Newsletter - Sozialwissenschaften in Osteuropa 1996-Sonderheft
Deutsche Osteuropa-
Forschung: Beiträge
Der Umbruch in Osteuropa -
Herausforderung für die Soziologie? Zu den Möglichkeiten und Grenzen einer
Soziologie Ost- und Ostmitteleuropas
1. Einführung
Die Sektionsveranstaltung auf dem 28. Kongreß der DGS in Dresden ist die 10.
eigene Tagung der Sektion "Ost- und Ostmitteleuropa-Soziologie" seit
ihrer Gründung als ad-hoc-Gruppe auf dem Soziologentag in Frankfurt a.M. 1990.
Dies ist ein willkommener Anlaß, um den Stand und die Perspektiven einer
Soziologie Osteuropas zu bilanzieren. Die Zusammenbrüche in Osteuropa können
zu Recht als eine der großen Herausforderungen dieses Jahrhunderts für die
Sozialwissenschaften im allgemeinen und die Soziologie im besonderen, als
Testfall für die Stärken und Schwächen ihrer Erklärungsansätze von
Gesellschaft gelten. Hat die Soziologie diese Herausforderung tatsächlich
angenommen?
Betrachtet man zunächst die Soziologie im Kontext der
sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung als Ganzes, deren disziplinäre
Grenzen auf Grund ihres interdisziplinären Anspruchs nicht immer deutlich
auszumachen sind, so scheint die Antwort positiv auszufallen. Allein in den fünf
Jahren von 1990 bis 1994 haben sich die Zahl der Institutionen, die sich mit
Osteuropa befassen ebenso wie die Anzahl der auf diese Region bezogenen
Forschungsprojekte verdreifacht, hat sich die Menge an Literatur zu diesem Thema
verdoppelt. Etwa 2000-2500 Sozialwissenschaftler werden zur scientific community
der deutschen Osteuropaforscher gerechnet. Was die Anzahl der Projekte betrifft,
nehmen soziologisch orientierte Institutionen nach den
wirtschaftswissenschaftlich und politikwissenschaftlich ausgerichteten
Instituten den dritten Platz ein und bei den Inhalten rangieren soziologische
Fragestellungen ebenfalls auf den vorderen Plätzen (BECKER 1996). Die
Soziologie scheint also auf den ersten Blick ihrer Rolle als eine der
Grunddisziplinen der Osteuropaforschung (ANWEILER 1980) gerecht zu werden.
Betrachtet man allerdings die praktischen Aspekte konkreter genuin
soziologischer Osteuropaforschung näher, so scheint inmitten der allgemeinen
Expansion sozialwissenschaftlicher Osteuropaforschung manches für eine Vernachlässigung
(STERBLING 1996) wenn nicht sogar Randstellung des soziologischen Blicks auf die
osteuropäischen Umbruchsprozesse zu sprechen. So gibt es seit den fünfziger
Jahren in der BRD gerade einen Lehrstuhl für die Soziologie Osteuropas, der
nach dem Tod des Lehrstuhlinhabers seit anderthalb Jahren unbesetzt ist, während
26 zeitgeschichtliche, zwölf geographische, elf politikwissenschaftliche, zehn
rechtswissenschaftliche, zehn erziehungswissenschaftliche und neun
wirtschaftswissenschaftliche Professuren der Forschung und Lehre über Osteuropa
gewidmet sind (JAHN 1995, 1996). Das setzt sich beim wissenschaftlichen
Nachwuchs fort: in den interdisziplinären Graduiertenkollegs, die sich mit
Osteuropa befassen, sind die Soziologen in den Minderheit und osteuropabezogene
Lehrveranstaltungen werden an den Universitäten überwiegend von den Politik-
und Geschichtswissenschaftlern angeboten.
Die Frage, ob die Soziologie die von den osteuropäischen
Transformationsprozessen ausgehenden Herausforderungen angenommen hat, ist
angesichts dieser widersprüchlichen Bilanzzahlen zu konkretisieren. Dazu ist es
notwendig zu präzisieren, worin denn die Herausforderung an eine Soziologie
Osteuropas überhaupt besteht und somit einen Reflexionsprozeß anzuregen, der
nur dann fruchtbar sein kann, wenn er mehr als bisher von der Soziologie selbst
ausgeht. Der Grundstein zur Neubelebung einer solchen Diskussion soll im
folgenden anhand von drei Fragen gelegt werden, wobei viele der Überlegungen
sicher auch für die Osteuropaforschung im allgemeinen gelten dürften:
1. Worin bestehen die spezifischen Schwierigkeiten einer
Osteuropa-Soziologie?
2. Was kann eine Soziologie Osteuropas leisten und was nicht?
3. Welche Bausteine einer Soziologie Osteuropas wurden bereits
zusammengetragen?
2. Worin bestehen die spezifischen Schwierigkeiten einer
Osteuropa-Soziologie?
Soziologische Analysen über Osteuropa sind in stärkerem Maße als das bei
anderen soziologischen Zweigdisziplinen der Fall ist, von außen kommenden Einflüssen
(VON BEYME 1995) auf ihre Theorie-, Modell-, und Begriffsbildung ausgesetzt.
Erstens wird eine solche soziologische Zweigdisziplin von den nationalen
Traditionen und wiederauflebenden Kontroversen der umstrittenen soziologischen
Kommunismusforschung, die von der Totalitarismustheorie über
konvergenztheoretische Modelle bis zu den Ansätzen einer politischen Soziologie
totalitärer Gesellschaften und bürokratischer Herrschaft reichen, mitgeprägt
(AHLBERG 1980; GLAESSNER 1995). Zweitens sind die Konkurrenzsituation und die
Abgrenzungsprobleme zu anderen Fächern relativ groß, da eine Soziologie
Osteuropas wie auch Osteuropaforschung generell nur als interdisziplinäre
Veranstaltung denkbar sind (KÖNIG 1993). Dabei erweist es sich als
problematisch, daß eine explizite inhaltliche, geographische und zeitliche
Gegenstandsbestimmung noch aussteht und sich schon die Suche nach dem richtigen,
ideologiefreien Namen jenseits von "Ostsoziologie" und
"Kommunismusforschung" für die neue Zweigdisziplin schwierig
gestaltete. Drittens wird die Produktion soziologischer Theorien über Osteuropa
durch den Zustandswechsel des Forschungsgegenstandes, die Vervielfältigung der
"Fälle" infolge der Entstehung neuer Staaten und den Zuwachs der
Themen infolge des Wiederauflebens längst tot geglaubter Konflikte sowie die
neue Quellenlage beeinflußt. Obwohl eine erfreuliche Tendenz zu vergleichenden
Analysen einer möglichst großen Zahl von Fällen besteht, hat die
Osteuropa-Soziologie ihre Rußlandlastigkeit als Erbe der Osteuropaforschung
noch nicht überwunden. Außerdem besteht die Ironie der
sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung gerade darin, daß sich immer dann,
wenn die community einem Minimalkonsens über ein erkenntnisträchtiges
Forschungskonzept nahe war, gravierende Veränderungen in den osteuropäischen
Gesellschaften ereigneten (RYTLEWSKI 1989). Viertens bewegt sich
Osteuropa-Soziologie als Produkt des Ost-West-Konfliktes auch nach dem Fall des
Eisernen Vorhangs im Spannungsverhältnis von politischer und wissenschaftlicher
Funktion und ist trotz aller Ansprüche der Werturteilsfreiheit anfällig für
nichtwissenschaftliche Einflüsse und normative Versuchungen (ANWEILER 1977;
GLAESSNER 1995). Dem Aufklärungsbedarf über Osteuropa entspricht ein ebenso
großer Erwartungsdruck, wenn die Zusammenbrüche schon nicht vorhergesagt
wurden, nun wenigstens eine "Transformationstheorie" zu liefern.
Gleichzeitig besteht ein enormer Rechtfertigungsdruck für die Notwendigkeit von
Osteuropaforschung im allgemeinen und Osteuropa-Soziologie im besonderen, wobei
in existentiellen Kämpfen um Fördermittel und institutionelle Zuordnungen
kostbare Forschungszeit vergeudet wird.
Osteuropaforschung hat den Anspruch, über "area studies"
hinauszugehen und reklamiert deshalb für sich ein an die jeweiligen
Mutterdisziplinen geknüpftes Theorie- und Methodenbewußtsein. Gerade das Verhältnis
zwischen ortskundiger Zweig- und theoriegeleiteter Mutterdisziplin, die sich vor
1989 nur wenig für Osteuropa interessierte, gestaltet sich aber in der
Soziologie schwierig und hat bisher eher den Charakter einer distanzierten
Koexistenz als eines konstruktiven Diskurses angenommen. Die
Osteuropa-Soziologie nahm daher innerhalb der Soziologie lange Zeit eine
Randstellung ein, weil einerseits die Osteuropa-Soziologen zu wenig in die
theoretischen und methodischen Auseinandersetzungen der Mutterdisziplin
eingegriffen haben (ANWEILER 1980) und andererseits die Mutterdisziplin zu
verschlossen gegenüber anderen als den traditionellen mainstream-Ansätzen war.
Eine Schwierigkeit der Osteuropa-Soziologie besteht darin, daß sie trotz
vergangener schlechter Quellenlage stärker empirisch ausgerichtet ist, daher in
höherem Maße dem Zwang zur Operationalisierung theoretischer Positionen
unterliegt und ihr deshalb mit allzu universalistischen, großen Theorieentwürfen
wenig gedient ist. Allerdings hat sie dabei in der Vergangenheit teilweise die
Beziehung zur klassischen Tradition der Sozialtheorie verloren (BENCE/ LIPSET
1995). Zugleich macht sie sich unbeliebt durch die Auseinandersetzung mit den
dominierenden westlichen Modellen, zum Beispiel von Demokratie und
Marktwirtschaft, die sie für ihre Zwecke durch die Einbeziehung kultureller
Besonderheiten modifizieren muß. Dabei blieb und bleibt ihr, will sie nicht nur
"informierte Beschreibungen" (RYTLEWSKI 1989) osteuropäischer
Gesellschaften liefern und sich so selbst zur Erbringerin wissenschaftlicher
Dienstleistungen für die allgemeine Soziologie degradieren, das mühselige
Unterfangen grundlegender Begriffsklärungen allein überlassen. Zudem muß sich
Osteuropa-Soziologie als Teil der Osteuropaforschung nach wie vor gegen den
Vorwurf der nicht geleisteten Prognose wehren, obwohl Prognosen dieser Art auf
Grund der Seltenheit, Komplexität, Nichtlinearität und Interferenz
gesellschaftlicher Umbrüche nicht Aufgabe der Soziologie sein können (MAYNTZ
1996). Dabei hatten die mit Osteuropa befaßten Soziologen sogar die gleiche
Frage wie ihre mit westlichen Gesellschaften beschäftigten Kollegen gestellt,
nur eben bezogen auf ihr spezifisches Forschungsfeld: wie funktionieren
sozialistische Systeme? Eine solche Frage impliziert aber eine relative
Konzentration auf stabilisierende Faktoren.
3. Was kann eine Soziologie Osteuropas leisten und was nicht?
Der Aufgabenbereich einer Soziologie Ost- und Ostmitteleuropas, wie sie in
Ansätzen in der gleichnamigen Sektion der DGS bereits betrieben wird, läßt
sich in einen theoretischen, einen methodischen und einen praktischen Teil
untergliedern. Ihr theoretischer Beitrag ergibt sich aus dem Revisionsdruck (MÜLLER
1996) unter den der sozialwissenschaftliche Begriffsapparat seit Beginn der
Transformationsprozesse in Osteuropa geraten ist und der damit verbundenen
Frage, inwieweit die Besonderheiten sozialen Wandels noch unter den
althergebrachten Oberbegriffen abgehandelt werden können (VON BEYME 1995). Er
besteht darin zu zeigen, daß zur Erklärung der postsozialistischen
Gesellschaftszustände nicht völlig neue Begriffssysteme erfunden werden müssen,
sondern vorhandene Modelle durch ihre Anwendung auf neue Kontexte eine
Bereicherung erfahren können. Der nach den Zusammenbrüchen in den
Sozialwissenschaften oft beklagte Mangel an Theorie scheint lediglich ein Mangel
an Offenheit der theoretischen Modelle für abrupten Wandel, instabile
Gesellschaftszustände und die Eigenlogik nationaler Entwicklungen zu sein. Die
bei einer Anwendung auf Osteuropa zutage tretenden Begrenzungen der eingeübten
Konzepte, zum Beispiel die mangelnde historische Perspektive vieler Ansätze,
werden zur erneuten Diskussion unbeachteter Widersprüchlichkeiten und zur
Erweiterung der Modelle führen. Lange Zeit nur als Randprobleme der Soziologie
vernachlässigte Themen wie die Problematik des Nationalen werden ob ihrer
Virulenz in Osteuropa wieder an Bedeutsamkeit auch für die allgemeine
Soziologie gewinnen. Von besonderer Bedeutung ist dabei eine Rezeption des
"Blicks von innen", das heißt der Erklärungsansätze der osteuropäischen
Soziologien für ihre eigenen Gesellschaften und der von ihnen bevorzugten
allgemein-soziologischen Kategorien (BALLA 1990). Darüber hinaus könnte im
Rahmen einer Osteuropa-Soziologie aus der Not des Erklärungsbedarfs heraus auf
unkonventionelle Weise das möglich werden, was der Soziologie seit ihrer
Entstehung nicht gelungen ist: eine wechselseitige Aufklärung konkurrierender
Theorieangebote durch die Verknüpfung funktionalistischer, strukturalistischer,
handlungs- und kulturtheoretischer Elemente (MERKEL 1995). Allerdings sollte
dabei keine die Zukunft vorhersagende "Transformationstheorie"
erwartet werden. Es scheint mittelfristig sinnvoller und realistischer, anstatt
nach einem großen neuen Paradigma zu suchen, Bausteine zu einer Theorie
mittlerer Reichweite zusammenzutragen und zu systematisieren, die dafür
empirisch abgesichert ist und die Ableitung von realistischen Szenarien möglicher
Entwicklungen erlaubt. Hauptaufgabe einer Osteuropa-Soziologie wäre im
theoretischen Teil also weniger der Blick in die Vergangenheit oder die ferne
Zukunft, sondern die begleitende Analyse der aktuellen Prozesse in Osteuropa und
damit das Öffnen der Black Box, die Ausgangsbedingungen und Ergebnisse der
Transformationsprozesse verbindet (MAYNTZ 1996), um von vornherein dem Vorurteil
zu begegnen, die Soziologen kämen immer zu spät. Erst an zweiter Stelle auf
der Tagesordnung stehen nachträgliche "historische" Analysen der
Zusammenbrüche und die Verallgemeinerung von Analyseinstrumenten für "zukünftige
Umbrüche" (SCHIMANK/WEYER 1996).
Die methodische Stärke einer Osteuropa-Soziologie besteht in ihrer sowohl
komparativen als auch interdisziplinären und historischen Ausrichtung sowie der
Vertrautheit ihrer Betreiber mit den kulturellen, sprachlichen und
gesellschaftlichen Gegebenheiten in Osteuropa. Dadurch wird die Suche nach neuen
Wegen der Forschung stimuliert (STERBLING 1990), die erst eine umfassende
Analyse der postsozialistischen Gesellschaften ermöglichen. Das praktische
Anliegen einer Osteuropa-Soziologie schließlich ist es, auf die Unbestimmtheit
des Ausgangs der Transformationsprozesse in Osteuropa und ihre Offenheit für
Modelle von Demokratie und Marktwirtschaft aufmerksam zu machen, die nicht
unbedingt den klassischen westlichen Vorstellungen entsprechen. Gleichzeitig
kann sie für die Besonderheiten Osteuropas und ihre Ursachen sensibilisieren.
Dabei könnte eine Soziologie Osteuropas bei einer noch bewußteren Wahrnehmung
dieser praktischen Seite ihrer Analysen einerseits Interpretations- und
Informationsangebote für die breite Öffentlichkeit bereitstellen, andererseits
zu einem Kommunikations- und Diskussionszentrum für Vertreter verschiedener
Praxisbereiche werden und somit Spekulationen und vereinseitigten Sichtweisen
entgegenwirken.
4. Welche Bausteine einer Soziologie Osteuropas wurden bereits
zusammengetragen?
Die Vielzahl sozialwissenschaftlicher Modelle und Konzeptionen, die zur Erklärung
dessen, was in Osteuropa vor sich geht, entwickelt wurden, ist unüberschaubar
und stiftet nach wie vor mehr Verwirrung als Klarheit. Ein Verdienst der
Osteuropa-Soziologie ist es, die Komplexität der osteuropäischen Wirklichkeit
vorläufig auf einige forschungspraktisch handhabbare, besonders dringliche
Fragestellungen reduziert zu haben. Die Bilanz der soziologischen Aufklärung
der osteuropäischen Transformationsprozesse fällt somit nicht mehr so mager
aus wie noch 1992 von Ulrich Beck formuliert (BECK 1993): wer für diese Zeit
eine Erklärung hat, ist nicht mehr verdächtig.
Zu einem Erklärungsrahmen für die Transformationsprozesse in Osteuropa, der
bereits einigen Inhalt aufzuweisen hat, gehören bisher: die Auseinandersetzung
mit den Ansätzen der Kommunismusforschung und der politischen Soziologie des
realen Sozialismus; die kritische Überprüfung vorhandener
allgemein-soziologischer Theorien auf ihre Erklärungskraft für den osteuropäischen
Kontext und die dabei erfolgte "Wiederentdeckung" der historischen
Modernisierungsforschung und der weichenstellenden Kraft von Weltbildern für
den Wandel politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Systeme; das
Setzen neuer Akzente in der Theoriebildung, die dem spezifischen
Gegenstandsbereich entsprechen, u.a. aus einer katastrophensoziologischen, einer
handlungsoziologischen, einer religionssoziologischen und einer
sprachsoziologischen Perspektive; Anfänge einer Soziologie des Nationalen; die
Verknüpfung von Theorie und Empirie in Analysen des Wandels der politischen und
sozialen Strukturen im allgemeinen sowie in Stadt, Land und Industrie im
besonderen; Mehrebenenanalysen, die die Bedeutung der Interdependenz der
verschiedenen Dimensionen der Transformationsprozesse für die Konsolidierung
der neuen Systeme untersuchen und dabei ökonomische, historische und
kulturwissenschaftliche Ansätze einbeziehen; Ansätze zur Aufarbeitung der
osteuropäischen Soziologien in Geschichte und Gegenwart.
Die von den osteuropäischen Zusammenbrüchen ausgehende Herausforderung an
die Erklärungsfähigkeit soziologischen Denkens wurde mit der Etablierung einer
für Osteuropa zuständigen soziologischen Zweigdisziplin und dem Vorliegen
ihrer ersten Ergebnisse angenommen. Allerdings sind die von der
Osteuropa-Soziologie ausgehenden Anregungen zum kritischen Überdenken eingeübter
Paradigmen und verengter Begriffssysteme noch nicht von der Soziologie als
Ganzer angenommen worden. Gelänge es, die gegenseitigen Berührungsängste und
Vorurteile dauerhaft zu überwinden und die Herangehensweisen von allgemeiner
Soziologie und Zweigsoziologie kooperativ zu bündeln, wie das teilweise im
Rahmen der Sektion auf Arbeitstagungen schon geschehen ist und auch in
verschiedenen soziologischen Sammelbänden versucht wird, könnte das einen beträchtlichen
Gewinn an Erklärungspotential zur Erhellung der östlichen wie westlichen
Gegenwartsgesellschaften erbringen.
Literatur
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Becker, Ulrike, Deutsche Osteuropaforschung 1990-1994, Berlin:
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Glaeßner, Gert-Joachim, Kommunismus - Totalitarismus - Demokratie. Studien
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Jahn, Egbert, Professuren-Verzeichnis zur Osteuropaforschung, in: Osteuropa,
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Jahn, Egbert, Professuren-Verzeichnis zur Osteuropaforschung: eine Ergänzung,
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König, Helmut, Geistige und soziale Prozesse des Systemwandels. Bericht über
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Merkel, Wolfgang, Theorien der Transformation: Die demokratische
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Politische Theorien in der Ära der Transformation, Opladen: Westdeutscher
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Müller, Klaus, Paradigmenrevision. Folgen des osteuropäischen Wandels für
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Soziologie in Halle an der Saale 1995, Frankfurt a.M./New York: Campus 1996, S.
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Rytlewski, Ralf, Führt die Perestrojka auch zur Umgestaltung der
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Schimank, Uwe/Weyer, Johannes, Der Untergang des Staatssozialismus:
Vergangenheits- und zukunftsgerichtete Herausforderungen an die soziologische
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27. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Halle an der Saale
1995, Frankfurt a.M./New York: Campus 1996, S. 179-190
Sterbling, Anton, Die soziologische Ost- und Südosteuropaforschung in der
Bundesrepublik Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der Rumänienforschung,
in: Südosteuropa-Mitteilungen, H. 1/1996, S. 76-82
Sterbling, Anton, Zu Einführung: Lage und Perspektiven der deutschen
Osteuropa-Soziologie, in: W. Glatzer (Hrsg.), 25. Deutscher Soziologentag 1990.
Die Modernisierung moderner Gesellschaften. Sektionen, Arbeits- und Ad
hoc-Gruppen, Opladen: Westdeutscher Verlag 1991, S. 590-592
(Dr. Katrin Mattusch, Humboldt-Universität zu Berlin, Lehrstuhl für
vergleichende Strukturanalyse)
Stand und Perspektiven der politikwissenschaftlichen
Osteuropa-
forschung in Deutschland -
Problemskizze
Die Osteuropaforschung in der Bundesrepublik und in der DDR ist bis 1989 im
jeweiligen Land von verschiedenen Disziplinen gemeinsam, teilweise in speziellen
Instituten interdisziplinär koordiniert, betrieben worden und hatte in beiden Ländern
auch eine politikberatende Funktion.1 Der unerwartete Systemwechsel
bedeutete bekanntlich für die DDR-Gesellschaftswissenschaften generell einen
Erdrutsch, aber auch die bundesdeutsche Osteuropawissenschaft erlebte ihn als
"schwarzen Freitag" (Beyme). Wie hat sich letztere seitdem von ihrem
Tief erholt?2
Beyme sah 1994 eine deutlich höhere Beteiligung der Wissenschaftler aus
Osteuropa am wissenschaftlichen Diskurs voraus, eine tiefere Spezialisierung der
Disziplin und eine stärkere Rückbindung der Area-Forscher an den methodischen
Stand des Faches.3 Was ist seither praktisch geschehen? Die
Wissenschaftler aus den Ländern selbst haben stärker die Rolle der Länderspezialisten
auszufüllen begonnen. Sie wurden zu Konferenzen und zur Teilnahme an Sammelbänden
eingeladen, sind aber aus der Rolle der Zuarbeiter der im Westen aufgelegten und
von dort koordinierten Forschungsprojekte bisher kaum herausgekommen. Ausnahmen
wie der ungarische Politologe Attila Agh, der selbst Forschungsnetze knüpft,
bestätigen nur die Regel.
Nach 1989 hat sich die Infrastruktur für die Osteuropaforschung wesentlich
verbessert: so wurden staatliche Archive geöffnet, die Meinungsumfrageforschung4
(und anknüpfend daran die quantitative Wahl-, Parteien-, und Kulturforschung)
nahm in allen Ländern einen Aufschwung. Damit war eine wichtige Grundlage für
die Verstärkung der sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung auch in der
Bundesrepublik gelegt, weil sich damit die Bedeutung spezieller kultureller
Kompetenz der deutschen Forscher selbst verringerte. Der
ideengeschichtlich-ideologiekritische Forschungsansatz, der sich der
Verteidigung der westlichen Werte widmete, wurde ebenso wie die "Kremlinologie"
(Beyme) in den Hintergrund gedrängt. Mit nachholenden Scharmützeln um die frühere
politische Einschätzung des untergegangenen Systems (in der Bundesrepublik
wurde das vor allem am Gegenstand der DDR-Forschung betrieben5) trat
diese in der Vergangenheit wichtige Forschungslinie endgültig von der Bühne
ab. Allerdings blieb nach wie vor eine merkwürdige Arbeitsteilung zwischen
einer eher zeitgeschichtlich orientierten Area-Forschung und einer stärker an
den dominierenden theoretischen Konzepten der Politikwissenschaft orientierten
Richtung bestehen. Dazu kommt, daß der Aufschwung der zweiten, der
theoriegeleiteten, empirisch-analytischen, Richtung der Osteuropaforschung
scheinbar stark konjunkturellen Charakter hatte. Aus der Beschäftigung mit
anderen Gegenständen strömten nach 1989 Politikwissenschaftler in die
Osteuropaforschung und versuchten, ihre eigenen theoretischen Vorlieben nun auf
dem für sie neuen Feld der Transformationsforschung umzusetzen. Zwischen ihnen
und der eher zeitgeschichtlich-kulturell orientierten,
regionalwissenschaftlichen Strömung der traditionellen Osteuropaforschung
entwickelte sich allerdings kein produktiver Dialog. Mehr noch, es zeigten sich
Abwehrreaktionen.6 Beide Lager stehen sich bis heute sprachlos gegenüber.
Als dann die Osteuropa-Konjunktur wieder abebbte, und die neuen Enthusiasten
sich wieder verliefen, blieb von der Osteuropa-Forschung wieder vorwiegend die
an einzelnen Ländern und Regionen orientierte Forschung übrig. Es zeigte sich,
daß der oben konstatierte Beginn einer stärkeren Rückbindung der "Areaforscher"
an den methodischen Stand des Faches insgesamt nicht von Dauer war. Dafür wäre
nach meiner Auffassung eine gründliche Reorganisation des Teilgebietes
"Vergleichende Politikwissenschaft" in der Bundesrepublik
erforderlich, das hier gegenwärtig trotz der zwölf neuen Professuren in
Ostdeutschland7 eher ein Schattendasein fristet.
Soweit kurz zu einigen Haupttendenzen der politikwissenschaftlichen
Osteuropaforschung der letzten Jahre. Nun noch der riskante, weil
notwendigerweise unvollständige, Verweis auf einige wichtige Publikationen auf
dem betrachteten Forschungsgebiet: Seit 1993 wurden eine Reihe von Monographien
zu den Ergebnissen der vergleichenden politikwissenschaftlichen
Transformationsforschung veröffentlicht. In der Bundesrepublik sind dabei u. a.
Bücher von Beyme, Glaeßner und Offe erschienen.8 In welchem Maße
sie neue theoretische Konzepte entwickeln konnten, oder nicht mehr sind, als
eine gelungene Illustration bekannter theoretischer Ansätze mit dem neuen
Material aus der Region, ist umstritten, und es soll hier auch nicht entschieden
werden.9 Durch den Systemwechsel in Osteuropa erhielt jedenfalls der
politikwissenschaftliche Vergleich der Demokratisierung autoritärer Systeme in
verschiedenen Regionen der Erde wichtige Impulse. 10
Anmerkungen
1 Da die nur schwach institutionalisierte Osteuropaforschung der DDR weithin
unbekannt ist, soll hier nur, ohne das weiter ausführen zu können, auf die
Anfang der achtziger Jahre erfolgte Bildung des "Institutes für Politik
und Ökonomie sozialistischer Länder" an der Akademie für
Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED sowie des dazugehörigen
"Wissenschaftlichen Rates" verwiesen werden. Vgl. etwa die erste (und
bisher einzige) Analyse von M. Heinrichs, G. Pollach, A. Schwarz und M. Stelter:
Die Osteuropaforschung der DDR: Bilanz und Perspektiven. Berichte des BIOst
8/1991.
2 Sicher ist es unnötig darauf zu verweisen, es soll aber trotzdem hier
geschehen: die nachfolgende Skizze wurde auf der Grundlage persönlicher Eindrücke
des Autors aus der eigenen Forschung, die sich vorwiegend auf den Gebieten
Analyse der osteuropäischen Parteien und Transitionsforschung vollzog,
angefertigt und erhebt ausdrücklich keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
3 Klaus von Beyme: Systemwechsel in Osteuropa, Frankfurt a. M. 1994, S. 35
ff.
4 Die mir am interessantesten scheinenden Untersuchungen wurden durch die Österreichische
Paul-Lazarsfeld-Gesellschaft zusammen mit Wissenschaftlern der Glasgower
Universität und osteuropäischen Kollegen im Rahmen eines "New Democracies
Barometer" in inzwischen drei Wellen durchgeführt. Zur zweiten Welle vgl.
Richard Rose/ Christian Haerpfer: Adopting to Transformation in Eastern Europe,
Glasgow 1993.
5 Siehe u. a. Jens Hacker: Deutsche Irrtümer. Schönfärber und
Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen, Berlin 1992. Vgl. Beyme, Systemwechsel
(Anm. 3), S. 16 ff., G.-J. Glaessner: Kommunismus-Totalitarismus-Demokratie,
1995, S. 216 ff.
6 Ein Beleg für eine solche Abwehr findet sich etwa in der Arbeit von
Margarete Mommsen: Wohin treibt Rußland? München 1996, Einleitung, S. 10, 18.
7 H. J. Lietzmann: Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland. In:
Lietzmann/Bleek (Hrsg.): Politikwissenschaft. Geschichte und Entwicklung in
Deutschland und Europa, München/Wien 1996, S. 59.
8 Das Jahr 1994 stellt den bisherigen Höhepunkt der Publikationstätigkeit
dar. Es erschienen die schon zitierte Arbeit von Beyme: Systemwechsel in
Osteuropa; Gert-Joachim Glaeßner: Demokratisierung nach dem Ende des
Kommunismus; Claus Offe: Der Tunnel am Ende des Lichts.
9 Siehe dazu das durch Klaus von Beyme und Offe herausgegebene Sonderheft
26/1995 der PVS, hier besonders die Beiträge Beymes: "Theorie der Politik
im Zeitalter der Transformation" sowie Wolfgang Merkels: "Theorien der
Transformation: Die demokratische Konsolidierung postautoritärer
Gesellschaften" Vgl. auch die kürzlich veröffentlichte Position des
Autors (Die Transformationsanalyse Osteuropas. Denkanstöße, theoretische
Fortschritte und Defizite. In: Internationale Politik, 8/1996.)
10 Vgl. die Veröffentlichung der Ergebnisse des Arbeitskreises
"Systemwechsels": Merkel (Hrsg.): Systemwechsel 1. Opladen 1994;
Merkel u. a. (Hrsg.): Systemwechsel 2. Opladen 1996.
(Prof. Dieter Segert, Humboldt-Universität zu Berlin, Lehrstuhl für
Komparatistik Osteuropa)
Die deutschsprachige sozialwissenschaftliche
Osteuropaforschung im Spiegel der Datenbank SOFIS
Die institutionelle und thematische Breite der mit Osteuropa befaßten
deutschsprachigen Forschung läßt sich in ihrer Entwicklung in der IZ-Datenbank
SOFIS (Forschungsinformationssystem Sozialwissenschaften) nachweisen. Die
Projektinformationen in SOFIS werden durch eine jährliche Erhebung bei über
5.000 deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen
gewonnen. Die Datenbank umfaßt z.Zt. 36.259 Forschungsprojektnachweise aus den
Erfassungsjahren 1986-1996, spiegelt dadurch die sozialwissenschaftlichen
Forschungsthematiken pro Jahr wider und bietet somit auch Aussagemöglichkeiten
zur sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung. Die These, daß die inhaltliche
und institutionelle Diversifikation der deutschen sozialwissenschaftlichen
Osteuropaforschung zunimmt (und damit auch der Bedarf an vernetzenden Aktivitäten
und Dienstleistungen für diese Forschung) war der leitende Gedanke dieser
Analyse. Die IZ-Literaturdatenbank SOLIS (Sozialwissenschaftliches
Literaturinformationssystem), die sozialwissenschaftliche Monographien,
Zeitschriftenartikel und graue Literatur seit 1945 nachweist, wird bei Aussagen
über den quantitativen Zuwachs der sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung
zum Vergleich hinzugezogen.
Die folgenden Abbildungen zeigen die Mengen an Literaturhinweisen (SOLIS) und
Forschungsprojektbeschreibungen (SOFIS) zu Osteuropa im Verhältnis zum
Gesamtumfang der Datenbanken (SOLIS: 199.273 Dokumente der Erscheinungsjahre
1945-1996 und SOFIS: 36.259 Dokumente aus dem Bestand 1986-1996), sowie zum
Vergleich den Gesamtzuwachs an sozialwissenschaftlicher Literatur ab
Erscheinungsjahr 1990 und dem Forschungsbestand ab 1991 wiederum ins Verhältnis
gesetzt zum Zuwachs der osteuropabezogenen Literatur/Forschung ab diesen
Zeitpunkten.
Abb.1: Zuwachs der Literaturhinweise zu Osteuropa - SOLIS-Datenbank 1945 -
1996 (199.273 DE)

Abb. 2: Zuwachs der Forschungsprojekte zu Osteuropa - SOFIS-Datenbank,
Bestand 1986 - 1996 (36.259 DE; die Jahresangaben beziehen sich auf die
Neuaufnahme bzw. letztmalige Aktualisierung des Projektnachweises)
In dem knappen Zeitraum von sechs Jahren hat sich
der Anteil der auf Osteuropa bezogenen Publikationen und Forschungsprojekte
wesentlich erhöht. Dies läßt vermuten, daß ein eigenes Forschungsfeld
"sozialwissenschaftliche Osteuropaforschung" entstanden ist.
Um folgende Abbildungen übersichtlich zu gestalten, wurden für die
Recherche die Länder Ostmittel- und Osteuropas in Gruppen zusammengefaßt,
wobei gängige Einteilungen zugrundegelegt wurden:
Ostmitteleuropa umfaßt Polen, Ungarn, Tschechoslowakei, resp.
Tschechien und Slowakien
Zu Südosteuropa zählen Albanien, Bulgarien, Rumänien, Jugoslawien
und seine Nachfolgestaaten.
In die Gruppe der ehemals sowjetischen Staaten fallen die Ukraine und
Belarus sowie alle Länder der GUS, außer
Rußland, das wegen seiner besonderen Bedeutung separat aufgeführt
wird; ebenso
die baltischen Staaten, die als eigene Gruppe aus Estland, Lettland
und Litauen zusammengefaßt wurden.
Die UdSSR wurde als eigene Gruppe behandelt, weil sie zum einen als
historisches Gebilde 1991 noch bestand und zum anderen als Bezugsgröße zu
gegenwärtigen Transformationsfragen eine eigene Bedeutung behält.
Die letzte Gruppe umfaßt alle Projekte, die sich länderunspezifisch auf Ost-
und Südosteuropa im allgemeinen beziehen.
Abb. 3: Gesamtmenge der Literatur- und Forschungsprojekte zu Osteuropa
nach Ländergruppen (Mehrfachzuordnungen möglich) in SOLIS und SOFIS
Die folgenden Aussagen beziehen sich ausschließlich
auf die Forschungsprojekt-Datenbank. Betrachtet man den Zuwachs von 1991-1996
pro Jahr, zeigt sich deutlich die Tendenz der steigenden Beschäftigung mit
Osteuropa.
Abb. 4: Forschungsprojektmeldungen zu Osteuropa nach Jahren (SOFIS-Datenbank
1991-1996)

Der Zuwachs verteilt sich über alle Ländergruppen, wobei das größte
Interesse der Forschung sowohl vor als auch nach 1990 "naturgemäß"
den Nachbarstaaten Deutschlands - zusammengefaßt als Ostmitteleuropa - gilt.
Bei der Gruppe der "ehemals sowjetischen Staaten" ist ein überproportionaler
Zuwachs zu verzeichnen, der sich aus der Tatsache erklärt, daß diese Staaten
erst ab 1992 entstanden sind, vorher also nicht als eigene Untersuchungsregionen
auftauchen konnten; inzwischen liegen z.B. zur Ukraine bereits 28
Projektmeldungen (SOLIS: 62) vor, zu Weißrußland 17 (SOLIS: 32) und zu Ländern
wie Turkmenistan, Armenien, Georgien und Aserbaidschan sind immerhin auch
jeweils zwischen zwei und acht Projekten (SOLIS: je zwischen 17 bis 39) in SOFIS
gespeichert. Bemerkenswert ist, daß das Interesse am Untersuchungsobjekt
"UdSSR" auch ab 1992 kaum nachgelassen hat; dies kann als Indiz
gedeutet werden, daß in der Transformationsforschung die Bezugsgröße des
"Vorher" ein wesentlicher Bestandteil der Forschungsfragen ist.
Regionale Schwerpunkte und institutionelle Verankerung der
sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung
An den 1021 Forschungsprojekten zu Osteuropa, die seit 1991 in SOFIS
aufgenommen wurden, sind insgesamt ca 1.700 Personen aus fast 600 Institutionen
(zu denen hier Institute und Lehrstühle pro Universität separat gezählt
wurden) beteiligt. Geht man von einer 80prozentigen Abdeckung aller relevanten
sozialwissenschaftlichen Projekte in SOFIS aus und berücksichtigt man die
Tatsache, daß bei einer sich erst entfaltenden Forschung der Prozentsatz der
Abdeckung geringer sein könnte, weil noch nicht alle osteuroparelevanten
Institutionen und Personen von der jährlichen IZ-Erhebung erreicht werden, so
kann man eine Gesamtzahl von 2000 bis 2500 Forschern zugrunde legen, die zum
Netz der deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Osteuropaforscher gezählt
werden können.
Die regionalen Schwerpunkte der sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung
in Deutschland sind vor allen Dingen Berlin (15%) und München (10%). Danach
folgt - allerdings in erheblichem Abstand - Bonn und Kiel (zwischen 3% und 5%).
Zwei bis drei Prozent der Projekte entfallen jeweils auf Frankfurt/M., Giessen,
Hamburg, Leipzig, Mannheim und Marburg. Die zwischen 1% bis 1,9% liegenden
Projektmeldungen stammen jeweils aus Bochum, Düsseldorf, Hannover, Köln,
Mainz, Münster, Nürnberg und Tübingen. Unter einem Prozent, aber jeweils noch
mehr als fünf Projekte, wurden aus Bielefeld, Bremen, Frankfurt/O., Göttingen,
Halle und Heidelberg gemeldet. Die weiteren 45% der sozialwissenschaftlichen
Projekte zu Osteuropa sind über die restlichen deutschen Forschungs- und
Universitätsstädte verstreut.
Bemerkenswert ist, daß sich (bisher) in den neuen Bundesländern - mit
Ausnahme von Leipzig und natürlich Ost-Berlin - keine Zentren von auf Osteuropa
gerichteter Forschung gebildet haben. Dies wäre zu erwarten gewesen angesichts
der größeren geschichtlichen und räumlichen Nähe der neuen Bundesländer zu
Osteuropa. Das hier vermutete Sprach- und Kultur- Know-how sowie tradierte
Forschungsbeziehungen zu den Ländern Osteuropas scheinen für die
sozialwissenschaftliche Forschung noch nicht zum Tragen zu kommen. Gründe hierfür
bedürften einer genaueren Untersuchung und sind durch Datenbank-Recherchen
nicht zu ermitteln. Sicher ist bei diesem Sachverhalt zu berücksichtigen, daß
in dem betrachteten Zeitraum durch Umstrukturierungen und Neuaufbau der
sozialwissenschaftlichen Forschung in den neuen Bundesländern die Aussagen über
das Forschungsaufkommen in dieser Region noch nicht repräsentativ sein können.
Insgesamt wird aber die starke regionale Streuung der sozialwissenschaftlichen
Beschäftigung mit Osteuropa über ganz Deutschland erkennbar.
Abb. 5 Institutionelle Herkunft von 1021 Forschungsprojekten zu Osteuropa (Institutionen
nach Disziplinen; Mehrfachzuordnungen),
SOFIS-Datenbank 1991-1996
Die disziplinäre Verteilung der an der
Osteuropaforschung beteiligten Institutionen entspricht nicht ganz der
Gesamtverteilung der disziplinären Herkunft von Institutionen ab 1991 in der
Datenbank SOFIS. Während in der Gesamtdatenbank ab 1991 die
wirtschaftswissenschaftlichen Institutionen mit rd. 25% der Projektmeldungen die
Rangreihe anführen, gefolgt von soziologischen (18%) und
erziehungswissenschaftlichen (12%) Forschungseinrichtungen, führen bei den
Osteuropaprojekten ab 1991 zwar ebenfalls die wirtschaftswissenschaftlichen
Institutionen die Rangreihe an (26%), hier jedoch gefolgt von
politikwissenschaftlichen Institutionen (ca. 24%), die in der Gesamtdatenbank für
den gleichen Zeitraum mit 10% vertreten sind. An dritter Stelle folgen dann
soziologische Institutionen (ca. 16%). Im Unterschied zur Verteilung in der
Gesamtdatenbank fällt in der Rangreihe der Osteuropaprojekte die extreme Verdrängung
der erziehungswissenschaftlichen Institutionen und der hohe Anteil von
politikwissenschaftlichen Institutionen auf. Auch die anteilig hohe
Projektmeldezahl aus geschichtswissenschaftlichen und geographischen Instituten
ist bemerkenswert. Des weiteren zeigt sich eine relativ hohe Abweichung bei den
psychologischen Einrichtungen, die in der Gesamtdatenbank Urheber von ca. 7% der
Projektmeldungen sind, in der Osteuropaforschung aber weniger als ein Prozent
gemeldet haben.
Inhalte der deutschen Osteuropaforschung
Die Verteilung der Forschungsprojekte selbst über die
sozialwissenschaftlichen Disziplinen wurde entsprechend der intellektuell pro
Projekt vergebenen sozialwissenschaftlichen Klassifikationen ermittelt.
Abb. 6 Disziplinäre Verteilung der Forschungsprojekte zu Osteuropa
SOFIS-Datenbank 1991-1996 (Mehrfachzuordnungen)
Daß die "Spitzenreiter" die
Politikwissenschaft und die Wirtschaftswissenschaft (in dieser Reihenfolge)
sind, verwundert nicht angesichts der oben beschriebenen institutionellen
Herkunft der Projekte. Auffallend in der Verteilung ist allerdings, daß die
sozialgeschichtlich klassifizierten Projekte an dritter Stelle stehen, woraus
sich ableiten ließe, daß die "Rückwärtsgewandheit" der Forschung
ein wichtiger Forschungsansatz für das Verständnis der gegenwärtigen
Transformationsphänomene ist. (Nur eine genaue, vertiefende Betrachtung dieser
Projekte würde hier Aussagen ermöglichen, inwieweit der sozialgeschichtliche
Ansatz in Bezug auf Osteuropa eine "Enthaltsamkeit" gegenüber gegenwärtigen
Problemen aufweist oder inwieweit er als zeitgeschichtliche Forschung dazu beiträgt,
diese Probleme zu erhellen.) Daß Untersuchungen z.B. im Bereich Sozialpolitik
oder Rechts- und Verwaltungswissenschaften - in denen der Anwendungsbezug
vergleichsweise hoch ist, eine relativ geringe Rolle spielen, legt die Vermutung
nahe, das das "Wagnis", aus der Ferne schwerpunktmäßig
praxisorientierte Forschung für osteuropäische Länder zu betreiben, von
deutschen Sozialwissenschaftlern eher nicht eingegangen wird.
Eine genauere Betrachtung der Spitzenreitergruppe
"Politikwissenschaft" innerhalb der sozialwissenschaftlichen
Hauptdisziplinen (397 Projekte) zeigt, daß in dieser Disziplin die
Fragestellungen der traditionellen Osteuropaforschung vor 1989 nach wie vor zu
dominieren scheinen. (Auch diese These bleibt zu prüfen hinsichtlich der erwähnten
Frage eventuell nicht repräsentativer Abdeckung der Osteuropaforschung in SOFIS).
Fragen der politischen Geschichte, zu internationalen Beziehungen und der
Sicherheitspolitik machen in jedem Fall in SOFIS - sowohl bei der
Osteuropaforschung als auch in der Gesamtdatenbank - den größten Prozentsatz
der politikwissenschaftlichen Forschung aus. Themen zur Wirtschafts-, Agrar- und
Finanzpolitik rangieren darauf folgend vor Untersuchungen zur Europapolitik, zur
politischen Willensbildung und zu Regierungssystemen.
Die wirtschaftswissenschaftlichen Projekte, die innerhalb der Verteilung nach
Hauptdisziplinen der Sozialwissenschaften an zweiter Stelle stehen (303
Projekte), verteilen sich hauptsächlich auf Fragen des Wirtschaftssystems - zu
dessen Organisation und Struktur. Betriebswirtschaftliche Untersuchungen und
Themen zum Außenhandel bilden weitere nennenswerte Problembereiche.
Unter den insgesamt 209 soziologischen Projekten, dominieren Fragestellungen
aus der Bevölkerungssoziologie, zu sozialen Problemen/Konflikten, zum sozialen
Wandel sowie aus der politischen Soziologie.
Bei der Betrachtung der methodischen Zuordnung aller 1021 Projekte zu
Osteuropa - entsprechend der für SOFIS eingesetzten Methodenklassifikation - fällt
auf, daß 44% aller Projekte als empirisch gekennzeichnet sind (451 Meldungen)
und der Spitzenreiter der in SOFIS zu empirisch gerechneten Methoden hierbei die
Aktenanalyse ist. Bemerkenswerterweise ist über ein Viertel der Projekte mit
"historisch" klassifiziert (auch bei der Methodenklassifikation sind
Mehrfachnennungen möglich/ üblich). Daß die
"Anwendungsorientierung" als methodischer Bezugsrahmen mit 19% noch
relativ häufig genannt wird, widerspricht zwar der vorherigen Annahme
hinsichtlich einer "Zurückhaltung" der Forschung bei eher
anwendungsorientierten Problembereichen, kennzeichnet aber u.U. das Selbstverständnis
der sozialwissenschaftlichen Osteuropaforschung als praxisbezogen. Auch die
methodische Kennzeichnung "Dokumentation" spielt in der
Osteuropaforschung eine größere Rolle. Dies fügt sich in das Bild der gegenwärtigen
Transformationsforschung: grundlegende Materialsammlungen zu den verschiedenen
sozialwissenschaftlichen Themenbereichen konnten erst ab 1990 durch den
empirischen Zugang zu den osteuropäischen Ländern begonnen werden und nehmen
daher zur Zeit wahrscheinlich einen relativ großen Forschungsraum ein.
Wirklich bemerkenswert ist folgender Sachverhalt: bei insgesamt 208 Projekten
wird der methodische Ansatz dem Vergleich (internationalen/ interkulturellen)
zugeordnet. Andererseits wird nur bei insgesamt acht Forschungsprojekten eine
kooperierende Institution aus Osteuropa angegeben. Folgt man der These, daß
gerade für Osteuropa eine vergleichende Forschung ohne das Hintergrund- und
Interpretationswissen von Forschungspartnern aus den untersuchten Ländern
selbst häufig zu Fehlschlüssen führt, wird durch die verschwindend geringe
Zahl von Projekten, bei denen sich deutsche Forscher gemeinsam mit
institutionellen Partnern aus Osteuropa dem Gegenstand ihrer Untersuchung nähern,
das generelle Konzept der Forschungsansätze in der sozialwissenschaftlichen
Osteuropaforschung hinterfragbar. Die Anknüpfung von Forschungskontakten
scheint Richtung Osteuropa kein "naturwüchsiger" Prozeß, sondern
bedarf einer Unterstützung und Förderung durch eine beiden Seiten
verpflichtete Vermittlungsstelle. Die GESIS-Außenstelle bietet diese Unterstützung
jedem Interessierten an.
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