Newsletter - Sozialwissenschaften in Osteuropa 1998-3
DEUTSCHE OSTEUROPA-FORSCHUNG: BEITRÄGE
- Balint Balla, Berlin Anton Sterbling, Rothenburg/OL:
Entwicklungslinien, Schwerpunkte und Perspektiven
der deutschen Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa-Soziologie
- Elisabeth Cheaure, Freiburg i.Br.:
Russlandbezogene Gender-Studies. Zu
Forschungsaktivitäten im deutschen Sprachraum
- Stefan Creuzberger, Aachen:
Zeithistorische Osteuropaforschung nach 1989/90.
Aktivitäten auf dem Gebiet der sowjetischen Geschichte
- Jochen Fleischhacker, Rostock; Jacoba Haug, Rostock:
Demografische Instabilitäten in Osteuropa:
Forschungsfragen und -hypothesen zu Veränderungen des generativen
Verhaltens in den Transformationsstaaten
- Josef Langer, Klagenfurt:
Grenzen und Netzwerke: Splitter zur
Ost(mittel)europaorientierung der deutschsprachigen Regionalforschung
- Otto Luchterhandt, Hamburg:
Stand und Perspektiven der
rechtswissenschaftlichen Osteuropaforschung ("Ostrechtsforschung")
in Deutschland - eine Problemskizze
- Peter Niedermüller, Berlin:
Ethnologische Forschungen in Osteuropa: Eine kurze
Skizze
- Jörg Stadelbauer, Freiburg i.Br.:
Zu Stand und Entwicklungsaussichten
sozialgeographischer Forschung über Ostmittel- und Osteuropa
- Anton Sterbling, Rothenburg/OL:
Schwerpunkte und Desiderata der soziologischen
Osteuropaforschung
- Hans-Jürgen Wagener, Frankfurt (Oder):
Wirtschaftswissenschaftliche Osteuropaforschung
nach der Wende
(Fachhochschule für Polizei Sachsen)
Viele Jahre wurde das soziale Geschehen in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa
seitens der deutschen Soziologie nur sehr beiläufig zur Kenntnis genommen. In
der Bundesrepublik Deutschland ist die Zahl der Soziologen, die sich in den
Jahrzehnten vor dem "Umbruch" 1989/1990 kontinuierlich mit Osteuropa
beschäftigt haben, verschwindend gering. Erst mit dem Niedergang der
kommunistischen Herrschaft und dem "Systemwechsel" in Europa kam es
auch in der deutschen Soziologie zu einem rasch wachsenden Interesse an
"ost-, ostmittel- und südosteuropäischen Fragen". Mit diesem durch
die realgeschichtlichen Entwicklungen geweckten oder gesteigerten Interesse
wuchs nicht nur die Zahl auf Osteuropa bezogener Publikationen, sondern es ergab
sich gleichsam auch das Anliegen, einen Diskussionsrahmen für die auf dem
Gebiet der Ost- und Südosteuropaforschung arbeitenden Soziologen wie auch eine
"Kontaktstelle" für den internationalen Gedankenaustausch und die
interdisziplinäre Kooperation zu schaffen. Letzteres gelang mit der Gründung
einer Arbeitsgruppe "Ost- und Ostmitteleuropa-Soziologie" im Rahmen
der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in den Jahren 1990/1991, die
1994 den Status einer Sektion der DGS zuerkannt bekam.
Der ad-hoc Veranstaltung "Osteuropa" auf dem 25. Deutschen
Soziologentag, vom 9. bis 12. Oktober 1990 in Frankfurt am Main, die als
Ausgangspunkt betrachtet werden kann, folgten eine Reihe von Tagungen der
Arbeitsgruppe und Sektion. Zur Bilanz der Sektion zählen über zehn
Veranstaltungen, an denen die Sektion aktiv beteiligt war und die fünf Tagungsbände
zu den Sektionsveranstaltungen selbst. Seit Mitte 1997 ist die Sektion im
Internet vertreten. Durch die Unterstützung der Abt. Informationstransfer
Osteuropa des Informationszentrums Sozialwissenschaften können über dieses
Angebot alle Informationen zur Sektion abgerufen werden: Mitteilungsblätter der
Sektion, Tagungsberichte, Sektionsveranstaltungen, Liste der Mitglieder und
Interessenten sowie deren Forschungsschwerpunkte und Veröffentlichungen. Die
Beschreibung der Publikationen der Sektion, Ansprechpartner in der Sektion,
Antragsformulare und eine Dauererhebung zu den neuesten Projekten der
Sektionsmitglieder, all dies ist ebenfalls online im Internet unter obiger
Adresse zugänglich.
Natürlich hat sich die deutsche Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa-Soziologie
nicht nur im Rahmen oder in Anlehnung an die entsprechende Arbeitsgruppe und
Sektion in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie entfaltet, sondern sie hat
darüber hinaus eine erfreulich breite, mittlerweile kaum noch vollständig zu
überschauende Entwicklung genommen. Einen guten Überblick dazu vermittelt der
Beitrag "Der Umbruch in Osteuropa - Herausforderung für die Soziologie? Zu
Möglichkeiten und Grenzen einer Soziologie Ost- und Ostmitteleuropas" von
Katrin Mattusch, in dem als Sonderausgabe erschienenen "Newsletter"
(Oktober 1996) des Informationszentrum Sozialwissenschaften (siehe: S. 4-8 sowie
S. 13-22). Ebenso gibt das Sonderheft 4/1996 der "Soziologischen
Revue", das zum Thema "Transformationsprozesse in
Mittelost-Europa" erschienen ist, einen guten Querschnitt über thematische
Schwerpunkte, Einzelpublikationen und länderbezogene Arbeiten. Wenn im
folgenden einige wichtige Schwerpunkte der deutschen soziologischen
Osteuropaforschung herausgegriffen und einige einschlägige Autoren genannt
werden, soll dies lediglich einer groben Orientierung dienen und sollte nicht
als leichtfertiges Werturteil über einzelne Autoren und Forschungsarbeiten mißverstanden
werden.
Das soziologische Forschungsgebiet, zu dem es wohl die meisten auf Osteuropa
bezogene Arbeiten in der deutschen Soziologie - allerdings aber auch eine starke
interdisziplinäre Überschneidung, insbesondere mit der Politikwissenschaft -
zu verzeichnen gibt, ist das des politischen Wandels. Hier werden u.a. Probleme
der Demokratisierung, der politischen Kultur, der sozialen Bewegungen, der
Parteienbildung, des Elitenwechsels und des Institutionenwandels usw. behandelt.
Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang u.a. die Arbeiten von Claus Offe,
Helmut Fehr, Melanie Tatur, Krisztina Mänicke-Gyöngyösi, Heinrich Best,
Katrin Mattusch, Susanne Pickel, Birgitta Nedelmann, Wolfgang Engler, Anton
Sterbling und der leider allzu früh und plötzlich verstorbenen Rene Ahlberg
und Johannes Chr. Papalekas.
Auf dem schwierigen Gebiet der Rekonstruktion westlicher und osteuropäischer
soziologischer Denktraditionen und der aktuellen Theoriediskussion, bei der es
nicht zuletzt um die Anwendbarkeit allgemeiner soziologischer Theorien und
bestimmter Modernisierungs- und Transformationstheorien in der
Osteuropaforschung geht, sind u.a. die Beiträge von Balint Balla, Johannes Weiß,
Ilja Srubar, Klaus Müller, Wolfgang Zapf, Anton Sterbling, Frank Ettrich, Raj
Kollmorgen, Willibald Reschka und Heinz Zipprian zu nennen.
Ein weiterer bedeutsamer Forschungsschwerpunkt in den letzten Jahren war und
ist die soziologische Analyse der wirtschaftlichen Transformationsprozesse in
Osteuropa und Ostmitteleuropa auf betrieblicher, sektoraler,
gesamtwirtschaftlicher und internationaler Ebene. Hierzu liegen wichtige
Untersuchungen von Eckhard J. Dittrich, Friedrich Fürstenberg, Gert Schmidt,
Christo Stojanov, Martin Heidenreich, Jürgen Feldhoff, Jochen Tholen u.a. vor.
Auf dem Gebiet der Sozialstrukturforschung und der sozialen Entwicklungen beschränkt
sich das Angebot der deutschen Soziologie nach wie vor auf eine geringe Zahl von
Arbeiten, u.a. von Wolfgang Teckenberg, Walter Müller, Anton Sterbling,
Wolfgang Glatzer.
Über Nationalismus, ethnische Minderheiten und Migrationsprozesse in
Osteuropa und Südosteuropa haben u.a. Erhard Stölting, Ingrid Oswald,
Christian Giordano, Anton Sterbling, Georg Weber, Armin Nassehi einschlägige
Arbeiten vorgelegt. Zur Kultursoziologie und kultur- und sozialgeschichtlichen
Entwicklung in Osteuropa sind u.a. die Beiträge von Johannes Chr. Papalekas,
Detlef Pollack, Justin Stagl, Zdzislaw Krasnodebski und Wolfgang Geier
hervorzuheben. Aus dem Bereich der wissenschaftssoziologischen Forschung liegen
u.a. interessante Publikationen von Renate Mayntz, Uwe Schimank, Peter Weingart,
Vera Sparschuh und Dagmar Simon vor.
In dieser groben Übersicht sind nur wenige Forschungsschwerpunkte erwähnt
worden, und bei der Nennung einschlägiger Autoren wurden ganz bewußt nur
deutsche - das heißt in Deutschland ausgebildete oder tätige - Soziologinnen
und Soziologen berücksichtigt. Bei diesem sicherlich willkürlich erscheinenden
Vorgehen (auch was die Nennung der Namen selbst betrifft) sollte uns zu Gute
gehalten werden, daß dadurch deutlicher als sonst üblich die
Beitragsschwerpunkte der deutschen Soziologie zur Osteuropaforschung - und natürlich
auch deren Defizite - sichtbar zu machen sind.
Was die zukünftigen Perspektiven betrifft, so hoffen wir natürlich zunächst
auf eine kontinuierliche und differenzierte Weiterentwicklung der soziologischen
Osteuropaforschung, wobei dies natürlich nicht nur ein fortbestehendes
Erkenntnisinteresse bei den Wissenschaftlern und ihren Lesern, sondern auch eine
fortgesetzte Förderung und infrastrukturelle Unterstützung der
Forschungsarbeit voraussetzt. Angesichts der angestrebten Entwicklungen
(Osterweiterung der NATO und der EU) und fortbestehender Modernisierungsprobleme
in den einzelnen Gesellschaften Osteuropas kann über die Relevanz solcher
Forschungsvorhaben und den Wert ihrer Ergebnisse kaum ein Zweifel bestehen. Was
gerade aus der fachspezifischen Sicht der Soziologie dringlich zu wünschen wäre,
sind theoretisch reflektierte und empirisch gut abgesicherte
Sozialstrukturanalysen zu einzelnen Ländern wie auch die Intensivierung der
vergleichenden Forschung, zu der es auf den verschiedensten soziologischen
Forschungsgebieten gute Ansätze gibt. Beides setzt indes unabdingbar voraus, daß
die internationale Forschungskooperation - insbesondere mit den Fachkollegen in
Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa - weiterhin entsprechend gepflegt und gefördert
und nach Möglichkeit natürlich auch weiterentwickelt wird.
(Slawisches Seminar der Universität Freiburg)
Geschlechterdifferente Fragestellungen fanden in der auf Russland bezogenen
sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung erst seit Mitte der siebziger
Jahre intensivere Beachtung, wobei die Impulse aus dem anglo-amerikanischen Raum
kamen. In Russland selbst zeigte man sich aus politischen und ideologischen Gründen
zunächst sehr verhalten. Gegenwärtig kann zumindest davon ausgegangen werden,
dass "Gender" bzw. "Gendernye issledovanija" im
wissenschaftlichen Diskurs verstanden und gebraucht wird.
Situation im deutschen Sprachraum
Für den deutschen Sprachraum muss nach wie vor festgestellt werden, dass -
trotz zum Teil beeindruckender Projekte und Arbeiten einzelner Institutionen und
Personen - genderspezifische Fragestellungen im Rahmen der Osteuropa-Forschung
noch nicht in ausreichendem Masse berücksichtigt werden und etabliert sind.
Dies gilt auch für neue theoretische Modelle und methodische Ansätze, die
kulturwissenschaftliche und feministische Fragestellungen verbinden. Die Gründe
dafür müssten diskutiert werden. Sie könnten nicht zuletzt auch in den
bekannten jahrzehntelangen Vorbehalten der deutschsprachigen Wissenschaft
insgesamt liegen, sich geschlechterdifferenten Fragestellungen zu öffnen. Darüber
hinaus stellten die spezifischen sowjetischen Verhältnisse die deutschsprachige
Osteuropa-Forschung vor besondere Probleme, sowohl inhaltlich als auch
hinsichtlich des Zugangs zu Forschungsgrundlagen. Mit der Perestrojka änderte
sich die Situation, ohne dass allerdings von einer wirklichen Intensivierung der
Forschungsaktivitäten im Bereich der Gender-Studies gesprochen werden kann.[1] Denn das Interesse konzentrierte sich zunächst
und im Grunde bis heute auf die sog. "Frauenfrage".[2] Die Kategorie "Geschlecht" wird dabei noch nicht
konsequent genug mitgedacht.
Für den folgenden kurzen Überblick aus der Sicht einer
kulturwissenschaftlich arbeitenden Slawistin wird davon ausgegangen, dass die
Bedeutung von geschlechterdifferenten Fragestellungen und Gender-Studies vor
allem in ihrem wissenschaftskritischen Potential und ihrem interdisziplinären
Ansatz zu sehen ist. Aus diesem Grunde wird darauf verzichtet, die Entwicklung
bzw. den Stand der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung für den
russischen Raum nachzuzeichnen.[3] In diesem
Zusammenhang sei nur auf die Datenbanken z.B. der GESIS, des BIOst in Köln und
des Slawischen Seminars der Universität Freiburg (s.u.) verwiesen.
Fächerimmanente Forschungen und interdisziplinäre Ansätze
Man kann davon ausgehen, dass Geschlechterrollenkonstruktionen
gesellschaftliche Strukturen ebenso wie individuelle psychologische
Befindlichkeiten und konkrete Verhaltensmuster ganz wesentlich mitbestimmen.
Dementsprechend können für die soziologisch ausgerichtete Gender-Forschung
Arbeiten und Ergebnisse anderer Wissenschaftsdisziplinen von elementarer
Bedeutung sein. Dies gilt in ganz besonderem Masse für den russischen
Kulturraum, in dem das kulturelle Gedächtnis und das kollektive Bewusstsein
wesentlich von der Literatur und den Konstruktionen der eigenen nationalen
Geschichte geprägt ist. Insofern müssten die darin codierten und tradierten
Geschlechterrollenklischees bei aktuellen soziologischen Fragestellungen
mitgedacht werden. Wie wichtig dieser Aspekt ist, haben in jüngster Zeit die
Arbeiten von Britta Schmitt[4] und Anna Käbberling[5] verdeutlicht. Andererseits können z.B. auch
slawistische Arbeiten im Bereich der Literaturwissenschaft nicht ohne
Einbeziehung etwa von geschichtswissenschaftlichen oder soziologischen Ansätzen
auskommen.
Ein konsequent interdisziplinärer Ansatz wird seit den frühen 1990er Jahren
von engagierten Wissenschaftlerinnen um Uta Grabmüller, Monika Katz und
Krisztina Mänicke-Gyängyäsi an der FU Berlin verfolgt. Er schlug sich in
mehreren Publikationen nieder, die Überblicks- und Grundlagencharakter haben.[6] Es ist sehr zu bedauern, dass es trotz der
beeindruckenden Leistungen der Berliner Wissenschaftlerinnen bislang meines
Wissens nicht gelungen ist, den Forschungsschwerpunkt auszubauen bzw. innerhalb
des Osteuropa-Instituts zu institutionalisieren. Vom neu eingerichteten
Studiengang "Gender-Studies" an der Humboldt-Universität in Berlin
sind allerdings neue Impulse auch für die russistische Gender-Forschung zu
erwarten.
Im Bereich der Geschichtswissenschaft konnte sich dank des Engagements u.a.
von Carsten Goehrke (Universität Zürich), Bianca Pietrow-Ennker (Universität
Konstanz) und Beate Fieseler (Universität Bochum) die Frauen- und
Geschlechterforschung in gewissem Masse etablieren. Der Schwerpunkt der
Forschung lag zunächst auf der Aufarbeitung der Geschichte der Frauenbewegung
bzw. der Frauen in den sozialrevolutionären Bewegungen in Russland,
mittlerweile wird jedoch weit darüber hinausgegangen. Dies spiegelte u.a. die
von B. Pietrow-Ennker geleitete, viel beachtete Sektion am 41. Deutschen
Historikertag in München "Geschichte als Argument: Emanzipation von Frauen
als Thema der Russlandforschung".[7]
Besondere Verdienste hat sich auch die ehemals Freiburger Historikerin Carmen
Scheide (jetzt Universität Basel) mit dem von ihr initiierten Rundbrief
"Europäisches Ost-West-Frauen-Netzwerk" erworben.
Die Slawistik im deutschsprachigen Raum zeigte sich gegenüber
gender-spezifischen Fragestellungen lange Zeit relativ verhalten. Darüber können
verdienstvolle, zum Teil innovative Einzelstudien nicht hinwegtäuschen. Erst in
den 1990er Jahren etablierten sich bislang - neben Arbeiten einzelner
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler[8] -
vier Zentren, die sich auf die Erforschung russischer Literatur und Kultur aus
geschlechterdifferenter Perspektive konzentrieren. Ursprünglich von demselben
Forschungsimpetus ausgehend - der Entdeckung, Erforschung und auch Edition
vergessener oder von der Literaturgeschichte ignorierter Autorinnen, d.h. der
Rekonstruktion der weiblichen literarischen Tradition - entwickelten sich
unterschiedliche Schwerpunkte und Fragestellungen.[9]
Für soziologische Fragestellungen könnte vor allem die am Slawischen
Seminar der Universität Freiburg erstellte Datenbank von Interesse sein. Diese
Datenbank geht von einem sehr breiten kulturwissenschaftlichen Ansatz aus und
berücksichtigt im Grunde alle Arbeiten mit geschlechterdifferenten
Fragestellungen für den russischen Raum, wobei durch eine differenzierte
Systematisierung über die Eingabe von zahlreichen - auch soziologischen -
Suchbegriffen ein schneller Zugriff auf die vorhandene Literatur gewährleistet
wird. Der Bestand der materiell vorhandenen Literatur umfasst mehrere tausend
Titel und wird laufend aktualisiert.[10] Es
besteht die Möglichkeit, Literaturrecherchen durchführen zu lassen.[11]
Zusammenarbeit mit russischen Wissenschaftsinstitutionen
Die nach der Perestrojka prinzipiell mögliche Zusammenarbeit mit russischen
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wird im Bereich der Gender-Forschung
noch zu wenig genutzt. Die Kontakte erfolgen häufig auf individueller Basis und
sind kaum institutionalisiert. Um so erfreulicher ist es, dass die bekannteste
russische Historikerin im Bereich der "Frauenforschung", N. Puskareva,
noch 1998 einen Forschungsaufenthalt in Göttingen wahrnehmen kann.
Von russischer Seite wird häufig bedauert und kritisiert, dass im Bereich
der wissenschaftlichen Programme und Fördermöglichkeiten amerikanische Aktivitäten
dominieren und damit eine Abkoppelung von westeuropäischen bzw.
deutschsprachigen wissenschaftlichen Diskursen erfolgt. Die diesbezüglichen
Aktivitäten im deutschsprachigen Raum wurden zunächst in beträchtlichem Masse
von nicht-wissenschaftlichen Institutionen getragen, z.B. von der Initiative
Deutsch-Russischer Austausch und der Stiftung Buntstift e.V. in Berlin 1994.[12] Der grosse Erfolg der Münsteraner
Veranstaltung von 1994[13] und das breite
Medien-Interesse zeigten, wie intensiv in diesem Bereich der Wunsch nach Dialog
und Zusammenarbeit ist. Am Institut für Slawistik der Universität Innsbruck
(Ch. Engel, R. Reck) fand im Herbst 1997 eine viel beachtete Konferenz der ...sterreichischen
UNESCO-Kommission zum Thema "Frauen im Kulturbetrieb: Aktuelle Tendenzen in
den Ländern Mittel- und Osteuropas" statt, die vor allem Frauen aus
Osteuropa und ...sterreich zusammenführte. In Freiburg werden vom Slawischen
Seminar der Universität in einem Pilotprojekt der Volkswagen-Stiftung zum Thema
"Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften am Beispiel
Russlands" gegenwärtig neue Formen der Zusammenarbeit geprüft. Ausserdem
wird zur Zeit im Zusammenhang mit dem Studiengang Gender-Studies an der Humboldt
Universität in Berlin für 1999 eine Konferenz zum Thema
"Transformationsprozesse in Ost-, Mittel- und Südosteuropa" unter dem
Blickwinkel interdisziplinärer Frauenforschung geplant. Diese Initiativen könnten
den Weg des Dialogs fortsetzen und ausbauen.
(Osteuropa - Zeitschrift für Gegenwartsfragen des Ostens)
Die zeitgeschichtliche Forschung zählt zu jenen Wissenschaftsdisziplinen,
die ganz erheblich von den politischen Umbrüchen im östlichen Europa nach
1989/90 profitiert hat. Denn mit der schrittweisen Öffnung der dortigen Archive
haben sich unerwartet neue Perspektiven ergeben. Themen, die bis vor wenigen
Jahren noch unmöglich oder nur schwer zu bearbeiten waren, rücken ins
Blickfeld des Historikers und können auf der Grundlage von Aktenmaterial
erstmals untersucht werden. Im Zuge der neuen Offenheit und der damit
verbundenen Überwindung bis dahin trennender politisch-ideologischer Barrieren
haben sich zudem intensivere wissenschaftliche Kontakte und Austauschmöglichkeiten
diesseits und jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs ergeben.
In diesem Zusammenhang ist ein russisch-amerikanisches Gemeinschaftsprojekt
hervorzuheben, von dem seit Anfang der neunziger Jahre wichtige Impulse
ausgehen. Im Rahmen der sogenannten Russian Archive Series' Publication
haben die meisten zentralen Moskauer Staats- und Parteiarchive für eine gewisse
Transparenz im russischen Archivwesen gesorgt: Inzwischen wurden zahlreiche
Verzeichnisse und Übersichten publiziert, die auch Geheimbestände offenlegen,
von deren Existenz selbst viele russische Archivare bis vor kurzem nichts gewußt
haben.[14] http://www.iisg.nl/~abb/]
Eine überaus erfreuliche Entwicklung ist überdies, daß seit einigen Jahren
Dokumente aus dem früheren Partei- und ZK-Archiv der KPdSU, den Staatsarchiven
in Moskau und St. Petersburg, aber auch aus dem KGB-Archiv verfilmt und für die
internationale Forschung bereitgestellt werden. In Deutschland kann das auf
diese Weise bislang erschlossene Material vor allem in der Bayerischen
Staatsbibliothek München eingesehen werden.[15]
Der veränderten Forschungslage und den damit einhergehenden Erfordernissen
wurde aber auch auf anderem Gebiet entsprochen: So kam es auf dem
wissenschaftlichen Zeitschriftenmarkt zu einer Reihe von Neugründungen, etwa
mit den Jahrbüchern für historische Kommunismusforschung (seit 1993),
dem Berliner Jahrbuch für Osteuropäische Geschichte (seit 1994) oder
dem Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte (seit 1997).
Aber auch etablierte Fachorgane, wie etwa die Zeitschrift OSTEUROPA,
haben sich für zeithistorische Fragestellungen geöffnet.[16] http://www.rwth-aachen.de/ipw/
Ww/osteuropa/index.html
Das zunehmende Interesse an der osteuropäischen, vor allem an der
sowjetischen Zeitgeschichte läßt sich ebenso anhand einschlägiger
Diskussionsforen nachvollziehen, die sich in den vergangenen Jahren konstituiert
haben. Allen voran ist hier mit H-Russia eine discussion group im
Internet zu nennen. Diese auf russische und sowjetische Geschichte
spezialisierte Liste hat ihren Sitz in den USA und wird von dort aus moderiert.
In den täglich bis zu 20 Beiträgen werden Tagungen angekündigt, Call for
Papers verteilt, Projekte präsentiert, Stellenausschreibungen veröffentlicht,
Literatur und Archiverfahrungen diskutiert.[17]http://www.h-net.msu.edu/~russia/]
Ein stärker thematisch eingeengtes Forum wurde mit dem Cold War
International History Project Ende 1989 in Washington, D.C., auf den Weg
gebracht.[18] Das Projekt hat sich in erster
Linie der Aufgabe verschrieben, Historiker in Ost und West zusammenzuführen,
die auf dem Gebiet der Geschichte des Kalten Krieges arbeiten. Die Organisatoren
veranstalten hierzu nicht nur einschlägige internationale Konferenzen, sondern
bieten auch mit dem Bulletin und den Working Papers entsprechende
Publikationsmöglichkeiten. Besonders ist in diesem Zusammenhang die Veröffentlichung
von neu erschlossenen osteuropäischen Archivalien hervorzuheben, die zudem ins
Englische übersetzt werden.[19]http://cwihp.si.edu/default.htm]
Doch lassen sich im Blick auf die zeitgeschichtliche Osteuropaforschung nicht
nur jenseits des Atlantiks gesteigerte Aktivitäten ausmachen, die sich etwa in
Internet-Listen oder speziellen Arbeitsgruppen niederschlagen. Auch in
Deutschland ist in dieser Hinsicht Bewegung zu verzeichnen. Seit Sommer 1997
haben sich innerhalb des Verbandes der Osteuropahistoriker (VOH)
Nachwuchswissenschaftler zusammengeschlossen und eine sogenannte e-mail-Diskussionsgruppe
des Mittelbaus initiiert. Der Sinn und Zweck dieser Initiative besteht u.a.
darin, die Transparenz und den Informationsfluß im Fach wie auch im VOH
deutlich zu verbessern.[20] Eine unmittelbare
Folge dieser Bemühungen zeigt sich bereits darin, daß der Verband nunmehr mit
einer Homepage im Internet präsent ist.[21]
http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/
Geschichte/dt_gesch/voh.htm
Hervorzuheben ist darüber hinaus, daß am 11. Juli 1998 ein Arbeitskreis für
Osteuropäische Geschichte gegründet wurde. Er vereinigt nicht nur jene
Teilnehmer der Mittelbau-Initiative, die aktiv Diskussionen führen wollen,
sondern ist für alle Interessierte offen. Die zweimal pro Jahr geplanten
Konferenzen sollen sich einerseits auf zentrale inhaltliche, organisatorische
und methodische Fragen des Faches erstrecken; andererseits sind spezielle
Fachtagungen geplant, die jeweils rechtzeitig in der Zeitschrift OSTEUROPA
angekündigt werden.[22]
In engem Zusammenhang damit steht ein Projekt, daß gleichfalls unter der
Regie des Arbeitskreises steht: Mit einem Studienhandbuch Rußland/Sowjetunion,
das sich als Propädeutikum für Studenten der Anfangssemester versteht, haben
die Arbeiten für eine Publikation begonnen, die unmittelbar an das 1999 im Böhlau-Verlag
angekündigte Studienhandbuch Östliches Europa, Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas
anknüpft.
Was neuere Forschungstendenzen innerhalb der zeitgeschichtlich orientierten
deutschen Osteuropaforschung anbelangt, so können diese im Rahmen der
vorliegenden Überblicksdarstellung nur unvollständig beleuchtet werden.[23] Im Blick auf die sowjetische Geschichte seien
deshalb lediglich zwei bis drei Schwerpunkte knapp benannt: Drohte vor kurzem
noch eine bis dahin in Deutschland nur schwach entwickelte Stalinismusforschung
gänzlich zu erliegen, so ist auf diesem Gebiet angesichts der verbesserten
Archivlage in Rußland eine gewisse Bewegung zu registrieren. Eine im Juni 1996
in Jena etablierte Arbeitsgruppe Stalinismus hat darüber hinaus weiteres
dazu beigetragen, daß diesem Forschungsgegenstand mit neuen methodologischen
wie theoretischen Ansätzen wieder größere Aufmerksamkeit verschafft wird.[24] In diesem Sinne ist dann ebenso ein seit
Januar 1997 von der Volkswagenstiftung gefördertes Forschungsprojekt zu sehen,
das das Phänomen "Jugend und Gewalt in Sowjetrußland" zwischen 1917
und 1932 untersucht. Neue Erkenntnisprozesse lassen sich zunehmend auch auf dem
Gebiet der Kalten Kriegsforschung beobachten. Das hierzulande - aufgrund der
besonderen deutschen Nachkriegskonstellation - weit verbreitete Interesse an
dieser Problematik wird nicht zuletzt dadurch begünstigt, daß seit kurzem
erste wichtige Quellenpublikationen zur Verfügung stehen.[25] Ob in dieser Hinsicht von einer Deutsch-Russischen
Historikerkommission, die sich Anfang 1998 konstituiert hat, weitere Anstöße
ausgehen werden, bleibt vorerst abzuwarten. Es ist jedoch festzuhalten, daß die
"Sowjetische Politik während der Berliner Krise (1958-1962)" zu einem
von vier künftigen Arbeitsschwerpunkten erklärt worden ist.[26]
Alles in allem steht die zeitgeschichtliche Osteuropaforschung vor wichtigen
Herausforderungen.[27] Diese anzunehmen und die
sich daraus ergebenden Zukunftsperspektiven sinnvoll auszugestalten, das mögen
die obigen Ausführungen verdeutlicht haben, ist eine wichtige Aufgabe der nächsten
Jahre.
(Max-Planck-Institut für demographische Forschung)
Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Bevölkerungswissenschaft mit den
demografischen Folgen des Zusammenbruchs der politischen und wirtschaftlichen
Systeme in den ehemals sozialistischen Staaten Osteuropas. Die Beobachtung und
Analyse dieser Entwicklungen wirft dabei vor allem im Bereich des generativen
Verhaltens eine Reihe von Frage- und Problemstellungen auf, die im Rahmen der
folgenden Darlegungen skizzenhaft beschrieben werden.
Vergleicht man Fertilitätsprozesse und -strukturen in Europa, so zeigen sich
zwischen den Staaten West- und Osteuropas deutliche Unterschiede, die seit dem
Untergang der sozialistischen Systeme in besonderer Weise zutage treten. Während
sich die Verhältnisse der meisten westlichen Länder als relativ stabil
erwiesen, zeigen sich in Osteuropa insbesondere nach 1989 deutliche Instabilitäten.
Zur Kennzeichnung des Ausmaßes und der Intensität dieser Veränderungen dienen
u.a. Indikatoren wie die Gesamtfruchtbarkeitsziffer (d.h. die durchschnittliche
Kinderzahl pro Frau), das mittlere Gebäralter, die Geburtenfolge sowie weitere
Maßzahlen zur Kennzeichnung verschiedener Familien- und Lebensformen.
Besonders augenfällig zeigen sich die demografischen Umbruchsprozesse der
osteuropäischen Staaten einschließlich Ostdeutschlands im Rückgang der
Geburtenhäufigkeit in den 90er Jahren. Wie anhand der
Gesamtfruchtbarkeitsziffer abzulesen ist, verringerte sich diese zwischen 1989
und 1994 beispielsweise in den Neuen Bundesländern um mehr als die Hälfte, in
Estland um 38%, in Rußland um 30%, in Bulgarien und Rumänien um jeweils 28%
bzw. 27% und in Ungarn um 7%. Vor diesem Hintergrund setzt sich die
demografische Forschung verstärkt mit den Ursachen der Veränderungen des
Geburten-, Heirats- und Scheidungsverhaltens in den Ländern des früheren
Ostblocks auseinander. Hierbei wird die Frage aufgeworfen, ob die genannte
Entwicklung alleinige Folge der Transformation von sozialistischen zu
marktwirtschaftlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen sind. Oder müssen
bei der Analyse und Erklärung des deutlichen Geburtenrückgangs, der in allen
Staaten zu beobachten ist, verstärkt auch andere Faktoren berücksichtigt
werden? Diese und weitere Fragen sind Bestandteil eines Dissertationsprojektes
von Jacoba Haug in der Nachwuchsgruppe "Fertilitätsentwicklung im heutigen
Europa" am MPI in Rostock. Darüber hinaus besteht eine Kooperation
zwischen Eberhard Schaich von der Universität Tübingen und Jochen
Fleischhacker zu Konvergenzen und Divergenzen in der demografischen Entwicklung
Ost- und Westdeutschlands nach 1989.
Ausgangspunkt für die Betrachtungen ist das Beispiel Ostdeutschland, da
gerade hier offenbar nicht ausschließlich sozioökonomische Faktoren für den
massiven Rückgang der Geburten verantwortlich sind. Zwischen 1990 und 1994 nahm
die ostdeutsche Gesamtfruchtbarkeitsziffer um ca. 65% ab, ein Rückgang, der
kaum mit Einbrüchen früherer Jahrzehnte vergleichbar ist. Selbst in den Jahren
der beiden Weltkriege und während der Weltwirtschaftskrise fiel der Fertilitätsrückgang
geringer aus als der in den sog. Nachwendejahren. Seit ihrem Tiefstand von knapp
0,8 im Jahr 1994 stieg die Geburtenrate der Neuen Bundesländer zwar wieder
leicht an, sie liegt jedoch weiterhin erheblich unter den ebenfalls gesunkenen
Werten anderer osteuropäischer Staaten (vgl. im Anhang, Tabelle 1). In diesem
Zusammenhang erscheint der Hinweis wichtig, daß bereits in der Zeit vor 1989
z.T. deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern bestanden. So hatte
die DDR noch zum Zeitpunkt ihres Bestehens eine vergleichsweise niedrige
Periodenfertilität, die im Jahr 1989 mit 1,57 Kindern je Frau erheblich unter
den Werten in Polen (2,08) und Estland (2,21) lag und nur von Slowenien (1,55)
unterschritten wurde. Für die Untersuchung der posttransformativen Unterschiede
in Osteuropa folgt hieraus, daß bei der Entwicklung von Erklärungsansätzen
bereits früher bestandene Abweichungen zwischen den Staaten berücksichtigt
werden müssen.
Auf der Suche nach Erklärungsansätzen für die Einbrüche der
Periodenfertilität kann festgestellt werden, daß bisher mit besonderem
Hinblick auf das generative Verhalten nur wenig vergleichende Untersuchungen
vorliegen. Zwar gibt es im Rahmen der Transformationsforschung mittlerweile
zahlreiche Untersuchungen zu den demografischen Veränderungen in Osteuropa,
doch beschränken sich diese meist entweder auf den Fall der Neuen Bundesländer
oder sie behandeln die Entwicklung der anderen osteuropäischen Staaten, wobei
die ehemalige DDR wegen ihrer "Sonderrolle" oft nur am Rande
diskutiert wird. Zudem stoßen bei einer Gegenüberstellung Ostdeutschlands mit
anderen Ländern gerade solche Begründungen, die Veränderungen der materiellen
Lebensverhältnisse als zentral für abweichende Entwicklungsverläufe
betrachten, schnell an ihre Grenzen: Gerade der ostdeutschen Bevölkerung
blieben infolge der Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik (Transferzahlungen,
Übernahme westdeutscher Sozialversicherungssysteme etc.) viele ökonomische
Transformationsprobleme anderer Staaten erspart oder wurden zumindest
erleichtert. Auf diesen gravierenden Unterschied im Übergang von plan- zu
marktwirtschaftlichen Strukturen verweist Claus Offe mit den Worten: "The
unique mode of transformation - and it was probably the only one that was
politically practicable - to be observed in the GDR initially offered clear
advantages over the mode of transformation adopted in the other countries. They
had, as it were, to repair their sinking ships while still at sea, whereas the
GDR was retrofitted in the FRG dry dock"[28].
Als Basis für die empirische Analyse des generativen Wandels dienen in
erster Linie Umfragedaten der Fertility and Family Surveys, einem von der
Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa (UN/ECE) initiierten
Projekt. Ziel dieser Erhebung ist es, international vergleichbare Ergebnisse zu
politikrelevanten Fragen der Familienbildung zu erhalten.
Erste Datenauswertungen lassen vermuten, daß - wie oben erwähnt - ökonomische
Faktoren keine ausreichende Begründung für die gravierenden Veränderungen im
Geburten-, Heirats- und Scheidungsverhalten darstellen. Wie im Fall der Neuen
Bundesländer zu sehen ist, können im Verhältnis zu anderen Staaten Osteuropas
vergleichsweise günstige wirtschaftliche Bedingungen durchaus mit einer
niedrigen Geburtenrate korrespondieren. Ebensowenig sind jedoch nach Auswertung
des empirischen Materials sozio-kulturelle Aspekte (neue Werte und
Handlungsalternativen infolge von Modernisierungsprozessen) als primäre
Ursachen für den demografischen Wandel zu deuten. Zum einen sind auch die
anderen Transformationsstaaten, bei zwar geringerem Tempo und Ausmaß,
derartigen Einflüssen ausgesetzt; sie müßten folglich eine ähnliche
generative Entwicklung aufweisen wie die Ostdeutschlands in den zurückliegenden
Jahren. Zum anderen kann anhand der Daten in allen untersuchten Ländern - somit
auch in den Neuen Bundesländern - auf einen weiterhin hohen Stellenwert der
Familie geschlossen werden. Gerade hier erscheint daher die Diskrepanz zwischen
anhaltendem Kinderwunsch und tatsächlichem Verhalten (=Aufschieben von oder
Verzicht auf Kinder) besonders stark zu sein.
Bei der Suche nach Ursachen für die unterschiedlichen
Transformationsentwicklungen und insbesondere für den ostdeutschen
"Sonderweg" ergibt sich ein erster wichtiger Ansatzpunkt für weitere
Untersuchungen: Datenanalysen lassen mögliche Unterschiede in der
Erwerbsneigung osteuropäischer Frauen vermuten. Bei ostdeutschen Frauen scheint
diese allgemein stärker ausgeprägt und in geringerem Ausmaße materiell
motiviert zu sein als in anderen Ländern. Hieraus leitet sich die Frage ab, ob
in der ehemaligen DDR - im Unterschied zu anderen osteuropäischen Staaten -
weibliche Erwerbstätigkeit von staatlicher Seite stärker als selbstverständlicher
Bestandteil der weiblichen Biographie betrachtet und dementsprechend stärker
von den Frauen internalisiert wurde.
Zumindest teilweise, so die Annahme, wurde die Erwerbsneigung von Frauen
durch eine spezifische Ausrichtung familienpolitischer Maßnahmen geprägt. Zwar
wurden familienpolitische Leistungen und Begünstigungen, die in ihrem Umfang
weit über die westeuropäischer Staaten hinausgingen, in allen Ländern des früheren
Ostblocks eingeführt, dennoch sind Abweichungen in der Ausgestaltung erkennbar.
Im Hinblick auf die ehemalige DDR ist dabei anzunehmen, daß staatliche
Regelungen besonders stark auf das Vereinbarkeitsmodell von Mutter- und
Berufsrolle ausgerichtet waren. Offenbar wurde hier durch einen vergleichsweise
hohen Standard staatlicher Kinderbetreuung versucht, Bedingungen für einen
hohen Grad an Frauenbeschäftigung in einem Wirtschaftssystem mit permanentem
Arbeitskräftemangel zu realisieren. Daß diese Frauen- und Familienpolitik in
gewisser Weise erfolgreich war, zeigt sich in der allgemein großen Akzeptanz
der Betreuungseinrichtungen. In anderen Ländern, z.B. in Ungarn, bestand
dagegen auf Grund ihrer dort unzureichenden Qualität eine erheblich größere
Skepsis gegenüber derartigen Institutionen: "The growing uneasiness of
parents to put (especially small) children into creches was not met by higher
investment in public child care, but by allowing mothers to stay at home for the
child's first three years"[29].
Mögliche länderspezifische Unterschiede in der weiblichen Erwerbsneigung können
weiterhin durch andere Faktoren (Kultur, Religion, Traditionen etc.) verstärkt
werden, die in heutiger Zeit erneut an Bedeutung gewinnen. Zentral ist dabei die
Zunahme traditionalistischer Tendenzen in einigen post-sozialistischen Ländern
und in diesem Kontext die Zurückdrängung von Frauen in ihre traditionelle
Geschlechtsrolle. Besonders deutlich zeigt sich dieser Prozeß in Polen: Verstärkt
durch den großen Einfluß der katholischen Kirche auf Staat und Gesellschaft
(v.a. auch auf die Bewegung der Solidarnosc) gibt es hier Maßnahmen zur Einschränkung
der liberalen Abtreibungsgesetzgebung, zur Schließung öffentlicher
Kinderbetreuungseinrichtungen oder zur Rückführung der Pflege Älterer in die
Verantwortung der Familien (und damit primär wieder zurück an die Frauen).
Begleitet werden diese Entwicklungstendenzen durch ökonomische Probleme, die
sowohl den Fortbestand der bisher staatlichen Kinderbetreuung als auch den hohen
Anteil der weiblichen Erwerbstätigkeit deutlich erschweren. Ebenso verstärkend
wirken die zahllosen öffentlichen Äußerungen und Erklärungen, in denen eine
Rückkehr zur tradierten Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern proklamiert
wird.
Im Fall der Neuen Bundesländer kann dagegen eine andere Situation angenommen
werden. Zum einen sind hier die ökonomischen Rahmenbedingungen des Übergangs
von der Plan- zur Marktwirtschaft vergleichsweise besser als in anderen Staaten
Osteuropas. Dort können sich vermutlich wegen größerer Wirtschaftsprobleme
traditionelle Tendenzen eher ausbreiten. Zum anderen scheint durch die
Einbindung der früheren DDR in das westdeutsche Gesellschaftssystem ein
Aufkommen derartiger Strömungen schwieriger zu sein: öffentliche Meinungsäußerungen,
die ein Zurück der Frauen in ihre tradierte Geschlechterrolle fordern, sind
daher eher unwahrscheinlich.
Aus den Untersuchungen zu den Instabilitäten des generativen Verhaltens in
Ostdeutschland leiten sich eine Reihe forschungsleitender Fraugen ab:
Sind die zu beobachtenden generativen Verhaltensänderungen in Ostdeutschland
nur eine vorübergehende Erscheinung infolge der Übertragung der Wirtschafts-
Sozial- und Rechtsverhältnisse der alten auf die neuen Bundesländer? Kann aus
dem leichten Wiederanstieg der Geburtenhäufigkeit seit 1995 darauf geschlossen
werden, daß sich das generative Verhalten in den fünf neuen Bundesländern
zunehmend dem in den alten Bundesländern angleicht? Oder bilden sich in
Ostdeutschland im Zuge des Transformationsprozesses neue Fertilitäts- und
Nuptialitätsmuster heraus, die auch künftig von denen in Westdeutschland
abweichen? Diese und weitere Problemstellungen können Gegenstand weitergehender
Betrachtungen der generativen Verhaltensänderungen in den
Transformationsstaaten Osteuropas sein.
Tabelle 1: Entwicklung der
Gesamtfruchtbarkeit in Staaten Osteuropas 1985-96
Quelle: Council of Europe, 1997: Recent demographic developments in Europe
1997
(Universität Klagenfurt, Institut für Soziologie)[30]
]Art und Umfang der Ost(mittel)europaorientierung der deutschsprachigen
Regionalforschung sind aus verschiedenen Gründen schwer zu bestimmen. Einer
davon ist die Multidisziplinarität der Regionalforschung. Man findet in ihr
Geographen ebenso wie Ökonomen, Soziologen, Landschaftsplaner oder
Agrarwissenschafter. Nachdem diese Disziplinen den Bereich aber jeweils nur aus
ihrer eigenen Perspektive und nicht unbedingt interdisziplinär bearbeiten, fällt
der Überblick schwer. Selbst in dem relativ kleinen deutschsprachigen Raum
arbeiten auf diese Weise unzählige Institute und Einzelforscher an
raumbezogenen Fragestellungen. Was davon die neue Situation in Ost(mittel)europa
tangiert, wird deshalb meist nur partiell sichtbar, je nachdem wer sich an die
Arbeit macht. Dazu kommt, daß die Regionalforschung sehr stark politik-
beziehungsweise auftragsabhängig ist. Sie konstituiert sich sozusagen über
Aufträge aus dem politischen Umfeld. Ihre kognitiven Grenzen sind daher
traditionell identisch mit den politischen Grenzen. Mehr als andere
Forschungsfelder war Regionalforschung bisher nationalstaatlich definiert. Unter
diesen Prämissen erscheint es fast sinnlos, nach ihrer
Ost(mittel)europaorientierung zu suchen, wenn man darunter nicht nur
irgendwelche ideologischen Vorstellungen versteht.
Grenzen
Trotzdem, wer sich in der deutschsprachigen Regionalforschung der letzten
zehn Jahre umschaut, wird immer wieder Projekte mit Ost(mittel)europabezug
finden. Die Aufmerksamkeit einer ganzen Reihe davon gilt den Grenzräumen am
ehemaligen Eisernen Vorhang. Nachdem sich 1989 die Durchlässigkeit dieser
Grenze schlagartig erhöht hat, nahm auch das politische Interesse an ihr zu.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Konfrontation zwischen Kapitalismus und
Kommunismus diese Räume zu wirtschaftspolitisch peripheren Zonen werden lassen,
die fast nur mehr sicherheitspolitisch interessant waren. Raumplanerisch war vor
allem dieser letzte Aspekt maßgebend. Die dort lebende Bevölkerung war im
Rahmen der nationalstaatlichen Regionalpolitik durchweg Subventionsempfänger
(Grenzlandförderung). Etwaige wissenschaftliche Projekte beschränkten sich
meist auf solche statistischen Daten, die diese Förderungspolitik zu begründen
halfen. Die Anschlußräume auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs mußten
dabei aufgrund der politischen Umstände immer unberücksichtigt bleiben.
Mit dem Ende der staatssozialistischen Systeme in Ost(mittel)europa hat sich
das geändert. Das sicherheitspolitische Interesse des Nationalstaates an dieser
Grenze wurde durch ein starkes wirtschaftspolitisches Interesse ergänzt und
teilweise abgelöst. Im Vordergrund steht nun die Ausnutzung und das Zusammenführen
der Ressourcen von beiden Seiten der Grenze. Dies stellte die traditionelle
Regional- und Raumforschung vor neue Probleme, weil ihr meist die internationale
beziehungsweise grenzüberschreitende Orientierung fehlte. Um Informationen von
der anderen Seite zu bekommen, mußten erst die entsprechenden personellen
Netzwerke aufgebaut werden. Hier hatten jene einen Vorsprung, denen es schon
vorher gelungen war, wissenschaftliche Beziehungen nach 'drüben' zu knüpfen.
Logischerweise waren das eher Forscher mit einem disziplinbezogenen Ansatz, wie
es sie vorwiegend an den Universitäten gibt, als die spezialisierten Regional-
und Raumforschungsinstitute beziehungsweise staatlichen Ämter. Meines Wissens
kamen die ersten komplexeren Projekte, die auch ost(mittel)europäische Verhältnisse
in Grenzstudien einbezogen, von den Universitäten und von Personen, die nicht
als auf Regionalforschung spezialisiert gelten können.
Zu Arbeiten in diesem Sinne zähle ich die Publikationen 'Bruchlinie Eiserner
Vorhang'/ Österreich-Ungarn (Seger/Beluszky, 1993), 'Kulturen an der Grenze'/Österreich-Tschechien
(Komlosy/Buzek/Svatek, 1995), 'Grenzen der Hoffnung'/Deutschland-Polen (Schultz/
Nothnagle, 1996) und 'Border, Region and Ethnicity in Central Europe'/Österreich-Ungarn
(Eger/Langer, 1996). Was diese Bücher gemeinsam haben, das ist ihr Charakter
als Sammelwerke, der grenzüberschreitende Forschungsansatz und die
Zusammenarbeit mit ost(mittel)europäischen Forschern. Nicht zu übersehen sind
gleichzeitig die Differenzen, deren Grund vorwiegend in der unterschiedlichen
disziplinären Herkunft (Geographie, Geschichte und Soziologie) liegt. Dies
zeigt sich in den abweichenden Methoden, Theorien und Argumentationsweisen.
Forschungsergebnisse dieser Art kann man auch im Projektverbund 'Grenzenloses Österreich'[31]http://www.bmwf.gv.at],
den Publikationen der 'Burgenländischen Forschungsgesellschaft' (z.B. Horvath/Müller
1992) und in diversen Tagungsbänden (z.B. Langer/Pöllauer, 1995) finden.
Die Öffnung des Ostens wird überlagert von der Integration des Westens
Europas. Auch das hat der Regional- und Raumforschung neue Aufgaben zugeschanzt.
Grenzüberschreitende Forschungsprojekte gibt es deshalb nicht nur am früheren
Eisernen Vorhang, sondern auch an den Binnengrenzen der Europäischen Union. Das
steht aber hier nicht zur Diskussion. Wohl erwähnt indes müssen jene
Forschungsaktivitäten an der Ostgrenze werden, die mehr in Zusammenhang mit der
EU-Politik als mit nationalstaatlichen Interessen und Anpassungen stehen. Ich
meine, daß man diese Unterscheidung treffen kann, auch wenn die Zuordnung
einzelner Projekte nicht immer einfach sein wird. Den Hintergrund für
EU-stimulierte grenzüberschreitende Regionalforschung bilden zum Beispiel die
diversen Euroregionen mit Polen und Tschechien, die Planungen für die
Transeuropäischen Verkehrsnetze (TEN) sowie die INTERREG-Programme. Vor allem
von den INTERREG II C-Programmen kann für die Ost(mittel)europaorientierung der
deutschsprachigen Regionalforschung ein ordentlicher Schub nach vorne erwartet
werden. Aus Deutschland sind bisher über zwei Dutzend Anträge eingegangen.
Zwar ist mit ersten Ergebnissen erst im kommenden Jahr zu rechnen, aber dann
wird es gleich ein ganzes Paket neuer Beiträge geben.
Wie bereits erwähnt, ist die Regionalforschung so komplex strukturiert, daß
es schwer fällt, die im Hinblick auf Ost(mittel)europaorientierung jeweils
wichtigsten Akteure auszumachen. In Deutschland wird man aber wohl um folgende
Institutionen nicht herumkommen: Die 'Akademie für Raumforschung und
Landesplanung (ARL)'/ Hannover, das 'Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung'/
Bonn und das 'Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale
Studien'/ Köln. Der von diesem Institut als Jahrbuch herausgegebene Band 'Der
Osten Europas im Prozeß der Differenzierung - Fortschritte und Mißerfolge der
Transformation' wird von Experten als eine der besten Publikationen der letzten
Jahre auf diesem Gebiet bezeichnet. Weitere Institute, von denen einschlägige
Arbeiten erwartet werden können, sind das 'Umweltbundesamt'/Berlin und das
'Deutsche Institut für Urbanistik'.
Netzwerke
Wie gesagt, war die Regional- und Raumforschung bisher durch ihre mehr oder
weniger enge Verknüpfung mit den Interessen des Nationalstaates im
Aktionsradius stark eingeschränkt. Die bekannten Veränderungen des vergangenen
Jahrzehnts haben hier neue Rahmenbedingungen und Herausforderungen geschaffen.
Die Häufung von Projekten zur Erforschung grenzüberschreitender Räume ist
zweifellos ein Ergebnis der neuen Situation. Quer dazu ist eine weitere
Entwicklung zu beobachten, die Regionalforscher geographisch weit außerhalb
ihres traditionellen Wirkungsbereiches bringt. Charakteristiken dieser
Entwicklung sind die Netzwerkbildung und das Aufscheinen von Interessen übernationaler
Organisationen, in der Regel jener der Europäischen Union.
Muster solcher Aktivitäten in Ost(mittel)europa finden sich zum Beispiel am
'Institut für Ökologische Raumentwicklung (IÖR)' in Dresden. Das Institut
versuchte in den letzten Jahren vom Baltikum über die Ukraine bis zur Adria
raum- und regionalforscherische Akzente zu setzen. In sogenannten
Netzwerkkonferenzen werden vor allem deutschsprachige und skandinavische
Forscher, Planer und Administratoren mit Kollegen aus dem Osten
zusammengebracht. Politik, Forschung und Planung greifen dabei eng ineinander.
Solche Konferenzen haben bisher vor allem für die Ostseeregion und den
Schwarzmeerraum stattgefunden. Von den Publikationen erhält man den Eindruck,
daß es bei den Ostseeaktivitäten um die ganze Palette der Regional- und
Raumforschung geht (Graute, 1996), während für die Anrainer des Schwarzen
Meeres der Gedanke der 'nachhaltigen Entwicklung' forciert werden soll (Graute,
1998). Strategisch unterstützt werden diese Initiativen vom `Bundesministerium
für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau' in Bonn. Die Rhetorik ist dennoch
europabezogen.
Im Netzwerk des IÖR befinden sich u.a. auch Einzelforscher und Institute aus
Österreich. Regionalforschung mit Ost(mittel)europaorientierung scheint in
diesem Lande relativ gut entwickelt zu sein. Das reicht von der Österreichischen
Akademie der Wissenschaften über die verschiedenen Universitätsinstitute bis
zu den privaten bzw. halbprivaten Forschungseinrichtungen. Von den letzteren möchte
ich insbesondere das `Österreichische Institut für Raumplanung', Wien und das
`Österreichische Ost- und Südosteuropa-Institut', ebenfalls Wien, erwähnen.
In den Forschungsthemen dieser Institute treten immer wieder Fragen der räumlichen
Umstrukturierung im Dreieck Wien-Brünn-Budapest auf. Für die österreichische
Regionalforschung ist vielleicht in diesem Zusammenhang bezeichnend, daß sie
sich überwiegend auf den Donauraum bzw. auf das Gebiet des alten Österreich-Ungarn
beschränkt. Erwähnen will ich hier auch die Homepage des Wiener Instituts für
Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), auf der unter dem Kürzel
'Countdown' Informationen (Expertenliste, Publikationen) zur EU-Osterweiterung
angeboten werden (http://www.wiiw.ac.at/countdown/).
Darunter auch solche regionalwissenschaftlicher Art.
In der Schweizer Regionalforschung scheint mir die Ostorientierung im
Vergleich zu Österreich und Deutschland wesentlich geringer ausgeprägt zu
sein. Aufgrund der geographischen Lage der Eidgenossenschaft ist das auch verständlich.
Nennen möchte ich das Institut `Cultur Prospectiv'/Zürich, das interessante
Projekte in Polen und der Ukraine durchgeführt hat. Das Projekt in der Ukraine
erforscht speziell die Entwicklung der Regionen. Gelegentlich wird man auch in
den Publikationen des ORL-Instituts von der ETH-Zürich etwas über
Ost(mittel)europa finden. Die Informationen stammen meist von Fachleuten, die
Planungsaufträge im Osten übernommen haben. Ein weiterer Schwerpunkt der
schweizerischen Ostforschung liegt bei der Erkundung von Konkurrenzpotentialen
(Wirtschaftsforschungsinstitut der ETH-Zürich). Auch hier können
Raumforschungsfragen eine Rolle spielen. Eine genauere Analyse wird auch den
Schweizerischen Nationalfonds einbeziehen müssen, der vor allem in der ersten Hälfte
der neunziger Jahre zusammen mit den Universitäten spezielle Programme für die
Ostkooperation eingerichtet hat.
Zusammenfassend kann man sagen, daß die Ost(mittel)europaorientierung der
deutschsprachigen Regionalforschung fachlich, geographisch und institutionell
weit zersplittert ist. Es ist schwierig, diese Splitter zu einem konsistenten
Bild zusammenzusetzen.[32] Daß es in den
neunziger Jahren eine zunehmende Ost(mittel)europaorientierung gegeben hat, ist
unbestritten. Insgesamt aber, würde ich sagen, ist der Anteil einschlägiger
Projekte und Aktivitäten am Gesamtumfang der Regionalforschung verschwindend
gering geblieben. Ich schätze, daß dieser Anteil unter 10 Prozent liegt. Als
Eckpfeiler des zunehmenden Interesses an Ost(mittel)europa in der
Regionalforschung habe ich die neu erwachten Interessen der Nationalstaaten an
ihren Grenzräumen und die transkontinentalen Vorhaben der Europäischen Union
ausgemacht. Vor allem letztere lassen erwarten, daß die
Ost(mittel)europaorientierung der deutschsprachigen Regionalforschung in den
kommenden Jahren noch stärker werden wird.
Literatur
Eger, György/ Josef Langer (1996) (eds.), Border, Region and Ethnicity in
Central Europe, Klagenfurt (Norea).
Graute, Ulrich (1996) (Hg.), Vision und Strategien für den Ostseeraum 2010
und deren Bedeutung für Mittel- und Osteuropa, IÖR-Schrift 17, Dresden.
Graute, Ulrich (1998) (Hg.), Sustainable Development for Central and Eastern
Europe, Berlin/ New York (Springer).
Horvath, T./ E. Müller (eds.) (1992), Hart an der Grenze, Wien.
Komlosy, A./ V. Buzek/ F. Svatek (eds.) (1995), Kulturen an der Grenze, Wien/Weidhofen.
Langer, Josef/ Wolfgang Pöllauer (1995) (eds.), Small States in the Emerging
New Europe, Eisenstadt (Verlag für Soziologie).
Seger, M./ P. Beluszky (eds.) (1993), Bruchlinie Eiserner Vorhang, Wien.
Schultz, H./ A. Nothnagle (eds.) (1996), Grenze der Hoffnung (Border of
Hope), Potsdam.
(Universität Hamburg, Institut für Ostrecht)
Der Ostrechtler befindet sich seit der antikommunistischen osteuropäischen
Revolution von 1989/91 in einer eigenartigen und paradoxen Situation: Einerseits
haben sich seine Aufgaben in wissenschaftlicher und praktischer Hinsicht seither
geradezu dramatisch vermehrt und ausgeweitet, da sich, um nur die auffälligste
Ursache zu nennen, die Zahl der Staaten im ehemaligen kommunistischen
Machtbereich von acht (1990) auf ca. 30 (1993) erhöht hat, womit beinahe eine
Vervierfachung nationaler Rechtsordnungen in der Region eingetreten ist;
andererseits begegnet ihm im wissenschaftlichen und politischen Umfeld die hartnäckig
vorgetragene Meinung, eine spezielle rechtswissenschaftliche Beschäftigung mit
Osteuropa sei nunmehr wegen des Untergangs der kommunistischen Regime überflüssig
geworden. Die in ihren Mutterdisziplinen verankerten Rechtswissenschaftler könnten
und würden nun mit ihren Fachkollegen in Ostmittel- und Südosteuropa ebenso
verkehren und zusammenarbeiten, wie sie dies mit jenen in Westeuropa, in Nord-
oder Südamerika täten.
Diese These ist richtig und falsch zugleich. Sie ist insofern richtig, als
infolge der fundamentalen, totalen Umstellung der ehemals kommunistischen
Staats- und Rechtsordnungen auf die ,westlichen` Leitwerte von Demokratie,
Rechtsstaat, Menschenrechte, Sozialstaat, Marktwirtschaft und weite Öffnung für
internationale Zusammenarbeit die ,westlichen` Rechtswissenschaftler nun
erstmals auf einer prinzipiell gemeinsamen Systemgrundlage mit ihren osteuropäischen
Kollegen verkehren können. Damit eröffnen sich in der Tat ganz neue,
fruchtbare Möglichkeiten des fachlichen Austausches und der Zusammenarbeit. Die
These ist aber insofern falsch, als sie die Ostrechtsforschung für einen
Ableger der Kommunismus- und Sowjetforschung zu halten scheint, die mit dem
Zusammenbruch dieses Systems und seinem Verschwinden aus Europa allenfalls noch
historisches Interesse beanspruchen könne. Demgegenüber ist festzustellen, daß
die Ostrechtsforschung nicht erst nach 1945 gleichsam als eine
antikommunistische Kampfwissenschaft, sondern - zuerst in Deutschland - zu
Beginn der 20er Jahre entstanden ist, und zwar als eine Antwort auf jene zweite
Welle in der von den Pariser Vorortverträgen abgesegneten Neustaatenbildung in
Nordost-, Ostmittel- und Südosteuropa, die gerade für den deutschsprachigen
Raum eine Fülle primär praktischer Rechtsfragen (Staatsangehörigkeitsprobleme,
Minderheitenfragen, Familien- und Erbrechtssachen, Vermögensrecht,
internationales Privatrecht usw.) mit sich brachte. Das wissenschaftliche
Interesse an der Erfassung der neuen Rechtsordnungen und der Rechtsvergleichung
gesellte sich rasch hinzu[33].
Die Unterwerfung ganz Osteuropas und eines Teils Deutschlands unter das
System kommunistischer Einparteistaaten nach dem Zweiten Weltkrieg führte zwar
zu einem Paradigmenwechsel in der - nun auch in den USA, Großbritannien und
Holland aufkommenden - Ostrechtswissenschaft, nämlich hin zur Systemforschung,
aber die bisherigen Ansätze einer auf Praxis und Rechtsvergleichung
orientierten Beschäftigung mit den konkreten Rechtsordnungen einzelner Staaten
wurden, und hier lag quantitativ weiterhin der Schwerpunkt, weitergeführt.
Mit dem Siegeszug der Nationalstaatenentwicklung in Osteuropa in ihrer
dritten Welle 1990/93 im Zuge des Zerfalls der drei kommunistischen Föderationen
ist die Ausgangssituation der Ostrechtsforschung in gewisser Weise zurückgekehrt
und mit ihr ein wichtiger Teil ihrer von Anfang an typischen Aufgabenstellungen.
Zugleich aber sind neue Aufgaben hinzugetreten. Insgesamt stellt sich die
Situation heute so dar:
Die wichtigste technische Aufgabe ist heute die systematische Erfassung und
Dokumentation des geltenden Rechts und der Rechtsliteratur der sich erneuernden
und der Neustaaten Osteuropas unter Einschluß derjenigen auf dem Territorium
der früheren UdSSR. Diese gegenüber früher wesentlich schwieriger und
unvergleichlich viel umfangreicher gewordene Aufgabe kann nur von regional
spezialisierten Forschungsinstituten, eben der Ostrechtswissenschaft, geleistet
werden. An dieser Arbeit besteht ein erhebliches praktisches Bedürfnis, und
zwar wegen der auf diesen Raum konzentrierten deutschen Wirtschaftsinteressen,
und ein politisches Bedürfnis, etwa wegen der gemeinsamen Zugehörigkeit zur
OSZE und zum Europarat mit den sich daraus für die Neustaaten ergebenden
rechtlichen Verpflichtungen, deren Erfüllung ein Entscheidungsfaktor sowohl
nationaler als auch gesamteuropäischer Außenpolitik ist.
Zweitens geht es um die wissenschaftliche Durchdringung der neuen nationalen
Rechtsordnungen, die sich zugleich in einem allumfassenden Wandlungs- und
Erneuerungsprozeß befinden, angefangen beim Verfassungs- bzw. Staatsrecht und
Verwaltungsrecht, über das Privatrecht und Wirtschaftsrecht bis hin zum
Strafrecht und Prozeßrecht. Die begleitende Erforschung des Rechtswandels im
Transformationsprozeß, und zwar sowohl linear für eine nationale Rechtsordnung
als auch vergleichend für mehrere von ihnen - etwa für die baltischen Staaten,
die Visegrad-Staaten, Rußland und die Ukraine, die transkaukasischen Staaten
usw. - ist eine wichtige Aufgabe, deren Erfüllung für Wissenschaft,
Rechtspraxis, Regierungsberatung, Medien und internationale Institutionen von
Interesse ist[34]. Da das Recht im
postkommunistischen Osteuropa eine dramatische Aufwertung erfahren hat, ist
diese Dimension der Ostrechtswissenschaft ungleich wichtiger als früher
geworden. Thematische Forschungsschwerpunkte seit Beginn der 90er Jahre sind im
Bereich des Staatsrechts die Regierungssysteme, Verfassungsgerichtsbarkeit,
Status und Schutz nationaler/ ethnischer Minderheiten, Restitutionsfragen; im
Privat- und Wirtschaftsrecht Zivilrechtskodifikationen, Privatisierung,
Gesellschafts- und Wettbewerbsrecht; noch eher am Rande stehen Strafrecht und
Teile des Prozeßrechts.
Eine dritte und völlig neue Aufgabe der Ostrechtswissenschaft ist ihre
Beteiligung an der Erneuerung der Rechts-, Wirtschafts- und Staatsordnungen der
osteuropäischen Länder selbst. Hier befinden sich die Ostrechtsforscher in
einer unikalen Vermittlungs- und Brückenfunktion, indem sie ihre mehr oder
weniger intime Kenntnis der vorkommunistischen und kommunistischen -
metajuristischen und juristischen - Traditionen der Länder Osteuropas und der
GUS unmittelbar mit den praktischen Aufgaben der Rechtsberatung aus der
Perspektive des deutschen und europäischen Rechts verbinden können. In der
Rechtsberatung der postsozialistischen Staaten nimmt Deutschland heute einen führenden
Platz ein. In das nach 1991 aufgebaute Netzwerk der Deutschen Stiftung für
Internationale Rechtliche Zusammenarbeit (IRZ-Stiftung/
Bundesjustizministerium), Deutscher Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit
(GTZ/ Eschborn) sowie - neuerdings - von EU-Tacis (Brüssel) ist praktisch die
gesamte deutsche Ostrechtswissenschaft einbezogen.
Die Ostrechtswissenschaft der Bundesrepublik hat personell (leider) so gut
wie keinen Nutzen aus dem "Reservoir" der DDR-Rechtswissenschaftler ab
1991 ziehen können, allerdings aus den unmittelbaren Erfahrungen mit der
Rechtstransformation in den neuen Bundesländern wissenschaftlich wie praktisch
zusätzlich für ihre Arbeit in Ost- und Südosteuropa profitiert.
Insgesamt war sie für die Aufgaben des Transformationsprozesses nicht
schlecht gerüstet: Trotz einschneidender Sparmaßnahmen seit den 70er Jahren
verfügte und verfügt sie noch immer über beträchtliche Möglichkeiten:
Institute, Lehrstühle, Fachreferenten in Max-Planck-Instituten, diverse (vier)
Fachzeitschriften, Publikationsreihen, Fachgruppen und Fachtagungen bilden ein
Netzwerk, das auf die neue Entwicklung sofort reagierte und seither eine hohe
Leistungsfähigkeit gezeigt hat.
Die sich im laufenden Transformationsprozeß immer deutlicher abzeichnenden,
auf starken verschiedenen geschichtlichen bzw. rechtskulturellen Prägungen
beruhenden Subregionen "Osteuropas", nämlich Ostmitteleuropa, Südosteuropa
und die (ihrerseits sich aufgliedernde) GUS, werden in Zukunft noch stärker
auseinander treten. Dabei wird die stufenweise ablaufende Osterweiterung der
Europäischen Union mittel- und langfristig eine Schlüsselrolle spielen. Sie
wird auch das regionale Profil der deutschen Ostrechtswissenschaft stark verändern.
Man kann annehmen, daß die rechtswissenschaftliche Beschäftigung mit
denjenigen postkommunistischen Staaten, die EU-Mitglieder werden, in den
Hintergrund tritt, die Forschung und praktische Tätigkeit sich dagegen auf die
postkommunistischen EU-Anrainerstaaten im Raum der GUS und Südosteuropas
konzentrieren wird. Diese Entwicklung zeichnet sich bereits heute ab. Der Wandel
reflektiert zugleich die Tatsache, daß der heute und wohl auch mittelfristig
noch mehr oder weniger starke Fundus an "postkommunistischen"
Gemeinsamkeiten zwischen den Transformationsstaaten Osteuropas einer sich
vertiefenden rechtskulturellen Unterschiedlichkeit weicht.
(Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Europäische Ethnologie)
Die historischen Ereignisse, die 1989 und 1990 in den damaligen
sozialistischen Ländern des 'Ostblocks' stattfanden, haben nicht nur
traditionelle historische, soziologische und politikwissenschaftliche
Forschungsfelder, wie etwa Osteuropaforschung oder 'Soviet Studies',
umgeschrieben und re-definiert, sondern haben auch neue wissenschaftliche
Interessen geweckt. Neben der Geschichtswissenschaft, der Soziologie und der
Politikwissenschaft, die schon früher hegemone Positionen innerhalb dieses
Forschungsbereichs einnahmen, versucht heute auch die Ethnologie bzw. die
Kulturanthropologie[35] die
Transformationsprozesse in Osteuropa zu untersuchen. Dabei wird jedoch immer
wieder die Frage gestellt: Was wäre der Erkenntnisgewinn ethnologischer
Transformationsforschung, was kann der ethnologische Blick im osteuropäischen
Transformationsprozeß sichtbar machen und erklären, was andere Disziplinen,
'andere Blicke' nicht erleuchten können?
Osteuropa selbst bzw. der Sozialismus stand eigentlich immer an der
Peripherie volkskundlichen bzw. ethnologischen Interesses. Die Volkskunde hat
diese Region in großem Maße archaisiert und suchte nur die zurückgebliebenen
Spuren einer archaischen Volkskultur, während die Kulturanthropologie mit einem
gewissen exotischen Akzent vereinzelt ihre Forschungen betrieb[36]. Erst in den 70er Jahren hat sich diese Situation langsam
gewandelt, als die Kultur- und Sozialanthropologie den osteuropäischen
Sozialismus als Forschungsobjekt entdeckte, obwohl die Forschungen sowohl
geographisch wie auch thematisch begrenzt blieben[37].
Im Mittelpunkt dieses Interesses standen vor allem die Zusammenhänge zwischen
Gesellschaftsstruktur und der neuen sozialistischen Ökonomie in dörflichen
Lebenswelten[38]. Ethnische und nationale Verhältnisse,
Wandel traditioneller Familienformen oder die Rolle und Funktionen
traditioneller Symbole und Rituale im Sozialismus sind auch beliebte Objekte
anthropologischer Osteuropaforschung gewesen[39].
Trotz dieser Veränderungen muß man jedoch feststellen, daß das sozialistische
Osteuropa für ethnologische und anthropologische Forschungen bis zum Zeitpunkt
des Zusammenbruchs des Sozialismus eigentlich unbekannt blieb und die Kultur-
und Sozialanthropologie Osteuropas durch Exotismus, Stereotypen und kulturelle
Imaginationen geprägt wurde[40]. Nach dem
historischen Kollaps des Sozialismus hat sich diese Situation schnell verändert
und der Transformationsprozeß bzw. dessen Erscheinungsformen sind zu einem
wesentlichen Bereich kultur- und sozialanthropologischer Forschung geworden[41].
Der ethnologische Blick gewinnt im Kontext der sozialwissenschaftlichen
Transformationsforschung eine besondere Bedeutung, weil diese 'boomende
Forschungsindustrie' die fundamentalen Umwandlungen in Osteuropa fast ausschließlich
auf der Makroebene und aus der Makroperspektive betrachtet[42]. Innerhalb dieses Forschungsbereichs lassen sich zwei
zentrale Fragestellungen erkennen. Die erste richtet sich auf die Ursachen des
historischen und politischen Niedergangs des Sozialismus. In diesem Zusammenhang
wird die Analyse des politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Systems
des Sozialismus angeregt bzw. erneuert. Die andere stellt die Transformation in
den Mittelpunkt und zielt auf den politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Wandel der postsozialistischen Länder bzw. die politische und gesellschaftliche
Ordnung nach dem Sozialismus ab. In diesem Zusammenhang wird einerseits
hervorgehoben, daß die Kategorie 'Transformation' eine eigene Semantik hat und
nicht die allmählichen Prozesse des sozialen Wandels beinhaltet, sondern die
unerwarteten und abrupten Veränderungen, den Systemwechsel bezeichnet, der
diese Gesellschaften vollkommen und grundsätzlich umwandelt. Durch diesen
Begriff wird angedeutet, daß der Zusammenfall des Sozialismus nicht der Logik
des sozialen Wandels entspricht, daß man den Zusammenbruch aus der Geschichte,
aus der Funktion bzw. aus den Mechanismen des sozialistischen Systems nicht erklären
kann. Für die Transformationsforschung bedeutet politische Demokratisierung
bzw. wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierung das Wesen des
Systemwechsels und hat sich in diesem Sinne auf die 'Makroebene' des
osteuropäischen Systemwechsels konzentriert. Wenn 'Systemwechsel' so
interpretiert wird, dann kann man verschiedene historische Typen und
"Wellen" von politischen und gesellschaftlichen Transformationen
beschreiben[43]. In diesem historischen und
theoretischen Kontext lassen sich dann die Eigenartigkeiten bzw. der historische
und politische Charakter des gegenwärtigen osteuropäischen
Transformationsprozesses klar erkennen. Es wird besonders hervorgehoben, daß in
den postsozialistischen Gesellschaften - erstmals in der modernen Geschichte -
politische, wirtschaftliche und rechtliche Transformationen synchronisiert
werden müssen bzw. gleichzeitig stattfinden[44].
Dementsprechend beschreibt der herrschende Diskurs der 'Transitologie' den
Postsozialismus als eine historische Übergangsperiode, in der die ehemals
sozialistischen Länder die wirtschaftlichen Strukturen und politischen
Institutionen des Kapitalismus auf- bzw. ausbauen und dadurch die bisher
fehlende oder unvollständige Modernisierung der Gesellschaft nachholen und zu
Ende bringen. In diesem Kontext wird untersucht und gezeigt, wie der
Systemwechsel auf der strukturell-institutionellen Ebene durchgeführt wurde,
wie z.B. die Planwirtschaft durch die Privatisierung in die Marktwirtschaft
umgeleitet wurde, wie das Mehrparteiensystem das Einparteiensystem abgelöst
hat, welche politischen Institutionen der demokratischen Gesellschaft geschaffen
wurden, wie die Rechtsordnung der ehemals sozialistischen Länder umgebaut
wurde, welche politischen und ideologischen Tendenzen zu beobachten sind, wie
sich die Sozialstruktur verändert, usw.[45].
Diese hier nur schematisch angedeuteten Zugangsweisen, Analysen und Erklärungsmodelle
stellen die festen Pfeiler der 'postsozialistischen' Transformationsforschung
dar. Es wird jedoch immer deutlicher, daß zwar die Transformationsforschung
grundlegende Aspekte und Merkmale des osteuropäischen Systemwechsels darlegt,
die soziale Wirklichkeit der postsozialistischen Gesellschaften läßt sich
durch die Auslegung strukturell-institutioneller Veränderungen nicht
ausreichend erklären. Andere (ergänzende) Optiken und Erklärungsmodelle sind
gefragt. Um weitere Optiken und Erklärungsmodelle anzudeuten, sollte man auf
jene Dimensionen und Bereiche des Systemwechsels eingehen, die die bisherige
Transformationsforschung vernachlässigte. Das fundamentale Problem scheint zu
sein, daß die Transformationsforschung den Systemwechsel auf
strukturell-institutionelle Veränderungen reduzierte und dessen kognitiven bzw.
symbolischen Charakter, ferner das reflexive Verhältnis zwischen strukturellem,
kognitivem und symbolischem Wandel nicht wahrgenommen und erkannt hat. Heute,
fast ein Jahrzehnt nach dem Niedergang des Sozialismus läßt sich aber klar
erkennen, daß die kognitiven und symbolischen Faktoren die strukturellen und
institutionellen Umwandlungen, deren Ablauf und Effektivität wesentlich
beeinflussen, darauf zurückwirken und dadurch eine zentrale Rolle im Prozeß
des Systemwechsels spielen. Und genau hier, in diesem Bereich kann oder könnte
der ethnologische Blick eingesetzt und "instrumentalisiert" werden.
Was jedoch die konkreten Forschungen im deutschsprachigen Raum anbelangt, muß
man eher das Fehlen solcher Untersuchungen feststellen. Das ethnologische
Interesse in Deutschland, in Österreich oder in der Schweiz richtet sich nur in
begrenztem Maße auf Osteuropa. In Österreich beschäftigt sich vor allem
der Lehrstuhl für Volkskunde an der Universität Wien mit osteuropäischen
Themen. Die ethnologische Aufmerksamkeit des Wiener Instituts konzentriert sich
auf die Nachbarländer. Es werden dort Tagungen organisiert und gemeinsame
Forschungen mit slowenischen, kroatischen, slowakischen und ungarischen
EthnologInnen durchgeführt. In der Schweiz ist Prof Dr. Christian Giordano an
der Universität Fribourg derjenige, der ethnologische Untersuchungen vor allem
in Bulgarien, aber auch in anderen osteuropäischen Ländern durchgeführt hat.
Sein Interesse richtet sich vor allem auf die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen
in den Dörfern, in den dörflichen Milieus. In Deutschland sollte man das
Institut für deutsche und vergleichende Volkskunde an der Universität München
und das Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität erwähnen.
In München ist es Prof. Dr. Klaus Roth, der sich sehr intensiv mit der
ethnologischen, volkskundlichen Erforschung des Balkans beschäftigt. Er ist
gleichzeitig Mitherausgeber einer neuen internationalen ethnologischen
Zeitschrift, der Ethnologia Balkanica. Im Institut für Europäische
Ethnologie an der Humboldt Universität zu Berlin richtet sich das Interesse vor
allem auf Fragen und Probleme der Ethnizität, des Nationalismus und auf die
neue Politik der Kultur.
(Universität Freiburg, Institut für Kulturgeographie)
Ungünstige Forschungsbedingungen bis Mitte/Ende der 80er Jahre
Empirische Sozialforschung in Ostmittel- und Osteuropa mit dem Ziel
raumdifferenzierender Aussagen über gesellschaftliche Phänomene und soziales
Verhalten war bis Ende der 80er Jahre für deutsche (und allgemein
"westliche") Geographen aus verschiedenen Gründen problematisch
(Stadelbauer 1984):
* Das Instrumentarium der empirischen Sozialforschung wurde in den meisten
ostmittel- und osteuropäischen Staaten mit Verzögerung rezipiert, in der UdSSR
erst seit Anfang der 70er Jahre. Der Moskauer Kongreß der Internationalen
Geographischen Union (IGU) im Jahr 1976 führte zunächst nur zu einer
Umetikettierung der bisherigen "Ökonomischen Geographie" zu einer
"Wirtschafts- und Sozialgeographie", jedoch kaum zu einem
Paradigmenwechsel in der Forschung und schon gar nicht zu einem Wandel der Maßstabsperspektive,
die unverändert größeren Raumeinheiten, nicht der Mikroebene galt. Eine
Ausnahme in diesem generellen Trend stellte insbesondere Polen dar, wo der
internationale Standard früher übernommen und ein Teil der
Forschungsergebnisse in der Geographica Polonica in englischer Sprache
publiziert wurde. Es darf auch nicht übersehen werden, daß im sozialistischen
Polen eine liberalere Praxis bei der Gewährung von Auslandsvisa galt.
* Die lange Zeit ausbleibende Rezeption westlicher Forschungsansätze stellte
zusätzlich zu den administrativen Restriktionen eine Schwierigkeit bei
internationaler Zusammenarbeit dar. Während die sowjetische Geographie im
Bereich der Landschaftskunde und bei der Erfassung von Naturraumpotentialen
durchaus internationales Niveau erreichte und auch detaillierte Bevölkerungsstudien
auf mittlerem Maßstabsniveau durchgeführt wurden, blieb der
sozialgeographische Zugang außerhalb der wissenschaftlichen Erfahrungswelt,
soviel unterschiedliche Ansätze in Schweden, Deutschland, Frankreich oder dem
angloamerikanischen Raum dazu entwickelt wurden.
* Selbst wo empirische Sozialgeographie als Ansatz rezipiert wurde, war sie
schwer umsetzbar, weil mikroanalytische raumdifferenzierende Fragestellungen
(z.B. zu Unterschieden in den Lebensbedingungen in einzelnen Siedlungen, zur
sozialen oder ethnischen Segregation in Städten u.ä.) der Ideologie
widersprachen, die vom Gleichheitsaxiom ausging. Befragungen wären nur mit
schwer erreichbarer administrativer Genehmigung möglich gewesen, und auch die
qualitative Sozialforschung wäre rasch an ihre Grenzen gestoßen.
Damit lassen sich die Hindernisse, die einer umfassenden Übertragung
sozialgeographischer Forschung auf Ostmittel- und Osteuropa entgegenstanden,
gleichermaßen wissenschaftsimmanent und politisch-ideologisch erklären. Für
die Forschungspraxis bedeutete dies, daß sozialgeographische Ansätze
weitgehend ausgespart werden mußten. Dies hatte zur Folge, daß für zahlreiche
Kolleginnen und Kollegen der politische Umschwung und der damit verbundene
Paradigmenwechsel seit Ende der 80er Jahre plötzlich kam und sie wenig Zeit
fanden, sich darauf einzustellen. Dies gilt in eingeschränktem Maß auch für
die ehemalige DDR, auf die hier jedoch nicht eingegangen werden soll. Es darf
auch nicht übersehen werden, daß eine "versteckte" Rezeption
stattfand, daß manche Methodik Eingang in Voruntersuchungen für
Planungsvorhaben fand und daß damit der Boden für eine "offizielle"
Rezeption vorbereitet wurde, nur konnten viele detaillierte Forschungsergebnisse
nicht publiziert werden.
Zwischen wissenschaftlicher Wildbeuterei und gegenseitiger Rezeption
In der Umbruchszeit bestimmte sicher eine gewisse Hemdsärmeligkeit auf
beiden Seiten den wissenschaftlichen Zugang zu den neuen Feldern: Forschung
wurde zwar mit verbal hohem Anspruch, im einzelnen oft aber mit noch geringer
theoretischer Basis, von westlichen Wissenschaftlern bisweilen ohne ausreichende
Regionalkompetenz und Landeskenntnis betrieben.
In der Zwischenzeit hat sich eine weitgehende Konsolidierung auf beiden
Seiten eingestellt. Immer noch spürbar ist die enge Spezialisierung, die schon
früher die Wissenschaftslandschaft in Osteuropa prägte. Die von vielen
wahrgenommene Chance, mit Hilfe von Stipendien, insbesondere des DAAD und der
Alexander-von-Humboldt-Stiftung, Forschungsaufenthalte in Deutschland zu
realisieren, führte zu einem Methoden-Transfer in beide Richtungen. Die
prinzipielle Öffnung der meisten Transformationsstaaten ermöglichte rasch
empirische Arbeiten, wobei die Bereitschaft der Unterstützung um so größer
war, je deutlicher die Relevanz z.B. für Planungsvorhaben im Städtebau oder
bei der Regionalentwicklung sichtbar wurde. Dadurch erreichte
sozialwissenschaftliche Forschung eine neue Qualität, von der auch westliche Gäste
profitieren konnten. Ethnologische Untersuchungen bei den indigenen Völkern des
Hohen Nordens oder bei Kleinunternehmern waren ebenso möglich, wie Befragungen
im ländlichen und städtischen Raum.
Bisherige Schwerpunkte sozialgeographischer Arbeit in Ostmittel- und
Osteuropa
Zwei Bereiche sind besonders zu erwähnen, in denen in den 90er Jahren
Geographinnen und Geographen aus Deutschland wichtige Ergebnisse erzielen
konnten: die Minderheitenproblematik, die in inhaltlicher Nähe zur
zeitgeschichtlichen Nationalstaatdiskussion aufgegriffen wurde, und die Analyse
einzelner raumwirksamer Aspekte der Transformation und ihrer sozialen Folgen. In
zahlreichen Fällen wurden die Studien in enger Zusammenarbeit mit Kolleginnen
und Kollegen aus dem östlichen Europa gemeinsam durchgeführt. Das Institut für
Länderkunde in Leipzig entwickelte in dieser Beziehung einen regionalen
geographischen Schwerpunkt im östlichen Europa, während das Herder-Institut in
Marburg nach überkommener Tradition interdisziplinäre Ostmitteleuropa-Studien
durchführt. Einige Beispiele seien im folgenden herausgegriffen.
Geographische Minderheiten- und Konfliktforschung
Zu den frühen in der Transformationsphase entstandenen Studien gehört die
Dissertation von W. Aschauer (1992), die sich mit der deutschen Minderheit in
Ungarn vor dem Hintergrund demographischer Entwicklungen und politischer
Rahmenbedingungen befaßt und dabei auch Phänomene der sozialen Schichtung
aufgreift und mit der Kategorie der Merkmalsgruppe arbeitet. Einen ganz anderen
Hintergrund hat die Studie zu den Wolgadeutschen, die E. Schmidt-Kallert (1994)
vorlegte. Der Autor ist Wissenschaftler und Praktiker im Bereich der
Zusammenarbeit mit den sog. Entwicklungsländern und führte unter
entwicklungspolitischem Vorzeichen ein Siedlungsprojekt in den ehemaligen
Siedlungsgebieten der Deutschen an der mittleren Wolga durch. Der Beitrag
verdeutlicht, daß theoriegeleitete Entwicklungsforschung und
Transformationsforschung noch großen Bedarf gegenseitiger Rezeption aufweisen.
Studien zu ethnoterritorialen Konflikten (Pietzonka, 1995; Stadelbauer,
1995), die am Beispiel Kaukasiens durchgeführt wurden, greifen zwar auf die
ethnolinguistische Differenzierung der Bevölkerung zurück, beruhen aber nicht
auf sozialwissenschaftlicher Primärforschung. Eher handelt es sich um
Bestandsaufnahmen, die vor allem den räumlichen Kontext zu erläutern
versuchen, um damit auch zu einem vertieften Verständnis der jeweiligen
Konfliktsituationen beizutragen.
Sozialgeographische Transformationsforschung
Transformationsforschung wird in der Geographie vor allem aus einer regional-
und wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsperspektive betrieben, doch sind
dabei soziale Rahmenbedingungen der Transformation ebenso wie ihre Auswirkungen
auf die Gesellschaft impliziert.
Besonders intensiv wurde die Transformation im Einzelhandel
untersucht, die nicht nur neue Strukturmuster innerhalb städtischer Siedlungen
entstehen ließ, sondern auch auf verändertes Versorgungsverhalten reagierte
und neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen ließ (Axionow, Brade u.
Papadopoulos 1996; Pütz 1997; Buchhofer u. Konejewez 1998). Die
Grundperspektive der meisten Arbeiten ist raumstrukturell; gerade beim
Einzelhandel war es mit relativ geringem Forschungsaufwand möglich, die von
Jahr zu Jahr erfolgenden Veränderungen zu registrieren und damit zu einer
Zeitreihe zu gelangen, die den Wandel beschreibt.
Auch die Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt gehören zu den auffälligsten,
in den privaten Sozialbereich führenden Phänomenen der Transformation, weil
dadurch Eigentums- und Vermögensverhältnisse verändert, Umbewertungen von
Wohnstandorten vorgenommen, Mobilitätsprozesse ausgelöst wurden und auch Armut
neu entstand. Das umfangreichste Forschungsvorhaben, das auf einer immensen
Datenbasis beruht, die in Ungarn erhoben wurde, ist derzeit erst in geringen
Teilen publiziert worden (Sailer-Fliege, 1997). Ein erster Problemaufriß wurde
von Kovacs und Wießner (1995) vorgenommen, die mittlerweile auch die Ergebnisse
einer Fachtagung zur Stadtentwicklung in Ostmitteleuropa in gedruckter Form
vorlegten (Kovacs u. Wießner, 1997).
Von hier führen Überlegungen zur umfassenderen Analyse der Stadtentwicklung.
Besonders gut ist Moskau unter den Beispielstädten für Transformationsprozesse
vertreten (Wendina u. Brade, 1996; Stadelbauer, 1996; Lentz, 1997). Die
Aufarbeitung von sozialstatistischen Daten bietet in diesen Studien einen ersten
Zugang zur Feststellung sozialräumlicher Differenzierungen. Am Beispiel von
Budapest kann Wießner (1997) die - noch - ausgebliebene Revitalisierung innerstädtischer
Wohnviertel und neue Mobilitätsmuster in verschiedenen Stadtteilen nachweisen;
dabei wird insbesondere der Zusammenhang zwischen sozialräumlichen Vorgängen
und baulichen Veränderungen (Sanierungsmaßnahmen) herausgearbeitet.
Über den räumlichen Berichtsrahmen hinaus reicht der von Heller (1997) zu Migrationsprozessen
vorgelegte Sammelband. Mit bevölkerungs- und sozialstatistischen Indikatoren
wird vor dem Hintergrund einer theoretischen Begriffsbestimmung von
`Transformation' für einzelne Staaten das veränderte Migrationsmuster
dargestellt. Die veränderte soziale Mobilität kann hierbei nur in
untergeordnetem Maß berücksichtigt werden, weil die Datenbasis noch zu gering
ist. Ähnliches gilt für Arbeitsmarkt und Beschäftigung (Czefalvay u.
Rohn, 1991; Belozerov et al., 1997; Doka u. Baumhackl, 1998). Zwar sind
statistische Daten inzwischen in kleinräumiger Aufgliederung zugänglich und
auch die durch die Erfassungsmethode bedingten zu geringen Werte können
korrigiert werden, doch fehlen Untersuchungen zum sozialen Feld der Arbeit, das
auch Zwei- und Mehrfachbeschäftigungen in einem ausgeprägten informellen
Sektor, unterschiedliche betriebliche und individuelle Strategien zum Erhalt und
zur Erlangung von Beschäftigung umfaßt und auch die Rückwirkungen veränderter
Beschäftigungsmöglichkeiten auf die übrigen Alltagsbereiche nicht ausklammern
darf.
Zu den Kleinunternehmern als neuen Akteuren wurde eine ethnologische
Untersuchung mit netzwerktheoretischem Ansatz durchgeführt, die m.W. noch nicht
gedruckt vorliegt (Kölner Dissertation bei dem Ethnologen Th. Schweizer).
Ebenfalls der Ethnologie stehen Untersuchungen von Wein u. Egorov (1992) nahe,
die in Jakutien über den neuerlichen Lebensformwandel ehemaliger Rentiernomaden
durchgeführt wurden.
Bei den genannten wenigen Arbeiten, die in den Bereich der
sozialgeographischen Forschung einzuordnen sind, überwiegen meist die
Forschungsansätze der empirischen Regionalforschung gegenüber jenen der
empirischen Sozialforschung. Vor allem Ansätze der qualitativen
Sozialforschung, die heute auch in der Sozialgeographie eine entscheidende Rolle
spielt, sind nur in geringem Maß vertreten, obwohl jede Studie über einen der
genannten Themenbereiche auch die Ergebnisse von Gesprächen mit
Verantwortlichen reflektiert. Zahlreiche weitere Regionalstudien enthalten
einzelne sozialgeographische Aspekte, doch wird der Hauptakzent dort noch stärker
von einer anderen, meist wirtschafts-, kultur- oder regionalwissenschaftlichen
Grundperspektive bestimmt. Bei dieser Einschätzung muß allerdings berücksichtigt
werden, daß nur veröffentlichte Arbeiten berücksichtigt werden konnten; in
den zurückliegenden Jahren entstand darüber hinaus eine beträchtliche Zahl
von Diplom-, Magister- und Staatsexamensarbeiten, die unveröffentlicht blieben,
die aber durchaus im methodischen Bereich experimentierten und auch neuere
sozialgeographische Ansätze auf Ostmittel- und Osteuropa übertrugen.
Defizite und Desiderate
Insgesamt bleiben erhebliche Desiderate der sozialgeographischen Arbeit in
Ostmittel- und Osteuropa:
* In einigen Transformationsstaaten scheint eine Übertragung und kritische
Prüfung sozialwissenschaftlicher Entwicklungstheorien aussichtsreich zu sein.
Neuere Konzepte wie die Verwundbarkeit von sozialen Systemen, die Entwicklung
von Überlebensstrategien unter den Rahmenbedingungen knapper Ressourcen, der
Zusammenhang des Mensch-Umwelt-Systems mit den politischen Rahmenbedingungen
wurden bisher kaum angegangen.
* Die Erscheinungen der Transformation würden sich für einen
Perzeptionsansatz eignen, der nach der Wahrnehmung veränderter Lebenswelten und
den daraus sich ergebenden Handlungsänderungen fragt.
* Mobilitätsstudien wurden nur als Untersuchungen zur regionalen Mobilität
und im Makromaßstab, z.B. bezogen auf die Umsiedlungen im GUS-Raum und
Migrationen in Südosteuropa (Heller, 1997) durchgeführt, jedoch noch wenig im
Mikromaßstab, wo eine Gegenüberstellung der persönlichen Freiheitsgewinne mit
den objektiven Mobilitätschancen fruchtbar sein könnte. Daraus könnten sich
auch Studien zu raumbezogenem Verhalten ergeben.
* Die Veränderungen im ländlichen Raum wurden für einige ostmittel- und südosteuropäische
Regionen analysiert (Grimm, 1995), doch standen dabei wie bei anderen
Forschungsfeldern bisher strukturelle Aspekte im Vordergrund, während die
soziale Realität zurücktrat.
Derzeit sind mehrere Dissertationen und Habilitationsarbeiten im Entstehen,
die einen Teil dieser Defizite etwas ausgleichen können. Auch Tagungsbände
reflektieren, daß für die sozialgeographische Arbeit ein neues räumliches
Feld erschlossen wurde; an der Bearbeitung nehmen inzwischen zahlreiche
Fachkolleginnen und Fachkollegen aus Ostmittel- und Osteuropa regen Anteil.
Damit leistet die sozialgeographische Arbeit auch einen Beitrag zum
gegenseitigen Verständnis von Fach- und Wissenschaftskulturen.
Literatur
Aschauer, W. (1992): Zur Produktion und Reproduktion einer Nationalität: Die
Ungarndeutschen. Stuttgart (= Erdkundliches Wissen; 107).
Axionow, K., I. Brade, A. Papadopoulos (1996): Neue Einzelhandelsformen in
St. Petersburg. - In: Europa regional 4 (3), S. 13-23.
Belozerov, V. et al. (1997): Arbeitsmärkte und Arbeitskräfte in der Rußländischen
Föderation. - In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 41 (2-3), S. 174-187.
Buchhofer, E., V. Kornejewez (1998): Einzelhandel in Grenzstädten der
russischen Exklave Kaliningrad. - In: Europa regional 6 (1), S. 25-36.
Csefalvay, Z., W. Rohn (1991): Der Weg des ungarischen Arbeitsmarktes in die
duale Ökonomie. Wien (= ISR-Forschungsberichte; 2).
Doka, D., H. Baumhackl (1998): Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in
Albanien Mitte der 90er Jahre. - In: Europa regional 6 (1), S. 37-44.
Fassmann, H. (Hg.; 1995): Immobilien-, Wohnungs- und Kapitalmärkte in
Ostmitteleuropa. Beiträge zur regionalen Transformationsforschung. Wien (=
ISR-Forschungsberichte; 14).
Grimm, F.-D. (Hg.; 1995): Der Wandel des ländlichen Raums in Südosteuropa.
Ergebnisse der Fachtagung ... München u. Leipzig (= Südosteuropa aktuell; 19).
Heller, W. (Hg.; 1997): Migration und sozioökonomische Transformation in Südosteuropa.
München (= Südosteuropa-Studien; 59).
Kornejewez, W., E. Knappe (1996): Die Viehwirtschaft im Gebiet Kaliningrad.
Zum Transformationsprozeß im ländlichen Raum. - In: Europa regional 4 (3), S.
24-30.
Kovacs, Z., R. Wießner (Hg.; 1997): Prozesse und Perspektiven der
Stadtentwicklung in Ostmitteleuropa. Passau (= Münchener Geographische Hefte;
76).
Lentz, S. (1997): Cityentwicklung in Moskau - zwischen Transformation und
Globalisierung. - In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 41 (2-3), S.
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Lichtenberger, E. (Hg.; 1991): Die Zukunft von Ostmitteleuropa. Vom Plan zum
Markt. Wien (= ISR-Forschungsberichte; 2).
Pietzonka, B. (1995): Ethnisch-territoriale Konflikte in Kaukasien. Eine
politisch-geographische Systematisierung. Baden-Baden (= Schriftenreihe des
Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien; 26).
Pütz, R. (1997): New Business Formation, Privatisation and
Internationalisation: Aspects of the Transformation of Polish Retail trade.
Wroclaw, a case study. - In: Die Erde 128 (3), S. 235-249. [Die in Mainz
angefertigte Dissertation von R. Pütz wurde 1998 abgeschlossen, liegt aber noch
nicht vor.]
Sailer-Fliege, U. (1997): Transformation of Housing Markets in East Central
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Stadtentwicklung in Ostmitteleuropa. Passau (= Münchener Geographische Hefte;
76), S. 33-47.
Schmidt-Kallert, E. (1994): Neue Siedlungen für sowjetdeutsche Familien an
der Wolga. - In: Geographische Rundschau 46, S. 141-147.
Stadelbauer, J. (1984): Regionalforschung über sozialistische Länder. Wege,
Möglichkeiten und Grenzen - Eine Bestandsaufnahme westlicher, meist
deutschsprachiger Untersuchungen aus den 70er Jahren. Darmstadt (= Erträge der
Forschung; 211).
Stadelbauer, J. (1995): Die Krisenregion Kaukasien: Geographische, ethnische
und wirtschaftliche Grundlagen. - In: Halbach, U., A. Kappeler (Hg.): Krisenherd
Kaukasus. Baden-Baden (= Nationen und Nationalitäten; 2), S. 13-51.
Stadelbauer, J. (1996): Moskau. Post-sozialistische Megastadt im
Transformationsprozeß. - In: Geographische Rundschau 48 (2), S. 113-119.
Stadelbauer, J. (1998): Alltag in Rußland. Rahmenbedingungen im sozioökonomischen
Bereich. - In: Praxis Geographie 28 (5), S. 4-10.
Wießner, R. (1997): Sozialräumliche Polarisierung der inneren Stadt in
Budapest. - In: Kovacs, Z., R. Wießner (Hg.): Prozesse und Perspektiven der
Stadtentwicklung in Ostmitteleuropa. Passau (= Münchener Geographische Hefte;
76), S. 189-201.
Wein, N., I.D. Egorov (1992): Wirtschafts- und Lebensverhältnisse im
subpolaren Sibirien (das Beispiel Nordostjakutien). - In: Petermanns
Geographische Mitteilungen 136, S. 251-266.
Wendina, O., I. Brade (1996): Der Immobilienmarkt in Moskau. Grundtendenzen
der 90er Jahre. - In: Europa regional 4 (2), S. 17-28.
(Fachhochschule für Polizei Sachsen)
Das Problem der Selbstbescheidung und fachlich orientierten Selbstbeschränkung
und mithin auch der Spezifizierung der maßgeblichen Erkenntnisinteressen, das
sich für die soziologische Erkenntnispraxis generell stellt, zeichnet sich auch
auf dem Gebiet der soziologischen Osteuropaforschung deutlich ab. Daher möchte
ich im folgenden - in Anlehnung an einen umfangreicheren Aufsatz, der demnächst
erscheinen wird (Sterbling 1998a) - einige Schwerpunkte und Desiderata der
soziologischen Osteuropaforschung ansprechen.
Zu einigen Schwerpunkten und Desiderata der soziologischen
Osteuropaforschung
Ein erster Schwerpunkt der soziologischen Osteuropaforschung liegt sicherlich
auf dem Gebiet der Modernisierungs- und Entwicklungsproblematik ost-, ostmittel-
und südosteuropäischer Gesellschaften. Der modernisierungstheoretische Ansatz
und insbesondere die in der Denktradition Max Webers stehende "historische
Modernisierungsforschung" erscheinen mir in diesem Zusammenhang besonders
aufschlußreich und fruchtbar (Sterbling 1991, 1993a; Sterbling/Zipprian 1997).
Dies zumal die historischen Modernisierungstheorien ergiebige Analyse- und Erklärungsansätze
für langfristige Modernisierungsprobleme ost- und südosteuropäischer
Gesellschaften, für die Modernisierungskrise der
"staatssozialistischen" Gesellschaften und den Zusammenbruch des
kommunistischen Herrschaftssystems (Ettrich 1997; Balla/Sterbling 1996;
Sterbling 1993b) und für das Verständnis der gegenwärtigen komplizierten
Modernisierungsprozesse bieten. Daneben oder im Anschluß daran lassen sich eine
Reihe weiterer soziologischer Erkenntnisanliegen und Forschungsfragen von
vorrangigem Interesse umreißen.
Von der Soziologie als empirischer Gegenwartswissenschaft wären zunächst
und wohl am dringlichsten gründliche Sozialstrukturanalysen zu wünschen. Also
soziologische Untersuchungen über die in der Vergangenheit weitgehend vernachlässigten
oder sehr einseitig betrachteten sozialen Ungleichheitsstrukturen, die sich auf
typische Soziallagen, grundlegende Interessenstrebungen und Wertorientierungen,
auf maßgebliche Realitätsdeutungen und Handlungsneigungen, auf strukturprägende
Vergesellschaftungsformen sowie auf strukturelle Spannungen und soziokulturelle
Spaltungen beziehen, durch die der Möglichkeits- und
Wahrscheinlichkeitshorizont des individuellen und kollektiven Handelns
wesentlich mitbestimmt werden; die aber auch der Frage nachgehen, welches die
grundlegenden Ungleichheit erzeugenden Mechanismen und strukturbildenden
Vergesellschaftungsprozesse in den osteuropäischen Gesellschaften überhaupt
sind und wie diese von der gegenwärtigen Veränderungsdynamik und den damit
einhergehenden sozialstrukturellen Verwerfungen erfaßt und modifiziert werden (Sterbling
1993c, 1996). Solche empirischen Untersuchungen können natürlich nur in enger
internationaler Kooperation mit den Soziologen vor Ort durchgeführt werden,
wozu es heute - trotz Knappheit der Ressourcen für aufwendige empirische
Forschungsvorhaben - sicherlich ganz gute Chancen und Möglichkeiten gibt.
Solche Forschungsvorhaben könnten durchaus ergiebig auf die neueren, bei uns
geführten theoretischen Diskussionen auf dem Gebiet der Sozialstrukturanalyse
und Ungleichheitsforschung zurückgreifen (Kreckel 1983; Berger/ Hradil 1990;
Hradil 1992; Berger/Vester 1998), sie könnten in der einen oder anderen
Hinsicht aber wohl auch nützlich auf diese kontroversen Diskussionen zurückwirken.
Vor allem im Hinblick auf die strukturelle Bedeutung von Prozessen der
"sozialen Schließung" (Collins 1986; Parkin 1979), im Hinblick auf
die Rolle des "sozialen" und "kulturellen Kapitals" (Bourdieu
1982; Sterbling 1998b) und im Hinblick auf das Spannungsverhältnis von "Meritokratie"
und "Klientelismus" (Haller 1989) kann die Sozialstrukturanalyse ost-
und südosteuropäischer Gesellschaften vermutlich aufschlußreiche Einsichten
und Anregungen vermitteln.
Ein zweites wichtiges Anliegen wäre die Intensivierung der kultur- und
wissenssoziologischen Osteuropaforschung. Dabei ist u.a. an eingehende Analysen
langfristig wirksamer kultureller Orientierungen und sozialmoralischer Überzeugungssysteme
und an die Analyse der Wirkungen und Folgen der Ideologisierung der ost- und südosteuropäischen
Gesellschaften, die einzelne Bevölkerungsgruppen zu verschiedenen Zeitpunkten
natürlich in unterschiedlichem Maße erfaßt und betroffen hat, zu denken.
Ebenso sollten Vorgänge intellektueller Realitätsdeutung und
Selbstvergewisserung und die darin nahezu durchgängig in Erscheinung tretenden
Ambivalenzen und Spannungen zwischen partikularistischen und universalistischen,
traditionalen und modernen, autochthonen und westlich orientierten Kulturmustern
und Wertvorstellungen eine eingehende kultur- und wissenssoziologische
Betrachtung erfahren. Ähnliches gilt für die langfristig wirksamen Prozesse
der Schaffung, Vermittlung und Reinterpretation nationalkultureller Wissens- und
Wertbestände, wobei vor diesem Hintergrund auch die spezifischen Inhalte, die
Trägergruppen und institutionellen Bezüge, die Funktionen und Wirkungen
nationalistischer Ideologien und nationaler Mythen genauer zu analysieren wären
(Berding 1996; Stagl 1996; Sterbling 1998c).
Ein weiterer, damit eng zusammenhängender Forschungsschwerpunkt, zu dem in
den letzten Jahren natürlich auch schon sehr viel interdisziplinär gearbeitet
wurde, sind die in nahezu allen ost- und südosteuropäischen Gesellschaften
gegebenen ethnischen Spaltungen und interethnischen Konflikte (Seewann 1992;
Winkler/Kaelble 1993; Sterbling 1995a; Brunner 1996). In der Sichtweise der
historischen Modernisierungsforschung ist sicherlich interessant, wie sich diese
Konflikte aus verspäteten und häufig tief umstrittenen Prozessen der Staaten-
und Nationenbildung ergeben oder in diesem Kontext - zumeist im Zusammenhang mit
antidemokratischen politischen Tendenzen - zugespitzt haben (Sterbling 1997a, S.
101 ff). In der modernisierungstheoretischen Perspektive ist gleichermaßen
aufschlußreich, wie sich ethnische Lagen und interethnische Beziehungen im
Zusammenhang mit Prozessen der sozialen und psychischen Mobilisierung, der
sektoralen Transformation, der Urbanisierung, der Bildungsexpansion und der
geographischen Mobilität wandeln. In sozialstruktureller Hinsicht wäre indes
gerade durch die Soziologie nachdrücklich zu fragen, welches die eventuellen
Interessendimensionen oder Interessenhintergründe interethnischer Spannungen
und Konflikte sind und welche strukturprägende Bedeutung solche Konflikte
besitzen, zumal durch andere Sozial- und Kulturwissenschaften häufig recht
eingehend die Wertaspekte und historischen Dimensionen solcher
Konfliktstrukturen, aber viel weniger die Interessenbezüge derselben
herausgearbeitet werden.
Unter modernisierungstheoretischen Gesichtspunkten kommt der
Institutionenanalyse und dem institutionellen Wandel in Osteuropa natürlich
eine ganz hervorragende Bedeutung zu. Der Niedergang der kommunistischen
Herrschaft wird nicht selten als "Implosion" eines
Institutionensystems interpretiert, das weitgehend monolithisch verfaßt und
durch seine Ideologiebindung und politische Übersteuerung zu institutionellen
Innovationen und Anpassungen weitgehend unfähig war. Tatsächlich ist die
tiefgreifende, in mehreren zentralen Dimensionen der Entwicklung in Erscheinung
tretende Modernisierungskrise, die letztlich zum Ende der kommunistischen
Alleinherrschaft führte, als Ergebnis ungleichförmiger, Spannungen und
Verwerfungen erzeugender, "partieller" Modernisierungsprozesse bei
gleichzeitigen systembedingten institutionellen Anpassungsblockaden zu begreifen
(Sterbling 1997b, S. 161 ff, 1998d).
Für die Analyse des institutionellen Wandels in Osteuropa ist ein Rückgriff
auf verschiedene soziologische wie auch philosophisch-anthropologische,
kulturanthropologische, rechtswissenschaftliche oder ökonomische
Institutionentheorien möglich und sinnvoll. Besonders ergiebig dürfte sich in
diesem Zusammenhang der von M. Rainer Lepsius vertretene, an Max Weber
angelehnte institutionentheoretische Ansatz erweisen. Werden in anderen
Institutionentheorien die anthropologischen Grundlagen und die Stabilitäts- und
Entlastungsfunktionen, die symbolischen Leistungen, die Rationalität und
nutzenstiftende Bedeutung oder die "paradoxen Effekte" von
Institutionen oder auch die Besonderheit politischer Institutionen
herausgearbeitet (Papalekas 1994; Nedelmann 1995; Göhler 1996), so rückt der
institutionentheoretische Ansatz von Lepsius vor allem die spezifischen
Differenzierungen, Strukturierungsleistungen und Geltungskontexte der
Institutionen und insbesondere die interinstitutionellen Beziehungen und die
Folgeprobleme der Institutionenbildung und des Institutionenwandels in den
Mittelpunkt der Betrachtungen (Lepsius 1990, 1995a, 1995b, 1996). Im Hinblick
auf den gegenwärtigen Institutionenwandel in Osteuropa ließen sich in
Anlehnung an den institutionentheoretischen Ansatz von Lepsius zum Beispiel
folgende aufschlußreiche Forschungsfragen aufwerfen: Welche Probleme ergeben
sich aus dem unterschiedlichen Ausmaß des Institutionenwandels in einzelnen
institutionellen Bereichen, aus der Koexistenz unterschiedlicher Typen von
Institutionen (Beyme 1994, S. 229ff)? Welche inter-institutionellen Konflikte
und institutionell zu lösenden Vermittlungsprobleme gehen daraus hervor? Welche
Bedeutung kommt der Handlungskompetenz von in den "alten" und
"neuen" Institutionen wirkenden Akteuren zu? Wie hängt diese
Kompetenz mit der Akzeptanz und Internalisierung neuer institutioneller
Leitwerte und "Rationalitätsprinzipien" zusammen? Mit welchen
Akzeptanzproblemen - und damit auch Legitimitätsfragen des Systemwechsels überhaupt
- geht die gegenwärtige, in vielen Hinsichten asymmetrisch wirkende "Kosten"-"Nutzen"-Bilanz
des Institutionenwandels einher?
Ein vor allem für die Wissenschaftssoziologie und Kommunikationssoziologie
sehr interessantes Forschungsfeld dürfte das der Veränderungen der
Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen (Sterbling 1994, S. 215ff; Meske/
Nadiraschwilli 1994; Mayntz/Schimank/Weingart 1995) wie auch der gesamten
Medienlandschaft und Massenkommunikation in Osteuropa sein. Diese, zumeist
weitreichenden Veränderungen, dürften auch wichtige Aufschlüsse über die
Konturen neuer Wissensordnungen unter dem Einfluß fortschreitender Prozesse der
globalen Informatisierung geben (Spinner 1994; Sterbling 1997b, S. 45ff).
Mit den hier angedeuteten Fragen des Institutionenwandels sind gleichsam auch
die zur Zeit viel diskutierten Elitenprobleme in Osteuropa vielfach verschränkt.
Die langfristige ideologische Tabuisierung des Elitenbegriffs in Osteuropa ist
heute durch eine geradezu inflationäre Verwendung desselben und eine rasch um
sich greifende Elitenforschung abgelöst worden. Obgleich diese Forschung schon
viele interessante Teilergebnisse erbracht hat, bleibt die Frage des
Elitenwandels doch sehr umstritten und merkwürdig interpretationsoffen (Sterbling
1987, 1998e). Der Vorstellung eines revolutionär herbeigeführten Elitenwandels
einerseits steht der oft mit Akzenten moralischer Empörung vorgetragene Befund
einer weitgehenden Kontinuität der Eliten andererseits gegenüber. Viele
empirische Ergebnisse weisen auf einen partiellen Elitenwechsel und insbesondere
einen Generationenwechsel in den Elitepositionen bei gleichzeitig vielen
Gemeinsamkeiten der Herkunft und der Karrierewege der "alten" und
"neuen" Eliten hin (Tökes 1991; Grancelli 1995, S. 43ff; Best/Becker
1997; Srubar 1998). Um vielleicht etwas mehr analytische Tiefenschärfe in der
Frage des Elitenwandels zu erreichen, erscheint es sinnvoll, nebst Aspekten des
Elitenwechsels auch das Ausmaß und die Tendenzen der Veränderung der
Elitenkonfigurationen zu untersuchen. Erst gründliche Analysen auf der Ebene
der Elitenkonfigurationen, die die Besonderheiten verschiedener Teileliten wie
auch die vielschichtigen Beziehungen, Differenzen und Oppositionen zwischen
einzelnen Elitengruppen und zwischen Eliten und Nichteliten systematisch
erfassen, ermöglichen genauere Aussagen über das Ausmaß des Elitenwandels in
einzelnen osteuropäischen Gesellschaften. Besonders aufschlußreich dürften
dabei vergleichende Untersuchungen über die Veränderungen der
Elitenkonfigurationen in den verschiedenen osteuropäischen Länder sein.
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt, den ich hier ansprechen möchte, wäre
der der wirtschaftssoziologischen Forschung. In diesem Rahmen werden und wären
unter soziologischen Gesichtspunkten noch eingehender die marktwirtschaftlichen
Transformationsprozesse und ihre sozialen Folgeprobleme, die Veränderungen der
Eigentumsordnungen und deren soziale Wahrnehmung und Bewertung, die neuen
Besitzverhältnisse und Wirtschaftsbeziehungen, die verschiedenen Formen und
Spielarten des unternehmerischen Handelns, der Wandel der innerbetrieblichen
Sozialbeziehungen, die Organisation ökonomischer Interessen und die Austragung
von Verteilungskonflikten, sozialpolitische Fragen und vieles mehr zu
untersuchen (Dittrich u.a. 1992; Juchler 1994; Glatzer 1996). Dabei erscheinen
solche soziologischen Analysen nicht nur für sich genommen oder als Ergänzungen
zu wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen Untersuchungen wichtig, sondern sie
ermöglichen eventuell auch gewisse allgemeine Rückschlüsse auf zwei der
wichtigsten institutionellen Gestaltungsmächte des 19. und 20. Jahrhunderts,
den "Kapitalismus" und den "Sozialismus" (Lepsius 1996;
Srubar 1996).
Als letztes möchte ich auf das Forschungsgebiet der Land- und
Agrarsoziologie verweisen. In fortgeschrittenen Industriegesellschaften oder
postindustriellen Gesellschaften ist der Stellenwert der land- und
agrarsoziologischen Forschung zurückgegangen, wenngleich sie auch hier -
insbesondere durch die Erweiterung ihres Forschungshorizontes und die
Verschiebung ihrer Schwerpunkte von agrar- zu landsoziologischen Fragestellungen
- weiterhin durchaus wichtig und aufschlußreich erscheint (Kutsch/Sterbling
1997). In einzelnen ost- und südosteuropäischen Gesellschaften hingegen, in
denen die "Bodenfrage" jahrhundertelang eine ganz wesentliche Rolle
spielte, die noch Mitte unseres Jahrhunderts weitgehend ländlich-agrarwirtschaftlich
geprägt waren und die auch gegenwärtig noch einen relativ hohen ländlichen
Bevölkerungsanteil und Beschäftigtenanteil im Agrarsektor aufweisen (Sterbling
1995b, 1996), ist dieses Forschungsgebiet sicherlich von größerer Bedeutung.
Dabei sind historisch-modernisierungstheoretische Fragestellungen, die sich mit
den wirtschafts- und sozialstrukturellen Folgen der Agrarreformen im 19. und 20.
Jahrhundert oder mit den Enteignungs-, Verstaatlichungs- und
Kollektivierungsprozessen unter der kommunistischen Herrschaft beschäftigen, für
das bessere Verständnis der problematischen Verlaufsmuster der
Modernisierungsprozesse in einzelnen Gesellschaften sehr wichtig. Ebenso
bedeutsam ist natürlich auch die land- und agrarsoziologische
Gegenwartsforschung. Da in den verschiedenen osteuropäischen Ländern bei der
Restrukturierung der Landwirtschaft und Restitution des Bodens recht
unterschiedlich vorgegangen wurde, bietet sich dieser Teilaspekt des sozialen
Wandels oder des "wirtschaftlichen Transformationsprozesses" in
besonderer Weise für komparative Untersuchungen an (Verdery 1997).
Abschließende Bemerkungen
Natürlich gäbe es im Rahmen der soziologischen Osteuropaforschung noch
viele weitere Gebiete, sei es die Bevölkerungssoziologie, die Politische
Soziologie, die Religionssoziologie oder die Freizeitsoziologie, die
Sportsoziologie oder die Kunstsoziologie usw., auf denen eine Intensivierung der
soziologischen Forschung wie auch der internationalen und interdisziplinären
Forschungskooperation sehr wünschenswert wäre und vermutlich zum allgemeinen
wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt beitragen würde. Indes, die
weitgehende Befreiung des soziologischen Denkens von ideologischen Fesseln und
die sehr begrüßenswerte disziplinäre Aufwertung der Soziologie in vielen Ländern
Ost- und Südosteuropas nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft, die heute
günstigere Bedingungen der kooperativen Forschung herbeigeführt haben, sind
nur eine Seite der Entwicklungen. Die Kehrseite davon sind kaum zu übersehende
und daher auch kaum zu übergehende Ressourcenknappheit in finanzieller,
personeller, zeitlicher und kognitiver Hinsicht, die auch bei einer glücklichen
Zusammenlegung unterschiedlich verteilter und insofern auch unterschiedlich
knapper Ressourcen immer noch zu wohlüberlegten Prioritätensetzungen und
Selbstbegrenzungen zwingen. Sehr bezeichnend für die Ressourcenknappheit -
gleichwohl aber auch Ausdruck unverständlicher universitärer Fehlallokationen
und undurchschaubarer Interessen- und Ränkespiele - ist zum Beispiel die
Tatsache, daß es in der Bundesrepublik Deutschland weiterhin überhaupt nur
eine Professur für Osteuropa-Soziologie (an der FU Berlin) gibt, die zudem
schon seit einigen Jahren vakant ist. Natürlich stellt die zumeist sehr
schlechte finanzielle Ausstattung der soziologischen Hochschul- und
Forschungseinrichtungen in den osteuropäischen Staaten einen noch weitaus
gewichtigeren Einschränkungsfaktor der wissenschaftlichen Arbeit und der
empirischen Forschungstätigkeit im besonderen dar.
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(Europa-Universität Viadrina, Frankfurter Institut für
Transformationsstudien)
Area studies wie die Osteuropaforschung haben eine lange Tradition, vor
allem in Ländern mit imperialen Ambitionen oder einer solchen Vergangenheit.
Vor der Großen Wende 1990 galten z.B. die Berichte zur wirtschaftlichen
Entwicklung der sozialistischen Länder, die das Joint Economic Committee des
amerikanischen Kongresses jährlich publizierte, als die "grüne
Bibel" der ökonomischen Osteuropaforschung (so genannt nach den grünen
Pappen der |