Newsletter - Sozialwissenschaften in Osteuropa 1998-3
EDITORIAL
Mit dem zweiten Sonderheft des Newsletters "Sozialwissenschaften in
Osteuropa" setzt das Informationszentrum Sozialwissenschaften (IZ) seine
Absicht fort, in regelmäßigen Abständen auch die deutschsprachige
Osteuropaforschung in den Blick zu nehmen. Zum diesjährigen Kongreß für
Soziologie, der unter dem Großthema "Grenzregionen" steht und als
deutsch-österreichisch-schweizerische Veranstaltung ein besonders breites Forum
bildet, bot es sich an, die auf Osteuropa gerichtete sozialwissenschaftliche
Forschung in einer überblicksartigen Form vorzustellen. Die mit dem Newsletter
Sonderheft 1996 begonnene Kooperation des IZ mit der Sektion Ost- und
Ostmitteleuropasoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wurde
inzwischen in vielfältiger Weise fortgesetzt und führte auch für das
vorliegende Sonderheft zu einer gemeinsamen Konzeption und Herausgabe.
Die "Spotlights", die im Sonderheft 1996 auf die aktuelle
soziologische und politikwissenschaftliche Beschäftigung mit Osteuropa geworfen
wurden, werden im vorliegenden Heft auf eine größere Zahl
sozialwissenschaftlicher Teildisziplinen gerichtet, da die Frage der
gegenseitigen Wahrnehmung und Interdisziplinarität gerade in dem auf Osteuropa
gerichteten Forschungsfeld besonders wünschenswert erscheint. Der Blick über
den Tellerrand der jeweils eigenen disziplinären Beschäftigung mit Osteuropa
soll den Austausch und die Vernetzung dieser Forschung unterstützen. Das IZ und
die Sektion Ost- und Ostmitteleuropasoziologie haben sich daher an verschiedene
disziplinäre Vertreter mit der Bitte gewandt, einen kurzen Überblick darüber
zu geben, welche Forschungsschwerpunkte ihre Disziplin nach der Öffnung
Osteuropas entwickelt hat bzw. welche Lücken bestehen. Ohne den Anspruch auf
Vollständigkeit zu erheben, spricht aus den hier präsentierten Problemskizzen
der einzelnen Disziplinen, der starke Bedarf nach interdisziplinärem Austausch
im Bereich der Ost- und Ostmitteleuropaforschung. Die Beiträge zeigen, daß
dieses Bedürfnis längst über das verbindende Stichwort der
"Transformationsforschung" hinaus gewachsen ist und sich auf
thematisch differenzierte Forschungsgebiete bezieht. In den einzelnen Beiträgen
werden diese Schwerpunkte deutlich.
Die Frage nach dem Stand der gegenwärtigen Osteuropaforschung scheint somit
"in der Luft zu liegen". Die Diskussion über die Notwendigkeit oder Läßlichkeit
der Sonderbeschäftigung der sozialwissenschaftlichen Forschung mit Osteuropa
hat auch in Deutschland nach der Wende eingesetzt. Der Legitimationsdruck auf
diese Forschung, die vor 1989 zum größten Teil in speziellen Forschungszentren
konzentriert war, vermehrt die Beiträge zu ihrem Stand und ihrer Leistungsfähigkeit.
Wie sehr die Thematik "in der Luft liegt", zeigt das soeben
erschienene Doppelheft der Zeitschrift "Osteuropa", das dem 80.
Geburtstag von Wolf von Amerongen gewidmet ist. Unter der Frage
"Osteuropaforschung im Umbruch?" präsentiert die Zeitschrift Beiträge
zur politik-, regional-, geschichts- und wirtschaftswissenschaftlichen
Osteuropaforschung. Was im Rahmen dieses Newsletters -trotz Sonderheft-Umfang-
nur angerissen werden kann (zum Leidwesen der Autoren, die in dieser Begrenzung
zum größten Teil unzulässige Verkürzung und zu große Subjektivität ihrer
Beiträge befürchteten), findet in der Zeitschrift Osteuropa für einige
Disziplinen eine vertiefende Ergänzung. Die für diesen Newsletter
geschriebenen Beiträge bieten mit ihrer Kürze hingegen einen guten Einstieg
und schnellen Überblick über die Forschungsschwerpunkte. Unser Dank gilt den
Beitragsgebern, auch für ihre Selbstdisziplinierung bezogen auf den
Seitenumfang.
Danken möchten wir auch den Autoren, die sich auf unsere Bitte hin mit
osteuropäischen Beiträgen zur Ost-West-Kooperation in den Sozialwissenschaften
auseinandergesetzt haben. Wir sehen die osteuropäischen Beiträge - deren
Provokanz sich schon an der Frage "Colonization or partnership?"
abzeichnet - als besonders geeignet an, eine Ost-West-Debatte darüber zu eröffnen,
wie die sozialwissenschaftlichen Forschungsbeziehungen nicht nur von Osteuropäern,
sondern auch von westlichen Forschern wahrgenommen werden (können).
Schließlich soll in diesem Newsletter beispielhaft gezeigt werden, welchen
Beitrag die Infrastruktur durch Informationen zur Vernetzung der inzwischen weit
verzweigten deutschsprachigen Forschung zu Osteuropa leisten kann. Sie finden in
diesem Heft aktuelle Forschungsprojekt- und Literaturnachweise aus den
IZ-Datenbanken SOFIS und SOLIS zur Thematik "östliche Grenzregionen".
Damit schließt sich der Kreis hin zur Thematik des diesjährigen Kongresses für
Soziologie, der für dieses Newsletter-Sonderheft der Anlaß war.
Zum Schluß noch der Hinweis auf die Besonderheit dieses umfangreichen
Sonderheftes: es ist ein Heft von der scientific community für die scientific
community. Die Herausgeber haben es angeregt und danken allen für die große
Bereitschaft zur Mitarbeit. Wir sehen in diesem Heft ein gelungenes Beispiel für
die Zusammenarbeit von Forschern mit ihrer Infrastruktur. Die
Informationstransferstelle Osteuropa des IZ übernimmt sowohl durch die
Verbreitung dieses Heftes in gedruckter Version als auch über das Internet und
durch seine Übersetzung ins Englische nunmehr die Funktion der Multiplikation
und des Transfers, auch Richtung Osteuropa.
Ihre Redaktion
© GESIS GESIS-Außenstelle 12.06.07
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