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Newsletter - Sozialwissenschaften in Osteuropa 1998-3

DEUTSCHE OSTEUROPA-FORSCHUNG: BEITRÄGE


Balint Balla, Berlin Anton Sterbling, Rothenburg/OL

(Fachhochschule für Polizei Sachsen)

Entwicklungslinien, Schwerpunkte und Perspektiven der deutschen Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa-Soziologie

Viele Jahre wurde das soziale Geschehen in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa seitens der deutschen Soziologie nur sehr beiläufig zur Kenntnis genommen. In der Bundesrepublik Deutschland ist die Zahl der Soziologen, die sich in den Jahrzehnten vor dem "Umbruch" 1989/1990 kontinuierlich mit Osteuropa beschäftigt haben, verschwindend gering. Erst mit dem Niedergang der kommunistischen Herrschaft und dem "Systemwechsel" in Europa kam es auch in der deutschen Soziologie zu einem rasch wachsenden Interesse an "ost-, ostmittel- und südosteuropäischen Fragen". Mit diesem durch die realgeschichtlichen Entwicklungen geweckten oder gesteigerten Interesse wuchs nicht nur die Zahl auf Osteuropa bezogener Publikationen, sondern es ergab sich gleichsam auch das Anliegen, einen Diskussionsrahmen für die auf dem Gebiet der Ost- und Südosteuropaforschung arbeitenden Soziologen wie auch eine "Kontaktstelle" für den internationalen Gedankenaustausch und die interdisziplinäre Kooperation zu schaffen. Letzteres gelang mit der Gründung einer Arbeitsgruppe "Ost- und Ostmitteleuropa-Soziologie" im Rahmen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in den Jahren 1990/1991, die 1994 den Status einer Sektion der DGS zuerkannt bekam.

Der ad-hoc Veranstaltung "Osteuropa" auf dem 25. Deutschen Soziologentag, vom 9. bis 12. Oktober 1990 in Frankfurt am Main, die als Ausgangspunkt betrachtet werden kann, folgten eine Reihe von Tagungen der Arbeitsgruppe und Sektion. Zur Bilanz der Sektion zählen über zehn Veranstaltungen, an denen die Sektion aktiv beteiligt war und die fünf Tagungsbände zu den Sektionsveranstaltungen selbst. Seit Mitte 1997 ist die Sektion im Internet vertreten. Durch die Unterstützung der Abt. Informationstransfer Osteuropa des Informationszentrums Sozialwissenschaften können über dieses Angebot alle Informationen zur Sektion abgerufen werden: Mitteilungsblätter der Sektion, Tagungsberichte, Sektionsveranstaltungen, Liste der Mitglieder und Interessenten sowie deren Forschungsschwerpunkte und Veröffentlichungen. Die Beschreibung der Publikationen der Sektion, Ansprechpartner in der Sektion, Antragsformulare und eine Dauererhebung zu den neuesten Projekten der Sektionsmitglieder, all dies ist ebenfalls online im Internet unter obiger Adresse zugänglich.

Natürlich hat sich die deutsche Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa-Soziologie nicht nur im Rahmen oder in Anlehnung an die entsprechende Arbeitsgruppe und Sektion in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie entfaltet, sondern sie hat darüber hinaus eine erfreulich breite, mittlerweile kaum noch vollständig zu überschauende Entwicklung genommen. Einen guten Überblick dazu vermittelt der Beitrag "Der Umbruch in Osteuropa - Herausforderung für die Soziologie? Zu Möglichkeiten und Grenzen einer Soziologie Ost- und Ostmitteleuropas" von Katrin Mattusch, in dem als Sonderausgabe erschienenen "Newsletter" (Oktober 1996) des Informationszentrum Sozialwissenschaften (siehe: S. 4-8 sowie S. 13-22). Ebenso gibt das Sonderheft 4/1996 der "Soziologischen Revue", das zum Thema "Transformationsprozesse in Mittelost-Europa" erschienen ist, einen guten Querschnitt über thematische Schwerpunkte, Einzelpublikationen und länderbezogene Arbeiten. Wenn im folgenden einige wichtige Schwerpunkte der deutschen soziologischen Osteuropaforschung herausgegriffen und einige einschlägige Autoren genannt werden, soll dies lediglich einer groben Orientierung dienen und sollte nicht als leichtfertiges Werturteil über einzelne Autoren und Forschungsarbeiten mißverstanden werden.

Das soziologische Forschungsgebiet, zu dem es wohl die meisten auf Osteuropa bezogene Arbeiten in der deutschen Soziologie - allerdings aber auch eine starke interdisziplinäre Überschneidung, insbesondere mit der Politikwissenschaft - zu verzeichnen gibt, ist das des politischen Wandels. Hier werden u.a. Probleme der Demokratisierung, der politischen Kultur, der sozialen Bewegungen, der Parteienbildung, des Elitenwechsels und des Institutionenwandels usw. behandelt. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang u.a. die Arbeiten von Claus Offe, Helmut Fehr, Melanie Tatur, Krisztina Mänicke-Gyöngyösi, Heinrich Best, Katrin Mattusch, Susanne Pickel, Birgitta Nedelmann, Wolfgang Engler, Anton Sterbling und der leider allzu früh und plötzlich verstorbenen Rene Ahlberg und Johannes Chr. Papalekas.

Auf dem schwierigen Gebiet der Rekonstruktion westlicher und osteuropäischer soziologischer Denktraditionen und der aktuellen Theoriediskussion, bei der es nicht zuletzt um die Anwendbarkeit allgemeiner soziologischer Theorien und bestimmter Modernisierungs- und Transformationstheorien in der Osteuropaforschung geht, sind u.a. die Beiträge von Balint Balla, Johannes Weiß, Ilja Srubar, Klaus Müller, Wolfgang Zapf, Anton Sterbling, Frank Ettrich, Raj Kollmorgen, Willibald Reschka und Heinz Zipprian zu nennen.

Ein weiterer bedeutsamer Forschungsschwerpunkt in den letzten Jahren war und ist die soziologische Analyse der wirtschaftlichen Transformationsprozesse in Osteuropa und Ostmitteleuropa auf betrieblicher, sektoraler, gesamtwirtschaftlicher und internationaler Ebene. Hierzu liegen wichtige Untersuchungen von Eckhard J. Dittrich, Friedrich Fürstenberg, Gert Schmidt, Christo Stojanov, Martin Heidenreich, Jürgen Feldhoff, Jochen Tholen u.a. vor. Auf dem Gebiet der Sozialstrukturforschung und der sozialen Entwicklungen beschränkt sich das Angebot der deutschen Soziologie nach wie vor auf eine geringe Zahl von Arbeiten, u.a. von Wolfgang Teckenberg, Walter Müller, Anton Sterbling, Wolfgang Glatzer.

Über Nationalismus, ethnische Minderheiten und Migrationsprozesse in Osteuropa und Südosteuropa haben u.a. Erhard Stölting, Ingrid Oswald, Christian Giordano, Anton Sterbling, Georg Weber, Armin Nassehi einschlägige Arbeiten vorgelegt. Zur Kultursoziologie und kultur- und sozialgeschichtlichen Entwicklung in Osteuropa sind u.a. die Beiträge von Johannes Chr. Papalekas, Detlef Pollack, Justin Stagl, Zdzislaw Krasnodebski und Wolfgang Geier hervorzuheben. Aus dem Bereich der wissenschaftssoziologischen Forschung liegen u.a. interessante Publikationen von Renate Mayntz, Uwe Schimank, Peter Weingart, Vera Sparschuh und Dagmar Simon vor.

In dieser groben Übersicht sind nur wenige Forschungsschwerpunkte erwähnt worden, und bei der Nennung einschlägiger Autoren wurden ganz bewußt nur deutsche - das heißt in Deutschland ausgebildete oder tätige - Soziologinnen und Soziologen berücksichtigt. Bei diesem sicherlich willkürlich erscheinenden Vorgehen (auch was die Nennung der Namen selbst betrifft) sollte uns zu Gute gehalten werden, daß dadurch deutlicher als sonst üblich die Beitragsschwerpunkte der deutschen Soziologie zur Osteuropaforschung - und natürlich auch deren Defizite - sichtbar zu machen sind.

Was die zukünftigen Perspektiven betrifft, so hoffen wir natürlich zunächst auf eine kontinuierliche und differenzierte Weiterentwicklung der soziologischen Osteuropaforschung, wobei dies natürlich nicht nur ein fortbestehendes Erkenntnisinteresse bei den Wissenschaftlern und ihren Lesern, sondern auch eine fortgesetzte Förderung und infrastrukturelle Unterstützung der Forschungsarbeit voraussetzt. Angesichts der angestrebten Entwicklungen (Osterweiterung der NATO und der EU) und fortbestehender Modernisierungsprobleme in den einzelnen Gesellschaften Osteuropas kann über die Relevanz solcher Forschungsvorhaben und den Wert ihrer Ergebnisse kaum ein Zweifel bestehen. Was gerade aus der fachspezifischen Sicht der Soziologie dringlich zu wünschen wäre, sind theoretisch reflektierte und empirisch gut abgesicherte Sozialstrukturanalysen zu einzelnen Ländern wie auch die Intensivierung der vergleichenden Forschung, zu der es auf den verschiedensten soziologischen Forschungsgebieten gute Ansätze gibt. Beides setzt indes unabdingbar voraus, daß die internationale Forschungskooperation - insbesondere mit den Fachkollegen in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa - weiterhin entsprechend gepflegt und gefördert und nach Möglichkeit natürlich auch weiterentwickelt wird.

Elisabeth Cheaure, Freiburg i.Br.

(Slawisches Seminar der Universität Freiburg)

Russlandbezogene Gender-Studies. Zu Forschungsaktivitäten im deutschen Sprachraum

Geschlechterdifferente Fragestellungen fanden in der auf Russland bezogenen sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung erst seit Mitte der siebziger Jahre intensivere Beachtung, wobei die Impulse aus dem anglo-amerikanischen Raum kamen. In Russland selbst zeigte man sich aus politischen und ideologischen Gründen zunächst sehr verhalten. Gegenwärtig kann zumindest davon ausgegangen werden, dass "Gender" bzw. "Gendernye issledovanija" im wissenschaftlichen Diskurs verstanden und gebraucht wird.

Situation im deutschen Sprachraum

Für den deutschen Sprachraum muss nach wie vor festgestellt werden, dass - trotz zum Teil beeindruckender Projekte und Arbeiten einzelner Institutionen und Personen - genderspezifische Fragestellungen im Rahmen der Osteuropa-Forschung noch nicht in ausreichendem Masse berücksichtigt werden und etabliert sind. Dies gilt auch für neue theoretische Modelle und methodische Ansätze, die kulturwissenschaftliche und feministische Fragestellungen verbinden. Die Gründe dafür müssten diskutiert werden. Sie könnten nicht zuletzt auch in den bekannten jahrzehntelangen Vorbehalten der deutschsprachigen Wissenschaft insgesamt liegen, sich geschlechterdifferenten Fragestellungen zu öffnen. Darüber hinaus stellten die spezifischen sowjetischen Verhältnisse die deutschsprachige Osteuropa-Forschung vor besondere Probleme, sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich des Zugangs zu Forschungsgrundlagen. Mit der Perestrojka änderte sich die Situation, ohne dass allerdings von einer wirklichen Intensivierung der Forschungsaktivitäten im Bereich der Gender-Studies gesprochen werden kann.[1] Denn das Interesse konzentrierte sich zunächst und im Grunde bis heute auf die sog. "Frauenfrage".[2] Die Kategorie "Geschlecht" wird dabei noch nicht konsequent genug mitgedacht.

Für den folgenden kurzen Überblick aus der Sicht einer kulturwissenschaftlich arbeitenden Slawistin wird davon ausgegangen, dass die Bedeutung von geschlechterdifferenten Fragestellungen und Gender-Studies vor allem in ihrem wissenschaftskritischen Potential und ihrem interdisziplinären Ansatz zu sehen ist. Aus diesem Grunde wird darauf verzichtet, die Entwicklung bzw. den Stand der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung für den russischen Raum nachzuzeichnen.[3] In diesem Zusammenhang sei nur auf die Datenbanken z.B. der GESIS, des BIOst in Köln und des Slawischen Seminars der Universität Freiburg (s.u.) verwiesen.

Fächerimmanente Forschungen und interdisziplinäre Ansätze

Man kann davon ausgehen, dass Geschlechterrollenkonstruktionen gesellschaftliche Strukturen ebenso wie individuelle psychologische Befindlichkeiten und konkrete Verhaltensmuster ganz wesentlich mitbestimmen. Dementsprechend können für die soziologisch ausgerichtete Gender-Forschung Arbeiten und Ergebnisse anderer Wissenschaftsdisziplinen von elementarer Bedeutung sein. Dies gilt in ganz besonderem Masse für den russischen Kulturraum, in dem das kulturelle Gedächtnis und das kollektive Bewusstsein wesentlich von der Literatur und den Konstruktionen der eigenen nationalen Geschichte geprägt ist. Insofern müssten die darin codierten und tradierten Geschlechterrollenklischees bei aktuellen soziologischen Fragestellungen mitgedacht werden. Wie wichtig dieser Aspekt ist, haben in jüngster Zeit die Arbeiten von Britta Schmitt[4] und Anna Käbberling[5] verdeutlicht. Andererseits können z.B. auch slawistische Arbeiten im Bereich der Literaturwissenschaft nicht ohne Einbeziehung etwa von geschichtswissenschaftlichen oder soziologischen Ansätzen auskommen.

Ein konsequent interdisziplinärer Ansatz wird seit den frühen 1990er Jahren von engagierten Wissenschaftlerinnen um Uta Grabmüller, Monika Katz und Krisztina Mänicke-Gyängyäsi an der FU Berlin verfolgt. Er schlug sich in mehreren Publikationen nieder, die Überblicks- und Grundlagencharakter haben.[6] Es ist sehr zu bedauern, dass es trotz der beeindruckenden Leistungen der Berliner Wissenschaftlerinnen bislang meines Wissens nicht gelungen ist, den Forschungsschwerpunkt auszubauen bzw. innerhalb des Osteuropa-Instituts zu institutionalisieren. Vom neu eingerichteten Studiengang "Gender-Studies" an der Humboldt-Universität in Berlin sind allerdings neue Impulse auch für die russistische Gender-Forschung zu erwarten.

Im Bereich der Geschichtswissenschaft konnte sich dank des Engagements u.a. von Carsten Goehrke (Universität Zürich), Bianca Pietrow-Ennker (Universität Konstanz) und Beate Fieseler (Universität Bochum) die Frauen- und Geschlechterforschung in gewissem Masse etablieren. Der Schwerpunkt der Forschung lag zunächst auf der Aufarbeitung der Geschichte der Frauenbewegung bzw. der Frauen in den sozialrevolutionären Bewegungen in Russland, mittlerweile wird jedoch weit darüber hinausgegangen. Dies spiegelte u.a. die von B. Pietrow-Ennker geleitete, viel beachtete Sektion am 41. Deutschen Historikertag in München "Geschichte als Argument: Emanzipation von Frauen als Thema der Russlandforschung".[7] Besondere Verdienste hat sich auch die ehemals Freiburger Historikerin Carmen Scheide (jetzt Universität Basel) mit dem von ihr initiierten Rundbrief "Europäisches Ost-West-Frauen-Netzwerk" erworben.

Die Slawistik im deutschsprachigen Raum zeigte sich gegenüber gender-spezifischen Fragestellungen lange Zeit relativ verhalten. Darüber können verdienstvolle, zum Teil innovative Einzelstudien nicht hinwegtäuschen. Erst in den 1990er Jahren etablierten sich bislang - neben Arbeiten einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler[8] - vier Zentren, die sich auf die Erforschung russischer Literatur und Kultur aus geschlechterdifferenter Perspektive konzentrieren. Ursprünglich von demselben Forschungsimpetus ausgehend - der Entdeckung, Erforschung und auch Edition vergessener oder von der Literaturgeschichte ignorierter Autorinnen, d.h. der Rekonstruktion der weiblichen literarischen Tradition - entwickelten sich unterschiedliche Schwerpunkte und Fragestellungen.[9]

Für soziologische Fragestellungen könnte vor allem die am Slawischen Seminar der Universität Freiburg erstellte Datenbank von Interesse sein. Diese Datenbank geht von einem sehr breiten kulturwissenschaftlichen Ansatz aus und berücksichtigt im Grunde alle Arbeiten mit geschlechterdifferenten Fragestellungen für den russischen Raum, wobei durch eine differenzierte Systematisierung über die Eingabe von zahlreichen - auch soziologischen - Suchbegriffen ein schneller Zugriff auf die vorhandene Literatur gewährleistet wird. Der Bestand der materiell vorhandenen Literatur umfasst mehrere tausend Titel und wird laufend aktualisiert.[10] Es besteht die Möglichkeit, Literaturrecherchen durchführen zu lassen.[11]

Zusammenarbeit mit russischen Wissenschaftsinstitutionen

Die nach der Perestrojka prinzipiell mögliche Zusammenarbeit mit russischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wird im Bereich der Gender-Forschung noch zu wenig genutzt. Die Kontakte erfolgen häufig auf individueller Basis und sind kaum institutionalisiert. Um so erfreulicher ist es, dass die bekannteste russische Historikerin im Bereich der "Frauenforschung", N. Puskareva, noch 1998 einen Forschungsaufenthalt in Göttingen wahrnehmen kann.

Von russischer Seite wird häufig bedauert und kritisiert, dass im Bereich der wissenschaftlichen Programme und Fördermöglichkeiten amerikanische Aktivitäten dominieren und damit eine Abkoppelung von westeuropäischen bzw. deutschsprachigen wissenschaftlichen Diskursen erfolgt. Die diesbezüglichen Aktivitäten im deutschsprachigen Raum wurden zunächst in beträchtlichem Masse von nicht-wissenschaftlichen Institutionen getragen, z.B. von der Initiative Deutsch-Russischer Austausch und der Stiftung Buntstift e.V. in Berlin 1994.[12] Der grosse Erfolg der Münsteraner Veranstaltung von 1994[13] und das breite Medien-Interesse zeigten, wie intensiv in diesem Bereich der Wunsch nach Dialog und Zusammenarbeit ist. Am Institut für Slawistik der Universität Innsbruck (Ch. Engel, R. Reck) fand im Herbst 1997 eine viel beachtete Konferenz der ...sterreichischen UNESCO-Kommission zum Thema "Frauen im Kulturbetrieb: Aktuelle Tendenzen in den Ländern Mittel- und Osteuropas" statt, die vor allem Frauen aus Osteuropa und ...sterreich zusammenführte. In Freiburg werden vom Slawischen Seminar der Universität in einem Pilotprojekt der Volkswagen-Stiftung zum Thema "Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften am Beispiel Russlands" gegenwärtig neue Formen der Zusammenarbeit geprüft. Ausserdem wird zur Zeit im Zusammenhang mit dem Studiengang Gender-Studies an der Humboldt Universität in Berlin für 1999 eine Konferenz zum Thema "Transformationsprozesse in Ost-, Mittel- und Südosteuropa" unter dem Blickwinkel interdisziplinärer Frauenforschung geplant. Diese Initiativen könnten den Weg des Dialogs fortsetzen und ausbauen.

Stefan Creuzberger, Aachen

(Osteuropa - Zeitschrift für Gegenwartsfragen des Ostens)

Zeithistorische Osteuropaforschung nach 1989/90. Aktivitäten auf dem Gebiet der sowjetischen Geschichte

Die zeitgeschichtliche Forschung zählt zu jenen Wissenschaftsdisziplinen, die ganz erheblich von den politischen Umbrüchen im östlichen Europa nach 1989/90 profitiert hat. Denn mit der schrittweisen Öffnung der dortigen Archive haben sich unerwartet neue Perspektiven ergeben. Themen, die bis vor wenigen Jahren noch unmöglich oder nur schwer zu bearbeiten waren, rücken ins Blickfeld des Historikers und können auf der Grundlage von Aktenmaterial erstmals untersucht werden. Im Zuge der neuen Offenheit und der damit verbundenen Überwindung bis dahin trennender politisch-ideologischer Barrieren haben sich zudem intensivere wissenschaftliche Kontakte und Austauschmöglichkeiten diesseits und jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs ergeben.

In diesem Zusammenhang ist ein russisch-amerikanisches Gemeinschaftsprojekt hervorzuheben, von dem seit Anfang der neunziger Jahre wichtige Impulse ausgehen. Im Rahmen der sogenannten Russian Archive Series' Publication haben die meisten zentralen Moskauer Staats- und Parteiarchive für eine gewisse Transparenz im russischen Archivwesen gesorgt: Inzwischen wurden zahlreiche Verzeichnisse und Übersichten publiziert, die auch Geheimbestände offenlegen, von deren Existenz selbst viele russische Archivare bis vor kurzem nichts gewußt haben.[14] http://www.iisg.nl/~abb/]

Eine überaus erfreuliche Entwicklung ist überdies, daß seit einigen Jahren Dokumente aus dem früheren Partei- und ZK-Archiv der KPdSU, den Staatsarchiven in Moskau und St. Petersburg, aber auch aus dem KGB-Archiv verfilmt und für die internationale Forschung bereitgestellt werden. In Deutschland kann das auf diese Weise bislang erschlossene Material vor allem in der Bayerischen Staatsbibliothek München eingesehen werden.[15]

Der veränderten Forschungslage und den damit einhergehenden Erfordernissen wurde aber auch auf anderem Gebiet entsprochen: So kam es auf dem wissenschaftlichen Zeitschriftenmarkt zu einer Reihe von Neugründungen, etwa mit den Jahrbüchern für historische Kommunismusforschung (seit 1993), dem Berliner Jahrbuch für Osteuropäische Geschichte (seit 1994) oder dem Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte (seit 1997). Aber auch etablierte Fachorgane, wie etwa die Zeitschrift OSTEUROPA, haben sich für zeithistorische Fragestellungen geöffnet.[16] http://www.rwth-aachen.de/ipw/
Ww/osteuropa/index.html

Das zunehmende Interesse an der osteuropäischen, vor allem an der sowjetischen Zeitgeschichte läßt sich ebenso anhand einschlägiger Diskussionsforen nachvollziehen, die sich in den vergangenen Jahren konstituiert haben. Allen voran ist hier mit H-Russia eine discussion group im Internet zu nennen. Diese auf russische und sowjetische Geschichte spezialisierte Liste hat ihren Sitz in den USA und wird von dort aus moderiert. In den täglich bis zu 20 Beiträgen werden Tagungen angekündigt, Call for Papers verteilt, Projekte präsentiert, Stellenausschreibungen veröffentlicht, Literatur und Archiverfahrungen diskutiert.[17]http://www.h-net.msu.edu/~russia/] Ein stärker thematisch eingeengtes Forum wurde mit dem Cold War International History Project Ende 1989 in Washington, D.C., auf den Weg gebracht.[18] Das Projekt hat sich in erster Linie der Aufgabe verschrieben, Historiker in Ost und West zusammenzuführen, die auf dem Gebiet der Geschichte des Kalten Krieges arbeiten. Die Organisatoren veranstalten hierzu nicht nur einschlägige internationale Konferenzen, sondern bieten auch mit dem Bulletin und den Working Papers entsprechende Publikationsmöglichkeiten. Besonders ist in diesem Zusammenhang die Veröffentlichung von neu erschlossenen osteuropäischen Archivalien hervorzuheben, die zudem ins Englische übersetzt werden.[19]http://cwihp.si.edu/default.htm]

Doch lassen sich im Blick auf die zeitgeschichtliche Osteuropaforschung nicht nur jenseits des Atlantiks gesteigerte Aktivitäten ausmachen, die sich etwa in Internet-Listen oder speziellen Arbeitsgruppen niederschlagen. Auch in Deutschland ist in dieser Hinsicht Bewegung zu verzeichnen. Seit Sommer 1997 haben sich innerhalb des Verbandes der Osteuropahistoriker (VOH) Nachwuchswissenschaftler zusammengeschlossen und eine sogenannte e-mail-Diskussionsgruppe des Mittelbaus initiiert. Der Sinn und Zweck dieser Initiative besteht u.a. darin, die Transparenz und den Informationsfluß im Fach wie auch im VOH deutlich zu verbessern.[20] Eine unmittelbare Folge dieser Bemühungen zeigt sich bereits darin, daß der Verband nunmehr mit einer Homepage im Internet präsent ist.[21] http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/
Geschichte/dt_gesch/voh.htm
 
Hervorzuheben ist darüber hinaus, daß am 11. Juli 1998 ein Arbeitskreis für Osteuropäische Geschichte gegründet wurde. Er vereinigt nicht nur jene Teilnehmer der Mittelbau-Initiative, die aktiv Diskussionen führen wollen, sondern ist für alle Interessierte offen. Die zweimal pro Jahr geplanten Konferenzen sollen sich einerseits auf zentrale inhaltliche, organisatorische und methodische Fragen des Faches erstrecken; andererseits sind spezielle Fachtagungen geplant, die jeweils rechtzeitig in der Zeitschrift OSTEUROPA angekündigt werden.[22]

In engem Zusammenhang damit steht ein Projekt, daß gleichfalls unter der Regie des Arbeitskreises steht: Mit einem Studienhandbuch Rußland/Sowjetunion, das sich als Propädeutikum für Studenten der Anfangssemester versteht, haben die Arbeiten für eine Publikation begonnen, die unmittelbar an das 1999 im Böhlau-Verlag angekündigte Studienhandbuch Östliches Europa, Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas anknüpft.

Was neuere Forschungstendenzen innerhalb der zeitgeschichtlich orientierten deutschen Osteuropaforschung anbelangt, so können diese im Rahmen der vorliegenden Überblicksdarstellung nur unvollständig beleuchtet werden.[23] Im Blick auf die sowjetische Geschichte seien deshalb lediglich zwei bis drei Schwerpunkte knapp benannt: Drohte vor kurzem noch eine bis dahin in Deutschland nur schwach entwickelte Stalinismusforschung gänzlich zu erliegen, so ist auf diesem Gebiet angesichts der verbesserten Archivlage in Rußland eine gewisse Bewegung zu registrieren. Eine im Juni 1996 in Jena etablierte Arbeitsgruppe Stalinismus hat darüber hinaus weiteres dazu beigetragen, daß diesem Forschungsgegenstand mit neuen methodologischen wie theoretischen Ansätzen wieder größere Aufmerksamkeit verschafft wird.[24] In diesem Sinne ist dann ebenso ein seit Januar 1997 von der Volkswagenstiftung gefördertes Forschungsprojekt zu sehen, das das Phänomen "Jugend und Gewalt in Sowjetrußland" zwischen 1917 und 1932 untersucht. Neue Erkenntnisprozesse lassen sich zunehmend auch auf dem Gebiet der Kalten Kriegsforschung beobachten. Das hierzulande - aufgrund der besonderen deutschen Nachkriegskonstellation - weit verbreitete Interesse an dieser Problematik wird nicht zuletzt dadurch begünstigt, daß seit kurzem erste wichtige Quellenpublikationen zur Verfügung stehen.[25] Ob in dieser Hinsicht von einer Deutsch-Russischen Historikerkommission, die sich Anfang 1998 konstituiert hat, weitere Anstöße ausgehen werden, bleibt vorerst abzuwarten. Es ist jedoch festzuhalten, daß die "Sowjetische Politik während der Berliner Krise (1958-1962)" zu einem von vier künftigen Arbeitsschwerpunkten erklärt worden ist.[26]

Alles in allem steht die zeitgeschichtliche Osteuropaforschung vor wichtigen Herausforderungen.[27] Diese anzunehmen und die sich daraus ergebenden Zukunftsperspektiven sinnvoll auszugestalten, das mögen die obigen Ausführungen verdeutlicht haben, ist eine wichtige Aufgabe der nächsten Jahre.

Jochen Fleischhacker, Rostock Jacoba Haug, Rostock

(Max-Planck-Institut für demographische Forschung)

Demografische Instabilitäten in Osteuropa: Forschungsfragen und -hypothesen zu Veränderungen des generativen Verhaltens in den Transformationsstaaten

Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Bevölkerungswissenschaft mit den demografischen Folgen des Zusammenbruchs der politischen und wirtschaftlichen Systeme in den ehemals sozialistischen Staaten Osteuropas. Die Beobachtung und Analyse dieser Entwicklungen wirft dabei vor allem im Bereich des generativen Verhaltens eine Reihe von Frage- und Problemstellungen auf, die im Rahmen der folgenden Darlegungen skizzenhaft beschrieben werden.

Vergleicht man Fertilitätsprozesse und -strukturen in Europa, so zeigen sich zwischen den Staaten West- und Osteuropas deutliche Unterschiede, die seit dem Untergang der sozialistischen Systeme in besonderer Weise zutage treten. Während sich die Verhältnisse der meisten westlichen Länder als relativ stabil erwiesen, zeigen sich in Osteuropa insbesondere nach 1989 deutliche Instabilitäten. Zur Kennzeichnung des Ausmaßes und der Intensität dieser Veränderungen dienen u.a. Indikatoren wie die Gesamtfruchtbarkeitsziffer (d.h. die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau), das mittlere Gebäralter, die Geburtenfolge sowie weitere Maßzahlen zur Kennzeichnung verschiedener Familien- und Lebensformen.

Besonders augenfällig zeigen sich die demografischen Umbruchsprozesse der osteuropäischen Staaten einschließlich Ostdeutschlands im Rückgang der Geburtenhäufigkeit in den 90er Jahren. Wie anhand der Gesamtfruchtbarkeitsziffer abzulesen ist, verringerte sich diese zwischen 1989 und 1994 beispielsweise in den Neuen Bundesländern um mehr als die Hälfte, in Estland um 38%, in Rußland um 30%, in Bulgarien und Rumänien um jeweils 28% bzw. 27% und in Ungarn um 7%. Vor diesem Hintergrund setzt sich die demografische Forschung verstärkt mit den Ursachen der Veränderungen des Geburten-, Heirats- und Scheidungsverhaltens in den Ländern des früheren Ostblocks auseinander. Hierbei wird die Frage aufgeworfen, ob die genannte Entwicklung alleinige Folge der Transformation von sozialistischen zu marktwirtschaftlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen sind. Oder müssen bei der Analyse und Erklärung des deutlichen Geburtenrückgangs, der in allen Staaten zu beobachten ist, verstärkt auch andere Faktoren berücksichtigt werden? Diese und weitere Fragen sind Bestandteil eines Dissertationsprojektes von Jacoba Haug in der Nachwuchsgruppe "Fertilitätsentwicklung im heutigen Europa" am MPI in Rostock. Darüber hinaus besteht eine Kooperation zwischen Eberhard Schaich von der Universität Tübingen und Jochen Fleischhacker zu Konvergenzen und Divergenzen in der demografischen Entwicklung Ost- und Westdeutschlands nach 1989.

Ausgangspunkt für die Betrachtungen ist das Beispiel Ostdeutschland, da gerade hier offenbar nicht ausschließlich sozioökonomische Faktoren für den massiven Rückgang der Geburten verantwortlich sind. Zwischen 1990 und 1994 nahm die ostdeutsche Gesamtfruchtbarkeitsziffer um ca. 65% ab, ein Rückgang, der kaum mit Einbrüchen früherer Jahrzehnte vergleichbar ist. Selbst in den Jahren der beiden Weltkriege und während der Weltwirtschaftskrise fiel der Fertilitätsrückgang geringer aus als der in den sog. Nachwendejahren. Seit ihrem Tiefstand von knapp 0,8 im Jahr 1994 stieg die Geburtenrate der Neuen Bundesländer zwar wieder leicht an, sie liegt jedoch weiterhin erheblich unter den ebenfalls gesunkenen Werten anderer osteuropäischer Staaten (vgl. im Anhang, Tabelle 1). In diesem Zusammenhang erscheint der Hinweis wichtig, daß bereits in der Zeit vor 1989 z.T. deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern bestanden. So hatte die DDR noch zum Zeitpunkt ihres Bestehens eine vergleichsweise niedrige Periodenfertilität, die im Jahr 1989 mit 1,57 Kindern je Frau erheblich unter den Werten in Polen (2,08) und Estland (2,21) lag und nur von Slowenien (1,55) unterschritten wurde. Für die Untersuchung der posttransformativen Unterschiede in Osteuropa folgt hieraus, daß bei der Entwicklung von Erklärungsansätzen bereits früher bestandene Abweichungen zwischen den Staaten berücksichtigt werden müssen.

Auf der Suche nach Erklärungsansätzen für die Einbrüche der Periodenfertilität kann festgestellt werden, daß bisher mit besonderem Hinblick auf das generative Verhalten nur wenig vergleichende Untersuchungen vorliegen. Zwar gibt es im Rahmen der Transformationsforschung mittlerweile zahlreiche Untersuchungen zu den demografischen Veränderungen in Osteuropa, doch beschränken sich diese meist entweder auf den Fall der Neuen Bundesländer oder sie behandeln die Entwicklung der anderen osteuropäischen Staaten, wobei die ehemalige DDR wegen ihrer "Sonderrolle" oft nur am Rande diskutiert wird. Zudem stoßen bei einer Gegenüberstellung Ostdeutschlands mit anderen Ländern gerade solche Begründungen, die Veränderungen der materiellen Lebensverhältnisse als zentral für abweichende Entwicklungsverläufe betrachten, schnell an ihre Grenzen: Gerade der ostdeutschen Bevölkerung blieben infolge der Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik (Transferzahlungen, Übernahme westdeutscher Sozialversicherungssysteme etc.) viele ökonomische Transformationsprobleme anderer Staaten erspart oder wurden zumindest erleichtert. Auf diesen gravierenden Unterschied im Übergang von plan- zu marktwirtschaftlichen Strukturen verweist Claus Offe mit den Worten: "The unique mode of transformation - and it was probably the only one that was politically practicable - to be observed in the GDR initially offered clear advantages over the mode of transformation adopted in the other countries. They had, as it were, to repair their sinking ships while still at sea, whereas the GDR was retrofitted in the FRG dry dock"[28].

Als Basis für die empirische Analyse des generativen Wandels dienen in erster Linie Umfragedaten der Fertility and Family Surveys, einem von der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa (UN/ECE) initiierten Projekt. Ziel dieser Erhebung ist es, international vergleichbare Ergebnisse zu politikrelevanten Fragen der Familienbildung zu erhalten.

Erste Datenauswertungen lassen vermuten, daß - wie oben erwähnt - ökonomische Faktoren keine ausreichende Begründung für die gravierenden Veränderungen im Geburten-, Heirats- und Scheidungsverhalten darstellen. Wie im Fall der Neuen Bundesländer zu sehen ist, können im Verhältnis zu anderen Staaten Osteuropas vergleichsweise günstige wirtschaftliche Bedingungen durchaus mit einer niedrigen Geburtenrate korrespondieren. Ebensowenig sind jedoch nach Auswertung des empirischen Materials sozio-kulturelle Aspekte (neue Werte und Handlungsalternativen infolge von Modernisierungsprozessen) als primäre Ursachen für den demografischen Wandel zu deuten. Zum einen sind auch die anderen Transformationsstaaten, bei zwar geringerem Tempo und Ausmaß, derartigen Einflüssen ausgesetzt; sie müßten folglich eine ähnliche generative Entwicklung aufweisen wie die Ostdeutschlands in den zurückliegenden Jahren. Zum anderen kann anhand der Daten in allen untersuchten Ländern - somit auch in den Neuen Bundesländern - auf einen weiterhin hohen Stellenwert der Familie geschlossen werden. Gerade hier erscheint daher die Diskrepanz zwischen anhaltendem Kinderwunsch und tatsächlichem Verhalten (=Aufschieben von oder Verzicht auf Kinder) besonders stark zu sein.

Bei der Suche nach Ursachen für die unterschiedlichen Transformationsentwicklungen und insbesondere für den ostdeutschen "Sonderweg" ergibt sich ein erster wichtiger Ansatzpunkt für weitere Untersuchungen: Datenanalysen lassen mögliche Unterschiede in der Erwerbsneigung osteuropäischer Frauen vermuten. Bei ostdeutschen Frauen scheint diese allgemein stärker ausgeprägt und in geringerem Ausmaße materiell motiviert zu sein als in anderen Ländern. Hieraus leitet sich die Frage ab, ob in der ehemaligen DDR - im Unterschied zu anderen osteuropäischen Staaten - weibliche Erwerbstätigkeit von staatlicher Seite stärker als selbstverständlicher Bestandteil der weiblichen Biographie betrachtet und dementsprechend stärker von den Frauen internalisiert wurde.

Zumindest teilweise, so die Annahme, wurde die Erwerbsneigung von Frauen durch eine spezifische Ausrichtung familienpolitischer Maßnahmen geprägt. Zwar wurden familienpolitische Leistungen und Begünstigungen, die in ihrem Umfang weit über die westeuropäischer Staaten hinausgingen, in allen Ländern des früheren Ostblocks eingeführt, dennoch sind Abweichungen in der Ausgestaltung erkennbar. Im Hinblick auf die ehemalige DDR ist dabei anzunehmen, daß staatliche Regelungen besonders stark auf das Vereinbarkeitsmodell von Mutter- und Berufsrolle ausgerichtet waren. Offenbar wurde hier durch einen vergleichsweise hohen Standard staatlicher Kinderbetreuung versucht, Bedingungen für einen hohen Grad an Frauenbeschäftigung in einem Wirtschaftssystem mit permanentem Arbeitskräftemangel zu realisieren. Daß diese Frauen- und Familienpolitik in gewisser Weise erfolgreich war, zeigt sich in der allgemein großen Akzeptanz der Betreuungseinrichtungen. In anderen Ländern, z.B. in Ungarn, bestand dagegen auf Grund ihrer dort unzureichenden Qualität eine erheblich größere Skepsis gegenüber derartigen Institutionen: "The growing uneasiness of parents to put (especially small) children into creches was not met by higher investment in public child care, but by allowing mothers to stay at home for the child's first three years"[29].

Mögliche länderspezifische Unterschiede in der weiblichen Erwerbsneigung können weiterhin durch andere Faktoren (Kultur, Religion, Traditionen etc.) verstärkt werden, die in heutiger Zeit erneut an Bedeutung gewinnen. Zentral ist dabei die Zunahme traditionalistischer Tendenzen in einigen post-sozialistischen Ländern und in diesem Kontext die Zurückdrängung von Frauen in ihre traditionelle Geschlechtsrolle. Besonders deutlich zeigt sich dieser Prozeß in Polen: Verstärkt durch den großen Einfluß der katholischen Kirche auf Staat und Gesellschaft (v.a. auch auf die Bewegung der Solidarnosc) gibt es hier Maßnahmen zur Einschränkung der liberalen Abtreibungsgesetzgebung, zur Schließung öffentlicher Kinderbetreuungseinrichtungen oder zur Rückführung der Pflege Älterer in die Verantwortung der Familien (und damit primär wieder zurück an die Frauen). Begleitet werden diese Entwicklungstendenzen durch ökonomische Probleme, die sowohl den Fortbestand der bisher staatlichen Kinderbetreuung als auch den hohen Anteil der weiblichen Erwerbstätigkeit deutlich erschweren. Ebenso verstärkend wirken die zahllosen öffentlichen Äußerungen und Erklärungen, in denen eine Rückkehr zur tradierten Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern proklamiert wird.

Im Fall der Neuen Bundesländer kann dagegen eine andere Situation angenommen werden. Zum einen sind hier die ökonomischen Rahmenbedingungen des Übergangs von der Plan- zur Marktwirtschaft vergleichsweise besser als in anderen Staaten Osteuropas. Dort können sich vermutlich wegen größerer Wirtschaftsprobleme traditionelle Tendenzen eher ausbreiten. Zum anderen scheint durch die Einbindung der früheren DDR in das westdeutsche Gesellschaftssystem ein Aufkommen derartiger Strömungen schwieriger zu sein: öffentliche Meinungsäußerungen, die ein Zurück der Frauen in ihre tradierte Geschlechterrolle fordern, sind daher eher unwahrscheinlich.

Aus den Untersuchungen zu den Instabilitäten des generativen Verhaltens in Ostdeutschland leiten sich eine Reihe forschungsleitender Fraugen ab:

Sind die zu beobachtenden generativen Verhaltensänderungen in Ostdeutschland nur eine vorübergehende Erscheinung infolge der Übertragung der Wirtschafts- Sozial- und Rechtsverhältnisse der alten auf die neuen Bundesländer? Kann aus dem leichten Wiederanstieg der Geburtenhäufigkeit seit 1995 darauf geschlossen werden, daß sich das generative Verhalten in den fünf neuen Bundesländern zunehmend dem in den alten Bundesländern angleicht? Oder bilden sich in Ostdeutschland im Zuge des Transformationsprozesses neue Fertilitäts- und Nuptialitätsmuster heraus, die auch künftig von denen in Westdeutschland abweichen? Diese und weitere Problemstellungen können Gegenstand weitergehender Betrachtungen der generativen Verhaltensänderungen in den Transformationsstaaten Osteuropas sein.

Tabelle 1: Entwicklung der Gesamtfruchtbarkeit in Staaten Osteuropas 1985-96

Quelle: Council of Europe, 1997: Recent demographic developments in Europe 1997

Josef Langer, Klagenfurt

(Universität Klagenfurt, Institut für Soziologie)[30]

Grenzen und Netzwerke: Splitter zur Ost(mittel)europaorientierung der deutschsprachigen Regionalforschung

]Art und Umfang der Ost(mittel)europaorientierung der deutschsprachigen Regionalforschung sind aus verschiedenen Gründen schwer zu bestimmen. Einer davon ist die Multidisziplinarität der Regionalforschung. Man findet in ihr Geographen ebenso wie Ökonomen, Soziologen, Landschaftsplaner oder Agrarwissenschafter. Nachdem diese Disziplinen den Bereich aber jeweils nur aus ihrer eigenen Perspektive und nicht unbedingt interdisziplinär bearbeiten, fällt der Überblick schwer. Selbst in dem relativ kleinen deutschsprachigen Raum arbeiten auf diese Weise unzählige Institute und Einzelforscher an raumbezogenen Fragestellungen. Was davon die neue Situation in Ost(mittel)europa tangiert, wird deshalb meist nur partiell sichtbar, je nachdem wer sich an die Arbeit macht. Dazu kommt, daß die Regionalforschung sehr stark politik- beziehungsweise auftragsabhängig ist. Sie konstituiert sich sozusagen über Aufträge aus dem politischen Umfeld. Ihre kognitiven Grenzen sind daher traditionell identisch mit den politischen Grenzen. Mehr als andere Forschungsfelder war Regionalforschung bisher nationalstaatlich definiert. Unter diesen Prämissen erscheint es fast sinnlos, nach ihrer Ost(mittel)europaorientierung zu suchen, wenn man darunter nicht nur irgendwelche ideologischen Vorstellungen versteht.

Grenzen

Trotzdem, wer sich in der deutschsprachigen Regionalforschung der letzten zehn Jahre umschaut, wird immer wieder Projekte mit Ost(mittel)europabezug finden. Die Aufmerksamkeit einer ganzen Reihe davon gilt den Grenzräumen am ehemaligen Eisernen Vorhang. Nachdem sich 1989 die Durchlässigkeit dieser Grenze schlagartig erhöht hat, nahm auch das politische Interesse an ihr zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Konfrontation zwischen Kapitalismus und Kommunismus diese Räume zu wirtschaftspolitisch peripheren Zonen werden lassen, die fast nur mehr sicherheitspolitisch interessant waren. Raumplanerisch war vor allem dieser letzte Aspekt maßgebend. Die dort lebende Bevölkerung war im Rahmen der nationalstaatlichen Regionalpolitik durchweg Subventionsempfänger (Grenzlandförderung). Etwaige wissenschaftliche Projekte beschränkten sich meist auf solche statistischen Daten, die diese Förderungspolitik zu begründen halfen. Die Anschlußräume auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs mußten dabei aufgrund der politischen Umstände immer unberücksichtigt bleiben.

Mit dem Ende der staatssozialistischen Systeme in Ost(mittel)europa hat sich das geändert. Das sicherheitspolitische Interesse des Nationalstaates an dieser Grenze wurde durch ein starkes wirtschaftspolitisches Interesse ergänzt und teilweise abgelöst. Im Vordergrund steht nun die Ausnutzung und das Zusammenführen der Ressourcen von beiden Seiten der Grenze. Dies stellte die traditionelle Regional- und Raumforschung vor neue Probleme, weil ihr meist die internationale beziehungsweise grenzüberschreitende Orientierung fehlte. Um Informationen von der anderen Seite zu bekommen, mußten erst die entsprechenden personellen Netzwerke aufgebaut werden. Hier hatten jene einen Vorsprung, denen es schon vorher gelungen war, wissenschaftliche Beziehungen nach 'drüben' zu knüpfen. Logischerweise waren das eher Forscher mit einem disziplinbezogenen Ansatz, wie es sie vorwiegend an den Universitäten gibt, als die spezialisierten Regional- und Raumforschungsinstitute beziehungsweise staatlichen Ämter. Meines Wissens kamen die ersten komplexeren Projekte, die auch ost(mittel)europäische Verhältnisse in Grenzstudien einbezogen, von den Universitäten und von Personen, die nicht als auf Regionalforschung spezialisiert gelten können.

Zu Arbeiten in diesem Sinne zähle ich die Publikationen 'Bruchlinie Eiserner Vorhang'/ Österreich-Ungarn (Seger/Beluszky, 1993), 'Kulturen an der Grenze'/Österreich-Tschechien (Komlosy/Buzek/Svatek, 1995), 'Grenzen der Hoffnung'/Deutschland-Polen (Schultz/ Nothnagle, 1996) und 'Border, Region and Ethnicity in Central Europe'/Österreich-Ungarn (Eger/Langer, 1996). Was diese Bücher gemeinsam haben, das ist ihr Charakter als Sammelwerke, der grenzüberschreitende Forschungsansatz und die Zusammenarbeit mit ost(mittel)europäischen Forschern. Nicht zu übersehen sind gleichzeitig die Differenzen, deren Grund vorwiegend in der unterschiedlichen disziplinären Herkunft (Geographie, Geschichte und Soziologie) liegt. Dies zeigt sich in den abweichenden Methoden, Theorien und Argumentationsweisen. Forschungsergebnisse dieser Art kann man auch im Projektverbund 'Grenzenloses Österreich'[31]http://www.bmwf.gv.at], den Publikationen der 'Burgenländischen Forschungsgesellschaft' (z.B. Horvath/Müller 1992) und in diversen Tagungsbänden (z.B. Langer/Pöllauer, 1995) finden.

Die Öffnung des Ostens wird überlagert von der Integration des Westens Europas. Auch das hat der Regional- und Raumforschung neue Aufgaben zugeschanzt. Grenzüberschreitende Forschungsprojekte gibt es deshalb nicht nur am früheren Eisernen Vorhang, sondern auch an den Binnengrenzen der Europäischen Union. Das steht aber hier nicht zur Diskussion. Wohl erwähnt indes müssen jene Forschungsaktivitäten an der Ostgrenze werden, die mehr in Zusammenhang mit der EU-Politik als mit nationalstaatlichen Interessen und Anpassungen stehen. Ich meine, daß man diese Unterscheidung treffen kann, auch wenn die Zuordnung einzelner Projekte nicht immer einfach sein wird. Den Hintergrund für EU-stimulierte grenzüberschreitende Regionalforschung bilden zum Beispiel die diversen Euroregionen mit Polen und Tschechien, die Planungen für die Transeuropäischen Verkehrsnetze (TEN) sowie die INTERREG-Programme. Vor allem von den INTERREG II C-Programmen kann für die Ost(mittel)europaorientierung der deutschsprachigen Regionalforschung ein ordentlicher Schub nach vorne erwartet werden. Aus Deutschland sind bisher über zwei Dutzend Anträge eingegangen. Zwar ist mit ersten Ergebnissen erst im kommenden Jahr zu rechnen, aber dann wird es gleich ein ganzes Paket neuer Beiträge geben.

Wie bereits erwähnt, ist die Regionalforschung so komplex strukturiert, daß es schwer fällt, die im Hinblick auf Ost(mittel)europaorientierung jeweils wichtigsten Akteure auszumachen. In Deutschland wird man aber wohl um folgende Institutionen nicht herumkommen: Die 'Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL)'/ Hannover, das 'Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung'/ Bonn und das 'Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien'/ Köln. Der von diesem Institut als Jahrbuch herausgegebene Band 'Der Osten Europas im Prozeß der Differenzierung - Fortschritte und Mißerfolge der Transformation' wird von Experten als eine der besten Publikationen der letzten Jahre auf diesem Gebiet bezeichnet. Weitere Institute, von denen einschlägige Arbeiten erwartet werden können, sind das 'Umweltbundesamt'/Berlin und das 'Deutsche Institut für Urbanistik'.

Netzwerke

Wie gesagt, war die Regional- und Raumforschung bisher durch ihre mehr oder weniger enge Verknüpfung mit den Interessen des Nationalstaates im Aktionsradius stark eingeschränkt. Die bekannten Veränderungen des vergangenen Jahrzehnts haben hier neue Rahmenbedingungen und Herausforderungen geschaffen. Die Häufung von Projekten zur Erforschung grenzüberschreitender Räume ist zweifellos ein Ergebnis der neuen Situation. Quer dazu ist eine weitere Entwicklung zu beobachten, die Regionalforscher geographisch weit außerhalb ihres traditionellen Wirkungsbereiches bringt. Charakteristiken dieser Entwicklung sind die Netzwerkbildung und das Aufscheinen von Interessen übernationaler Organisationen, in der Regel jener der Europäischen Union.

Muster solcher Aktivitäten in Ost(mittel)europa finden sich zum Beispiel am 'Institut für Ökologische Raumentwicklung (IÖR)' in Dresden. Das Institut versuchte in den letzten Jahren vom Baltikum über die Ukraine bis zur Adria raum- und regionalforscherische Akzente zu setzen. In sogenannten Netzwerkkonferenzen werden vor allem deutschsprachige und skandinavische Forscher, Planer und Administratoren mit Kollegen aus dem Osten zusammengebracht. Politik, Forschung und Planung greifen dabei eng ineinander. Solche Konferenzen haben bisher vor allem für die Ostseeregion und den Schwarzmeerraum stattgefunden. Von den Publikationen erhält man den Eindruck, daß es bei den Ostseeaktivitäten um die ganze Palette der Regional- und Raumforschung geht (Graute, 1996), während für die Anrainer des Schwarzen Meeres der Gedanke der 'nachhaltigen Entwicklung' forciert werden soll (Graute, 1998). Strategisch unterstützt werden diese Initiativen vom `Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau' in Bonn. Die Rhetorik ist dennoch europabezogen.

Im Netzwerk des IÖR befinden sich u.a. auch Einzelforscher und Institute aus Österreich. Regionalforschung mit Ost(mittel)europaorientierung scheint in diesem Lande relativ gut entwickelt zu sein. Das reicht von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften über die verschiedenen Universitätsinstitute bis zu den privaten bzw. halbprivaten Forschungseinrichtungen. Von den letzteren möchte ich insbesondere das `Österreichische Institut für Raumplanung', Wien und das `Österreichische Ost- und Südosteuropa-Institut', ebenfalls Wien, erwähnen. In den Forschungsthemen dieser Institute treten immer wieder Fragen der räumlichen Umstrukturierung im Dreieck Wien-Brünn-Budapest auf. Für die österreichische Regionalforschung ist vielleicht in diesem Zusammenhang bezeichnend, daß sie sich überwiegend auf den Donauraum bzw. auf das Gebiet des alten Österreich-Ungarn beschränkt. Erwähnen will ich hier auch die Homepage des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), auf der unter dem Kürzel 'Countdown' Informationen (Expertenliste, Publikationen) zur EU-Osterweiterung angeboten werden (http://www.wiiw.ac.at/countdown/). Darunter auch solche regionalwissenschaftlicher Art.

In der Schweizer Regionalforschung scheint mir die Ostorientierung im Vergleich zu Österreich und Deutschland wesentlich geringer ausgeprägt zu sein. Aufgrund der geographischen Lage der Eidgenossenschaft ist das auch verständlich. Nennen möchte ich das Institut `Cultur Prospectiv'/Zürich, das interessante Projekte in Polen und der Ukraine durchgeführt hat. Das Projekt in der Ukraine erforscht speziell die Entwicklung der Regionen. Gelegentlich wird man auch in den Publikationen des ORL-Instituts von der ETH-Zürich etwas über Ost(mittel)europa finden. Die Informationen stammen meist von Fachleuten, die Planungsaufträge im Osten übernommen haben. Ein weiterer Schwerpunkt der schweizerischen Ostforschung liegt bei der Erkundung von Konkurrenzpotentialen (Wirtschaftsforschungsinstitut der ETH-Zürich). Auch hier können Raumforschungsfragen eine Rolle spielen. Eine genauere Analyse wird auch den Schweizerischen Nationalfonds einbeziehen müssen, der vor allem in der ersten Hälfte der neunziger Jahre zusammen mit den Universitäten spezielle Programme für die Ostkooperation eingerichtet hat.

Zusammenfassend kann man sagen, daß die Ost(mittel)europaorientierung der deutschsprachigen Regionalforschung fachlich, geographisch und institutionell weit zersplittert ist. Es ist schwierig, diese Splitter zu einem konsistenten Bild zusammenzusetzen.[32] Daß es in den neunziger Jahren eine zunehmende Ost(mittel)europaorientierung gegeben hat, ist unbestritten. Insgesamt aber, würde ich sagen, ist der Anteil einschlägiger Projekte und Aktivitäten am Gesamtumfang der Regionalforschung verschwindend gering geblieben. Ich schätze, daß dieser Anteil unter 10 Prozent liegt. Als Eckpfeiler des zunehmenden Interesses an Ost(mittel)europa in der Regionalforschung habe ich die neu erwachten Interessen der Nationalstaaten an ihren Grenzräumen und die transkontinentalen Vorhaben der Europäischen Union ausgemacht. Vor allem letztere lassen erwarten, daß die Ost(mittel)europaorientierung der deutschsprachigen Regionalforschung in den kommenden Jahren noch stärker werden wird.

Literatur

Eger, György/ Josef Langer (1996) (eds.), Border, Region and Ethnicity in Central Europe, Klagenfurt (Norea).

Graute, Ulrich (1996) (Hg.), Vision und Strategien für den Ostseeraum 2010 und deren Bedeutung für Mittel- und Osteuropa, IÖR-Schrift 17, Dresden.

Graute, Ulrich (1998) (Hg.), Sustainable Development for Central and Eastern Europe, Berlin/ New York (Springer).

Horvath, T./ E. Müller (eds.) (1992), Hart an der Grenze, Wien.

Komlosy, A./ V. Buzek/ F. Svatek (eds.) (1995), Kulturen an der Grenze, Wien/Weidhofen.

Langer, Josef/ Wolfgang Pöllauer (1995) (eds.), Small States in the Emerging New Europe, Eisenstadt (Verlag für Soziologie).

Seger, M./ P. Beluszky (eds.) (1993), Bruchlinie Eiserner Vorhang, Wien.

Schultz, H./ A. Nothnagle (eds.) (1996), Grenze der Hoffnung (Border of Hope), Potsdam.

Otto Luchterhandt, Hamburg

(Universität Hamburg, Institut für Ostrecht)

Stand und Perspektiven der rechtswissenschaftlichen Osteuropaforschung ("Ostrechtsforschung") in Deutschland - eine Problemskizze

Der Ostrechtler befindet sich seit der antikommunistischen osteuropäischen Revolution von 1989/91 in einer eigenartigen und paradoxen Situation: Einerseits haben sich seine Aufgaben in wissenschaftlicher und praktischer Hinsicht seither geradezu dramatisch vermehrt und ausgeweitet, da sich, um nur die auffälligste Ursache zu nennen, die Zahl der Staaten im ehemaligen kommunistischen Machtbereich von acht (1990) auf ca. 30 (1993) erhöht hat, womit beinahe eine Vervierfachung nationaler Rechtsordnungen in der Region eingetreten ist; andererseits begegnet ihm im wissenschaftlichen und politischen Umfeld die hartnäckig vorgetragene Meinung, eine spezielle rechtswissenschaftliche Beschäftigung mit Osteuropa sei nunmehr wegen des Untergangs der kommunistischen Regime überflüssig geworden. Die in ihren Mutterdisziplinen verankerten Rechtswissenschaftler könnten und würden nun mit ihren Fachkollegen in Ostmittel- und Südosteuropa ebenso verkehren und zusammenarbeiten, wie sie dies mit jenen in Westeuropa, in Nord- oder Südamerika täten.

Diese These ist richtig und falsch zugleich. Sie ist insofern richtig, als infolge der fundamentalen, totalen Umstellung der ehemals kommunistischen Staats- und Rechtsordnungen auf die ,westlichen` Leitwerte von Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, Sozialstaat, Marktwirtschaft und weite Öffnung für internationale Zusammenarbeit die ,westlichen` Rechtswissenschaftler nun erstmals auf einer prinzipiell gemeinsamen Systemgrundlage mit ihren osteuropäischen Kollegen verkehren können. Damit eröffnen sich in der Tat ganz neue, fruchtbare Möglichkeiten des fachlichen Austausches und der Zusammenarbeit. Die These ist aber insofern falsch, als sie die Ostrechtsforschung für einen Ableger der Kommunismus- und Sowjetforschung zu halten scheint, die mit dem Zusammenbruch dieses Systems und seinem Verschwinden aus Europa allenfalls noch historisches Interesse beanspruchen könne. Demgegenüber ist festzustellen, daß die Ostrechtsforschung nicht erst nach 1945 gleichsam als eine antikommunistische Kampfwissenschaft, sondern - zuerst in Deutschland - zu Beginn der 20er Jahre entstanden ist, und zwar als eine Antwort auf jene zweite Welle in der von den Pariser Vorortverträgen abgesegneten Neustaatenbildung in Nordost-, Ostmittel- und Südosteuropa, die gerade für den deutschsprachigen Raum eine Fülle primär praktischer Rechtsfragen (Staatsangehörigkeitsprobleme, Minderheitenfragen, Familien- und Erbrechtssachen, Vermögensrecht, internationales Privatrecht usw.) mit sich brachte. Das wissenschaftliche Interesse an der Erfassung der neuen Rechtsordnungen und der Rechtsvergleichung gesellte sich rasch hinzu[33].

Die Unterwerfung ganz Osteuropas und eines Teils Deutschlands unter das System kommunistischer Einparteistaaten nach dem Zweiten Weltkrieg führte zwar zu einem Paradigmenwechsel in der - nun auch in den USA, Großbritannien und Holland aufkommenden - Ostrechtswissenschaft, nämlich hin zur Systemforschung, aber die bisherigen Ansätze einer auf Praxis und Rechtsvergleichung orientierten Beschäftigung mit den konkreten Rechtsordnungen einzelner Staaten wurden, und hier lag quantitativ weiterhin der Schwerpunkt, weitergeführt.

Mit dem Siegeszug der Nationalstaatenentwicklung in Osteuropa in ihrer dritten Welle 1990/93 im Zuge des Zerfalls der drei kommunistischen Föderationen ist die Ausgangssituation der Ostrechtsforschung in gewisser Weise zurückgekehrt und mit ihr ein wichtiger Teil ihrer von Anfang an typischen Aufgabenstellungen. Zugleich aber sind neue Aufgaben hinzugetreten. Insgesamt stellt sich die Situation heute so dar:

Die wichtigste technische Aufgabe ist heute die systematische Erfassung und Dokumentation des geltenden Rechts und der Rechtsliteratur der sich erneuernden und der Neustaaten Osteuropas unter Einschluß derjenigen auf dem Territorium der früheren UdSSR. Diese gegenüber früher wesentlich schwieriger und unvergleichlich viel umfangreicher gewordene Aufgabe kann nur von regional spezialisierten Forschungsinstituten, eben der Ostrechtswissenschaft, geleistet werden. An dieser Arbeit besteht ein erhebliches praktisches Bedürfnis, und zwar wegen der auf diesen Raum konzentrierten deutschen Wirtschaftsinteressen, und ein politisches Bedürfnis, etwa wegen der gemeinsamen Zugehörigkeit zur OSZE und zum Europarat mit den sich daraus für die Neustaaten ergebenden rechtlichen Verpflichtungen, deren Erfüllung ein Entscheidungsfaktor sowohl nationaler als auch gesamteuropäischer Außenpolitik ist.

Zweitens geht es um die wissenschaftliche Durchdringung der neuen nationalen Rechtsordnungen, die sich zugleich in einem allumfassenden Wandlungs- und Erneuerungsprozeß befinden, angefangen beim Verfassungs- bzw. Staatsrecht und Verwaltungsrecht, über das Privatrecht und Wirtschaftsrecht bis hin zum Strafrecht und Prozeßrecht. Die begleitende Erforschung des Rechtswandels im Transformationsprozeß, und zwar sowohl linear für eine nationale Rechtsordnung als auch vergleichend für mehrere von ihnen - etwa für die baltischen Staaten, die Visegrad-Staaten, Rußland und die Ukraine, die transkaukasischen Staaten usw. - ist eine wichtige Aufgabe, deren Erfüllung für Wissenschaft, Rechtspraxis, Regierungsberatung, Medien und internationale Institutionen von Interesse ist[34]. Da das Recht im postkommunistischen Osteuropa eine dramatische Aufwertung erfahren hat, ist diese Dimension der Ostrechtswissenschaft ungleich wichtiger als früher geworden. Thematische Forschungsschwerpunkte seit Beginn der 90er Jahre sind im Bereich des Staatsrechts die Regierungssysteme, Verfassungsgerichtsbarkeit, Status und Schutz nationaler/ ethnischer Minderheiten, Restitutionsfragen; im Privat- und Wirtschaftsrecht Zivilrechtskodifikationen, Privatisierung, Gesellschafts- und Wettbewerbsrecht; noch eher am Rande stehen Strafrecht und Teile des Prozeßrechts.

Eine dritte und völlig neue Aufgabe der Ostrechtswissenschaft ist ihre Beteiligung an der Erneuerung der Rechts-, Wirtschafts- und Staatsordnungen der osteuropäischen Länder selbst. Hier befinden sich die Ostrechtsforscher in einer unikalen Vermittlungs- und Brückenfunktion, indem sie ihre mehr oder weniger intime Kenntnis der vorkommunistischen und kommunistischen - metajuristischen und juristischen - Traditionen der Länder Osteuropas und der GUS unmittelbar mit den praktischen Aufgaben der Rechtsberatung aus der Perspektive des deutschen und europäischen Rechts verbinden können. In der Rechtsberatung der postsozialistischen Staaten nimmt Deutschland heute einen führenden Platz ein. In das nach 1991 aufgebaute Netzwerk der Deutschen Stiftung für Internationale Rechtliche Zusammenarbeit (IRZ-Stiftung/ Bundesjustizministerium), Deutscher Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ/ Eschborn) sowie - neuerdings - von EU-Tacis (Brüssel) ist praktisch die gesamte deutsche Ostrechtswissenschaft einbezogen.

Die Ostrechtswissenschaft der Bundesrepublik hat personell (leider) so gut wie keinen Nutzen aus dem "Reservoir" der DDR-Rechtswissenschaftler ab 1991 ziehen können, allerdings aus den unmittelbaren Erfahrungen mit der Rechtstransformation in den neuen Bundesländern wissenschaftlich wie praktisch zusätzlich für ihre Arbeit in Ost- und Südosteuropa profitiert.

Insgesamt war sie für die Aufgaben des Transformationsprozesses nicht schlecht gerüstet: Trotz einschneidender Sparmaßnahmen seit den 70er Jahren verfügte und verfügt sie noch immer über beträchtliche Möglichkeiten: Institute, Lehrstühle, Fachreferenten in Max-Planck-Instituten, diverse (vier) Fachzeitschriften, Publikationsreihen, Fachgruppen und Fachtagungen bilden ein Netzwerk, das auf die neue Entwicklung sofort reagierte und seither eine hohe Leistungsfähigkeit gezeigt hat.

Die sich im laufenden Transformationsprozeß immer deutlicher abzeichnenden, auf starken verschiedenen geschichtlichen bzw. rechtskulturellen Prägungen beruhenden Subregionen "Osteuropas", nämlich Ostmitteleuropa, Südosteuropa und die (ihrerseits sich aufgliedernde) GUS, werden in Zukunft noch stärker auseinander treten. Dabei wird die stufenweise ablaufende Osterweiterung der Europäischen Union mittel- und langfristig eine Schlüsselrolle spielen. Sie wird auch das regionale Profil der deutschen Ostrechtswissenschaft stark verändern. Man kann annehmen, daß die rechtswissenschaftliche Beschäftigung mit denjenigen postkommunistischen Staaten, die EU-Mitglieder werden, in den Hintergrund tritt, die Forschung und praktische Tätigkeit sich dagegen auf die postkommunistischen EU-Anrainerstaaten im Raum der GUS und Südosteuropas konzentrieren wird. Diese Entwicklung zeichnet sich bereits heute ab. Der Wandel reflektiert zugleich die Tatsache, daß der heute und wohl auch mittelfristig noch mehr oder weniger starke Fundus an "postkommunistischen" Gemeinsamkeiten zwischen den Transformationsstaaten Osteuropas einer sich vertiefenden rechtskulturellen Unterschiedlichkeit weicht.

Peter Niedermüller, Berlin

(Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Europäische Ethnologie)

Ethnologische Forschungen in Osteuropa: Eine kurze Skizze

Die historischen Ereignisse, die 1989 und 1990 in den damaligen sozialistischen Ländern des 'Ostblocks' stattfanden, haben nicht nur traditionelle historische, soziologische und politikwissenschaftliche Forschungsfelder, wie etwa Osteuropaforschung oder 'Soviet Studies', umgeschrieben und re-definiert, sondern haben auch neue wissenschaftliche Interessen geweckt. Neben der Geschichtswissenschaft, der Soziologie und der Politikwissenschaft, die schon früher hegemone Positionen innerhalb dieses Forschungsbereichs einnahmen, versucht heute auch die Ethnologie bzw. die Kulturanthropologie[35] die Transformationsprozesse in Osteuropa zu untersuchen. Dabei wird jedoch immer wieder die Frage gestellt: Was wäre der Erkenntnisgewinn ethnologischer Transformationsforschung, was kann der ethnologische Blick im osteuropäischen Transformationsprozeß sichtbar machen und erklären, was andere Disziplinen, 'andere Blicke' nicht erleuchten können?

Osteuropa selbst bzw. der Sozialismus stand eigentlich immer an der Peripherie volkskundlichen bzw. ethnologischen Interesses. Die Volkskunde hat diese Region in großem Maße archaisiert und suchte nur die zurückgebliebenen Spuren einer archaischen Volkskultur, während die Kulturanthropologie mit einem gewissen exotischen Akzent vereinzelt ihre Forschungen betrieb[36]. Erst in den 70er Jahren hat sich diese Situation langsam gewandelt, als die Kultur- und Sozialanthropologie den osteuropäischen Sozialismus als Forschungsobjekt entdeckte, obwohl die Forschungen sowohl geographisch wie auch thematisch begrenzt blieben[37]. Im Mittelpunkt dieses Interesses standen vor allem die Zusammenhänge zwischen Gesellschaftsstruktur und der neuen sozialistischen Ökonomie in dörflichen Lebenswelten[38]. Ethnische und nationale Verhältnisse, Wandel traditioneller Familienformen oder die Rolle und Funktionen traditioneller Symbole und Rituale im Sozialismus sind auch beliebte Objekte anthropologischer Osteuropaforschung gewesen[39]. Trotz dieser Veränderungen muß man jedoch feststellen, daß das sozialistische Osteuropa für ethnologische und anthropologische Forschungen bis zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs des Sozialismus eigentlich unbekannt blieb und die Kultur- und Sozialanthropologie Osteuropas durch Exotismus, Stereotypen und kulturelle Imaginationen geprägt wurde[40]. Nach dem historischen Kollaps des Sozialismus hat sich diese Situation schnell verändert und der Transformationsprozeß bzw. dessen Erscheinungsformen sind zu einem wesentlichen Bereich kultur- und sozialanthropologischer Forschung geworden[41].

Der ethnologische Blick gewinnt im Kontext der sozialwissenschaftlichen Transformationsforschung eine besondere Bedeutung, weil diese 'boomende Forschungsindustrie' die fundamentalen Umwandlungen in Osteuropa fast ausschließlich auf der Makroebene und aus der Makroperspektive betrachtet[42]. Innerhalb dieses Forschungsbereichs lassen sich zwei zentrale Fragestellungen erkennen. Die erste richtet sich auf die Ursachen des historischen und politischen Niedergangs des Sozialismus. In diesem Zusammenhang wird die Analyse des politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Systems des Sozialismus angeregt bzw. erneuert. Die andere stellt die Transformation in den Mittelpunkt und zielt auf den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel der postsozialistischen Länder bzw. die politische und gesellschaftliche Ordnung nach dem Sozialismus ab. In diesem Zusammenhang wird einerseits hervorgehoben, daß die Kategorie 'Transformation' eine eigene Semantik hat und nicht die allmählichen Prozesse des sozialen Wandels beinhaltet, sondern die unerwarteten und abrupten Veränderungen, den Systemwechsel bezeichnet, der diese Gesellschaften vollkommen und grundsätzlich umwandelt. Durch diesen Begriff wird angedeutet, daß der Zusammenfall des Sozialismus nicht der Logik des sozialen Wandels entspricht, daß man den Zusammenbruch aus der Geschichte, aus der Funktion bzw. aus den Mechanismen des sozialistischen Systems nicht erklären kann. Für die Transformationsforschung bedeutet politische Demokratisierung bzw. wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierung das Wesen des Systemwechsels und hat sich in diesem Sinne auf die 'Makroebene' des osteuropäischen Systemwechsels konzentriert. Wenn 'Systemwechsel' so interpretiert wird, dann kann man verschiedene historische Typen und "Wellen" von politischen und gesellschaftlichen Transformationen beschreiben[43]. In diesem historischen und theoretischen Kontext lassen sich dann die Eigenartigkeiten bzw. der historische und politische Charakter des gegenwärtigen osteuropäischen Transformationsprozesses klar erkennen. Es wird besonders hervorgehoben, daß in den postsozialistischen Gesellschaften - erstmals in der modernen Geschichte - politische, wirtschaftliche und rechtliche Transformationen synchronisiert werden müssen bzw. gleichzeitig stattfinden[44]. Dementsprechend beschreibt der herrschende Diskurs der 'Transitologie' den Postsozialismus als eine historische Übergangsperiode, in der die ehemals sozialistischen Länder die wirtschaftlichen Strukturen und politischen Institutionen des Kapitalismus auf- bzw. ausbauen und dadurch die bisher fehlende oder unvollständige Modernisierung der Gesellschaft nachholen und zu Ende bringen. In diesem Kontext wird untersucht und gezeigt, wie der Systemwechsel auf der strukturell-institutionellen Ebene durchgeführt wurde, wie z.B. die Planwirtschaft durch die Privatisierung in die Marktwirtschaft umgeleitet wurde, wie das Mehrparteiensystem das Einparteiensystem abgelöst hat, welche politischen Institutionen der demokratischen Gesellschaft geschaffen wurden, wie die Rechtsordnung der ehemals sozialistischen Länder umgebaut wurde, welche politischen und ideologischen Tendenzen zu beobachten sind, wie sich die Sozialstruktur verändert, usw.[45]. Diese hier nur schematisch angedeuteten Zugangsweisen, Analysen und Erklärungsmodelle stellen die festen Pfeiler der 'postsozialistischen' Transformationsforschung dar. Es wird jedoch immer deutlicher, daß zwar die Transformationsforschung grundlegende Aspekte und Merkmale des osteuropäischen Systemwechsels darlegt, die soziale Wirklichkeit der postsozialistischen Gesellschaften läßt sich durch die Auslegung strukturell-institutioneller Veränderungen nicht ausreichend erklären. Andere (ergänzende) Optiken und Erklärungsmodelle sind gefragt. Um weitere Optiken und Erklärungsmodelle anzudeuten, sollte man auf jene Dimensionen und Bereiche des Systemwechsels eingehen, die die bisherige Transformationsforschung vernachlässigte. Das fundamentale Problem scheint zu sein, daß die Transformationsforschung den Systemwechsel auf strukturell-institutionelle Veränderungen reduzierte und dessen kognitiven bzw. symbolischen Charakter, ferner das reflexive Verhältnis zwischen strukturellem, kognitivem und symbolischem Wandel nicht wahrgenommen und erkannt hat. Heute, fast ein Jahrzehnt nach dem Niedergang des Sozialismus läßt sich aber klar erkennen, daß die kognitiven und symbolischen Faktoren die strukturellen und institutionellen Umwandlungen, deren Ablauf und Effektivität wesentlich beeinflussen, darauf zurückwirken und dadurch eine zentrale Rolle im Prozeß des Systemwechsels spielen. Und genau hier, in diesem Bereich kann oder könnte der ethnologische Blick eingesetzt und "instrumentalisiert" werden.

Was jedoch die konkreten Forschungen im deutschsprachigen Raum anbelangt, muß man eher das Fehlen solcher Untersuchungen feststellen. Das ethnologische Interesse in Deutschland, in Österreich oder in der Schweiz richtet sich nur in begrenztem Maße auf Osteuropa. In Österreich beschäftigt sich vor allem der Lehrstuhl für Volkskunde an der Universität Wien mit osteuropäischen Themen. Die ethnologische Aufmerksamkeit des Wiener Instituts konzentriert sich auf die Nachbarländer. Es werden dort Tagungen organisiert und gemeinsame Forschungen mit slowenischen, kroatischen, slowakischen und ungarischen EthnologInnen durchgeführt. In der Schweiz ist Prof Dr. Christian Giordano an der Universität Fribourg derjenige, der ethnologische Untersuchungen vor allem in Bulgarien, aber auch in anderen osteuropäischen Ländern durchgeführt hat. Sein Interesse richtet sich vor allem auf die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in den Dörfern, in den dörflichen Milieus. In Deutschland sollte man das Institut für deutsche und vergleichende Volkskunde an der Universität München und das Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität erwähnen. In München ist es Prof. Dr. Klaus Roth, der sich sehr intensiv mit der ethnologischen, volkskundlichen Erforschung des Balkans beschäftigt. Er ist gleichzeitig Mitherausgeber einer neuen internationalen ethnologischen Zeitschrift, der Ethnologia Balkanica. Im Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität zu Berlin richtet sich das Interesse vor allem auf Fragen und Probleme der Ethnizität, des Nationalismus und auf die neue Politik der Kultur.

Jörg Stadelbauer, Freiburg i.Br.

(Universität Freiburg, Institut für Kulturgeographie)

Zu Stand und Entwicklungsaussichten sozialgeographischer Forschung über Ostmittel- und Osteuropa

Ungünstige Forschungsbedingungen bis Mitte/Ende der 80er Jahre

Empirische Sozialforschung in Ostmittel- und Osteuropa mit dem Ziel raumdifferenzierender Aussagen über gesellschaftliche Phänomene und soziales Verhalten war bis Ende der 80er Jahre für deutsche (und allgemein "westliche") Geographen aus verschiedenen Gründen problematisch (Stadelbauer 1984):

* Das Instrumentarium der empirischen Sozialforschung wurde in den meisten ostmittel- und osteuropäischen Staaten mit Verzögerung rezipiert, in der UdSSR erst seit Anfang der 70er Jahre. Der Moskauer Kongreß der Internationalen Geographischen Union (IGU) im Jahr 1976 führte zunächst nur zu einer Umetikettierung der bisherigen "Ökonomischen Geographie" zu einer "Wirtschafts- und Sozialgeographie", jedoch kaum zu einem Paradigmenwechsel in der Forschung und schon gar nicht zu einem Wandel der Maßstabsperspektive, die unverändert größeren Raumeinheiten, nicht der Mikroebene galt. Eine Ausnahme in diesem generellen Trend stellte insbesondere Polen dar, wo der internationale Standard früher übernommen und ein Teil der Forschungsergebnisse in der Geographica Polonica in englischer Sprache publiziert wurde. Es darf auch nicht übersehen werden, daß im sozialistischen Polen eine liberalere Praxis bei der Gewährung von Auslandsvisa galt.

* Die lange Zeit ausbleibende Rezeption westlicher Forschungsansätze stellte zusätzlich zu den administrativen Restriktionen eine Schwierigkeit bei internationaler Zusammenarbeit dar. Während die sowjetische Geographie im Bereich der Landschaftskunde und bei der Erfassung von Naturraumpotentialen durchaus internationales Niveau erreichte und auch detaillierte Bevölkerungsstudien auf mittlerem Maßstabsniveau durchgeführt wurden, blieb der sozialgeographische Zugang außerhalb der wissenschaftlichen Erfahrungswelt, soviel unterschiedliche Ansätze in Schweden, Deutschland, Frankreich oder dem angloamerikanischen Raum dazu entwickelt wurden.

* Selbst wo empirische Sozialgeographie als Ansatz rezipiert wurde, war sie schwer umsetzbar, weil mikroanalytische raumdifferenzierende Fragestellungen (z.B. zu Unterschieden in den Lebensbedingungen in einzelnen Siedlungen, zur sozialen oder ethnischen Segregation in Städten u.ä.) der Ideologie widersprachen, die vom Gleichheitsaxiom ausging. Befragungen wären nur mit schwer erreichbarer administrativer Genehmigung möglich gewesen, und auch die qualitative Sozialforschung wäre rasch an ihre Grenzen gestoßen.

Damit lassen sich die Hindernisse, die einer umfassenden Übertragung sozialgeographischer Forschung auf Ostmittel- und Osteuropa entgegenstanden, gleichermaßen wissenschaftsimmanent und politisch-ideologisch erklären. Für die Forschungspraxis bedeutete dies, daß sozialgeographische Ansätze weitgehend ausgespart werden mußten. Dies hatte zur Folge, daß für zahlreiche Kolleginnen und Kollegen der politische Umschwung und der damit verbundene Paradigmenwechsel seit Ende der 80er Jahre plötzlich kam und sie wenig Zeit fanden, sich darauf einzustellen. Dies gilt in eingeschränktem Maß auch für die ehemalige DDR, auf die hier jedoch nicht eingegangen werden soll. Es darf auch nicht übersehen werden, daß eine "versteckte" Rezeption stattfand, daß manche Methodik Eingang in Voruntersuchungen für Planungsvorhaben fand und daß damit der Boden für eine "offizielle" Rezeption vorbereitet wurde, nur konnten viele detaillierte Forschungsergebnisse nicht publiziert werden.

Zwischen wissenschaftlicher Wildbeuterei und gegenseitiger Rezeption

In der Umbruchszeit bestimmte sicher eine gewisse Hemdsärmeligkeit auf beiden Seiten den wissenschaftlichen Zugang zu den neuen Feldern: Forschung wurde zwar mit verbal hohem Anspruch, im einzelnen oft aber mit noch geringer theoretischer Basis, von westlichen Wissenschaftlern bisweilen ohne ausreichende Regionalkompetenz und Landeskenntnis betrieben.

In der Zwischenzeit hat sich eine weitgehende Konsolidierung auf beiden Seiten eingestellt. Immer noch spürbar ist die enge Spezialisierung, die schon früher die Wissenschaftslandschaft in Osteuropa prägte. Die von vielen wahrgenommene Chance, mit Hilfe von Stipendien, insbesondere des DAAD und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, Forschungsaufenthalte in Deutschland zu realisieren, führte zu einem Methoden-Transfer in beide Richtungen. Die prinzipielle Öffnung der meisten Transformationsstaaten ermöglichte rasch empirische Arbeiten, wobei die Bereitschaft der Unterstützung um so größer war, je deutlicher die Relevanz z.B. für Planungsvorhaben im Städtebau oder bei der Regionalentwicklung sichtbar wurde. Dadurch erreichte sozialwissenschaftliche Forschung eine neue Qualität, von der auch westliche Gäste profitieren konnten. Ethnologische Untersuchungen bei den indigenen Völkern des Hohen Nordens oder bei Kleinunternehmern waren ebenso möglich, wie Befragungen im ländlichen und städtischen Raum.

Bisherige Schwerpunkte sozialgeographischer Arbeit in Ostmittel- und Osteuropa

Zwei Bereiche sind besonders zu erwähnen, in denen in den 90er Jahren Geographinnen und Geographen aus Deutschland wichtige Ergebnisse erzielen konnten: die Minderheitenproblematik, die in inhaltlicher Nähe zur zeitgeschichtlichen Nationalstaatdiskussion aufgegriffen wurde, und die Analyse einzelner raumwirksamer Aspekte der Transformation und ihrer sozialen Folgen. In zahlreichen Fällen wurden die Studien in enger Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus dem östlichen Europa gemeinsam durchgeführt. Das Institut für Länderkunde in Leipzig entwickelte in dieser Beziehung einen regionalen geographischen Schwerpunkt im östlichen Europa, während das Herder-Institut in Marburg nach überkommener Tradition interdisziplinäre Ostmitteleuropa-Studien durchführt. Einige Beispiele seien im folgenden herausgegriffen.

Geographische Minderheiten- und Konfliktforschung

Zu den frühen in der Transformationsphase entstandenen Studien gehört die Dissertation von W. Aschauer (1992), die sich mit der deutschen Minderheit in Ungarn vor dem Hintergrund demographischer Entwicklungen und politischer Rahmenbedingungen befaßt und dabei auch Phänomene der sozialen Schichtung aufgreift und mit der Kategorie der Merkmalsgruppe arbeitet. Einen ganz anderen Hintergrund hat die Studie zu den Wolgadeutschen, die E. Schmidt-Kallert (1994) vorlegte. Der Autor ist Wissenschaftler und Praktiker im Bereich der Zusammenarbeit mit den sog. Entwicklungsländern und führte unter entwicklungspolitischem Vorzeichen ein Siedlungsprojekt in den ehemaligen Siedlungsgebieten der Deutschen an der mittleren Wolga durch. Der Beitrag verdeutlicht, daß theoriegeleitete Entwicklungsforschung und Transformationsforschung noch großen Bedarf gegenseitiger Rezeption aufweisen.

Studien zu ethnoterritorialen Konflikten (Pietzonka, 1995; Stadelbauer, 1995), die am Beispiel Kaukasiens durchgeführt wurden, greifen zwar auf die ethnolinguistische Differenzierung der Bevölkerung zurück, beruhen aber nicht auf sozialwissenschaftlicher Primärforschung. Eher handelt es sich um Bestandsaufnahmen, die vor allem den räumlichen Kontext zu erläutern versuchen, um damit auch zu einem vertieften Verständnis der jeweiligen Konfliktsituationen beizutragen.

Sozialgeographische Transformationsforschung

Transformationsforschung wird in der Geographie vor allem aus einer regional- und wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsperspektive betrieben, doch sind dabei soziale Rahmenbedingungen der Transformation ebenso wie ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft impliziert.

Besonders intensiv wurde die Transformation im Einzelhandel untersucht, die nicht nur neue Strukturmuster innerhalb städtischer Siedlungen entstehen ließ, sondern auch auf verändertes Versorgungsverhalten reagierte und neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen ließ (Axionow, Brade u. Papadopoulos 1996; Pütz 1997; Buchhofer u. Konejewez 1998). Die Grundperspektive der meisten Arbeiten ist raumstrukturell; gerade beim Einzelhandel war es mit relativ geringem Forschungsaufwand möglich, die von Jahr zu Jahr erfolgenden Veränderungen zu registrieren und damit zu einer Zeitreihe zu gelangen, die den Wandel beschreibt.

Auch die Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt gehören zu den auffälligsten, in den privaten Sozialbereich führenden Phänomenen der Transformation, weil dadurch Eigentums- und Vermögensverhältnisse verändert, Umbewertungen von Wohnstandorten vorgenommen, Mobilitätsprozesse ausgelöst wurden und auch Armut neu entstand. Das umfangreichste Forschungsvorhaben, das auf einer immensen Datenbasis beruht, die in Ungarn erhoben wurde, ist derzeit erst in geringen Teilen publiziert worden (Sailer-Fliege, 1997). Ein erster Problemaufriß wurde von Kovacs und Wießner (1995) vorgenommen, die mittlerweile auch die Ergebnisse einer Fachtagung zur Stadtentwicklung in Ostmitteleuropa in gedruckter Form vorlegten (Kovacs u. Wießner, 1997).

Von hier führen Überlegungen zur umfassenderen Analyse der Stadtentwicklung. Besonders gut ist Moskau unter den Beispielstädten für Transformationsprozesse vertreten (Wendina u. Brade, 1996; Stadelbauer, 1996; Lentz, 1997). Die Aufarbeitung von sozialstatistischen Daten bietet in diesen Studien einen ersten Zugang zur Feststellung sozialräumlicher Differenzierungen. Am Beispiel von Budapest kann Wießner (1997) die - noch - ausgebliebene Revitalisierung innerstädtischer Wohnviertel und neue Mobilitätsmuster in verschiedenen Stadtteilen nachweisen; dabei wird insbesondere der Zusammenhang zwischen sozialräumlichen Vorgängen und baulichen Veränderungen (Sanierungsmaßnahmen) herausgearbeitet.

Über den räumlichen Berichtsrahmen hinaus reicht der von Heller (1997) zu Migrationsprozessen vorgelegte Sammelband. Mit bevölkerungs- und sozialstatistischen Indikatoren wird vor dem Hintergrund einer theoretischen Begriffsbestimmung von `Transformation' für einzelne Staaten das veränderte Migrationsmuster dargestellt. Die veränderte soziale Mobilität kann hierbei nur in untergeordnetem Maß berücksichtigt werden, weil die Datenbasis noch zu gering ist. Ähnliches gilt für Arbeitsmarkt und Beschäftigung (Czefalvay u. Rohn, 1991; Belozerov et al., 1997; Doka u. Baumhackl, 1998). Zwar sind statistische Daten inzwischen in kleinräumiger Aufgliederung zugänglich und auch die durch die Erfassungsmethode bedingten zu geringen Werte können korrigiert werden, doch fehlen Untersuchungen zum sozialen Feld der Arbeit, das auch Zwei- und Mehrfachbeschäftigungen in einem ausgeprägten informellen Sektor, unterschiedliche betriebliche und individuelle Strategien zum Erhalt und zur Erlangung von Beschäftigung umfaßt und auch die Rückwirkungen veränderter Beschäftigungsmöglichkeiten auf die übrigen Alltagsbereiche nicht ausklammern darf.

Zu den Kleinunternehmern als neuen Akteuren wurde eine ethnologische Untersuchung mit netzwerktheoretischem Ansatz durchgeführt, die m.W. noch nicht gedruckt vorliegt (Kölner Dissertation bei dem Ethnologen Th. Schweizer). Ebenfalls der Ethnologie stehen Untersuchungen von Wein u. Egorov (1992) nahe, die in Jakutien über den neuerlichen Lebensformwandel ehemaliger Rentiernomaden durchgeführt wurden.

Bei den genannten wenigen Arbeiten, die in den Bereich der sozialgeographischen Forschung einzuordnen sind, überwiegen meist die Forschungsansätze der empirischen Regionalforschung gegenüber jenen der empirischen Sozialforschung. Vor allem Ansätze der qualitativen Sozialforschung, die heute auch in der Sozialgeographie eine entscheidende Rolle spielt, sind nur in geringem Maß vertreten, obwohl jede Studie über einen der genannten Themenbereiche auch die Ergebnisse von Gesprächen mit Verantwortlichen reflektiert. Zahlreiche weitere Regionalstudien enthalten einzelne sozialgeographische Aspekte, doch wird der Hauptakzent dort noch stärker von einer anderen, meist wirtschafts-, kultur- oder regionalwissenschaftlichen Grundperspektive bestimmt. Bei dieser Einschätzung muß allerdings berücksichtigt werden, daß nur veröffentlichte Arbeiten berücksichtigt werden konnten; in den zurückliegenden Jahren entstand darüber hinaus eine beträchtliche Zahl von Diplom-, Magister- und Staatsexamensarbeiten, die unveröffentlicht blieben, die aber durchaus im methodischen Bereich experimentierten und auch neuere sozialgeographische Ansätze auf Ostmittel- und Osteuropa übertrugen.

Defizite und Desiderate

Insgesamt bleiben erhebliche Desiderate der sozialgeographischen Arbeit in Ostmittel- und Osteuropa:

* In einigen Transformationsstaaten scheint eine Übertragung und kritische Prüfung sozialwissenschaftlicher Entwicklungstheorien aussichtsreich zu sein. Neuere Konzepte wie die Verwundbarkeit von sozialen Systemen, die Entwicklung von Überlebensstrategien unter den Rahmenbedingungen knapper Ressourcen, der Zusammenhang des Mensch-Umwelt-Systems mit den politischen Rahmenbedingungen wurden bisher kaum angegangen.

* Die Erscheinungen der Transformation würden sich für einen Perzeptionsansatz eignen, der nach der Wahrnehmung veränderter Lebenswelten und den daraus sich ergebenden Handlungsänderungen fragt.

* Mobilitätsstudien wurden nur als Untersuchungen zur regionalen Mobilität und im Makromaßstab, z.B. bezogen auf die Umsiedlungen im GUS-Raum und Migrationen in Südosteuropa (Heller, 1997) durchgeführt, jedoch noch wenig im Mikromaßstab, wo eine Gegenüberstellung der persönlichen Freiheitsgewinne mit den objektiven Mobilitätschancen fruchtbar sein könnte. Daraus könnten sich auch Studien zu raumbezogenem Verhalten ergeben.

* Die Veränderungen im ländlichen Raum wurden für einige ostmittel- und südosteuropäische Regionen analysiert (Grimm, 1995), doch standen dabei wie bei anderen Forschungsfeldern bisher strukturelle Aspekte im Vordergrund, während die soziale Realität zurücktrat.

Derzeit sind mehrere Dissertationen und Habilitationsarbeiten im Entstehen, die einen Teil dieser Defizite etwas ausgleichen können. Auch Tagungsbände reflektieren, daß für die sozialgeographische Arbeit ein neues räumliches Feld erschlossen wurde; an der Bearbeitung nehmen inzwischen zahlreiche Fachkolleginnen und Fachkollegen aus Ostmittel- und Osteuropa regen Anteil. Damit leistet die sozialgeographische Arbeit auch einen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis von Fach- und Wissenschaftskulturen.

Literatur

Aschauer, W. (1992): Zur Produktion und Reproduktion einer Nationalität: Die Ungarndeutschen. Stuttgart (= Erdkundliches Wissen; 107).

Axionow, K., I. Brade, A. Papadopoulos (1996): Neue Einzelhandelsformen in St. Petersburg. - In: Europa regional 4 (3), S. 13-23.

Belozerov, V. et al. (1997): Arbeitsmärkte und Arbeitskräfte in der Rußländischen Föderation. - In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 41 (2-3), S. 174-187.

Buchhofer, E., V. Kornejewez (1998): Einzelhandel in Grenzstädten der russischen Exklave Kaliningrad. - In: Europa regional 6 (1), S. 25-36.

Csefalvay, Z., W. Rohn (1991): Der Weg des ungarischen Arbeitsmarktes in die duale Ökonomie. Wien (= ISR-Forschungsberichte; 2).

Doka, D., H. Baumhackl (1998): Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Albanien Mitte der 90er Jahre. - In: Europa regional 6 (1), S. 37-44.

Fassmann, H. (Hg.; 1995): Immobilien-, Wohnungs- und Kapitalmärkte in Ostmitteleuropa. Beiträge zur regionalen Transformationsforschung. Wien (= ISR-Forschungsberichte; 14).

Grimm, F.-D. (Hg.; 1995): Der Wandel des ländlichen Raums in Südosteuropa. Ergebnisse der Fachtagung ... München u. Leipzig (= Südosteuropa aktuell; 19).

Heller, W. (Hg.; 1997): Migration und sozioökonomische Transformation in Südosteuropa. München (= Südosteuropa-Studien; 59).

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Kovacs, Z., R. Wießner (Hg.; 1997): Prozesse und Perspektiven der Stadtentwicklung in Ostmitteleuropa. Passau (= Münchener Geographische Hefte; 76).

Lentz, S. (1997): Cityentwicklung in Moskau - zwischen Transformation und Globalisierung. - In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 41 (2-3), S. 110-122

Lichtenberger, E. (Hg.; 1991): Die Zukunft von Ostmitteleuropa. Vom Plan zum Markt. Wien (= ISR-Forschungsberichte; 2).

Pietzonka, B. (1995): Ethnisch-territoriale Konflikte in Kaukasien. Eine politisch-geographische Systematisierung. Baden-Baden (= Schriftenreihe des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien; 26).

Pütz, R. (1997): New Business Formation, Privatisation and Internationalisation: Aspects of the Transformation of Polish Retail trade. Wroclaw, a case study. - In: Die Erde 128 (3), S. 235-249. [Die in Mainz angefertigte Dissertation von R. Pütz wurde 1998 abgeschlossen, liegt aber noch nicht vor.]

Sailer-Fliege, U. (1997): Transformation of Housing Markets in East Central Europe. - In: Kovacs, Z., R. Wießner (Hg.): Prozesse und Perspektiven der Stadtentwicklung in Ostmitteleuropa. Passau (= Münchener Geographische Hefte; 76), S. 33-47.

Schmidt-Kallert, E. (1994): Neue Siedlungen für sowjetdeutsche Familien an der Wolga. - In: Geographische Rundschau 46, S. 141-147.

Stadelbauer, J. (1984): Regionalforschung über sozialistische Länder. Wege, Möglichkeiten und Grenzen - Eine Bestandsaufnahme westlicher, meist deutschsprachiger Untersuchungen aus den 70er Jahren. Darmstadt (= Erträge der Forschung; 211).

Stadelbauer, J. (1995): Die Krisenregion Kaukasien: Geographische, ethnische und wirtschaftliche Grundlagen. - In: Halbach, U., A. Kappeler (Hg.): Krisenherd Kaukasus. Baden-Baden (= Nationen und Nationalitäten; 2), S. 13-51.

Stadelbauer, J. (1996): Moskau. Post-sozialistische Megastadt im Transformationsprozeß. - In: Geographische Rundschau 48 (2), S. 113-119.

Stadelbauer, J. (1998): Alltag in Rußland. Rahmenbedingungen im sozioökonomischen Bereich. - In: Praxis Geographie 28 (5), S. 4-10.

Wießner, R. (1997): Sozialräumliche Polarisierung der inneren Stadt in Budapest. - In: Kovacs, Z., R. Wießner (Hg.): Prozesse und Perspektiven der Stadtentwicklung in Ostmitteleuropa. Passau (= Münchener Geographische Hefte; 76), S. 189-201.

Wein, N., I.D. Egorov (1992): Wirtschafts- und Lebensverhältnisse im subpolaren Sibirien (das Beispiel Nordostjakutien). - In: Petermanns Geographische Mitteilungen 136, S. 251-266.

Wendina, O., I. Brade (1996): Der Immobilienmarkt in Moskau. Grundtendenzen der 90er Jahre. - In: Europa regional 4 (2), S. 17-28.

Anton Sterbling, Rothenburg/OL

(Fachhochschule für Polizei Sachsen)

Schwerpunkte und Desiderata der soziologischen Osteuropaforschung

Das Problem der Selbstbescheidung und fachlich orientierten Selbstbeschränkung und mithin auch der Spezifizierung der maßgeblichen Erkenntnisinteressen, das sich für die soziologische Erkenntnispraxis generell stellt, zeichnet sich auch auf dem Gebiet der soziologischen Osteuropaforschung deutlich ab. Daher möchte ich im folgenden - in Anlehnung an einen umfangreicheren Aufsatz, der demnächst erscheinen wird (Sterbling 1998a) - einige Schwerpunkte und Desiderata der soziologischen Osteuropaforschung ansprechen.

Zu einigen Schwerpunkten und Desiderata der soziologischen Osteuropaforschung

Ein erster Schwerpunkt der soziologischen Osteuropaforschung liegt sicherlich auf dem Gebiet der Modernisierungs- und Entwicklungsproblematik ost-, ostmittel- und südosteuropäischer Gesellschaften. Der modernisierungstheoretische Ansatz und insbesondere die in der Denktradition Max Webers stehende "historische Modernisierungsforschung" erscheinen mir in diesem Zusammenhang besonders aufschlußreich und fruchtbar (Sterbling 1991, 1993a; Sterbling/Zipprian 1997). Dies zumal die historischen Modernisierungstheorien ergiebige Analyse- und Erklärungsansätze für langfristige Modernisierungsprobleme ost- und südosteuropäischer Gesellschaften, für die Modernisierungskrise der "staatssozialistischen" Gesellschaften und den Zusammenbruch des kommunistischen Herrschaftssystems (Ettrich 1997; Balla/Sterbling 1996; Sterbling 1993b) und für das Verständnis der gegenwärtigen komplizierten Modernisierungsprozesse bieten. Daneben oder im Anschluß daran lassen sich eine Reihe weiterer soziologischer Erkenntnisanliegen und Forschungsfragen von vorrangigem Interesse umreißen.

Von der Soziologie als empirischer Gegenwartswissenschaft wären zunächst und wohl am dringlichsten gründliche Sozialstrukturanalysen zu wünschen. Also soziologische Untersuchungen über die in der Vergangenheit weitgehend vernachlässigten oder sehr einseitig betrachteten sozialen Ungleichheitsstrukturen, die sich auf typische Soziallagen, grundlegende Interessenstrebungen und Wertorientierungen, auf maßgebliche Realitätsdeutungen und Handlungsneigungen, auf strukturprägende Vergesellschaftungsformen sowie auf strukturelle Spannungen und soziokulturelle Spaltungen beziehen, durch die der Möglichkeits- und Wahrscheinlichkeitshorizont des individuellen und kollektiven Handelns wesentlich mitbestimmt werden; die aber auch der Frage nachgehen, welches die grundlegenden Ungleichheit erzeugenden Mechanismen und strukturbildenden Vergesellschaftungsprozesse in den osteuropäischen Gesellschaften überhaupt sind und wie diese von der gegenwärtigen Veränderungsdynamik und den damit einhergehenden sozialstrukturellen Verwerfungen erfaßt und modifiziert werden (Sterbling 1993c, 1996). Solche empirischen Untersuchungen können natürlich nur in enger internationaler Kooperation mit den Soziologen vor Ort durchgeführt werden, wozu es heute - trotz Knappheit der Ressourcen für aufwendige empirische Forschungsvorhaben - sicherlich ganz gute Chancen und Möglichkeiten gibt. Solche Forschungsvorhaben könnten durchaus ergiebig auf die neueren, bei uns geführten theoretischen Diskussionen auf dem Gebiet der Sozialstrukturanalyse und Ungleichheitsforschung zurückgreifen (Kreckel 1983; Berger/ Hradil 1990; Hradil 1992; Berger/Vester 1998), sie könnten in der einen oder anderen Hinsicht aber wohl auch nützlich auf diese kontroversen Diskussionen zurückwirken. Vor allem im Hinblick auf die strukturelle Bedeutung von Prozessen der "sozialen Schließung" (Collins 1986; Parkin 1979), im Hinblick auf die Rolle des "sozialen" und "kulturellen Kapitals" (Bourdieu 1982; Sterbling 1998b) und im Hinblick auf das Spannungsverhältnis von "Meritokratie" und "Klientelismus" (Haller 1989) kann die Sozialstrukturanalyse ost- und südosteuropäischer Gesellschaften vermutlich aufschlußreiche Einsichten und Anregungen vermitteln.

Ein zweites wichtiges Anliegen wäre die Intensivierung der kultur- und wissenssoziologischen Osteuropaforschung. Dabei ist u.a. an eingehende Analysen langfristig wirksamer kultureller Orientierungen und sozialmoralischer Überzeugungssysteme und an die Analyse der Wirkungen und Folgen der Ideologisierung der ost- und südosteuropäischen Gesellschaften, die einzelne Bevölkerungsgruppen zu verschiedenen Zeitpunkten natürlich in unterschiedlichem Maße erfaßt und betroffen hat, zu denken. Ebenso sollten Vorgänge intellektueller Realitätsdeutung und Selbstvergewisserung und die darin nahezu durchgängig in Erscheinung tretenden Ambivalenzen und Spannungen zwischen partikularistischen und universalistischen, traditionalen und modernen, autochthonen und westlich orientierten Kulturmustern und Wertvorstellungen eine eingehende kultur- und wissenssoziologische Betrachtung erfahren. Ähnliches gilt für die langfristig wirksamen Prozesse der Schaffung, Vermittlung und Reinterpretation nationalkultureller Wissens- und Wertbestände, wobei vor diesem Hintergrund auch die spezifischen Inhalte, die Trägergruppen und institutionellen Bezüge, die Funktionen und Wirkungen nationalistischer Ideologien und nationaler Mythen genauer zu analysieren wären (Berding 1996; Stagl 1996; Sterbling 1998c).

Ein weiterer, damit eng zusammenhängender Forschungsschwerpunkt, zu dem in den letzten Jahren natürlich auch schon sehr viel interdisziplinär gearbeitet wurde, sind die in nahezu allen ost- und südosteuropäischen Gesellschaften gegebenen ethnischen Spaltungen und interethnischen Konflikte (Seewann 1992; Winkler/Kaelble 1993; Sterbling 1995a; Brunner 1996). In der Sichtweise der historischen Modernisierungsforschung ist sicherlich interessant, wie sich diese Konflikte aus verspäteten und häufig tief umstrittenen Prozessen der Staaten- und Nationenbildung ergeben oder in diesem Kontext - zumeist im Zusammenhang mit antidemokratischen politischen Tendenzen - zugespitzt haben (Sterbling 1997a, S. 101 ff). In der modernisierungstheoretischen Perspektive ist gleichermaßen aufschlußreich, wie sich ethnische Lagen und interethnische Beziehungen im Zusammenhang mit Prozessen der sozialen und psychischen Mobilisierung, der sektoralen Transformation, der Urbanisierung, der Bildungsexpansion und der geographischen Mobilität wandeln. In sozialstruktureller Hinsicht wäre indes gerade durch die Soziologie nachdrücklich zu fragen, welches die eventuellen Interessendimensionen oder Interessenhintergründe interethnischer Spannungen und Konflikte sind und welche strukturprägende Bedeutung solche Konflikte besitzen, zumal durch andere Sozial- und Kulturwissenschaften häufig recht eingehend die Wertaspekte und historischen Dimensionen solcher Konfliktstrukturen, aber viel weniger die Interessenbezüge derselben herausgearbeitet werden.

Unter modernisierungstheoretischen Gesichtspunkten kommt der Institutionenanalyse und dem institutionellen Wandel in Osteuropa natürlich eine ganz hervorragende Bedeutung zu. Der Niedergang der kommunistischen Herrschaft wird nicht selten als "Implosion" eines Institutionensystems interpretiert, das weitgehend monolithisch verfaßt und durch seine Ideologiebindung und politische Übersteuerung zu institutionellen Innovationen und Anpassungen weitgehend unfähig war. Tatsächlich ist die tiefgreifende, in mehreren zentralen Dimensionen der Entwicklung in Erscheinung tretende Modernisierungskrise, die letztlich zum Ende der kommunistischen Alleinherrschaft führte, als Ergebnis ungleichförmiger, Spannungen und Verwerfungen erzeugender, "partieller" Modernisierungsprozesse bei gleichzeitigen systembedingten institutionellen Anpassungsblockaden zu begreifen (Sterbling 1997b, S. 161 ff, 1998d).

Für die Analyse des institutionellen Wandels in Osteuropa ist ein Rückgriff auf verschiedene soziologische wie auch philosophisch-anthropologische, kulturanthropologische, rechtswissenschaftliche oder ökonomische Institutionentheorien möglich und sinnvoll. Besonders ergiebig dürfte sich in diesem Zusammenhang der von M. Rainer Lepsius vertretene, an Max Weber angelehnte institutionentheoretische Ansatz erweisen. Werden in anderen Institutionentheorien die anthropologischen Grundlagen und die Stabilitäts- und Entlastungsfunktionen, die symbolischen Leistungen, die Rationalität und nutzenstiftende Bedeutung oder die "paradoxen Effekte" von Institutionen oder auch die Besonderheit politischer Institutionen herausgearbeitet (Papalekas 1994; Nedelmann 1995; Göhler 1996), so rückt der institutionentheoretische Ansatz von Lepsius vor allem die spezifischen Differenzierungen, Strukturierungsleistungen und Geltungskontexte der Institutionen und insbesondere die interinstitutionellen Beziehungen und die Folgeprobleme der Institutionenbildung und des Institutionenwandels in den Mittelpunkt der Betrachtungen (Lepsius 1990, 1995a, 1995b, 1996). Im Hinblick auf den gegenwärtigen Institutionenwandel in Osteuropa ließen sich in Anlehnung an den institutionentheoretischen Ansatz von Lepsius zum Beispiel folgende aufschlußreiche Forschungsfragen aufwerfen: Welche Probleme ergeben sich aus dem unterschiedlichen Ausmaß des Institutionenwandels in einzelnen institutionellen Bereichen, aus der Koexistenz unterschiedlicher Typen von Institutionen (Beyme 1994, S. 229ff)? Welche inter-institutionellen Konflikte und institutionell zu lösenden Vermittlungsprobleme gehen daraus hervor? Welche Bedeutung kommt der Handlungskompetenz von in den "alten" und "neuen" Institutionen wirkenden Akteuren zu? Wie hängt diese Kompetenz mit der Akzeptanz und Internalisierung neuer institutioneller Leitwerte und "Rationalitätsprinzipien" zusammen? Mit welchen Akzeptanzproblemen - und damit auch Legitimitätsfragen des Systemwechsels überhaupt - geht die gegenwärtige, in vielen Hinsichten asymmetrisch wirkende "Kosten"-"Nutzen"-Bilanz des Institutionenwandels einher?

Ein vor allem für die Wissenschaftssoziologie und Kommunikationssoziologie sehr interessantes Forschungsfeld dürfte das der Veränderungen der Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen (Sterbling 1994, S. 215ff; Meske/ Nadiraschwilli 1994; Mayntz/Schimank/Weingart 1995) wie auch der gesamten Medienlandschaft und Massenkommunikation in Osteuropa sein. Diese, zumeist weitreichenden Veränderungen, dürften auch wichtige Aufschlüsse über die Konturen neuer Wissensordnungen unter dem Einfluß fortschreitender Prozesse der globalen Informatisierung geben (Spinner 1994; Sterbling 1997b, S. 45ff).

Mit den hier angedeuteten Fragen des Institutionenwandels sind gleichsam auch die zur Zeit viel diskutierten Elitenprobleme in Osteuropa vielfach verschränkt. Die langfristige ideologische Tabuisierung des Elitenbegriffs in Osteuropa ist heute durch eine geradezu inflationäre Verwendung desselben und eine rasch um sich greifende Elitenforschung abgelöst worden. Obgleich diese Forschung schon viele interessante Teilergebnisse erbracht hat, bleibt die Frage des Elitenwandels doch sehr umstritten und merkwürdig interpretationsoffen (Sterbling 1987, 1998e). Der Vorstellung eines revolutionär herbeigeführten Elitenwandels einerseits steht der oft mit Akzenten moralischer Empörung vorgetragene Befund einer weitgehenden Kontinuität der Eliten andererseits gegenüber. Viele empirische Ergebnisse weisen auf einen partiellen Elitenwechsel und insbesondere einen Generationenwechsel in den Elitepositionen bei gleichzeitig vielen Gemeinsamkeiten der Herkunft und der Karrierewege der "alten" und "neuen" Eliten hin (Tökes 1991; Grancelli 1995, S. 43ff; Best/Becker 1997; Srubar 1998). Um vielleicht etwas mehr analytische Tiefenschärfe in der Frage des Elitenwandels zu erreichen, erscheint es sinnvoll, nebst Aspekten des Elitenwechsels auch das Ausmaß und die Tendenzen der Veränderung der Elitenkonfigurationen zu untersuchen. Erst gründliche Analysen auf der Ebene der Elitenkonfigurationen, die die Besonderheiten verschiedener Teileliten wie auch die vielschichtigen Beziehungen, Differenzen und Oppositionen zwischen einzelnen Elitengruppen und zwischen Eliten und Nichteliten systematisch erfassen, ermöglichen genauere Aussagen über das Ausmaß des Elitenwandels in einzelnen osteuropäischen Gesellschaften. Besonders aufschlußreich dürften dabei vergleichende Untersuchungen über die Veränderungen der Elitenkonfigurationen in den verschiedenen osteuropäischen Länder sein.

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt, den ich hier ansprechen möchte, wäre der der wirtschaftssoziologischen Forschung. In diesem Rahmen werden und wären unter soziologischen Gesichtspunkten noch eingehender die marktwirtschaftlichen Transformationsprozesse und ihre sozialen Folgeprobleme, die Veränderungen der Eigentumsordnungen und deren soziale Wahrnehmung und Bewertung, die neuen Besitzverhältnisse und Wirtschaftsbeziehungen, die verschiedenen Formen und Spielarten des unternehmerischen Handelns, der Wandel der innerbetrieblichen Sozialbeziehungen, die Organisation ökonomischer Interessen und die Austragung von Verteilungskonflikten, sozialpolitische Fragen und vieles mehr zu untersuchen (Dittrich u.a. 1992; Juchler 1994; Glatzer 1996). Dabei erscheinen solche soziologischen Analysen nicht nur für sich genommen oder als Ergänzungen zu wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen Untersuchungen wichtig, sondern sie ermöglichen eventuell auch gewisse allgemeine Rückschlüsse auf zwei der wichtigsten institutionellen Gestaltungsmächte des 19. und 20. Jahrhunderts, den "Kapitalismus" und den "Sozialismus" (Lepsius 1996; Srubar 1996).

Als letztes möchte ich auf das Forschungsgebiet der Land- und Agrarsoziologie verweisen. In fortgeschrittenen Industriegesellschaften oder postindustriellen Gesellschaften ist der Stellenwert der land- und agrarsoziologischen Forschung zurückgegangen, wenngleich sie auch hier - insbesondere durch die Erweiterung ihres Forschungshorizontes und die Verschiebung ihrer Schwerpunkte von agrar- zu landsoziologischen Fragestellungen - weiterhin durchaus wichtig und aufschlußreich erscheint (Kutsch/Sterbling 1997). In einzelnen ost- und südosteuropäischen Gesellschaften hingegen, in denen die "Bodenfrage" jahrhundertelang eine ganz wesentliche Rolle spielte, die noch Mitte unseres Jahrhunderts weitgehend ländlich-agrarwirtschaftlich geprägt waren und die auch gegenwärtig noch einen relativ hohen ländlichen Bevölkerungsanteil und Beschäftigtenanteil im Agrarsektor aufweisen (Sterbling 1995b, 1996), ist dieses Forschungsgebiet sicherlich von größerer Bedeutung. Dabei sind historisch-modernisierungstheoretische Fragestellungen, die sich mit den wirtschafts- und sozialstrukturellen Folgen der Agrarreformen im 19. und 20. Jahrhundert oder mit den Enteignungs-, Verstaatlichungs- und Kollektivierungsprozessen unter der kommunistischen Herrschaft beschäftigen, für das bessere Verständnis der problematischen Verlaufsmuster der Modernisierungsprozesse in einzelnen Gesellschaften sehr wichtig. Ebenso bedeutsam ist natürlich auch die land- und agrarsoziologische Gegenwartsforschung. Da in den verschiedenen osteuropäischen Ländern bei der Restrukturierung der Landwirtschaft und Restitution des Bodens recht unterschiedlich vorgegangen wurde, bietet sich dieser Teilaspekt des sozialen Wandels oder des "wirtschaftlichen Transformationsprozesses" in besonderer Weise für komparative Untersuchungen an (Verdery 1997).

Abschließende Bemerkungen

Natürlich gäbe es im Rahmen der soziologischen Osteuropaforschung noch viele weitere Gebiete, sei es die Bevölkerungssoziologie, die Politische Soziologie, die Religionssoziologie oder die Freizeitsoziologie, die Sportsoziologie oder die Kunstsoziologie usw., auf denen eine Intensivierung der soziologischen Forschung wie auch der internationalen und interdisziplinären Forschungskooperation sehr wünschenswert wäre und vermutlich zum allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt beitragen würde. Indes, die weitgehende Befreiung des soziologischen Denkens von ideologischen Fesseln und die sehr begrüßenswerte disziplinäre Aufwertung der Soziologie in vielen Ländern Ost- und Südosteuropas nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft, die heute günstigere Bedingungen der kooperativen Forschung herbeigeführt haben, sind nur eine Seite der Entwicklungen. Die Kehrseite davon sind kaum zu übersehende und daher auch kaum zu übergehende Ressourcenknappheit in finanzieller, personeller, zeitlicher und kognitiver Hinsicht, die auch bei einer glücklichen Zusammenlegung unterschiedlich verteilter und insofern auch unterschiedlich knapper Ressourcen immer noch zu wohlüberlegten Prioritätensetzungen und Selbstbegrenzungen zwingen. Sehr bezeichnend für die Ressourcenknappheit - gleichwohl aber auch Ausdruck unverständlicher universitärer Fehlallokationen und undurchschaubarer Interessen- und Ränkespiele - ist zum Beispiel die Tatsache, daß es in der Bundesrepublik Deutschland weiterhin überhaupt nur eine Professur für Osteuropa-Soziologie (an der FU Berlin) gibt, die zudem schon seit einigen Jahren vakant ist. Natürlich stellt die zumeist sehr schlechte finanzielle Ausstattung der soziologischen Hochschul- und Forschungseinrichtungen in den osteuropäischen Staaten einen noch weitaus gewichtigeren Einschränkungsfaktor der wissenschaftlichen Arbeit und der empirischen Forschungstätigkeit im besonderen dar.

Literatur

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Srubar, Ilja (Hrsg.), 1998: Eliten, politische Kultur und Privatisierung in Ostdeutschland, Tschechien und Mittelosteuropa, Konstanz

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Sterbling, Anton, 1987: Eliten im Modernisierungsprozeß. Ein Theoriebeitrag zur vergleichenden Strukturanalyse unter besonderer Berücksichtigung grundlagentheoretischer Probleme, Hamburg

Sterbling, Anton, 1991: Modernisierung und soziologisches Denken. Analysen und Betrachtungen, Hamburg

Sterbling, Anton, 1993a: Strukturfragen und Modernisierungsprobleme südosteuropäischer Gesellschaften, Hamburg

Sterbling, Anton, 1993b: Eigeninteressen oder Verantwortung der Intelligenz? Zum Niedergang der kommunistischen Herrschaft in Südosteuropa, in: Sterbling, Anton (Hrsg.): Zeitgeist und Widerspruch: Soziologische Reflexionen über Gesinnung und Verantwortung, Hamburg (S. 231-250)

Sterbling, Anton, 1993c: Statussegregation als Strukturmerkmal osteuropäischer Gesellschaften. Shmuel N. Eisenstadts Bedeutung für die soziologische Osteuropaforschung, in: Plake, Klaus/ Schulz, Wolfgang (Hrsg.): Entillusionierung als Programm. Beiträge zur Soziologie Shmuel N. Eisenstadts, Weinheim (S. 149-175)

Sterbling, Anton, 1994: Gegen die Macht der Illusionen. Zu einem Europa im Wandel, Hamburg

Sterbling, Anton, 1995a: On the Development of Ethnic Relations and Conflicts in Romania, in: Giordano, Christian/ Greverus, Ina-Maria (Hrsg.): Ethnicity - Nationalism - Geopolitics in the Balkans (II), Anthropological Journal on European Cultures, Band 4, Heft 2, Fribourg-Frankfurt a. M. (S. 37-52)

Sterbling, Anton, 1995b: A qui appartient la terre transylvaine, in: Etudes rurales, Heft 138-140, Paris (S. 87-101)

Sterbling, Anton, 1996: Die Sozialstruktur südosteuropäischer Gesellschaften und die Grenzen klassentheoretischer Analysekategorien, in Berliner Journal für Soziologie, Band 6, Opladen (S. 489-499)

Sterbling, Anton, 1997a: Kontinuität und Wandel in Rumänien und Südosteuropa. Historisch-soziologische Analysen, München

Sterbling, Anton, 1997b: Widersprüchliche Moderne und die Widerspenstigkeit der Traditionalität, Hamburg

Sterbling, Anton/ Zipprian, Heinz (Hrsg.), 1997: Max Weber und Osteuropa. Beiträge zur Osteuropaforschung, Hamburg

Sterbling, Anton, 1998a: Soziologische Osteuropaforschung in historisch-vergleichender Perspektive. Ansätze und Aufgaben, in: Ettrich, Frank (Hrsg.): Semantiken der Transformation, Opladen (in Vorbereitung)

Sterbling, Anton, 1998b: Zur Wirkung unsichtbarer Hebel. Überlegungen zur Rolle des "sozialen Kapitals" in fortgeschrittenen westlichen Gesellschaften, in: Berger, Peter A./ Vester, Michael (Hrsg.): Alte Ungleichheiten - Neue Spaltungen, Opladen (S. 189-209)

Sterbling, Anton, 1998c: Unterdrückung, Ideologie und der untergründige Fortbestand der Mythen, in: Dahlmann, Dittmar/ Potthoff, Wilfried (Hrsg.): Mythen, Symbole, Rituale. Die Geschichtsmächtigkeit der 'Zeichen' in Südosteuropa im 19. und 20. Jahrhundert, Bonn (in Vorbereitung)

Sterbling, Anton, 1998d: Historische Modernisierungstheorien und gegenwärtige Probleme des Institutionenwandels in Ost- und Südosteuropa, in: Müller, Klaus (Hrsg.): Postsozialistische Krisen. Theoretische Ansätze und empirische Befunde, Opladen (S. 53-67)

Sterbling, Anton, 1998e: Elitenwandel in Südosteuropa: Einführende Bemerkungen aus elitentheoretischer Sicht, in: Höpken, Wolfgang/ Sundhaussen, Holm (Hrsg.): Eliten in Südosteuropa: Rolle, Kontinuitäten, Brüche in Geschichte und Gegenwart, München (in Vorbereitung)

Tökes, Rudolf L., 1991: Hungary's New Political Elites: Adaptation and Change 1989-1990, in: Szoboszlai, György (Hrsg.): Democracy and Political Transformation. Theories and East-Central European Realities, Budapest (S. 226-286)

Verdery, Katherine, 1996: What was socialism, and what comes next?, Princeton

Winkler, Heinrich August/ Kaelble, Hartmut (Hrsg.), 1993: Nationalismus - Nationalitäten - Supranationalität, Stuttgart

Hans-Jürgen Wagener, Frankfurt (Oder)

(Europa-Universität Viadrina, Frankfurter Institut für Transformationsstudien)

Wirtschaftswissenschaftliche Osteuropaforschung nach der Wende

Area studies wie die Osteuropaforschung haben eine lange Tradition, vor allem in Ländern mit imperialen Ambitionen oder einer solchen Vergangenheit. Vor der Großen Wende 1990 galten z.B. die Berichte zur wirtschaftlichen Entwicklung der sozialistischen Länder, die das Joint Economic Committee des amerikanischen Kongresses jährlich publizierte, als die "grüne Bibel" der ökonomischen Osteuropaforschung (so genannt nach den grünen Pappen der