienstleistungen für die allgemeine Soziologie degradieren, das mühselige Unterfangen grundlegender Begriffsklärungen allein überlassen. Zudem muß sich Osteuropa-Soziologie als Teil der Osteuropaforschung nach wie vor gegen den Vorwurf der nicht geleisteten Prognose wehren, obwohl Prognosen dieser Art auf Grund der Seltenheit, Komplexität, Nichtlinearität und Interferenz gesellschaftlicher Umbrüche nicht Aufgabe der Soziologie sein können (MAYNTZ 1996). Dabei hatten die mit Osteuropa befaßten Soziologen sogar die gleiche Frage wie ihre mit westlichen Gesellschaften beschäftigten Kollegen gestellt, nur eben bezogen auf ihr spezifisches Forschungsfeld: wie funktionieren sozialistische Systeme? Eine solche Frage impliziert aber eine relative Konzentration auf stabilisierende Faktoren.

3. Was kann eine Soziologie Osteuropas leisten und was nicht?

Der Aufgabenbereich einer Soziologie Ost- und Ostmitteleuropas, wie sie in Ansätzen in der gleichnamigen Sektion der DGS bereits betrieben wird, läßt sich in einen theoretischen, einen methodischen und einen praktischen Teil untergliedern. Ihr theoretischer Beitrag ergibt sich aus dem Revisionsdruck (MÜLLER 1996) unter den der sozialwissenschaftliche Begriffsapparat seit Beginn der Transformationsprozesse in Osteuropa geraten ist und der damit verbundenen Frage, inwieweit die Besonderheiten sozialen Wandels noch unter den althergebrachten Oberbegriffen abgehandelt werden können (VON BEYME 1995). Er besteht darin zu zeigen, daß zur Erklärung der postsozialistischen Gesellschaftszustände nicht völlig neue Begriffssysteme erfunden werden müssen, sondern vorhandene Modelle durch ihre Anwendung auf neue Kontexte eine Bereicherung erfahren können. Der nach den Zusammenbrüchen in den Sozialwissenschaften oft beklagte Mangel an Theorie scheint lediglich ein Mangel an Offenheit der theoretischen Modelle für abrupten Wandel, instabile Gesellschaftszustände und die Eigenlogik nationaler Entwicklungen zu sein. Die bei einer Anwendung auf Osteuropa zutage tretenden Begrenzungen der eingeübten Konzepte, zum Beispiel die mangelnde historische Perspektive vieler Ansätze, werden zur erneuten Diskussion unbeachteter Widersprüchlichkeiten und zur Erweiterung der Modelle führen. Lange Zeit nur als Randprobleme der Soziologie vernachlässigte Themen wie die Problematik des Nationalen werden ob ihrer Virulenz in Osteuropa wieder an Bedeutsamkeit auch für die allgemeine Soziologie gewinnen. Von besonderer Bedeutung ist dabei eine Rezeption des "Blicks von innen", das heißt der Erklärungsansätze der osteuropäischen Soziologien für ihre eigenen Gesellschaften und der von ihnen bevorzugten allgemein-soziologischen Kategorien (BALLA 1990). Darüber hinaus könnte im Rahmen einer Osteuropa-Soziologie aus der Not des Erklärungsbedarfs heraus auf unkonventionelle Weise das möglich werden, was der Soziologie seit ihrer Entstehung nicht gelungen ist: eine wechselseitige Aufklärung konkurrierender Theorieangebote durch die Verknüpfung funktionalistischer, strukturalistischer, handlungs- und kulturtheoretischer Elemente (MERKEL 1995). Allerdings sollte dabei keine die Zukunft vorhersagende "Transformationstheorie" erwartet werden. Es scheint mittelfristig sinnvoller und realistischer, anstatt nach einem großen neuen Paradigma zu suchen, Bausteine zu einer Theorie mittlerer Reichweite zusammenzutragen und zu systematisieren, die dafür empirisch abgesichert ist und die Ableitung von realistischen Szenarien möglicher Entwicklungen erlaubt. Hauptaufgabe einer Osteuropa-Soziologie wäre im theoretischen Teil also weniger der Blick in die Vergangenheit oder die ferne Zukunft, sondern die begleitende Analyse der aktuellen Prozesse in Osteuropa und damit das Öffnen der Black Box, die Ausgangsbedingungen und Ergebnisse der Transformationsprozesse verbindet (MAYNTZ 1996), um von vornherein dem Vorurteil zu begegnen, die Soziologen kämen immer zu spät. Erst an zweiter Stelle auf der Tagesordnung stehen nachträgliche "historische" Analysen der Zusammenbrüche und die Verallgemeinerung von Analyseinstrumenten für "zukünftige Umbrüche" (SCHIMANK/WEYER 1996).

Die methodische Stärke einer Osteuropa-Soziologie besteht in ihrer sowohl komparativen als auch interdisziplinären und historischen Ausrichtung sowie der Vertrautheit ihrer Betreiber mit den kulturellen, sprachlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten in Osteuropa. Dadurch wird die Suche nach neuen Wegen der Forschung stimuliert (STERBLING 1990), die erst eine umfassende Analyse der postsozialistischen Gesellschaften ermöglichen. Das praktische Anliegen einer Osteuropa-Soziologie schließlich ist es, auf die Unbestimmtheit des Ausgangs der Transformationsprozesse in Osteuropa und ihre Offenheit für Modelle von Demokratie und Marktwirtschaft aufmerksam zu machen, die nicht unbedingt den klassischen westlichen Vorstellungen entsprechen. Gleichzeitig kann sie für die Besonderheiten Osteuropas und ihre Ursachen sensibilisieren. Dabei könnte eine Soziologie Osteuropas bei einer noch bewußteren Wahrnehmung dieser praktischen Seite ihrer Analysen einerseits Interpretations- und Informationsangebote für die breite Öffentlichkeit bereitstellen, andererseits zu einem Kommunikations- und Diskussionszentrum für Vertreter verschiedener Praxisbereiche werden und somit Spekulationen und vereinseitigten Sichtweisen entgegenwirken.

4. Welche Bausteine einer Soziologie Osteuropas wurden bereits zusammengetragen?

Die Vielzahl sozialwissenschaftlicher Modelle und Konzeptionen, die zur Erklärung dessen, was in Osteuropa vor sich geht, entwickelt wurden, ist unüberschaubar und stiftet nach wie vor mehr Verwirrung als Klarheit. Ein Verdienst der Osteuropa-Soziologie ist es, die Komplexität der osteuropäischen Wirklichkeit vorläufig auf einige forschungspraktisch handhabbare, besonders dringliche Fragestellungen reduziert zu haben. Die Bilanz der soziologischen Aufklärung der osteuropäischen Transformationsprozesse fällt somit nicht mehr so mager aus wie noch 1992 von Ulrich Beck formuliert (BECK 1993): wer für diese Zeit eine Erklärung hat, ist nicht mehr verdächtig.

Zu einem Erklärungsrahmen für die Transformationsprozesse in Osteuropa, der bereits einigen Inhalt aufzuweisen hat, gehören bisher: die Auseinandersetzung mit den Ansätzen der Kommunismusforschung und der politischen Soziologie des realen Sozialismus; die kritische Überprüfung vorhandener allgemein-soziologischer Theorien auf ihre Erklärungskraft für den osteuropäischen Kontext und die dabei erfolgte "Wiederentdeckung" der historischen Modernisierungsforschung und der weichenstellenden Kraft von Weltbildern für den Wandel politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Systeme; das Setzen neuer Akzente in der Theoriebildung, die dem spezifischen Gegenstandsbereich entsprechen, u.a. aus einer katastrophensoziologischen, einer handlungsoziologischen, einer religionssoziologischen und einer sprachsoziologischen Perspektive; Anfänge einer Soziologie des Nationalen; die Verknüpfung von Theorie und Empirie in Analysen des Wandels der politischen und sozialen Strukturen im allgemeinen sowie in Stadt, Land und Industrie im besonderen; Mehrebenenanalysen, die die Bedeutung der Interdependenz der verschiedenen Dimensionen der Transformationsprozesse für die Konsolidierung der neuen Systeme untersuchen und dabei ökonomische, historische und kulturwissenschaftliche Ansätze einbeziehen; Ansätze zur Aufarbeitung der osteuropäischen Soziologien in Geschichte und Gegenwart.

Die von den osteuropäischen Zusammenbrüchen ausgehende Herausforderung an die Erklärungsfähigkeit soziologischen Denkens wurde mit der Etablierung einer für Osteuropa zuständigen soziologischen Zweigdisziplin und dem Vorliegen ihrer ersten Ergebnisse angenommen. Allerdings sind die von der Osteuropa-Soziologie ausgehenden Anregungen zum kritischen Überdenken eingeübter Paradigmen und verengter Begriffssysteme noch nicht von der Soziologie als Ganzer angenommen worden. Gelänge es, die gegenseitigen Berührungsängste und Vorurteile dauerhaft zu überwinden und die Herangehensweisen von allgemeiner Soziologie und Zweigsoziologie kooperativ zu bündeln, wie das teilweise im Rahmen der Sektion auf Arbeitstagungen schon geschehen ist und auch in verschiedenen soziologischen Sammelbänden versucht wird, könnte das einen beträchtlichen Gewinn an Erklärungspotential zur Erhellung der östlichen wie westlichen Gegenwartsgesellschaften erbringen.

Literatur

Ahlberg, Ren, Die soziologische Osteuropaforschung, in: Osteuropa, 30. Jg. 1980, H. 8/9, S. 790-798

Anweiler, Oskar, 25 Jahre Osteuropaforschung - Wissenschaft und Zeitgeschichte, in: Osteuropa, 27. Jg. 1977, H. 3, S. 183-191

Anweiler, Oskar, Aspekte und Probleme der Osteuropaforschung seit 1945, in: Osteuropa, 30. Jg. 1980, H. 8/9, S. 673-687

Balla, Blint, Soziologie Ost- und Ostmitteleuropas als Beitrag zur Allgemeinen Soziologie, in: W. Glatzer (Hrsg.), 25. Deutscher Soziologentag 1990. Die Modernisierung moderner Gesellschaften. Sektionen, Arbeits- und Ad hoc-Gruppen, Opladen: Westdeutscher Verlag 1991, S. 592-594

Beck, Ulrich, Der feindlose Staat. Militär und Demokratie nach dem Ende des kalten Krieges, in: B. Schäfers (Hrsg.), Lebensverhältnisse und soziale Konflikte im neuen Europa, Frankfurt a.M./New York: Campus 1993, S. 746-753

Becker, Ulrike, Deutsche Osteuropaforschung 1990-1994, Berlin: Informationszentrum Sozialwissenschaften 1996

Bence, György/Lipset, Seymour Martin, Der wohlfundierte Irrtum. Die Sowjetologie und das Ende des Kommunismus, in: Transit, 6. Jg. 1995, H. 9, S. 90-114

Beyme, Klaus von, Theorie der Politik im Zeitalter der Transformation, in: K. v. Beyme/C. Offe (Hrsg.), Politische Theorien in der Ära der Transformation, Opladen: Westdeutscher Verlag 1995, S. 9-29

Glaeßner, Gert-Joachim, Kommunismus - Totalitarismus - Demokratie. Studien zu einer säkularen Auseinandersetzung, Frankfurt a.M: Peter Lang Verlag 1995

Jahn, Egbert, Professuren-Verzeichnis zur Osteuropaforschung, in: Osteuropa, 45. Jg. 1995, H. 4, S. 349-356

Jahn, Egbert, Professuren-Verzeichnis zur Osteuropaforschung: eine Ergänzung, in: Osteuropa, 46. Jg. 1996, H. 6, S. 617-618

König, Helmut, Geistige und soziale Prozesse des Systemwandels. Bericht über die erweiterte Redaktionskonferenz 1993, in: Osteuropa, 43. Jg. 1993, H. 9, S. 871-889

Mayntz, Renate, Gesellschaftliche Umbrüche als Testfall soziologischer Theorie, in: L. Clausen (Hrsg.), Gesellschaften im Umbruch. Verhandlungen des 27. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Halle an der Saale 1995, Frankfurt a.M./New York: Campus 1996, S. 141-153

Merkel, Wolfgang, Theorien der Transformation: Die demokratische Konsolidierung postautoritärer Gesellschaften, in: K. v. Beyme/C. Offe (Hrsg.), Politische Theorien in der Ära der Transformation, Opladen: Westdeutscher Verlag 1995, S. 30-58

Müller, Klaus, Paradigmenrevision. Folgen des osteuropäischen Wandels für die allgemeine soziologische Theorie, in: L. Clausen (Hrsg.), Gesellschaften im Umbruch. Verhandlungen des 27. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Halle an der Saale 1995, Frankfurt a.M./New York: Campus 1996, S. 164-178

Rytlewski, Ralf, Führt die Perestrojka auch zur Umgestaltung der Sozialistische Länder-Forschung? Ein Plädoyer für mehr politische Kulturforschung, in: R. Rytlewski (Hrsg.), Politik und Gesellschaft in sozialistischen Ländern. Ergebnisse und Probleme der Sozialistische-Länder-Forschung, Opladen: Westdeutscher Verlag 1989, S. 15-36

Schimank, Uwe/Weyer, Johannes, Der Untergang des Staatssozialismus: Vergangenheits- und zukunftsgerichtete Herausforderungen an die soziologische Theorie, in: L. Clausen (Hrsg.), Gesellschaften im Umbruch. Verhandlungen des 27. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Halle an der Saale 1995, Frankfurt a.M./New York: Campus 1996, S. 179-190

Sterbling, Anton, Die soziologische Ost- und Südosteuropaforschung in der Bundesrepublik Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der Rumänienforschung, in: Südosteuropa-Mitteilungen, H. 1/1996, S. 76-82

Sterbling, Anton, Zu Einführung: Lage und Perspektiven der deutschen Osteuropa-Soziologie, in: W. Glatzer (Hrsg.), 25. Deutscher Soziologentag 1990. Die Modernisierung moderner Gesellschaften. Sektionen, Arbeits- und Ad hoc-Gruppen, Opladen: Westdeutscher Verlag 1991, S. 590-592

(Dr. Katrin Mattusch, Humboldt-Universität zu Berlin, Lehrstuhl für vergleichende Strukturanalyse)

Stand und Perspektiven der politikwissenschaftlichen Osteuropa-
forschung in Deutschland -
Problemskizze

Die Osteuropaforschung in der Bundesrepublik und in der DDR ist bis 1989 im jeweiligen Land von verschiedenen Disziplinen gemeinsam, teilweise in speziellen Instituten interdisziplinär koordiniert, betrieben worden und hatte in beiden Ländern auch eine politikberatende Funktion.1 Der unerwartete Systemwechsel bedeutete bekanntlich für die DDR-Gesellschaftswissenschaften generell einen Erdrutsch, aber auch die bundesdeutsche Osteuropawissenschaft erlebte ihn als "schwarzen Freitag" (Beyme). Wie hat sich letztere seitdem von ihrem Tief erholt?2

Beyme sah 1994 eine deutlich höhere Beteiligung der Wissenschaftler aus Osteuropa am wissenschaftlichen Diskurs voraus, eine tiefere Spezialisierung der Disziplin und eine stärkere Rückbindung der Area-Forscher an den methodischen Stand des Faches.3 Was ist seither praktisch geschehen? Die Wissenschaftler aus den Ländern selbst haben stärker die Rolle der Länderspezialisten auszufüllen begonnen. Sie wurden zu Konferenzen und zur Teilnahme an Sammelbänden eingeladen, sind aber aus der Rolle der Zuarbeiter der im Westen aufgelegten und von dort koordinierten Forschungsprojekte bisher kaum herausgekommen. Ausnahmen wie der ungarische Politologe Attila Agh, der selbst Forschungsnetze knüpft, bestätigen nur die Regel.

Nach 1989 hat sich die Infrastruktur für die Osteuropaforschung wesentlich verbessert: so wurden staatliche Archive geöffnet, die Meinungsumfrageforschung4 (und anknüpfend daran die quantitative Wahl-, Parteien-, und Kulturforschung) nahm in allen Ländern einen Aufschwung. Damit war eine wichtige Grundlage für die Verstärkung der sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung auch in der Bundesrepublik gelegt, weil sich damit die Bedeutung spezieller kultureller Kompetenz der deutschen Forscher selbst verringerte. Der ideengeschichtlich-ideologiekritische Forschungsansatz, der sich der Verteidigung der westlichen Werte widmete, wurde ebenso wie die "Kremlinologie" (Beyme) in den Hintergrund gedrängt. Mit nachholenden Scharmützeln um die frühere politische Einschätzung des untergegangenen Systems (in der Bundesrepublik wurde das vor allem am Gegenstand der DDR-Forschung betrieben5) trat diese in der Vergangenheit wichtige Forschungslinie endgültig von der Bühne ab. Allerdings blieb nach wie vor eine merkwürdige Arbeitsteilung zwischen einer eher zeitgeschichtlich orientierten Area-Forschung und einer stärker an den dominierenden theoretischen Konzepten der Politikwissenschaft orientierten Richtung bestehen. Dazu kommt, daß der Aufschwung der zweiten, der theoriegeleiteten, empirisch-analytischen, Richtung der Osteuropaforschung scheinbar stark konjunkturellen Charakter hatte. Aus der Beschäftigung mit anderen Gegenständen strömten nach 1989 Politikwissenschaftler in die Osteuropaforschung und versuchten, ihre eigenen theoretischen Vorlieben nun auf dem für sie neuen Feld der Transformationsforschung umzusetzen. Zwischen ihnen und der eher zeitgeschichtlich-kulturell orientierten, regionalwissenschaftlichen Strömung der traditionellen Osteuropaforschung entwickelte sich allerdings kein produktiver Dialog. Mehr noch, es zeigten sich Abwehrreaktionen.6 Beide Lager stehen sich bis heute sprachlos gegenüber. Als dann die Osteuropa-Konjunktur wieder abebbte, und die neuen Enthusiasten sich wieder verliefen, blieb von der Osteuropa-Forschung wieder vorwiegend die an einzelnen Ländern und Regionen orientierte Forschung übrig. Es zeigte sich, daß der oben konstatierte Beginn einer stärkeren Rückbindung der "Areaforscher" an den methodischen Stand des Faches insgesamt nicht von Dauer war. Dafür wäre nach meiner Auffassung eine gründliche Reorganisation des Teilgebietes "Vergleichende Politikwissenschaft" in der Bundesrepublik erforderlich, das hier gegenwärtig trotz der zwölf neuen Professuren in Ostdeutschland7 eher ein Schattendasein fristet.

Soweit kurz zu einigen Haupttendenzen der politikwissenschaftlichen Osteuropaforschung der letzten Jahre. Nun noch der riskante, weil notwendigerweise unvollständige, Verweis auf einige wichtige Publikationen auf dem betrachteten Forschungsgebiet: Seit 1993 wurden eine Reihe von Monographien zu den Ergebnissen der vergleichenden politikwissenschaftlichen Transformationsforschung veröffentlicht. In der Bundesrepublik sind dabei u. a. Bücher von Beyme, Glaeßner und Offe erschienen.8 In welchem Maße sie neue theoretische Konzepte entwickeln konnten, oder nicht mehr sind, als eine gelungene Illustration bekannter theoretischer Ansätze mit dem neuen Material aus der Region, ist umstritten, und es soll hier auch nicht entschieden werden.9 Durch den Systemwechsel in Osteuropa erhielt jedenfalls der politikwissenschaftliche Vergleich der Demokratisierung autoritärer Systeme in verschiedenen Regionen der Erde wichtige Impulse. 10

Anmerkungen

1 Da die nur schwach institutionalisierte Osteuropaforschung der DDR weithin unbekannt ist, soll hier nur, ohne das weiter ausführen zu können, auf die Anfang der achtziger Jahre erfolgte Bildung des "Institutes für Politik und Ökonomie sozialistischer Länder" an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED sowie des dazugehörigen "Wissenschaftlichen Rates" verwiesen werden. Vgl. etwa die erste (und bisher einzige) Analyse von M. Heinrichs, G. Pollach, A. Schwarz und M. Stelter: Die Osteuropaforschung der DDR: Bilanz und Perspektiven. Berichte des BIOst 8/1991.

2 Sicher ist es unnötig darauf zu verweisen, es soll aber trotzdem hier geschehen: die nachfolgende Skizze wurde auf der Grundlage persönlicher Eindrücke des Autors aus der eigenen Forschung, die sich vorwiegend auf den Gebieten Analyse der osteuropäischen Parteien und Transitionsforschung vollzog, angefertigt und erhebt ausdrücklich keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

3 Klaus von Beyme: Systemwechsel in Osteuropa, Frankfurt a. M. 1994, S. 35 ff.

4 Die mir am interessantesten scheinenden Untersuchungen wurden durch die Österreichische Paul-Lazarsfeld-Gesellschaft zusammen mit Wissenschaftlern der Glasgower Universität und osteuropäischen Kollegen im Rahmen eines "New Democracies Barometer" in inzwischen drei Wellen durchgeführt. Zur zweiten Welle vgl. Richard Rose/ Christian Haerpfer: Adopting to Transformation in Eastern Europe, Glasgow 1993.

5 Siehe u. a. Jens Hacker: Deutsche Irrtümer. Schönfärber und Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen, Berlin 1992. Vgl. Beyme, Systemwechsel (Anm. 3), S. 16 ff., G.-J. Glaessner: Kommunismus-Totalitarismus-Demokratie, 1995, S. 216 ff.

6 Ein Beleg für eine solche Abwehr findet sich etwa in der Arbeit von Margarete Mommsen: Wohin treibt Rußland? München 1996, Einleitung, S. 10, 18.

7 H. J. Lietzmann: Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland. In: Lietzmann/Bleek (Hrsg.): Politikwissenschaft. Geschichte und Entwicklung in Deutschland und Europa, München/Wien 1996, S. 59.

8 Das Jahr 1994 stellt den bisherigen Höhepunkt der Publikationstätigkeit dar. Es erschienen die schon zitierte Arbeit von Beyme: Systemwechsel in Osteuropa; Gert-Joachim Glaeßner: Demokratisierung nach dem Ende des Kommunismus; Claus Offe: Der Tunnel am Ende des Lichts.

9 Siehe dazu das durch Klaus von Beyme und Offe herausgegebene Sonderheft 26/1995 der PVS, hier besonders die Beiträge Beymes: "Theorie der Politik im Zeitalter der Transformation" sowie Wolfgang Merkels: "Theorien der Transformation: Die demokratische Konsolidierung postautoritärer Gesellschaften" Vgl. auch die kürzlich veröffentlichte Position des Autors (Die Transformationsanalyse Osteuropas. Denkanstöße, theoretische Fortschritte und Defizite. In: Internationale Politik, 8/1996.)

10 Vgl. die Veröffentlichung der Ergebnisse des Arbeitskreises "Systemwechsels": Merkel (Hrsg.): Systemwechsel 1. Opladen 1994; Merkel u. a. (Hrsg.): Systemwechsel 2. Opladen 1996.

(Prof. Dieter Segert, Humboldt-Universität zu Berlin, Lehrstuhl für Komparatistik Osteuropa)

Die deutschsprachige sozialwissenschaftliche Osteuropaforschung im Spiegel der Datenbank SOFIS

Die institutionelle und thematische Breite der mit Osteuropa befaßten deutschsprachigen Forschung läßt sich in ihrer Entwicklung in der IZ-Datenbank SOFIS (Forschungsinformationssystem Sozialwissenschaften) nachweisen. Die Projektinformationen in SOFIS werden durch eine jährliche Erhebung bei über 5.000 deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen gewonnen. Die Datenbank umfaßt z.Zt. 36.259 Forschungsprojektnachweise aus den Erfassungsjahren 1986-1996, spiegelt dadurch die sozialwissenschaftlichen Forschungsthematiken pro Jahr wider und bietet somit auch Aussagemöglichkeiten zur sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung. Die These, daß die inhaltliche und institutionelle Diversifikation der deutschen sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung zunimmt (und damit auch der Bedarf an vernetzenden Aktivitäten und Dienstleistungen für diese Forschung) war der leitende Gedanke dieser Analyse. Die IZ-Literaturdatenbank SOLIS (Sozialwissenschaftliches Literaturinformationssystem), die sozialwissenschaftliche Monographien, Zeitschriftenartikel und graue Literatur seit 1945 nachweist, wird bei Aussagen über den quantitativen Zuwachs der sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung zum Vergleich hinzugezogen.

Die folgenden Abbildungen zeigen die Mengen an Literaturhinweisen (SOLIS) und Forschungsprojektbeschreibungen (SOFIS) zu Osteuropa im Verhältnis zum Gesamtumfang der Datenbanken (SOLIS: 199.273 Dokumente der Erscheinungsjahre 1945-1996 und SOFIS: 36.259 Dokumente aus dem Bestand 1986-1996), sowie zum Vergleich den Gesamtzuwachs an sozialwissenschaftlicher Literatur ab Erscheinungsjahr 1990 und dem Forschungsbestand ab 1991 wiederum ins Verhältnis gesetzt zum Zuwachs der osteuropabezogenen Literatur/Forschung ab diesen Zeitpunkten.

Abb.1: Zuwachs der Literaturhinweise zu Osteuropa - SOLIS-Datenbank 1945 - 1996 (199.273 DE)

Abb. 2: Zuwachs der Forschungsprojekte zu Osteuropa - SOFIS-Datenbank, Bestand 1986 - 1996 (36.259 DE; die Jahresangaben beziehen sich auf die Neuaufnahme bzw. letztmalige Aktualisierung des Projektnachweises)

In dem knappen Zeitraum von sechs Jahren hat sich der Anteil der auf Osteuropa bezogenen Publikationen und Forschungsprojekte wesentlich erhöht. Dies läßt vermuten, daß ein eigenes Forschungsfeld "sozialwissenschaftliche Osteuropaforschung" entstanden ist.

Um folgende Abbildungen übersichtlich zu gestalten, wurden für die Recherche die Länder Ostmittel- und Osteuropas in Gruppen zusammengefaßt, wobei gängige Einteilungen zugrundegelegt wurden:

Ostmitteleuropa umfaßt Polen, Ungarn, Tschechoslowakei, resp. Tschechien und Slowakien

Zu Südosteuropa zählen Albanien, Bulgarien, Rumänien, Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten.

In die Gruppe der ehemals sowjetischen Staaten fallen die Ukraine und Belarus sowie alle Länder der GUS, außer

Rußland, das wegen seiner besonderen Bedeutung separat aufgeführt wird; ebenso

die baltischen Staaten, die als eigene Gruppe aus Estland, Lettland und Litauen zusammengefaßt wurden.

Die UdSSR wurde als eigene Gruppe behandelt, weil sie zum einen als historisches Gebilde 1991 noch bestand und zum anderen als Bezugsgröße zu gegenwärtigen Transformationsfragen eine eigene Bedeutung behält.

Die letzte Gruppe umfaßt alle Projekte, die sich länderunspezifisch auf Ost- und Südosteuropa im allgemeinen beziehen.

Abb. 3: Gesamtmenge der Literatur- und Forschungsprojekte zu Osteuropa nach Ländergruppen (Mehrfachzuordnungen möglich) in SOLIS und SOFIS

 

Die folgenden Aussagen beziehen sich ausschließlich auf die Forschungsprojekt-Datenbank. Betrachtet man den Zuwachs von 1991-1996 pro Jahr, zeigt sich deutlich die Tendenz der steigenden Beschäftigung mit Osteuropa.

Abb. 4: Forschungsprojektmeldungen zu Osteuropa nach Jahren (SOFIS-Datenbank 1991-1996)

Der Zuwachs verteilt sich über alle Ländergruppen, wobei das größte Interesse der Forschung sowohl vor als auch nach 1990 "naturgemäß" den Nachbarstaaten Deutschlands - zusammengefaßt als Ostmitteleuropa - gilt. Bei der Gruppe der "ehemals sowjetischen Staaten" ist ein überproportionaler Zuwachs zu verzeichnen, der sich aus der Tatsache erklärt, daß diese Staaten erst ab 1992 entstanden sind, vorher also nicht als eigene Untersuchungsregionen auftauchen konnten; inzwischen liegen z.B. zur Ukraine bereits 28 Projektmeldungen (SOLIS: 62) vor, zu Weißrußland 17 (SOLIS: 32) und zu Ländern wie Turkmenistan, Armenien, Georgien und Aserbaidschan sind immerhin auch jeweils zwischen zwei und acht Projekten (SOLIS: je zwischen 17 bis 39) in SOFIS gespeichert. Bemerkenswert ist, daß das Interesse am Untersuchungsobjekt "UdSSR" auch ab 1992 kaum nachgelassen hat; dies kann als Indiz gedeutet werden, daß in der Transformationsforschung die Bezugsgröße des "Vorher" ein wesentlicher Bestandteil der Forschungsfragen ist.

Regionale Schwerpunkte und institutionelle Verankerung der sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung

An den 1021 Forschungsprojekten zu Osteuropa, die seit 1991 in SOFIS aufgenommen wurden, sind insgesamt ca 1.700 Personen aus fast 600 Institutionen (zu denen hier Institute und Lehrstühle pro Universität separat gezählt wurden) beteiligt. Geht man von einer 80prozentigen Abdeckung aller relevanten sozialwissenschaftlichen Projekte in SOFIS aus und berücksichtigt man die Tatsache, daß bei einer sich erst entfaltenden Forschung der Prozentsatz der Abdeckung geringer sein könnte, weil noch nicht alle osteuroparelevanten Institutionen und Personen von der jährlichen IZ-Erhebung erreicht werden, so kann man eine Gesamtzahl von 2000 bis 2500 Forschern zugrunde legen, die zum Netz der deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Osteuropaforscher gezählt werden können.

Die regionalen Schwerpunkte der sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung in Deutschland sind vor allen Dingen Berlin (15%) und München (10%). Danach folgt - allerdings in erheblichem Abstand - Bonn und Kiel (zwischen 3% und 5%). Zwei bis drei Prozent der Projekte entfallen jeweils auf Frankfurt/M., Giessen, Hamburg, Leipzig, Mannheim und Marburg. Die zwischen 1% bis 1,9% liegenden Projektmeldungen stammen jeweils aus Bochum, Düsseldorf, Hannover, Köln, Mainz, Münster, Nürnberg und Tübingen. Unter einem Prozent, aber jeweils noch mehr als fünf Projekte, wurden aus Bielefeld, Bremen, Frankfurt/O., Göttingen, Halle und Heidelberg gemeldet. Die weiteren 45% der sozialwissenschaftlichen Projekte zu Osteuropa sind über die restlichen deutschen Forschungs- und Universitätsstädte verstreut.

Bemerkenswert ist, daß sich (bisher) in den neuen Bundesländern - mit Ausnahme von Leipzig und natürlich Ost-Berlin - keine Zentren von auf Osteuropa gerichteter Forschung gebildet haben. Dies wäre zu erwarten gewesen angesichts der größeren geschichtlichen und räumlichen Nähe der neuen Bundesländer zu Osteuropa. Das hier vermutete Sprach- und Kultur- Know-how sowie tradierte Forschungsbeziehungen zu den Ländern Osteuropas scheinen für die sozialwissenschaftliche Forschung noch nicht zum Tragen zu kommen. Gründe hierfür bedürften einer genaueren Untersuchung und sind durch Datenbank-Recherchen nicht zu ermitteln. Sicher ist bei diesem Sachverhalt zu berücksichtigen, daß in dem betrachteten Zeitraum durch Umstrukturierungen und Neuaufbau der sozialwissenschaftlichen Forschung in den neuen Bundesländern die Aussagen über das Forschungsaufkommen in dieser Region noch nicht repräsentativ sein können. Insgesamt wird aber die starke regionale Streuung der sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit Osteuropa über ganz Deutschland erkennbar.

Abb. 5 Institutionelle Herkunft von 1021 Forschungsprojekten zu Osteuropa (Institutionen nach Disziplinen; Mehrfachzuordnungen),

SOFIS-Datenbank 1991-1996

Die disziplinäre Verteilung der an der Osteuropaforschung beteiligten Institutionen entspricht nicht ganz der Gesamtverteilung der disziplinären Herkunft von Institutionen ab 1991 in der Datenbank SOFIS. Während in der Gesamtdatenbank ab 1991 die wirtschaftswissenschaftlichen Institutionen mit rd. 25% der Projektmeldungen die Rangreihe anführen, gefolgt von soziologischen (18%) und erziehungswissenschaftlichen (12%) Forschungseinrichtungen, führen bei den Osteuropaprojekten ab 1991 zwar ebenfalls die wirtschaftswissenschaftlichen Institutionen die Rangreihe an (26%), hier jedoch gefolgt von politikwissenschaftlichen Institutionen (ca. 24%), die in der Gesamtdatenbank für den gleichen Zeitraum mit 10% vertreten sind. An dritter Stelle folgen dann soziologische Institutionen (ca. 16%). Im Unterschied zur Verteilung in der Gesamtdatenbank fällt in der Rangreihe der Osteuropaprojekte die extreme Verdrängung der erziehungswissenschaftlichen Institutionen und der hohe Anteil von politikwissenschaftlichen Institutionen auf. Auch die anteilig hohe Projektmeldezahl aus geschichtswissenschaftlichen und geographischen Instituten ist bemerkenswert. Des weiteren zeigt sich eine relativ hohe Abweichung bei den psychologischen Einrichtungen, die in der Gesamtdatenbank Urheber von ca. 7% der Projektmeldungen sind, in der Osteuropaforschung aber weniger als ein Prozent gemeldet haben.

Inhalte der deutschen Osteuropaforschung

Die Verteilung der Forschungsprojekte selbst über die sozialwissenschaftlichen Disziplinen wurde entsprechend der intellektuell pro Projekt vergebenen sozialwissenschaftlichen Klassifikationen ermittelt.

Abb. 6 Disziplinäre Verteilung der Forschungsprojekte zu Osteuropa

SOFIS-Datenbank 1991-1996 (Mehrfachzuordnungen)

Daß die "Spitzenreiter" die Politikwissenschaft und die Wirtschaftswissenschaft (in dieser Reihenfolge) sind, verwundert nicht angesichts der oben beschriebenen institutionellen Herkunft der Projekte. Auffallend in der Verteilung ist allerdings, daß die sozialgeschichtlich klassifizierten Projekte an dritter Stelle stehen, woraus sich ableiten ließe, daß die "Rückwärtsgewandheit" der Forschung ein wichtiger Forschungsansatz für das Verständnis der gegenwärtigen Transformationsphänomene ist. (Nur eine genaue, vertiefende Betrachtung dieser Projekte würde hier Aussagen ermöglichen, inwieweit der sozialgeschichtliche Ansatz in Bezug auf Osteuropa eine "Enthaltsamkeit" gegenüber gegenwärtigen Problemen aufweist oder inwieweit er als zeitgeschichtliche Forschung dazu beiträgt, diese Probleme zu erhellen.) Daß Untersuchungen z.B. im Bereich Sozialpolitik oder Rechts- und Verwaltungswissenschaften - in denen der Anwendungsbezug vergleichsweise hoch ist, eine relativ geringe Rolle spielen, legt die Vermutung nahe, das das "Wagnis", aus der Ferne schwerpunktmäßig praxisorientierte Forschung für osteuropäische Länder zu betreiben, von deutschen Sozialwissenschaftlern eher nicht eingegangen wird.

Eine genauere Betrachtung der Spitzenreitergruppe "Politikwissenschaft" innerhalb der sozialwissenschaftlichen Hauptdisziplinen (397 Projekte) zeigt, daß in dieser Disziplin die Fragestellungen der traditionellen Osteuropaforschung vor 1989 nach wie vor zu dominieren scheinen. (Auch diese These bleibt zu prüfen hinsichtlich der erwähnten Frage eventuell nicht repräsentativer Abdeckung der Osteuropaforschung in SOFIS). Fragen der politischen Geschichte, zu internationalen Beziehungen und der Sicherheitspolitik machen in jedem Fall in SOFIS - sowohl bei der Osteuropaforschung als auch in der Gesamtdatenbank - den größten Prozentsatz der politikwissenschaftlichen Forschung aus. Themen zur Wirtschafts-, Agrar- und Finanzpolitik rangieren darauf folgend vor Untersuchungen zur Europapolitik, zur politischen Willensbildung und zu Regierungssystemen.

Die wirtschaftswissenschaftlichen Projekte, die innerhalb der Verteilung nach Hauptdisziplinen der Sozialwissenschaften an zweiter Stelle stehen (303 Projekte), verteilen sich hauptsächlich auf Fragen des Wirtschaftssystems - zu dessen Organisation und Struktur. Betriebswirtschaftliche Untersuchungen und Themen zum Außenhandel bilden weitere nennenswerte Problembereiche.

Unter den insgesamt 209 soziologischen Projekten, dominieren Fragestellungen aus der Bevölkerungssoziologie, zu sozialen Problemen/Konflikten, zum sozialen Wandel sowie aus der politischen Soziologie.

Bei der Betrachtung der methodischen Zuordnung aller 1021 Projekte zu Osteuropa - entsprechend der für SOFIS eingesetzten Methodenklassifikation - fällt auf, daß 44% aller Projekte als empirisch gekennzeichnet sind (451 Meldungen) und der Spitzenreiter der in SOFIS zu empirisch gerechneten Methoden hierbei die Aktenanalyse ist. Bemerkenswerterweise ist über ein Viertel der Projekte mit "historisch" klassifiziert (auch bei der Methodenklassifikation sind Mehrfachnennungen möglich/ üblich). Daß die "Anwendungsorientierung" als methodischer Bezugsrahmen mit 19% noch relativ häufig genannt wird, widerspricht zwar der vorherigen Annahme hinsichtlich einer "Zurückhaltung" der Forschung bei eher anwendungsorientierten Problembereichen, kennzeichnet aber u.U. das Selbstverständnis der sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung als praxisbezogen. Auch die methodische Kennzeichnung "Dokumentation" spielt in der Osteuropaforschung eine größere Rolle. Dies fügt sich in das Bild der gegenwärtigen Transformationsforschung: grundlegende Materialsammlungen zu den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Themenbereichen konnten erst ab 1990 durch den empirischen Zugang zu den osteuropäischen Ländern begonnen werden und nehmen daher zur Zeit wahrscheinlich einen relativ großen Forschungsraum ein.

Wirklich bemerkenswert ist folgender Sachverhalt: bei insgesamt 208 Projekten wird der methodische Ansatz dem Vergleich (internationalen/ interkulturellen) zugeordnet. Andererseits wird nur bei insgesamt acht Forschungsprojekten eine kooperierende Institution aus Osteuropa angegeben. Folgt man der These, daß gerade für Osteuropa eine vergleichende Forschung ohne das Hintergrund- und Interpretationswissen von Forschungspartnern aus den untersuchten Ländern selbst häufig zu Fehlschlüssen führt, wird durch die verschwindend geringe Zahl von Projekten, bei denen sich deutsche Forscher gemeinsam mit institutionellen Partnern aus Osteuropa dem Gegenstand ihrer Untersuchung nähern, das generelle Konzept der Forschungsansätze in der sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung hinterfragbar. Die Anknüpfung von Forschungskontakten scheint Richtung Osteuropa kein "naturwüchsiger" Prozeß, sondern bedarf einer Unterstützung und Förderung durch eine beiden Seiten verpflichtete Vermittlungsstelle. Die GESIS-Außenstelle bietet diese Unterstützung jedem Interessierten an.



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