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Newsletter - Sozialwissenschaften in Osteuropa 1996-Sonderheft

Ausgewählte Forschungsschwerpunkte


Kulturgeschichte und Kultur-
soziologie Polens -
Ein neuer Studiengang (Nebenfach) und ein neues Forschungsgebiet an der Universität Bremen

Bremen spielte in den siebziger Jahren eine Pionierrolle in den Beziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik. Es war die erste deutsche Stadt, die eine Partnerschaft mit einer polnischen Stadt, Danzig, 1976 vereinbart hat. In Bremen wurde auch die erste deutsch-polnische Gesellschaft in der Bundesrepublik gegründet. Ein Zeichen dafür, daß man sich um die Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen bemühte, war die Tatsache, daß in den Bremer Schulen die Empfehlungen der deutsch-polnischen Schulbuchkommission in den Lehrprogrammen berücksichtigt wurden. Auch heute spielt Bremen in diesem Bereich eine Vorreiterrolle: es ist das einzige Bundesland, in dem ein muttersprachlicher Polnischunterricht an einigen Grundschulen angeboten wird.

Die Universität Bremen hat sich an dieser Partnerschaft beteiligt und hat 1979 ein Kooperationsabkommen mit der Universität Danzig abgeschlossen. Es fand in der Folge ein reger Austausch zwischen beiden Universitäten statt und im Jahr 1982 entstand an der Universität Bremen eine Forschungsstelle Osteuropa, die sich unter der Leitung von Prof. Wolfgang Eichwede u.a. der Sammlung von Untergrundpublikationen und der Erforschung der inoffiziellen Kultur und des illegalen politischen Lebens in Osteuropa widmete. Ein paar Jahre später wurde der Studiengang Kulturgeschichte Osteuropas eingerichtet, der Studenten sowohl Kenntnisse von Kultur und Literatur, als auch der politischen und gesellschaftlichen Prozesse in Osteuropa vermitteln sollte. Obwohl man in diesen akademischen Einrichtungen ganz Osteuropa im Blick behalten wollte, war das Interesse an Rußland natürlicherweise dominierend und entsprechend wurde auch im Sprachunterricht vor allem Russisch angeboten. Sowohl in der Lehre als auch in der Forschung spielten andere Staaten und Kulturen eine eher sekundäre Rolle, obwohl auch Seminare zu polnischer oder tschechischer Kultur und Gesellschaft angeboten wurden.

Eine neue Etappe der Entwicklung des Studienganges Kulturgeschichte Osteuropas begann nach der "Wende" 1989. Es wurde immer deutlicher, daß der Begriff Osteuropa zu umfassend ist, daß weitere Differenzierungen und neue Kompetenzen erforderlich sind. Es wurde daher, vor allem auf Anregung von Prof. Klaus Städtke, beschlossen, in der Lehre und Forschung die Eigenart von Ostmitteleuropa zu berücksichtigen. Besondere Aufmerksamkeit sollte Polen gelten, dem größten Land dieser Region und dem "neuen" wichtigen Nachbar der "neuen Bundesrepublik". Zugleich sollte sich die Arbeit im Studiengang stärker auf sozialwissenschaftliche Lehr- und Forschungs-themen konzentrieren.

1994 wurde eine Professorenstelle für "Polonistik" im Sinne der Kulturgeschichte Polens geschaffen, an die ich, ein Soziologe aus Warschau, berufen wurde. Zuvor war ich einige Semester als Gastprofessor in Bremen tätig. Im Jahr 1996 hat man auch eine Assistentenstelle für dieses Arbeitsgebiet eingerichtet, die durch den Politikwissenschaftler Dr. Stefan Garsztecki besetzt wurde. Außerdem werden Seminare zur polnischen Kultur und Literatur durch die Literaturwissenschaftler Prof. K. Städtke und PD Dr. Wolfgang Schlott angeboten. Eine Lektorenstelle für Polnisch wird in Kürze besetzt werden.

Ab dem Wintersemester 1996/97 werden Studenten das Nebenfach "Kulturgeschichte Polens" studieren können. Das Nebenfach "Kulturgeschichte Polens" wird dabei nicht als ein philologisch orientiertes Fach verstanden, sondern als kulturgeschichtliches und sozialwissenschaftliches Studium Polens, seiner Geschichte und Gesellschaft, seiner neuen und alten Institutionen und Mentalitäten. Wichtig ist dabei der vergleichende Aspekt: Polen soll als ostmitteleuropäisches Land in seinem Entwicklungsweg und seiner gegenwärtigen Verfassung im Vergleich zu den westlichen (insbesondere Deutschland) sowie osteuropäischen Länder (vor allem Rußland) untersucht und so auch den Studenten vermittelt werden. Zugleich sollen parallele Entwicklungen in anderen ostmitteleuropäischen Ländern, Tschechische Republik, Ungarn, Slowakei, erforscht werden.

Nicht nur die Lehre sondern auch die Forschung muß deshalb interdisziplinär angelegt sein, was allerdings gewisse Präferenzen nicht ausschließt. Der Schwerpunkt wird in der Erforschung der gegenwärtigen politischen Kultur Polens, in der Geschichte des politischen Denkens und in der soziologischen Analyse des gegenwärtigen Wandels der polnischen Gesellschaft liegen, so daß der soziologische und politikwissenschaftliche Ansatz mit dem kulturwissenschaftlichen verbunden wird.

Die Schwierigkeiten in der Realisierung dieses Zieles liegen, besonders in der Lehre, darin, daß es in Deutschland, was die Ideengeschichte und die Geschichte des politischen Denkens in Polen angeht, eine große Forschungslücke gibt, trotz allem, was in den letzten zehn Jahren getan wurde und sich getan hat. Es mangelt nicht an Übersetzungen der literarischen Werke, vor allem Dank der Tätigkeit des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Es mangelt auch nicht an politikwissenschaftlicher Literatur zu Polen nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch die deutsch-polnischen Beziehungen und natürlich die Geschichte der Deutschen in Osteuropa wurden oft behandelt, wenn auch von beiden Seiten manchmal sehr voreingenommen. Selten aber wurde in Deutschland der Versuch unternommen, polnische Geschichte und Gesellschaft aus der inneren Perspektive zu betrachten und diese Innenansichten ideengeschichtlich und kultursoziologisch zu rekonstruieren. Auch die neuesten Forschungsergebnisse polnischer Sozialwissenschaften und aktuelle intellektuelle Diskussionen werden, wenn überhaupt, nur sehr selektiv wahrgenommen.

Solange diese Lücke nicht gefüllt wird, werden Deutsche und Polen immer Probleme haben, sich gegenseitig zu verstehen. Solange es in Deutschland z.B. keine Monographien zur Aufklärung oder Romantik in Polen gibt, solange keine Bücher über Mochnacki, Krasinski, Mickiewicz, Brzozowski, Zdziechowski, Znaniecki, Ossowski usw. erschienen sind und solange sie nicht ihren, wie bescheiden auch immer, Platz im geisteswissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Gedankengut finden, werden Polen und deutsche nie richtig zu verständnisvollen Nachbarn. Da werden selbst unzählige Treffen zur polnisch-deutschen Völkerverständigung nicht helfen. Solange die Ergebnisse der soziologischen und demoskopischen Untersuchungen zu gegenwärtigen Prozessen in der polnischen Gesellschaft nicht breiter bekannt werden und solange sie auch von den deutschen Medien nicht berücksichtigt werden, solange wird es immer schwierig bleiben, Meinungen und Bewertung von Fakten zu unterscheiden und die Situation und die Probleme Polens richtig zu verstehen.

In Bremen möchten wir in unseren Polen-Studien einen Beitrag zur Beseitigung dieser Lücke leisten. Das Ziel können wir aber nur dann realisieren, wenn der rege und alltägliche Austausch mit polnischen Wissenschaftlern möglich sein wird. Zum Glück hat Bremen, wie erwähnt, seit Jahren sehr gute Beziehungen zu Danzig, von denen wir schon jetzt profitieren können. Daneben werden wir die Kontakte mit akademischen Institutionen in Warschau ausbauen. Im Herbst diesen Jahres wird die Universität Bremen ein Kooperationsabkommen mit der Polnischen Akademie der Wissenschaften abschließen, so daß in diesem Rahmen unsere Zusammenarbeit mit polnischen Sozial- und Geisteswissenschaftlern leichter zu organisieren und zu finanzieren sein wird.

Wir planen ferner, regelmäßig Tagungen mit Kollegen aus Polen und anderen ostmitteleuropäischen Ländern zu veranstalten. Das erste Treffen aus dieser Reihe fand im Mai 1995 statt. Einige bekannte Sozialwissenschaftler haben ihre Überlegungen zum Thema "Kulturelle Identität und sozialer Wandel" am Beispiel Polens und anderer ostmitteleuropäischer Länder dargelegt. Ein Sammelband mit den Beiträgen dieser Tagung wird gegenwärtig für den Druck vorbereitet. Das nächste Treffen aus dieser Reihe wird von Prof. Aldona Jawlowska von der Polnischen Akademie der Wissenschaften für 1997 organisiert.

Auch Studenten sollen ihren Anteil an diesem Austausch haben. Im Wintersemester 1996/97 wird ein gemeinsames Blockseminar mit der Graduate School for Social Sciences in Warschau stattfinden, die am Institut für Philosophie und Soziologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist und die 1995 den Hannah-Arendt-Preis der Körber Stiftung für die beste akademische Reforminstitution in Osteuropa bekommen hat. Das Thema dieses Seminars: Deutsche und polnische Interpretationen des politischen und sozialen Wandlungsprozesses in Ostmitteleuropa seit 1989. Das Seminar ist vor allem für Studenten des neuen Nebenfaches "Kulturgeschichte Polens" bestimmt, aber es ist auch an interessierte Studenten der Politikwissenschaften und Soziologie adressiert.

Solche Seminare werden regelmäßig veranstaltet und wir hoffen, daß wir dadurch auch Interesse unter den Studenten wecken können. Auch an der Central European University, deren Soziologische Fakultät sich jetzt in Warschau befindet und wo ausgewählte Studenten aus ganz Osteuropa studieren, möchten wir unsere Studenten zu Studienaufenthalten schicken. Für das nächste Jahr ist zudem eine Sommerschule in Drohiczyn am Bug (Ostpolen) über "Lokale und religiöse Gemeinschaften" geplant.

Auch in der Forschung wird intensiv mit polnischen Wissenschaftlern zusammengearbeitet. Unter anderem beteiligt sich das Nebenfach "Kulturgeschichte Polens" an einem Forschungsprojekt über intellektuelle Eliten in Polen, das von Prof. W. Wesolowski (Polnische Akademie der Wissenschaften) koordiniert wird, sowie an einem internationalen Projekt über wirtschaftliche Eliten (mit Partnern aus Ungarn, Großbritannien, Polen und Rußland), das im Rahmen des PHARE-Programmes der Europäischen Union realisiert und finanziert wird. In Vorbereitung befindet sich ferner ein Forschungsprojekt über die polnische Minderheit in Bremen.

Publikationen

  • Z. Krasnodebski, Postmodernistyczne rozterki kultury, Oficyna Naukowa, Warszawa 1996 (enthält folgende Essays: Die Krise der Moderne und die Lebenswelt; Phänomenologie und die Sehnsucht nach Gemeinschaft; Die Notwendigkeit des Zweifels. Über die politische Anthropologie Helmut Plessners; Die Ordnung im Chaos. Philosophie des Kulturalismus und der Soziologie-Begriff in den frühen Schriften von Florian Znaniecki; Radikalisierte Moderne oder Postmoderne?; Soziologie und der Niedergang des realen Sozialismus; Neue Modernisierung Osteuropas und kulturelle Dilemmata des postmodernen Westens; Europäische Schwierigkeiten mit Osteuropa; Universalismus, Kultur und Zivilität.)
  • Z. Krasnodebski, Max Weber und Osteuropa, in: Berliner Journal für Soziologie, Nr. 3, 1995, S. 367-378.
  • Z. Krasnodebski, Der Nationalismus in Ostmitteleuropa, in: H. Wollmann, H. Wiesenthal, F. Bönker (Hg.), Transformation sozialistischer Gesellschaften. Am Ende des Anfangs, "Leviathan", Sonderheft 15/1995, S. 235-253.
  • Z. Krasnodebski, Die Situation in der polnischen Soziologie im Jahre 1995, in: B. Balla, A. Sterbling (Hg.), Zusammenbruch des Sowjetsystems. Herausforderung für die Soziologie, Hamburg 1996, S. 311-322.
  • Z. Krasnodebski, Hat die Revolution ihre Kinder gefressen? Über die geistige Elite Polens sechs Jahre nach dem Ende des Kommunismus, in: Jahrbuch des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt, Wiesbaden 1996, S. 15-28.
  • Z. Krasnodebski, Universalismo, culture e civilitá, in: G. de Finis, R. Scartezzini (Hg.), Universalitá & differenza. Comopolitismo e relativismo nelle relazioni tra identitá sociali e culture, Milano 1995, S. 62-74.
  • In Vorbereitung: K. Städtke, Z. Krasnodebski, S. Garsztecki (Hg.), Kulturelle Identität und sozialer Wandel
  • S. Garsztecki, Instrumentalisierung des polnischen Deutschlandbildes als Feindbild zu innenpolitischen Zwecken? Ein Vergleich von offizieller, katholischer und oppositioneller Publizistik 1970-1989. Diss. Uni-Trier 1995 (in Druckvorbereitung)
  • S. Garsztecki, Die politische Kultur Polens - Kontinuität und Wandel (in Druckvorbereitung)

(Prof. Zdzislaw Krasnodebski, Universität Bremen, Lehrstuhl für Polonistik)

Netzwerk Transformation ost- und mitteleuropäischer Wissenschafts-
systeme

Untersuchungen zur Entwicklung der Forschungsinstitute der Akademien der Wissenschaften in den 90er Jahren (case-studies) Quo vadis - Akademieforschung?

Das internationale Netzwerk "Transformation ost- und mitteleuropäischer Wissenschaftssysteme" (siehe Newsletter November 1994, S.18/19 und Dezember 1995, S. 27/28) hat sich in einem weiteren gemeinsamen Forschungsprojekt mit der Entwicklung der Forschungsinstitute der nationalen Akademien der Wissenschaften beschäftigt.

Die Konzentration von Wissenschaft und Forschung in den Akademien der Wissenschaften war eines der typischen Merkmale der Wissenschaftsorganisation in den sozialistischen Ländern, zu dem es kein Pendant in den westlichen Ländern gibt. So wie auch in allen anderen Forschungseinrichtungen dieser Länder war die Tätigkeit der Akademien und ihrer Institute in hohem Maße von politischen Entscheidungen und der zentralen Planung und Leitung abhängig. Nach dem Zerfall des politischen Systems Ende der 80er/ Anfang der 90er Jahre sahen sich die Forschungsinstitute mit einer ständig wachsenden Zahl von Problemen konfrontiert, die letztendlich auf die Frage hinausliefen, inwieweit die Einrichtungen unter den neuen gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen überlebensfähig sind. Ausgehend von dieser generellen Fragestellung haben die Wissenschaftler des Netzwerkes nach einem einheitlichen methodischen Raster (Dokumentenanalyse, Experteninterviews, Befragungen) case-studies von Instituten erstellt. Alle case-studies beruhen auf einer Auswahl unter bestimmten Prototypen von Forschungseinrichtungen, wodurch ein Vergleich der case-studies ermöglicht werden soll. Im Ergebnis wurden 36 case-studies aus 12 Ländern vorgelegt, die sich auf den Untersuchungszeitraum 1994/95 konzentrieren.

Wenngleich es sich bei den case-studies um "Augenblicksaufnahmen" aus den Forschungsinstituten handelt, da die beschriebenen Prozesse keinesfalls abgeschlossen sind und in der Mehrheit der Fälle auch noch keine gesicherten Aussagen über künftige Entwicklungen möglich sind, kann man jedoch in dieser Phase der Transformation eines deutlich erkennen: trotz annähernd gleicher Ausgangsbedingungen (Verbund von Forschungsinstituten unter dem Dach einer Akademie, die nach dem "sowjetischen Modell" organisiert war) haben die Akademien und Institute ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen, um sich an die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anzupassen. Prinzipiell kann man in allen Ländern zwei Grundvarianten dieser "Überlebensstrategien" ausmachen:

  1. 1. die Auflösung der Akademie/einzelner Institute oder
  2. 2. der weitgehende Erhalt der Akademie/einzelner Institute.

Beide Wege erfahren allerdings unter den jeweiligen nationalen Bedingungen eine sehr unterschiedliche Ausprägung - sei es, daß z.B. zwecks Erhalt der Einrichtung drastische Personalreduzierungen vorgenommen werden (wie z.B. in oder aber gerade dies nicht geschieht und die Akademie lediglich als "äußere Hülle" fortbesteht, die das nationale Wissenschaftspotential über die schwierige Zeit des Umbruchs retten soll (wie z.B. in der Ukraine).

Die Materialien aus den case-studies werden im Anschluß an eine vergleichende Analyse zusammengeführt, deren Ergebnisse Anfang des kommenden Jahres in Buchform vorliegen werden. Bereits Ende dieses Jahres wird eine Monographie in Moskau veröffentlicht, die jeweils eine case-study aus einer nationalen Akademie beinhalten wird, die in signifikanter Weise die Transformation der Akademieforschung in den betreffenden Ländern belegt.

(Dr. Teichmann, Netzwerkkoordinatorin - Berlin)

Forschungsverbindungen des WZB mit osteuropäischen Ländern

Unter dem Leitthema "Entwicklungstendenzen, Anpassungsprobleme und Innovationschancen moderner demokratischer Gesellschaften" konzentrieren sich die Forschungen des WZB auf ausgewählte Problemfelder, die unter unterschiedlichen Fachperspektiven und meist im internationalen Vergleich bearbeitet werden. Während der vergleichende Bezug auf die USA, die Länder der Europäischen Union und Japan weit entwickelt ist, erstreckt er sich seit 1990 auch auf die mittel- und osteuropäischen Länder, die früher der wissenschaftlichen Kooperation weitgehend verschlossen waren.

Der letzte Zweijahresbericht des WZB (für 1994-95) weist für die verschiedenen Forschungseinheiten eine Vielzahl von Projekten auf, mit denen Transformationsprozesse ehemals sozialistischer Gesellschaften untersucht werden. Diese Arbeiten stehen unter den thematischen Vorzeichen der einzelnen Forschungseinheiten des WZB mit ihrer je spezifischen theoretischen und methodischen Ausrichtung. Besonders ausgeprägt sind Projekte

* zur Wirtschafts- und Arbeitsorganisation: Arbeitsmarkt- und Beschäftigungssysteme, Kombinatsentflechtung und regionale Wirtschaftsentwicklung, industriebetriebliche Rekonstruierungsprozesse und Managementtendenzen, internationale Migrationsbewegungen und globale Arbeitsteilung;

* zur sozialen Lage: Bewältigungsstrategien privater Haushalte, berufliche und ökonomische Mobilitätsprozesse, sozialstrukturelle Transformationsfolgen, Wohlfahrtsentwicklung;

* zu den politischen Systemen: politisch-kulturelle Voraussetzungen für liberale Demokratie, Parteienentwicklung und Wahlverhalten, Dokumentation der ersten freien Wahlen.

Andere vergleichende Arbeiten beziehen sich etwa auf Protestbewegungen, auf Wissenschaftsinstitutionen und auf die öffentlichen Gesundheitssysteme.

Einige Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten sind im letzten Jahrbuch des WZB (herausgegeben von Hedwig Rudolph) versammelt: "Geplanter Wandel, ungeplante Wirkungen. Handlungslogiken und -ressourcen im Prozeß der Transformation" (WZB-Jahrbuch 1995, Berlin: edition sigma 1995). In den vierteljährlichen WZB-Mitteilungen, die von Interessenten kostenlos abonniert werden können, werden regelmäßig Berichte über diese Forschungen publiziert und wissenschaftliche Veröffentlichungen (Bücher, Zeitschriften, Aufsätze, WZB-Papers) aufgelistet.

Bei den vergleichenden Forschungsprojekten stehen die Wissenschaftler(innen) des WZB jeweils in Verbindung mit Forschungsteams in den betreffenden Ländern. Die Kooperation kann unterschiedliche Formen annehmen - etwa die gemeinsame Erarbeitung des Forschungsdesigns, die Beauftragung mit bestimmten Recherchen, die Einladung von Gastwissenschaftlern, die Einbeziehung von postgraduierten Fellows im Austausch mit einer Partnereinrichtung etc. Außerdem nehmen WZB-Wissenschaftler über ihre Forschungstätigkeit hinaus mitunter auch Beratungs-aufgaben zum Aufbau institutioneller Strukturen in osteuropäischen Ländern wahr.

Besondere Bedeutung mißt das WZB den Forschungsbeziehungen mit Polen bei. Verbindungen haben sich vor allem mit der Universität Krakau und den sozialwissenschaftlichen Instituten der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau entwickelt. Mit deren Institut für Philosophie und Soziologie, das seinerseits eng mit der Graduate School for Social Research und dem Department of Sociology der Central European University verflochten ist, besteht seit kurzem eine förmliche Kooperationsvereinbarung, die auf den Gemeinsamkeiten in Forschungskonzeption und Themenstellung aufbaut, insbesondere dem Interesse an der Untersuchung von Institutionen und Sozialstrukturen in europäischer Perspektive.

(Dr. Georg Thurn; Forschungsplanung und -koordination, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung - WZB)



Ausgabe 1996-
Sonderheft:

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