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Newsletter - Sozialwissenschaften in Osteuropa 1998-3

COLONIZATION OR PARTNERSHIP?


"Colonization or Partnership?". Stellungnahmen zur Frage der Ost-West-Kooperation in den Sozialwissenschaften

"So there is much confusion and miscommunication over even the most basic elements of academic life" (S.30)

Das Informationszentrum Sozialwissenschaften (IZ) hat dem dritten Band seiner Dokumentationsreihe "Sozialwissenschaften im neuen Osteuropa"[46] den Abdruck einer Kontroverse über die Ost-West-Beziehungen in den Sozialwissenschaften vorangestellt, die in der ungarischen Zeitschrift replika erschienen war[47]. Die Debatte stand unter der Frage: "Colonization or partnership?". Die Wiedergabe dieser Beiträge in einer IZ-Publikation entspringt der Zielsetzung der Arbeit des Informationstransfers Osteuropa: die Unterstützung und Verbesserung der Ost-West-Wissenschaftskommunikation. Hierzu zählt auch die Sichtbarmachung und Verbreitung von Hintergrundwissen, das in offensichtlich noch unterentwickelter Ost-West-Kommunikationskultur für die Verständigung von besonderer Bedeutung ist. In den pointierten Thesen osteuropäischer Sozialwissenschaftler über ihre Wahrnehmung der Ost-West-Kooperationsstrukturen werden in der Zeitschrift replika Probleme angesprochen, die es wert sind, von westlichen Wissenschaftlern zur Kenntnis genommen zu werden.

Der Abdruck der Kontroverse durch das IZ hat wiederum - meist allerdings nur mündliche - Resonanzen westlicher Leser ausgelöst. Daraus resultierte der Gedanke, daß eine Verbreiterung der Diskussion und vor allem eine Hereinnahme anderer Sichtweisen angeregt werden könnten. Das IZ und die Sektion Ost- und Ostmitteleuropa-Soziologie der DGS haben daher die Aufsätze aus der Zeitschrift replika an Sozialwissenschaftler verschickt, von denen uns bekannt ist, daß sie mit Ost-West-Forschungskontexten vertraut sind und sie um eine leserbriefartige Stellungnahme zu den in den Beiträgen artikulierten Thesen gebeten.

Erfreulicherweise haben sich bis Redaktionsschluß zwölf Wissenschaftler mit zum Teil längeren Stellungnahmen zu Wort gemeldet. Jedes dieser "statements" focussiert auf einem anderen Aspekt der in den replika-Beiträgen vorgebrachten Thesen. Damit wird die Komplexität der Ost-West-Kooperationsfrage und die Vielfalt der Blickwinkel deutlich. Da andere Ost-West-Experten zwar ihr Interesse bekundet haben, aber aus zeitlichen Gründen keine Zulieferung zu diesem Sonderheft leisten konnten, planen wir in loser Folge eine Fortsetzung der Diskussion. Wir hoffen auch, daß mit diesem Newsletter-Sonderheft weitere Meinungsäußerungen zur Thematik angeregt werden. Gerne verschicken wir daher den Abdruck der replika-Beiträge an Personen, die sich dazu in den kommenden Heften unseres Newsletters äußern wollen. (Auch über Internet abrufbar). Da der Newsletter auch in englischer Version und im Internet verfügbar ist, wird damit eine breitere Sichtbarkeit dieser Thematik und die Möglichkeit der internationalen Beteiligung an dieser Diskussion geschaffen.

Zusammenfassung der replika-Beiträge:

Obwohl die im folgenden abgedruckten Stellungnahmen auch ohne Kenntnis der "replika-Beiträge" unter dem Bezugspunkt der Frage "colonialization or partnership" nachvollziehbar sind, sollen doch einige zentrale Thesen aus den fünf replika-Beiträgen vorab referiert werden, um die Einordnung der "statements" zu erleichtern.

Der einleitende Beitrag von G. Csepeli, A. Örkeny und K.L. Scheppele mit dem Titel "Acquired Immune Deficiency Syndrome in Social Science in Eastern Europe" kennzeichnet zunächst den Wandel des osteuropäischen Wissenschaftssystems nach 1989 als Niedergang des öffentlich finanzierten Forschungssystems in jeder Hinsicht: die Entwicklung wird als eine Reihe institutioneller, individueller und wissenschaftlicher Verluste bezeichnet. Nach der Hoffnung auf ein neues wissenschaftliches Leben folgte der Schock der zunehmenden Verschlechterung einheimischer Forschungsbedingungen. Parallel dazu wird der Wandel der westlichen Osteuropaforschung und -forschungspolitik als Mutation vom Wolf (antikommunistische Forschungsmotivation) zum Schaf (empirische Sozialforschung mit ausschließlichem Interesse an Daten) charakterisiert, wobei die großen internationalen Datenprogramme als "Big Science" auf diese Entwicklung besonderen Einfluß haben. Die vor allem ökonomisch schwache Verfaßtheit der osteuropäischen Wissenschaft erleichterte dabei das "Eindringen" westlicher Forscher mit reichen Forschungsgeldern in das osteuropäische Forschungsfeld. Sie brachten ihre Forschungsthemen und Methoden mit und machten die Ressourcen-bedürftigen osteuropäischen Wissenschaftler zu "Hilfsknechten" ihrer Forschung. Die unterschiedlichen Selbstverständnisse östlicher und westlicher Intellektueller erschwerte dabei die wissenschaftliche Verständigung und verfestigte die Bilder von wissenschaftlicher Unter- resp. Überlegenheit. Die riesigen osteuropäischen Wissenschaftspotentiale, die sich zum Teil bereits vor 1989 auch in den Sozialwissenschaften entwickelt hatten, liegen dadurch für die Nutzung in gleichberechtigten internationalen Kooperationen zur Erforschung globaler Probleme brach. Auch die Vermittlung, die osteuropäische Wissenschaftler leisten könnten zwischen der historischen und kulturellen Einzigartigkeit ihrer Länder und den postmodernen sozialwissenschaftlichen Forschungsansätzen wird für die Erforschung des Wandels und die Bildung neuer Gesellschaftstheorien nicht genutzt.

R. Andorka lehnt in seiner Stellungnahme zu G. Csepeli et al. unter dem Titel "The Uses of International Cooperation in the Social Sciences" deren Analyse völlig ab. Zwar bestätigt er die problematische Situation der osteuropäischen sozialwissenschaftlichen Forschung: sinkende Wissenschaftlergehälter, Zwang zum zweiten Einkommen, brain drain und Nachwuchsmangel sind zentrale Probleme der Wissenschaft, die nationale Forschungsfinanzierung ist seit 1991 kontinuierlich reduziert worden (insgesamt 40%) und die Publikationsmöglichkeiten sinken durch die Krise der Verlage. Angesichts dieser schlechten Lage sieht er aber die westlichen Forschungstätigkeiten in Osteuropa und deren Ergebnisse als wertvolle Unterstützung für die Erforschung der osteuropäischen Gesellschaften, die auch der osteuropäischen Wissenschaft selbst zugute kommt. Er unterscheidet dabei vier verschiedene Formen der westlichen Forschungsaktivitäten in Osteuropa und zeigt die ihnen jeweils inhärenten Kooperationsmöglichkeiten für Osteuropäer auf. In jeglicher Kooperationsform stecken seines Erachtens jeweils Lerneffekte, die für die Entwicklung einer nationalen, eigenständigen und am internationalen Standard orientierten Wissenschaft wichtig sind. Das wirklich Schlechte wäre für ihn der Rückzug der osteuropäischen Wissenschaften aus den internationalen Kooperationen.

Auch Z. Kusa bestätigt in ihrem Beitrag "The Immune Deficiency - Acquired or Inherited?" die Analyse der gegenwärtigen Lage der osteuropäischen Sozialwissenschaften von Csepeli et al. und dankt sogar den Autoren für ihre Benennung von bisher stillschweigenden Spielregeln bei der Integration der osteuropäischen Sozialwissenschaften in die internationale scientific community. Allerdings spricht sie von ihren gemischten Gefühlen bei der Lektüre des Csepeli et al.-Beitrages und geht bei ihrer eigenen Analyse nicht von der These eines externen Eindringens aus, weil sie in diesem Bild die Gefahr "nationalistischer Ableitungen" befürchtet. Für Kusa sind es vor allem interne Faktoren, die bei osteuropäischen Wissenschaftlern zur fraglosen Bereitschaft beim Mitspielen nach den Spielregeln internationaler Wissenschaftskooperation führen. Als Ursache und Ergebnis zugleich sieht sie dabei die fehlende nationale Wissenschaftskooperation, deren Gründe sie aufzeigt. Die dem Csepeli et al.- Beitrag inhärente Gegenüberstellung der empirischen (datensammelnden) Forschung und der qualitativen Sozialforschung, und die als negativ empfundene Dominanz der ersteren, hält Kusa nicht für eine osteuropa-spezifische Besonderheit, sondern sieht darin einen internationalen Trend, mit dem umzugehen auch die Osteuropäer lernen müssen.

Die Reaktion der beiden Amerikaner Lemon/ Altshuler auf Csepeli et al. in ihrem Beitrag "Whose Social Science Is Colonized?" ist zustimmend was die Bedenken über die Situation der osteuropäischen Sozialwissenschaften betrifft, aber kritisch bezogen auf das generalisierte und abstrakte Niveau der Analyse. Sie fordern eine differenziertere Sicht auf die westlichen Sozialwissenschaften und ihre disziplinären Vertreter. Zudem machen sie darauf aufmerksam, daß einige der Csepeli-Aussagen als generelle Trends sowohl die ost- als auch die westeuropäischen Wissenschaftler betrifft (Kürzung von Forschungsmitteln, Lebensstilniveau des durchschnittlichen westlichen Wissenschaftlers etc.).

In dem letzten Beitrag antworten Csepeli et ali auf alle Beiträge. Dabei räumen sie ein, daß in der Thematik der Ost-West-Forschungskooperation generalisierbare Aspekte wie "Zentrum versus Peripherie" oder Fragen der Sprachpolitik von ihnen nicht angesprochen wurden, weil sie herausarbeiten wollten, daß dennoch die osteuropäischen Sozialwissenschaftler strukturell benachteiligt werden bezogen auf ihre Chance zu eigenständiger Forschung und internationaler Reputation. Sie verstärken auch noch einmal ihre Kritik an die datensammelnde "Big Science" und fordern empirische Untersuchungen zur Frage der Einflußnahme der westlichen Sozialforschung auf die Entwicklung der osteuropäischen Forschungsthemen und -methoden. Als Resümee stellen sie fest, daß vor allem eine Selbstverständigung der Osteuropäer untereinander über diese Thematik fehlt und eine Diskussion darüber geführt werden müßte.

Jörg Becker, Solingen

(Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung mbH)

Ost-/Westeuropa: Partnerschaft oder Kolonialismus? Falsche Fragen und falsche Antworten

Im Herbst 1995 veröffentlichten die westberliner Politikwissenschaftler Fritz Vilmar und Wolfgang Dümcke ein Buch mit dem Titel "Kolonialisierung der DDR"[48]. Es handelt sich bei diesem Sammelband um die Ergebnisse eines vierjährigen Projektes, in dessen Mittelpunkt eine kritische Analyse des deutschen Einigungsprozesses von 1991 bis 1995 stand und in dem gleichzeitig auch Alternativen zu der Art des Einigungsprozesses herausgearbeitet worden waren.

Vilmar/Dümcke waren zu folgenden Ergebnissen gekommen:

* Eine gleichberechtigte Mitwirkung der Ostdeutschen am Prozess der deutschen Vereinigung fand nicht statt, da ihnen keine Möglichkeit einer Abstimmung gegeben worden war.

* Unter dem Zeitdruck der Ereignisse gab es keinen selbstbestimmten Prozess der demokratischen Neuorientierung bei den politischen Parteien in den neuen Bundesländern.

* Die politischen Akteure in Bonn und Berlin interpretierten die Mehrheitsentscheidung der ostdeutschen Bevölkerung für westdeutschen Wohlstand und demokratischen Standard als Blankoscheck für eine Übertragung sämtlicher westdeutscher Lebensbereiche in den Osten des vereinten Deutschland.

* In der DDR wurden nicht nur die politischen Kader aus allen Führungsämtern entfernt, sondern auch große Teile der akademischen und Funktionseliten in Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. Gab es in der DDR 1989 140.567 Vollbeschäftigte in Forschung und Entwicklung, so waren es Anfang 1993 nur noch 23.600, d.h. 16,8%.

* Die überstürzte Währungsunion ohne Stützungsmaßnahmen leitete die De-Industrialisierung der DDR ein.

* Die Belastung der ostdeutschen Wirtschaft mit sog. Altschulden und mit dem Eigentumsvorbehalt leistete weiterer De-Industrialisierung Vorschub.

* Die Privatisierungspolitik der Treuhand war völlig verfehlt. Entgegen ihrem gesetzlichen Auftrag, ostdeutsche Unternehmen zu sanieren und zu privatisieren, wurde ein Ausverkauf ostdeutscher Unternehmen um jeden Preis bewirkt. Meistens kamen die Käufer aus dem Westen Deutschlands; sie konnten so durch einen Aufkauf ostdeutscher Unternehmen deren potentielle Konkurrenz zerstören. Die Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität veranschlagte schon 1996 den Schaden, den Wirtschaftskriminelle beim Aufbau Ost angerichtet haben, auf 26 Mrd. DM.

* Die Arbeitsmarktpolitik wurde nicht in Richtung auf einen Zweiten (staatlichen) Arbeitsmarkt weiterentwickelt, sondern wird zunehmend abgebaut. Die offizielle Arbeitslosenquote von rd. 20% in Ostdeutschland meint für viele Regionen 30% oder gar 50% und produziert in vielen Krisenregionen Landflucht, Alkoholismus und politische Radikalität, kurz: Verelendung und Zukunftslosigkeit. Die Insolvenzen der Unternehmen lagen in Ostdeutschland bei weitem höher als in Westdeutschland. Lag Hessen mit 86 von 10.000 Unternehmen 1996 an der Spitze mit Firmenkonkursen in Westdeutschland, so kamen in Sachsen 188 Insolvenzen auf 10.000 Firmen, in Brandenburg sogar 245 und in Thüringen 165.

* Die gewaltigen öffentlichen Transferzahlungen von West nach Ost sind mehr als ambivalent zu beurteilen.

1. Zur Verhinderung der gegenwärtigen ökonomischen Katastrophe in Ostdeutschland wären größere Finanzmittel nötig gewesen.

2. Ein großer Teil der geleisteten Transfers wurde nicht intensivverwendet, sondern zur Abwendung sozialer und infrastruktureller Mißstände eingesetzt.

3. Von 100 DM, die im Osten für Konsumgüterartikel, Investitionsgüter oder Dienstleistungen ausgegeben wurden, flossen rd. 56 DM in den Westen (oder das Ausland) zurück. Drastischer formuliert: Öffentliche Gelder aus Westdeutschland flossen über den Ostmarkt als Gewinn von privaten Unternehmen im Westen der Republik zurück.

Soweit die Ergebnisse der beiden Politikwissenschaftler Vilmar und Dümcke.

Diese Ergebnisse und Formulierungen mögen Sozialwissenschaftlern aus Ost- und Mitteleuropa deswegen befremdlich erscheinen, da aus deren Perspektive oft das Argument benutzt wird, der Transformationsprozess der früheren DDR sei 1. anders zu werten als der der anderen früheren RGW-Länder und 2. habe die frühere DDR aufgrund des immens reichen Westdeutschlands einen einmaligen Startvorteil gegenüber allen anderen früheren RGW- Ländern gehabt. Mit anderen Worten: Die "Kolonialismus"-Debatte gibt es nicht nur zwischen Ost- und Westeuropa, sondern auch innerhalb von Deutschland im Streit um die Qualität der Vereinigung der beiden deutschen Staaten.

Definitorisch hatten die Autoren ausgeführt:

"Der Tatbestand der Kolonialisierung umfaßt mehr als die Prozesse der weltweiten europäischen Expansion vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Kolonialisierung bedeutet in ihrem Kern die politische, ökonomische und kulturelle Dominanz eines gesellschaftlichen Systems im Verhältnis zu einem anderen."[49]

In einem dem Buch folgenden Aufsatz [50] verteidigen die beiden Autoren den Begriff "Kolonialismus" mit dem Hinweis darauf, daß das "Vorhandensein struktureller Dominanzphänomene" entscheidend für die Begriffswahl sei; im übrigen spreche auch die feministische Soziologie von der "inneren Kolonialisierung" der Frauen im Patriarchat.

Das Problem in der Arbeit von Vilmar/Dümcke besteht nicht darin, daß sie im Verhältnis der alten Bundesrepublik Deutschland zu den neuen Bundesländern von Dominanz, De-Industrialisierung, Vereinigungs- und Wirtschaftskriminalität, Verelendung oder ökonomischer Katastrophe reden. Ich selbst habe in meinen Arbeiten über sowohl den Wandel in der Informationswirtschaft in den neuen Bundesländern[51] als auch in meinen Arbeiten über den Wandel der Massenmedien in Ost- und Mitteleuropa[52] ähnliche Termini und Begrifflichkeiten benutzt. Auch wenn es im Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Ost-/Mitteleuropa und Westeuropa in der Tat "strukturelle Dominanzphänomene" gibt, so rechtfertigt das keinesfalls, den Begriff des "Kolonialismus" zu benutzen.

Mit dem algerischen Arzt, Psychoanalytiker und anti-kolonialem Revolutionstheoretiker Frantz Fanon und seinem Werk "Peau noire, masques blancs" (1952)[53] ist darauf zu verweisen, daß das von G. W. F. Hegel in seiner "Phänomenologie des Geistes" (1807) diskutierte Herr-Knecht-Verhältnis im Kolonialismus anderer Qualität ist als das Abhängigkeits- resp. Dominanzverhältnis zweier europäischer Industrieländer voneinander. Frantz Fanon ist zuzustimmen, wenn er betont, daß dem (inner-europäischen) Herr-Knecht-Verhältnis bei Hegel Ausbeutung zwar immanent ist, daß dieser aber dennoch stets das Moment von Gegenseitigkeit vereinigt. Im Kolonialismus dagegen "pfeift der Herr auf das Bewußtsein des Sklaven. Er will nicht seine Anerkennung, sondern seine Arbeit."[54] Noch deutlicher und Fanon paraphrasierend: Im Kolonialismus geht es nie nur um Ausbeutung, sondern stets um doppelte Ausbeutung, und in diesem Verhältnis ist der Knecht nicht nur Sklave sondern Ding und Sache; der doppelt ausgebeutete Mensch ist verdinglicht und vertiert.

Zusammenfassend muß der Begriff "Kolonialismus" für das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Ost-/Mitteleuropa und Westeuropa aus folgenden Gründen abgelehnt werden:

1. Der Vergleich zwischen beiden Abhängigkeitsverhältnissen ist formal und a-historisch. Es muß auf dem spezifischen Erkenntnisgewinn historisch bestimmter Formen von Macht, Herrschaft und Gewalt beharrt werden.

2. Der Vergleich zwischen beiden Abhängigkeitsverhältnissen ist theoretisch und qualitativ unzutreffend. Konkret liefe er im übrigen auf eine Verniedlichung der Ausbeutungsverhältnisse auf der Nord-Süd-Dimension hinaus.

Begriffe wie "Transformation" oder "Strukturwandel" haben in der Sozialwissenschaft zwar seit rd. zwei Dekaden große Konjunktur. Sie haben in einer normativ definierten Wissenschaft jedoch den semantischen Nachteil, daß sie über die Qualität und Richtung des Wandels keinerlei Aussage treffen. Für das neuartige Verhältnis zwischen Ost-/Mitteleuropa und Westeuropa könnte man evtl. die Begriffe "Inbesitznahme" oder "Landnahme" benutzen. Diese beiden sozialwissenschaftlich nicht definierten und neuartigen Begriffe könnten vielleicht neue Phänomene bei der Transition der früheren RGW-Länder besser beschreiben als solche Termini, die einfach in andere Zusammenhänge gehören.

Helmut Fehr, Erlangen-Nürnberg

(Universität Erlangen-Nürnberg, Sozialwissenschaftliches Forschungszentrum)

Kulturelle Rahmenbedingungen der Transformationsforschung

Die von Csepeli, Örkeny und Scheppele ausgelöste Kontroverse ist nicht aufgrund des Vorwurfs der "Kolonialisierung" bemerkenswert. Aufschlußreicher sind die Probleme, die von den Autoren (auch polemisch) angesprochen werden: kulturelle Rahmenbedingungen, die für vergleichende Untersuchungen der Umbruchsgesellschaften von zentraler Bedeutung sind. Daß gerade in den Anfängen der Transformationsforschung kulturelle Besonderheiten und vergleichende Gesichtspunkte vernachlässigt wurden, wird an einer Bilanz der (deutschsprachigen) Forschungsliteratur deutlich.

Für diese Mängel lassen sich drei eng miteinander verknüpfte Sachverhalte anführen:

1. Die "westlichen" (und besonders die "westdeutschen") Sozialwissenschaftler haben die Zäsur von 1989 nicht zum Anlaß genommen, ihre gewohnten Analysemodelle auf Möglichkeiten der Anwendung für die mehrschichtigen Prozesse des sozialen und kulturellen Wandels in Osteuropa zu prüfen. Im Gegenteil: Verbreitet war die schematische Übertragung von gängigen Analysegesichtspunkten, wie bereits 1990 der ungarische Philosoph und Sozialwissenschaftler G. Bence kritisch feststellte.

2. Die meisten Sozialwissenschaftler, die nach 1989 in der Transformationsforschung der postkommunistischen Gesellschaften Möglichkeiten zur Erschließung neuer finanzieller Ressourcen und Forschungsfelder sahen, verfügten weder über sprachliche noch über regionale oder kulturelle Kenntnisse in den früheren "real-sozialistischen" Ländern. Ebensowenig verfügte die überwiegende Zahl der "westlichen" Sozialwissenschaftler über genauere Kenntnisse aus der historischen und vergleichenden Kommunismus-Länderforschung vor 1989. Dabei boten anthropologische Fallstudien wie u.a. von Janine Wedel ("The Private Poland") oder Steven Sampson ("The Informal Sector in Eastern Europe") wichtige Erkenntnisse zum Verständnis der Vorbedingungen von Transformationsprozessen.

3. Nach neun Jahren Transformationsforschung sind "westliche" (und insbesondere "westdeutsche") Sozialwissenschaftler mit Problemen konfrontiert, die aus den Versäumnissen der Anfangsphase der Transformationsforschung resultieren: Die mangelnde Aufarbeitung von historischen Vorbedingungen und kulturellen Rahmenbedingungen des Institutionenwandels, die Ungleichzeitigkeiten der politischen, ökonomischen und kulturellen Modernisierungsprozesse und sich verstärkende Krisen in den "Umbruchsgesellschaften" zwingen zur Reflexion der zugrundegelegten Analysemodelle. Statt verfrühte Erwartungen an die "große" bilanzierende Theorie zu hegen, ist vielmehr eine analytisch-rekonstruierende Forschungsperspektive angemessen; eine Untersuchungsperspektive, wonach die mehrschichtigen kulturellen und sozialen Wandlungsprozesse im Hinblick auf ihre jeweiligen Vorbedingungen (historische und länderspezifische) zum Gegenstand werden; eine Untersuchungsperspektive, die weniger mit der großen Anzahl von acht, zehn oder vierzehn Ländern aufwartet, sondern den ausschließlich computerunterstützten Blick auf Daten politischer und institutioneller Veränderungen in einigen Ländern durch intensive Fallstudien ergänzt. Mit anderen Worten: Es geht um eine vergleichende empirische Sozialforschung, die auch die theoretischen und methodologischen Erfahrungen von Soziologen aus Ländern wie Polen und Ungarn nutzt, die diese in ihren Fach-Gemeinschaften vor 1989 in der Untersuchung von Wandlungsprozessen in der Spätphase des "Real-Sozialismus" machen konnten. Dies erfordert für die anstehende Phase der historisch-vergleichenden Transformationsforschung von uns "Westlichen" (und "Westdeutschen") einen Blick auf Wandlungstendenzen innerhalb der post-kommunistschen Gesellschaften, der nicht durch schematische Begriffspaare wie "vormodern" und "modern" belastet ist oder sich aus der Fortschreibung gewohnter Theoreme speist wie zum Beispiel der Annahme einer "weiterführenden Modernisierung". Ansonsten droht der "westlichen" (und "westdeutschen") Sozialwissenschaft mit Abwandlungen ein Vorwurf, der nach 1989 verbreitet war: die Unfähigkeit, komplexe Prozesse des sozialen Wandels vorhersagen und analysieren zu können. Daß Vorhersagen über radikalen sozialen Wandel wie "1989" von den Sozialwissenschaften nicht erwartet werden können, ist zutreffend. Weniger abwegig ist hingegen die andere Erwartung, daß die Sozialwissenschaften für die ablaufenden Transformationsprozesse nach 1989 theoretisch und empirisch gehaltvolle Interpretationen liefern. Zu den Voraussetzungen hierfür zählt meines Erachtens auch die Fähigkeit "westlicher" Sozialwissenschaftler/innen zur "interkulturellen Kommunikation" mit osteuropäischen Kollegen/innen. Auf diesen Sachverhalt werden wir durch die Artikel der ungarischen Sozialwissenschaftler aufmerksam gemacht.

Josef Langer, Klagenfurt

(Universität Klagenfurt, Institut für Soziologie)

Colonization or Partnership? Anmerkungen zu einer special issue der Budapester Vierteljahresschrift replika

Die special issue 1996 von replika ist dem Verhältnis der westlichen Sozialwissenschaften zu den post-kommunistischen Gesellschaften gewidmet. "Colonization or Partnership?", das ist die provokante Frage, die im Titel gestellt wird. In den Antworten darauf wird von den einzelnen Autoren zum Teil sehr herbe Kritik am sogenannten Westen geübt. Die Beziehungen werden zweifellos mehr als Kolonisierung denn als Partnerschaft dargestellt. Ich möchte die Einladung des Informationszentrums Sozialwissenschaften (IZ) annehmen, dieses Ergebnis zu kommentieren, auch wenn mir der vorgegebene Rahmen eines Leserbriefs viel zu begrenzt erscheint, um dem Thema gerecht zu werden. Trotzdem, ein Versuch, den ich in persönliche Erfahrungen, Anmerkungen zum Text und strukturelle Plausibilitäten gliedern will, sei gewagt.

Persönliche Erfahrungen

Noch Anfang der siebziger Jahre war es sehr schwierig, sozialwissenschaftliche Informationen aus dem damaligen `Ostblock' zu bekommen. Möglich waren Korrespondenzen, die unter dem Titel `Briefmarkentauschen' liefen, in Wirklichkeit aber andere Zwecke verfolgten. Auf diese Weise konnte ich zum Beispiel schon in meiner Studienzeit per Post sehr wichtige soziologische Literatur über sowjetische Kader und die Sozialstruktur der UdSSR von einem Mitarbeiter einer Bibliothek in Novosibirsk beziehen. Als Gegenleistung zahlte ich das Jahresabonnement einer deutschsprachigen Zeitschrift.

Für Institutionen und etablierte Wissenschaftler gab es allerdings schon damals bessere Möglichkeiten der Kooperation. Eine strategische Rolle spielte dabei das 1964 gegründete `Wiener Zentrum', das von westlichen und östlichen Staaten finanziert und paritätisch geleitet wurde. Diese Koordinationsstelle wurde 1989 aufgelöst, da ab nun direkte Beziehungen leichter waren. Ich habe ab 1975 selbst viele Jahre an einem solchen Ost-West-Projekt teilgenommen. Der große Unterschied zur Zeit nach 1989 bestand darin, daß damals die Teilnehmer institutionell völlig gleichberechtigt waren. Dies führte auf der Interaktionsebene zu sehr partnerschaftlichen Beziehungen, auch wenn das westliche Team methodisch und theoretisch den Leuten aus dem Osten überlegen war. Man wußte im Westen, daß Daten und Informationen nur bekommen wird, wer die Beziehungen sehr sorgfältig pflegt. Ein Ausweichen auf andere Partner war praktisch unmöglich, weil im kommunistischen System die Kooperationsentscheidungen zentral gefällt wurden. Wenn man von modernen Technologien (EDV, Telefon etc.) absieht, waren die östlichen Partner auch materiell gut ausgestattet. Die von ihnen zu organisierenden Forschungstreffen waren immer bestens organisiert und für die Partner aus dem Westen ein besonderes Erlebnis. Vielfach fanden sie in der entspannten und geheimnisvollen Atmosphäre alter Schlösser statt. Ausgezeichnetes Essen war selbstverständlich, livrierte Kellner keine Seltenheit.

Nach 1989 ist diese angenehme Seite der Ostwestkooperationen ziemlich schnell weggebrochen. Gleichzeitig wurden die Beziehungen chaotischer. Finanzielle Asymmetrien wurden schlagartig spürbar. Was aber nicht heißt, daß die Ostpartner absolut mittellos waren. Mir sind eine ganze Reihe von Projekten bekannt, die auch ohne Westhilfe existieren konnten und können. Kooperation, Information und Daten sind aber zweifellos teurer und riskanter geworden. Das beginnt mit Tagungsbesuchen, die einen mehr kosten können als ähnliche Veranstaltungen im Westen. Der Druck, persönliche Zahlungen zu leisten, ist auch dann groß, wenn im Osten eine selbständige Projektfinanzierung vorliegt. Man spürt, daß die Statussicherheit aus der kommunistischen Zeit abhanden gekommen ist. Anders als früher sind Reisen in den Osten mit nicht zu vernachlässigenden persönlichen Risiken verbunden. Mehreren Kollegen von mir wurde bei Tagungen das Auto gestohlen. Das markanteste Beispiel ist der Mercedes des Rektors unserer Universität: Er verschwand vom bewachten Parkplatz einer östlichen Partneruniversität.

Was ich auch erwähnen möchte, ist, daß nach meiner Erfahrung die Möglichkeit der Kooperation heute viel gleichmäßiger verteilt ist als zur Zeit des kommunistischen Systems. Am leichtesten war es, mit KollegInnen aus Polen, Ungarn und Jugoslawien zu kooperieren. Mit der Tschechoslowakei war es hingegen bis zum Schluß fast unmöglich. Man konnte den Eindruck bekommen, daß es dort gar keine Sozialwissenschaften gibt. Nicht viel besser war es mit der DDR. In beiden Fällen nahm gleich jeder Versuch der Kontaktaufnahme einen konspirativen Charakter an. Antworten auf Briefe wurden zum Teil von privaten Kurieren überbracht. Offensichtlich aus Angst, daß sie vom Sicherheitsapparat abgefangen werden könnten. Die KollegInnen in den einzelnen kommunistischen Ländern hatten auch unterschiedliche wissenschaftliche Stärken. Unter den Polen waren besonders viele brillante Theoretiker, die Ungarn glänzten mit politischen Analysen und die KollegInnen aus Jugoslawien waren relativ gute Methodiker. Daran hat sich bis heute nicht viel verändert. Dies möchte ich besonders hervorheben, weil in den replika-Beiträgen sehr generell von `Eastern Europe' gesprochen wird.

Anmerkungen zum Text

Von den 19 Autoren des replika Heftes sind sechs aus den USA beziehungsweise mit amerikanischen Universitäten assoziiert. Tschechien, die Slowakei und Rumänien sind mit je einem Beitrag vertreten. Das Gros der Ausführungen stammt von Budapester Soziologen. Westeuropäische Positionen beziehungsweise Beiträge aus Deutschland, Italien oder Österreich fehlen völlig. Die Analysen und Standpunkte in replika können daher sicherlich nicht direkt auf Westeuropa übertragen werden. In erster Linie reflektieren die Beiträge Erfahrungen mit den USA und den amerikanischen Sozialwissenschaften. Dies kommt vor allem im Text von Csepeli et al. zum Ausdruck, in dem die Kolonisierungsthese am pointiertesten formuliert wird. Die Beziehung zu den Sozialwissenschaften in den näher gelegenen westlichen Nachbarländern wird weitgehend verschwiegen, wenn nicht verdrängt. Lediglich ein kurzer Hinweis auf das TEMPUS-Programm der EU kommt vor. Allerdings in einer Weise, die wohl schwer als Beleg für Kolonisierung dienen kann. Kritisiert wird, daß sich die südlichen EU-Staaten Gelder abzwacken, die eigentlich Mittel- und Osteuropa zustünden.

Strukturelle Plausibilitäten

"Colonization or Partnership?" Ehrlicherweise wird man davon ausgehen, daß Partnerschaft in der Regel nur dann zustande kommt, wenn die Beziehung auf Gegenseitigkeit beruht, d.h., jeder der Beteiligten dem anderen etwas Attraktives bieten kann. Es wird zu prüfen sein, wo das in den sozialwissenschaftlichen Ost-West-Beziehungen der Fall ist. Bis 1989 waren solche Kooperationen von hohem politischen (Systemkonfrontation) und wissenschaftlichen (Systemvergleich) Wert. In der nachfolgenden Transformationseuphorie - und über die reflektieren die replika-AutorInnen vor allem - versuchten alle möglichen Individuen und Gruppen auszuloten, was nun möglich ist. Man kann das wie Ferenc Glatz von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften im letzten Sonderheft des Wiener Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) ganz nüchtern ohne moralisierenden Grundton sehen: "Eine der größten Enttäuschungen in bezug auf die eigenen Illusionen bedeutet für die ungarische Gesellschaft die Tatsache, daß es sich bei der westlichen Integration nicht um ein Hilfsprogramm, sondern um eine Zwangsmodernisierung handelt." Dies gilt zum Teil offensichtlich auch für die Sozialwissenschaften.

Die `Modernisierer' nach der Wende in den frühen neunziger Jahren kamen aber überwiegend aus den USA und nicht aus Westeuropa (Ausnahme DDR). Dies ist auch aus der Kritik der replika-AutorInnen erkennbar. Die Gründung der Central European University in Prag, Warschau und Budapest ist nur eines von vielen Beispielen. Tonnenweise wurden Bücher und Apparate über den Atlantik in den Osten gekarrt. Manches davon war nicht auf dem neuesten Stand, was von den Empfängern gelegentlich mit großer Empfindlichkeit registriert wurde ("Als ob wir gerade von den Bäumen gestiegen wären."). Aber auch ohne solche Entwicklungen sind Reibungsflächen leicht vorstellbar. Die Erwartungen mancher ost- und mitteleuropäischer Intellektueller an die USA waren anfangs überzogen. Man ist geneigt, ihre Situation mit jener in Westeuropa in den fünfziger und sechziger Jahren zu vergleichen. Noch vor nicht so langer Zeit konnte zum Beispiel auch an manchen deutschsprachigen Universitäten die positive Antwort auf die Frage 'In Amerika gewesen?' für eine akademische Karriere ausschlaggebend sein. Was die wissenschaftlichen Grundpositionen betrifft, die in der Argumentation in replika auch eine Rolle spielen, gab es übrigens erst jüngst in den Mitteilungsblättern des RC `Theory and Society' der ISA eine heftige Kontroverse zwischen dem deutschen Soziologen Münch und dem Amerikaner Alexander. Der Amerikaner hatte sich durch einen Beitrag von Münch[55] am letzten Weltkongreß der Soziologen in Bielefeld provoziert gefühlt. Und damit ist das Thema offensichtlich noch lange nicht abgeschlossen. Auf dem diesjährigen gemeinsamen Soziologiekongreß der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie in Freiburg gibt es ein eigenes Programm `Amerikanisierung der deutschsprachigen Soziologie nach 1945?'

Abschließend noch einige Überlegungen zu der Beobachtung, warum Westeuropa in den Reformstaaten wissenschaftlich (und kulturell) weniger präsent ist als Nordamerika. Meines Erachtens könnte das mit folgenden Faktoren zusammenhängen: a) Westeuropa ist in Wissenschaft und Kultur nach wie vor, wenn heute auch schon weniger als vor zehn Jahren, nationalstaatlich orientiert. Daraus ergeben sich weniger Anstöße für internationale Kooperation. b) In den post-kommunistischen Gesellschaften gilt oft allgemein nicht Westeuropa, sondern die USA als Vorbild. Im Statusdenken wurde einfach `Sowjetunion' durch `USA' ersetzt. Dies wird durch den nach wie vor zentralistischen Charakter dieser Gesellschaften unterstützt. c) Kooperation verlangt Sprachkenntnisse. Wenn überhaupt vorhanden, dann spricht die sozialwissenschaftliche Intelligenz im Osten Englisch. Auch das fördert eher den Kontakt mit Nordamerika als mit dem vielsprachigen Westeuropa. d) In den USA gibt es häufiger als in Westeuropa Universitäten und Forschungsstätten, in denen Immigranten bzw. Nachfahren von Immigranten aus Osteuropa eine Rolle spielen. Sie setzen oft die entscheidenden Initiativen für Kooperationen.

Für die Zukunft der Kooperation zwischen den Sozialwissenschaften West- und Osteuropas finde ich zwei Entwicklungen wichtig:

1) Die Wissenschaftsprogramme der Europäischen Union und

2) die Herausbildung internationaler Forschungsnetzwerke.

Die Europäische Union kann vor allem die finanziellen Probleme der post-kommunistischen Forschungsstrukturen lindern. Durch den politischen Hintergrund der EU-Programme kann möglicherweise den in replika beschriebenen Kolonisierungstendenzen leichter begegnet werden als in den eher chaotischen Beziehungen mit den US-Sozialwissenschaften nach 1989. Die Ablösung nationalstaatlicher Forschungshierarchien durch Netzwerke, in denen Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern prinzipiell gleichberechtigt zusammenwirken, ist in den Sozialwissenschaften heute schon deutlich zu erkennen. Auch das kann die Position der KollegInnen aus den post-kommunistischen Gesellschaften stärken. Hier wird eine Zusammenarbeit möglich, die sie zum Beispiel selbst mit ihren früheren Verbündeten (wegen nationalstaatlicher Ausrichtung?) nicht schaffen. In diesem Szenario wird übrigens die Initiative viel stärker von den Ost(mittel)europäern selbst ausgehen müssen als das bisher der Fall war, denn mit der `Normalisierung' der gesellschaftlichen Beziehungen könnte es für einen Sozialwissenschaftler aus den USA oder Westeuropa keinen besonderen Grund mehr geben, sich mit einem Land des früheren Ostblocks zu beschäftigen. Damit wäre auch die Angst vor Kolonisierung obsolet, allerdings auch die Hoffnung auf Partnerschaft.

E.Z. Mirskaya, Moskau

(Russische Akademie der Wissenschaften, Institut für Geschichte der Wissenschaft und Technologie, Abt. für Wissenschaftssoziologie)

Der schmerzhafte Prozeß der Transformation: Was erwarten wir von der internationalen Zusammenarbeit?

Der Beitrag von G. Csepeli, A. Örkeny und K.L. Scheppele hat zweifellos eine positive Rolle gespielt, da er ein Thema zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion gemacht hat, das unter den osteuropäischen Wissenschaftlern ständig wiederholt wird. Die Vielzahl von Beteiligten und die Lebhaftigkeit der Diskussion beweist, wie aktuell die aufgezeigte Problematik ist.

Der schmerzhafte Zeitraum der Transformation und der krisenhafte Zustand in der Wissenschaft sind nicht an Rußland vorbeigegangen, so daß den russischen Kollegen die Stimmungen und Gefühle der Autoren gut bekannt sind. Dennoch scheint mir, daß eine ganze Reihe ihrer Vorstellungen, Wertungen und Schlußfolgerungen nicht das Ergebnis einer objektiven Analyse der realen Situation sind, sondern vielmehr dadurch zustande gekommen sind, daß sie angesichts der Ergebnisse aus den langersehnten sozialen Veränderungen tief enttäuscht sind. Der Beitrag wendet sich eher an die Emotionen als an den Verstand der Leser, wodurch sowohl seine Stärke als auch seine Schwäche begründet wird.

Mir persönlich gefällt die Absicht des Beitrages nicht, wenn die Schuld an der gegenwärtigen Situation in der Wissenschaft und der Wissenschaftler in den osteuropäischen Ländern auf externe Ursachen abgewälzt wird. Das wird bereits an den Bildern und der Lexik des Textes deutlich. Selbst wenn die Metapher ein stilistisches Mittel darstellt, wird sie in wissenschaftlichen Texten als Erkenntnisinstrument verwendet und deshalb wird eine existierende Ähnlichkeit des metaphorischen Modells mit dem untersuchten Gegenstand angenommen. Ist das so bei den zentralen Metaphern der Autoren - "AIDS" und "colonization"?

Mit dem Begriff AIDS werden im Massenbewußtsein attributiv zwei Vorstellungen verbunden: es handelt sich um eine von außen eingeschleppte Krankheit, die zwangsläufig tödlich endet. Hierbei ist die Bedeutung von acquired sehr wichtig, womit unterstrichen wird, daß die Krankheit von außen hereingetragen wurde und es zuweilen völlig unschuldige Opfer trifft. Trifft das denn auf das diskutierte Phänomen zu? Ich denke, daß das "Immunitätsdefizit" der Sozialwissenschaften in den postsozialistischen Ländern und das ihrer Wissenschaftler ein ureigenes ist, das sich in Jahrzehnten des Wirkens unter den Bedingungen einer streng zwingenden staatlichen Ideologie entwickelt hat. Die Notwendigkeit, dieser Ideologie zu folgen, die einem großen Teil der Wissenschaftler fern lag, hat dazu geführt, daß man sich daran gewöhnte, fremden Interessen und Anweisungen zu dienen und Käuflichkeit zu tolerieren. Was die Vorstellung vom unweigerlich tödlichen Ausgang der Krankheit anbelangt, so wird diese offenbar auch von den Autoren selbst nicht geteilt. (Anderenfalls würde es sich nicht lohnen, sich wegen des weiteren Schicksals der East Europe Social Sciences Sorgen zu machen.)

Der Begriff der Kolonialisierung ist ebenfalls hinreichend definiert: Die Bemühungen der Kolonialherren sind immer darauf ausgerichtet, daß über einen langen Zeitraum die Reichtümer aus der Kolonie in die Metropole gepumpt werden. Obwohl in den osteuropäischen Ländern die Situation nicht überall gleich ist, paßt diese Metapher m.E. kaum zur tatsächlichen Situation.[56] Wenn man Elemente einer vergleichbaren Strategie in einigen Ländern (zum Beispiel in Rußland) hinsichtlich einzelner Richtungen in den hochentwickelten naturwissenschaftlichen Disziplinen feststellen kann, so trifft das auf die Sozialwissenschaften nicht zu. Niemand erhebt Anspruch auf unsere intellektuellen Reichtümer. Mehr noch - die Autoren haben es sich zur Aufgabe gemacht, solche intellektuellen Güter ausfindig zu machen, die westliche Partner interessieren könnten.

Aus der Übersicht (Best, Einführung, S.17) geht hervor, daß die russische Forschung die geringste finanzielle Unterstützung aus ausländischen Quellen erhält. (5%) Offenbar trägt das dazu bei, die nationalen Interessen und die nationale Selbstidentifikation der einheimischen Wissenschaftler zu bewahren, aber natürlich verschlechtert sich damit die finanzielle Absicherung der Forschung. Dennoch gibt es seit 1994 in Rußland eine nationale Quelle zur Unterstützung der Sozialwissenschaften, die aus dem Budget des Fonds für geisteswissenschaftliche Forschungen (RGNF) finanziert wird und die Gelder für die besten Projekte in den Geschichtswissenschaften, den Wirtschaftswissenschaften, der Philosophie, Soziologie, Politologie, Philologie, Kunstwissenschaften, Psychologie und Pädagogik bereitstellt. Im Jahr 1998 erhalten dadurch Unterstützung:

* 1780 Forschungsprojekte (60636 Tsd. Rubel, was ungefähr 10.000 Tsd. Dollar entspricht);

* 375 Projekte zur Herausgabe von Büchern (1.500 Tsd. Dollar);

* 123 Projekte zur Durchführung wissenschaftlicher Konferenzen (500 Tsd. Dollar);

* 80 Forschungsexpeditionen und empirische Forschungen (400 Tsd. Dollar).

Im Jahr 1997 hat der Fonds seine Verpflichtungen vollständig eingehalten, vor allem wurden fast 500 Titel wissenschaftlicher Monographien herausgegeben. (Poisk, 1998)

Somit kann man feststellen, daß die Sozialwissenschaften in Rußland bis jetzt im wesentlichen weiter mit nationalen Geldern existieren und deshalb die eigene Problematik nicht aufgegeben haben, die interessant ist im Land, wenngleich sie sich natürlich sehr verändert hat - genau wie die soziale Realität. Im allgemeinen ist die Korrelation zwischen der beruflichen Produktivität der Wissenschaftler und ihrer Aktivität in den internationalen Wechselbeziehungen keineswegs eindeutig. Wie unsere empirische Untersuchung zeigt, die in den Jahren 1995-1996 in führenden naturwissenschaftlichen Instituten der Akademie der Wissenschaften Rußlands durchgeführt wurde, koexistieren in der russischen akademischen community drei verschiedene Gruppen von Wissenschaftlern: Deutlich hebt sich eine Elitegruppe ab, die aus den produktivsten Fachkräften besteht, die umfassend in die internationale Zusammenarbeit eingebunden sind. Aber auch eine andere Gruppe von Wissenschaftlern, die wenig produktiv sind und kaum Perspektiven in ihrer beruflichen Tätigkeit haben, ist ebenfalls auf internationalem Gebiet sehr aktiv. Schließlich ist auch deutlich eine Gruppe von hochspezialisierten und produktiven Wissenschaftlern auszumachen, die faktisch nicht in die internationale Zusammenarbeit einbezogen sind. ( Mirskaya, 1998)

Die charakteristische Tendenz des diskutierten Beitrages, die Aufmerksamkeit auf die negativen Ergebnisse der stattgefundenen Veränderungen zu konzentrieren, ist für mich vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen nicht objektiv und sie ist - aus psychologischer Sicht betrachtet - schädlich. Das Gefühl des Gekränktseins, das solchen Wertwandel begründet, und die Position der Gekränkten sind nicht produktiv. Tatsächlich ist es so, daß die 90er Jahre unsere Erwartungen nicht erfüllt haben und schöne Illusionen zerstört wurden. Aber wir haben uns doch selbst eingeredet, daß die radikalen Umgestaltungen nur die uns unangenehmen Seiten des Lebens betreffen werden, indem alles Gute beibehalten wird und Unerreichtes hinzukommt. Wir waren es selbst, die die westliche Wissenschaft und ihre Vertreter maßlos idealisiert haben. Man darf nicht gekränkt und böse auf die anderen sein, weil unsere Hoffnungen und Vorstellungen utopisch waren.

Es ist an der Zeit, sich in professioneller Weise über die Unumkehrbarkeit der Veränderungen, die sich vollzogen haben, klar zu werden und aufzuhören, in der Vergangenheit zu leben. Die eigene Arbeit und die eigenen Beziehungen zur Weltgemeinschaft der Wissenschaft müssen entsprechend der neuen Realität gestaltet werden. Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß das besondere Interesse des Westens an den Ländern des ehemaligen Ostblocks aufgrund der bekannten geopolitischen Veränderungen erschöpft ist und in naher Zukunft nicht wieder geweckt werden wird. Das dadurch entstandene Kräfteverhältnis gehört der Vergangenheit an, die entsprechende Finanzposition wird drastisch gekürzt, eine neue Generation von professionellen Sowjetologen wird es nicht mehr geben. Deshalb muß man sich um die Erleichterung und Entwicklung von Kontakten kümmern und eine langfristige Interessiertheit auf einer neuen Grundlage der Wechselbeziehung zwischen den Kulturen schaffen.

Der Großteil der russischen Wissenschaftler ist für ein Aufeinandertreffen der Kulturen psychologisch nicht bereit. Wir betrachten unsere Art des Wissens und der Wahrnehmung als derart bedeutsam, wir sind so von unserer "Einmaligkeit" berauscht, daß wir ganz selbstverständlich von den ausländischen Kollegen erwarten, daß sie sich darum bemühen und fähig sind, uns zu verstehen. Dabei geht es nicht nur darum, die Texte zu verstehen, sondern auch den Kontext und das, was zwischen den Zeilen steht, was oft wichtiger ist als der eigentliche Text. Aber wir fühlen uns nicht verpflichtet, unseren Teil an der Arbeit zu leisten, unseren Teil des Weges zum gegenseitigen Verständnis zu gehen.

Derzeit werden in vielen altertümlichen Städten alte Gebäude saniert (gentlefication), wobei neben dem Erhalt der historischen Schönheit moderne Annehmlichkeiten für das Leben dort geschaffen werden. Ich glaube, daß es notwendig ist, auch in dem alten Gebäude unserer Wahrnehmung - in den bizarren und baufälligen Räumen, in denen auch nur wir uns zurechtfinden können -, eine solche "Renovierung" vorzunehmen, so daß es für alle, die es wollen, zugänglich und angenehm wird. Das wird das Fundament unserer Verständigung mit der wissenschaftlichen Weltgemeinschaft wirklich festigen. Und für uns selbst müssen wir entscheiden, was wir von den internationalen Beziehungen wollen und was wir davon erwarten - eine echte wissenschaftliche Zusammenarbeit oder materielle Hilfe für die aktuellen Nöte. Gerade die realen Ergebnisse der Auswirkung der internationalen Zusammenarbeit auf die nationalen wissenschaftlichen Gemeinschaften müssen Gegenstand genauer soziologischer Untersuchungen sein.

(aus dem Russischen übersetzt von Christine Teichmann)

Literatur

Beschluß des Rates des Russischen Fonds für Geisteswissenschaften, Poisk Ndeg.10(460), 28, Februar 1998, S. 11

Mirskaya, E.Z., The role of international interactions in contemporary science in Russia, in: Science and Public Policy, 1998, Ndeg.1, S. 37- 45

Hans-Heinrich Nolte, Hannover

(Universität Hannover, Historisches Seminar - Osteuropäische Geschichte)

Colonization or partnership

An dieser Stelle einige Bemerkungen in aller Kürze zur Ungleichheit: Grundsätzlich machen die Aufsätze aus der Sicht der Betroffenen auf einen Tatbestand von "langer Dauer" aufmerksam: die ungleiche, durch die unterschiedliche Stellung im System strukturierte Beziehung zwischen Westen und Osten in Europa (wie zwischen Großregionen in der gesamten Welt) gilt auch im Bereich der Wissenschaftsbeziehungen (da es keine "herrschaftsfreien Dialoge" gibt). Die Ungleichheit ist durch das monopolsozialistische Experiment überformt, aber nicht aufgehoben worden, was ich am russischen Fall aufzuzeigen versucht habe.[57]

Die Aufsätze sind insofern etwas enttäuschend, als die Literatur zur ungleichen Entwicklung nicht rezipiert zu sein scheint. Dadurch erscheint als Ergebnis des Zusammenbruchs des Sozialismus, was schon lange zur Struktur Europas gehört: Daniel Chirot Ed.: The Origins of Backwardness in Eastern Europe, Berkeley 1989, California UP, Miroslav Hroch, Lud'a Klusakova Ed.: Criteria and Indicators of Backwardness, Essays on uneven Development in European History, Prague 1996 - Variant Editors (ISBN 80-900969-1-3); Tschechisch Lud'a Klusäkovä Ed.: Kriteria a Ukazatele nerovnomemeho v'voje v evrops[yacute]ch dejinach, Praha 1997 - Seminar obecn[yacute]ch dejin FFUK. In diesem Kontext von Nichtzurkenntnisnahme wird dann eine Sprache gewählt, die an studentische Fassungen der Dependencia-Theorie erinnert.

Für Ungarn sind die Arbeiten von Ivan Berend einschlägig. Der Titel seines letzten Buches heißt m.E.: "From Periphery to Periphery" , es ist wohl im letzten Jahr in Berkeley erschienen.

Allerdings argumentiert Berend (zumindest in älteren Werken wie B.: German Economic Penetration in East Central Europe in Historical Perspective, in: Stephen E. Hanson, Willfried Spohn (Eds.): Can Europe work? Seattle 1995 - University of Washington Press, ISBN 0-295-97460-5, p. 129-150) das Problem weithin ökonomisch. Für mein Erklärungsmodell für strukturierte Ungleichheit im System (Nolte, H.-H.: Die eine Welt, Abriß, 2. Aufl. Hannover 1994, Fackelträger-Verlag) spielt der Begriff der Kompetenzakkumulation dagegen eine zentrale Rolle (zuletzt: Kompetenzakkumulation im Weltsystem. Der Krieg, Rußland und die Liebe zu soliden Sachen, In: Eva Barlösius, Elcin Kürsat Ahlers, Hans-Peter Waldhoff u.a. (Hrsg.): Distanzierte Verstrickungen. Die schwierige Bindung soziologisch Forschender an ihr Objekt. Festschrift Peter Gleichmann. Berlin 1997, S. 147-160). Von diesem Ansatz aus lassen sich die in den Aufsätzen angesprochenen Fragen vermutlich leichter historisch einordnen als von einem eher ökonomischen Ansatz aus.

Im engeren Sinn, ist die von den Autoren aufgeworfene Frage eine wissenssoziologische. Hier möchte ich auf Privatdozent Dr. Hans-Peter Waldhoff[58] hinweisen, der an Problemen wissenschaftlichen Austauschs unter Bedingungen von Ungleichheit arbeitet.[59] Wie den Titeln zu entnehmen ist, arbeiten Waldhoff und seine Gruppe an deutsch-türkischen intellektuellen Beziehungen; die selbstverständlich anders gelagert sind, als die zwischen Ungarn und dem Westen allgemein; aber in mancher Hinsicht sind die Kommunikationsprobleme doch auch ähnlich.

Ingrid Oswald, Magdeburg

(Universität Magdeburg, Institut für Soziologie)

Ost-West-Kooperation und die Dilemmata der Wissenschaftsförderung. Kommentar zu "AIDS in Social Science in Eastern Europe"

Der Aufsatz von Csepeli, Örkeny und Scheppele über die Kolonisierung der osteuropäischen Wissenschaftskulturen durch den Westen, die sie mit dem Bild einer AIDS-Infektion beschrieben haben, verdient es ernst genommen zu werden. Denn trotz der polemischen Schärfe und einzelner Widersprüche, auf die die bisherigen Kommentatoren bereits aufmerksam gemacht haben, macht er auf Empfindlichkeiten aufmerksam, die viele andere osteuropäische Wissenschaftler ebenso haben, aber nicht so öffentlichkeitswirksam äußern konnten wie diese Autoren. Auch ich mußte mich in den letzten Jahren meiner ausgedehnten Projektarbeit in Rußland - und nur auf diese Abteilung der Wissenschaftsproduktion kann ich mich hier beziehen - mit offenen oder, schlimmer, versteckten Fragen nach meiner Rolle und meinen Interessen in dem einen oder anderen Forschungsvorhaben auseinandersetzen. Im folgenden möchte ich drei Aspekte herausgreifen, die immer wieder die interne Projektdiskussion berührt haben und von denen ich, leider, annehme, daß sie kurzfristig ihren problematischen Charakter nicht verlieren werden.

1. Wer definiert die Themen? Die Frage nach der Definitionsmacht betrifft natürlich nicht nur die Projektthemen, sondern auch die hierfür heranzuziehenden Theorien und die spezifischen Problemkontexte, innerhalb derer bestimmte Phänomene wissenschaftlich überhaupt diskutiert werden können, wenn sie nach Projektablauf für den Wissenschaftsdiskurs von Belang sein wollen. Tatsächlich waren manche Ansätze in den Anfangsjahren der Zusammenarbeit vielen russischen Sozialwissenschaftlern kaum verständlich zu machen, und dennoch mußten gerade diese angewendet werden, um an Projektmittel zu kommen. Die Zwänge der Wissenschaftsinstitutionen mochten allerdings auch vielen der westlichen Forscher nicht einsichtig sein, da sich das "Feld" Osteuropa erst allmählich strukturierte und das Interessante nicht unbedingt mit dem Möglichen korrespondierte. Andererseits lösten sich mit der fortschreitenden Transformation viele dieser Probleme auf, und es entstanden völlig neue Forschungsbereiche, die zwar ihren methodologischen und theoretischen Vorlauf im Westen nicht verleugnen können, doch eindeutig auf die spezifischen Kontexte zugeschnitten sind, denen die westlichen Partner folgen müssen (und wollen); zu nennen sind beispielsweise die Wahlforschung, die Erforschung neuer sozialer Bewegungen, die Neuthematisierung von Ethnizität und ethnischen Konflikten.

2. Ein verwandtes Problem sind die Finanzierungsbedingungen, unter denen die westlichen Forscher zum Teil genauso leiden wie die russischen. Etwas verkürzt, aber dennoch treffend, läßt sich diese Situation folgendermaßen zusammenfassen: bundesdeutsche drittmittelfinanzierte Wissenschaftsförderung ist entweder Inlandsförderung oder Auslandsförderung, nur in seltenen Fällen internationale Projektförderung. Zwei Szenarien sind daher die normalen: Szenario Nr. 1 bedeutet die Finanzierung der inländischen Antragsteller, und die russischen Projektteilnehmer werden nur mit sehr geringen Honoraren berücksichtigt. Falls sie "nur" als Informations- und Datensammler eingestellt werden und dies ihrem Selbstbild entspricht, bedeutet dies kein Problem; sind sie jedoch über ihren Projektbeitrag anderer Meinung und können - was nicht immer, aber doch hin und wieder der Fall ist - auf entsprechende Vorarbeiten verweisen, so ist eine gleichberechtigte Zusammenarbeit von vornherein erschwert, wenn nicht ganz unmöglich. Szenario Nr. 2 sieht die - beispielsweise per Stipendien finanzierte - Förderung der russischen Teilnehmer vor, während die inländischen Projekt"leiter" bzw. -Organisatoren finanziell nicht beteiligt werden und somit der Kreis derer, die dazu bereit sind, sehr klein ist. Die wenigen Forscher, die dennoch bereit sind, gewissermaßen "umsonst" zeit- und energieraubende Projekte durchzuführen, sind dann verständlicherweise, gewissermaßen als Kompensation, an schnellem Publizieren interessiert, wobei die russischen Partner dann oft zurückbleiben. Forschungsförderung, die beide Seiten als gleichberechtigte Projektpartner ansieht, ist extrem selten, wobei vor allem die Volkswagen-Stiftung hervorzuheben ist, die dieses Problem erkannt hat. Und dennoch ist die drittmittelgeförderte Projektforschung in Rußland die fast einzige, da die Universitäten bekanntermaßen dafür kein Geld aufbringen können. Jedes einzelne Forschungsvorhaben ist daher von deutscher Seite ein aufwendiges logistisches Unternehmen, bevor überhaupt an die eigentliche Projektarbeit geschritten werden kann.

Ein besonderes Kapitel sind die Projektförderungen der europäischen Wissenschaftseinrichtungen INTAS und TACIS, um nur diese zu nennen. Zwar haben sie das unterstützenswerte Ziel der multilateralen Projektzusammenarbeit, doch ist nach einem komplizierten Antragsverfahren für die Durchführung ein enormer Organisationsaufwand nötig, der von niemandem gerne getragen wird, zumal für die Leitungsseite, außer einigen Reisemitteln, keine Finanzierung vorgesehen ist. Doch auch die russischen Partner werden für die anspruchsvolle Arbeit, die von ihnen verlangt wird, nur gering entlohnt, weshalb sich auf allen Seiten einerseits eine große Müdigkeit eingestellt hat, andererseits diese Art der Förderung aber noch eine wirklich internationale Vernetzung ermöglichen könnte und somit begehrt ist.

3. Dies führt zu der Frage, von welcher Kategorie westlicher Sozialforscher eigentlich die Rede ist, was in dem Kommentar von Lemon und Altshuler auch angesprochen wurde. Es ist klar, daß die reisenden Berater von Weltbank und Consulting-Firmen unter anderen Bedingungen arbeiten als die akademischen Forscher. Auch gibt es immer wieder Beispiele des oberflächlichen Wissenschaftstourismus, wenn Personen mit hohem Salär und ohne Sprachkenntnisse in die russischen Forschungszentren reisen, sich mit Informationen ausstatten lassen und diese dann für ihre Publikationen verwenden, ohne ihren Beratern einen gebührenden Platz einzuräumen. Dies hat jedoch mit solider Forschung, die ich im Blick habe, nichts zu tun, denn diese ist Kärnerarbeit und bedeutet oft monatelange Aufenthalte im Lande, die nicht oder nur wenig gefördert werden. Diese wird vor allem von Forschern des sogenannten "Mittelbaus" getragen, die zwar weniger unter Präsenz- aber unter Publikations- und Präsentationsdruck stehen und für die die Drittmittelforschung selbst Subsistenzmittel ist. Sie müssen nicht nur mit ihren Projektmitteln haushalten, sondern auch für Konferenzreisen selbst aufkommen, während ihre russischen Partner eingeladen werden. Zwar ist dies einerseits einleuchtend, da von durchschnittlichen finanziellen Möglichkeiten ausgegangen wird und die russischen Forscher dabei klar unterlegen sind; andererseits gehören die beteiligten deutschen Partner eben gerade nicht zu den materiell Begünstigten. Diese Asymmetrie ist übrigens auch schon in den die Projekte einleitenden Arbeiten institutionell angelegt; so gibt es beispielsweise erheblich weniger Studienbeihilfen für deutsche Studenten in Rußland als für russische Studenten an bundesdeutschen Universitäten; Praktikumsstellen in den Sozialwissenschaften werden überhaupt nur für die russische Seite gefördert.

Die Ost-West-Kooperation ist ein hartes Geschäft geworden, um so mehr, als zwei gleichzeitig ablaufende Prozesse hier fatal einwirken. Während das Interesse an Osteuropa-Forschung kontinuierlich zurückgeht (und auf Rußland bezogen niemals so stark war wie in anderen ostmitteleuropäischen Ländern), nimmt aufgrund der unsäglichen Universitätssituation die Anzahl der Projektforscher ebenso kontinuierlich zu, die sich auf dem sich verkleinernden Drittmittelmarkt gegenseitig Konkurrenz machen. Diese Situation ist einer gleichberechtigten Kooperation nicht dienlich, weshalb solche Artikel wie die der ungarischen Wissenschaftler notwendig sind, diese sich allerdings auch die Zwänge der anderen Seite klarmachen sollten.

Dieter Segert, Berlin/ Prag

(Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Sozialwissenschaften/ Karlsuniversität, Institut für Europastudien)

Wer ist schuld? Bemerkung zu einer zeitgemäßen Debatte über West-Ost-Beziehungen in den Sozialwissenschaften

Die Diskussion in der ungarischen Zeitschrift replika, die in Band 3 von "Sozialwissenschaften im neuen Osteuropa" nachgedruckt wurde[60], ist sehr zeitgemäß. In essayistischer Form und bewußt provozierend angelegt, wie die Autoren Csepeli, Örkeny und Scheppele betonen (S. 49), beleuchtet sie wichtige Bedingungen sozialwissenschaftlicher Arbeit nach 1989. Es geht, kurz gesagt, darum, wie die osteuropäischen Sozialwissenschaftler mit den deutlichen Verschlechterungen in ihren Arbeitsbedingungen umgehen, und welche Rolle Wissenschaftler (und Finanzmittel) aus dem Westen in der heutigen osteuropäischen Forschungslandschaft spielen. Die Argumente müssen nicht wiederholt werden. Nachfolgend nur einige Bemerkungen auf Grundlage meiner eigenen Erfahrungen in der Kooperation mit osteuropäischen Kollegen in Forschung und Lehre.

1. Am instruktivsten finde ich den stärker zurückhaltenden, aber analytisch genaueren Artikel von Zusanna Kusa (aus der Slowakei). Sie stimmt in der Bilanz den drei Autoren des Startessays zu, setzt aber eigene Akzente. Hilfreich ist, daß sie dabei weitgehend auf "starke Bilder" (etwa das von der tödlichen Krankheit, die den Indianern durch die europäischen Kolonialisten eingeschleppt wurde) verzichtet. Ihr zentraler Punkt ist der Zerfall der eigenen Wissenschaftlergemeinschaft. Die Schwerpunkte der wissenschaftlichen Diskussion werden so zwangsläufig von außen hereingetragen. (S. 40, vgl. für Ungarn: S. 56) Die Forschung ist zersplittert und hoch spezialisiert, weil sie - vor allem wegen des Mangels an einheimischen Finanzquellen - Teil westlicher Projekte ist, in dem die slowakischen Forscher die Rolle von subalternen Projektmitarbeitern übernehmen, die Daten sammeln. Meine Erfahrung ist ähnlich, aber ich sehe auch gegenläufige Tendenzen, die es verdienen, hervorgehoben zu werden: es gibt auch Ansätze der Neubildung von sozialwissenschaftlichen Gemeinschaften in den einzelnen Ländern und länderübergreifend in der Region. Mir selbst sind die regelmäßigen gemeinsamen Konferenzen der Politologen Ostmitteleuropas (Ungarns, Österreichs, Kroatiens, Sloweniens, Tschechiens, der Slowakei und Polens) aufgefallen. Die jüngste wurde durch den kroatischen Politologenverband erst im Winter dieses Jahres ausgerichtet. Daneben existieren einzelne erfolgreiche Projektmanager aus Osteuropa selbst, von denen der ungarische Politologe Attila Agh einer der erfolgreichsten ist. Aber richtig ist, daß auch diese "innerregionalen" Aktivitäten häufig nur zustandekommen, weil sie durch westliche Mittel gefördert werden.

2. Das muß kein Makel sein. Der Osten ist auf diese Hilfe in hohem Maße angewiesen, und die einzelnen westlichen Geldgeber (öffentliche Fonds, private Stiftungen, auch Stiftungen von Parteien) fördern nach meiner Erfahrung auch durch Osteuropäer geleitete autonome Netzwerke großzügig. Das natürlich nicht ohne jeweils auch eigene Ziele zu verfolgen, wie etwa die Soros-Foundation, die den ideologischen Kampf für eine "offene Gesellschaft" führt. Der Ertrag für die Osteuropäer tritt unabhängig von solchen politischen Absichten ein. Im Einleitungsartikel von Csepeli u.a. wird dagegen unzulässig verallgemeinernd behauptet, die Osteuropäer hätten von solchen Forschungen kaum einen längerfristigen Vorteil, es entstünde vor allem keine Infrastruktur (Bibliotheken, Computertechnik), und außer dem finanziellen Entgelt hätten die einzelnen Forscher kaum einen Nutzen davon. Das könnte man sicher durch empirische Analysen widerlegen. Ich greife nur auf eigene Erfahrungen zurück: Am Institut, an dem ich gegenwärtig als Gastdozent beschäftigt bin, dem Institut für Internationale Studien an der Karls-Universität in Prag, sind mit Hilfe vor allem des DAAD und des British Council auch umfangreiche finanzielle Mittel unterstützend in die Infrastruktur (Bibliothek, Computertechnik) geflossen. Wichtig sind auch die vielfältigen Stipendien, die an Forscher verschiedener Altersstufen aus Mittel- und Osteuropa vergeben werden. Die dabei erreichten Qualifikationen jedenfalls sind nicht nur von kurzfristigem Wert für die betreffenden Forscher, sondern können erheblich die Bedingungen wissenschaftlicher Arbeit in den betreffenden Institutionen verbessern helfen. Allerdings existiert das Problem des "Brain-Drain", das von Csepeli u.a. angesprochen worden ist (25).

3. Diese Dysfunktionalität der Hilfe entsteht aber nicht vor allem wegen irgendwelcher böser Absichten des Westens, obwohl sicher die Abwerbung begabter junger Leute eine Rolle spielt. Sie entsteht auch nicht deshalb, weil wie Csepeli u.a. vermuten, die jungen Leute im Westen nur die spezifischen Methoden und Erkenntnisse des Westens kennenlernen und darüber ihre eigenen (osteuropäischen) Traditionen und Innensichten vergessen würden. (S. 25) Hier kommt ein anderes Grundproblem ins Spiel, das merkwürdigerweise in den Beiträgen gar nicht auftaucht: Die jungen Wissenschaftler bleiben nur deshalb nach Abschluß des Studiums in westlichen Staaten, oder gehen in die Wirtschaft und Politik, weil die finanziellen Bedingungen an den akademischen Forschungseinrichtungen so jämmerlich sind. Die Forschungsmittel westlicher Forscher können nur deshalb so anziehend auf die osteuropäischen Kollegen wirken, weil fast alle osteuropäischen Regierungen die Wissenschaften vernachlässigen. Die Folgen sind gut bekannt und werden in der abgedruckten Diskussion umfangreich erwähnt. Der zentrale Punkt ist, daß selbst die besseren Gehaltsgruppen von ihrem Salär nicht einmal bescheiden leben können. Der Wissenschaftler mit zwei oder sogar mehr dauerhaften Nebenjobs ist die Normalfigur im postsozialistischen Osteuropa. Und am verheerendsten für die Zukunft ist, daß die jungen Wissenschaftler, wenn sie an den Universitäten anfangen wollen, schon überhaupt nicht vom Gehalt leben können. Wer nach erfolgreichem Studium an den Universitäten bleibt, kann eigentlich nur als weltfremd bezeichnet werden. Das Grundproblem ist also aus meiner Sicht eine bestimmte Hochschulpolitik der Regierungen nach 1990, die Universitätsbildung als Luxus auffaßt, als Sahne auf der Torte, wie es der ehemalige tschechische Premier V. Klaus bezeichnet hat. Wenn es der Gesellschaft schlecht geht, dann muß man die Sahne eben weglassen, so lautet die Botschaft. Neoliberale Weltsicht sieht jeden einzelnen als für seine Bildung selbst verantwortlich an und entläßt Staat und Politik aus ihrer Verantwortung. Das zeigt sich auch in den miserablen Gehältern. Überall liegen die Hochschulgehälter bestenfalls knapp über oder sogar noch unter dem gesellschaftlichen Durchschnittslohn. Und die materiellen Bedingungen der Tätigkeit sind ebenfalls angespannt. Die Verbrauchsmittel, etwa Kopierpapier, müssen häufig aus den zusätzlich eingeworbenen Forschungsgeldern bezahlt werden, so jedenfalls bei mir bekannten Kollegen an der Budapester ELTE und der Prager Karls-Universität. Das Hauptproblem für mich liegt somit nicht in irgendeiner kolonialistischen Orientierung westlicher Sozialwissenschaftler, sondern in einer - wie mir scheint - sehr kurzsichtigen Politik der osteuropäischen demokratischen Regierungen, gleich ob sozialdemokratisch wie in Ungarn nach 1994 oder konservativ wie in Tschechien orientiert. Daß westlich dominierte Institutionen wie der IWF mit ihren Reformempfehlungen und politischen Einflußnahmen eine partielle Verantwortung für dieses Trauerspiel haben, steht zu vermuten. Eine andere Politik, die mehr Geld in die Lehre und Forschung an den Universitäten fließen ließe, wäre dringend nötig. Sicher geht es auch nicht ohne eine weitere europäische Unterstützung für den Ausbau der Infrastruktur der Wissenschaften.

4. Nicht alles liegt am Geld. Man kann auch einen eigentümlichen Mangel an geistiger Eigenständigkeit im Gefolge des postsozialistischen ideologischen Vakuums beobachten. Eine ungarische Kollegin teilte mir ihre Beobachtung mit, daß sich besonders ehemalige überzeugte Marxisten-Leninisten nach dem Einsturz ihrer theoretischen Liebe auf das gedankenlose Einsammeln von Fakten aller Art spezialisiert hätten. Sie eignen sich dann natürlich auch besonders für die Rolle der erwähnten Türöffner der Archive und Datensammler westlicher Projekte. (S. 23) Eine andere interessante Beobachtung zu den Ursachen mangelnder theoretischer Eigenständigkeit ist im Artikel der slowakischen Soziologin erwähnt: die neugewonnene politische Pluralität ist nicht in gleichem Maße mit der Differenzierung zwischen politischer und wissenschaftlicher Sphäre verbunden, und so werden die Konflikte zwischen den Parteien auch im Gewande des wissenschaftlichen Streites zwischen Sozialwissenschaftlern ausgetragen.(S. 38) In der außer in Polen und Ungarn erst 1989/90 gegründeten Politikwissenschaft läßt sich noch eine weitere Quelle des Mangels an Eigenständigkeit des theoretischen Denkens ausmachen: es fehlt an souveräner Beherrschung der internationalen und der eigenen Traditionen der Wissenschaftsdisziplin. Als ich vor einiger Zeit für eine Lehrveranstaltung über die Geschichte des politischen Denkens in Osteuropa in einem russischen Lehrbuch über Politikwissenschaft nachschlug, konnte ich zwar Abschnitte über Weber und Parsons finden, aber nichts über Kropotkin, Sorokin oder andere russische Theoretiker. Lenin fehlte natürlich auch. Die mangelhafte theoretische Souveränität äußert sich dann offensichtlich vor allem darin, daß man sich peinlich genau an die Ansichten der "westlichen Politologen" anlehnt. Die heimischen Publikationen sind dann häufiger ausführliche Exerpte wichtiger Werke der "neuen Klassiker".

Kurz zum Resümee: Die Politikwissenschaft, die sozialwissenschaftliche Disziplin, zu der ich eigene Einschätzungen der Lage in einigen Ländern Osteuropas habe, leidet weniger daran, daß sie irgendwie durch eine expansive westliche Wissenschaft infiziert wäre, sondern sie krepiert fast an der katastrophalen finanziellen Ausstattung der Universitäten und Akademien. Der Höhepunkt der post-sozialistischen Krise dieser Institutionen ist dabei anscheinend noch nicht erreicht. Die Herrschaftspraktiken einiger sozialwissenschaftlicher Kollegen aus dem Westen gegenüber den osteuropäischen Kollegen sind zwar auch nicht nach meinem Geschmack, aber sie richten doch einen wesentlich geringeren Schaden an als die fehlerhafte Hochschulpolitik der eigenen Politiker und die der sie konzeptionell und finanziell stützenden Politiker des Westens.

Helmut Steiner, Berlin

Kommentar zu: G. Csepeli, A. Örkeny, K. L. Scheppele: Acquired Immune Deficiency Syndrome in Social Science in Eastern Europe

Die lebhafte und kontroverse Reaktion auf den Aufsatz der ungarischen Autoren bestätigt die Aktualität und Brisanz der von ihnen aufgeworfenen Problematik. Die Vielschichtigkeit der darin eingeschlossenen Frage- und Problemstellungen läßt im Rahmen eines Kommentars nur die Behandlung einiger ausgewählter Fragen in Thesenform zu. Ich will die freundliche Aufforderung zu einem Kommentar am Beispiel der besonderen Spezifik der DDR/Ostdeutschlands aufgreifen.

Zu den bisher veröffentlichten Stellungnahmen will ich nur zweierlei bemerken:

Erstens kann ich in dem Aufsatz der ungarischen Autoren weder im Anliegen noch in der Ausführung ein Infragestellen einer ernsthaften gleichberechtigten Ost-West-Wissenschaftskooperation erkennen, im Gegenteil. Sie kritisieren die gegenwärtige Praxis, weil sie nach den Bedingungen und Wegen für ein gleichberechtigtes Ost-West-Zusammenwirken in den Sozialwissenschaften suchen.

Zweitens kann es bei einer wissenschaftlichen Erörterung - und um diesen Anspruch geht es ja wohl allen Beteiligten - nicht um die angemessene und ausbleibende Anerkennung und Dankbarkeit westlicher Unterstützung durch die Osteuropäer, sondern um wissenschaftlich angemessene Problemstellungen und deren Lösung gehen. Und die können nicht nur "freundlich" und "dankbar" sein. Das ist vielleicht an anderer Stelle am Platze. In diesem Sinne soll auch der "Kolonialisierungs"-Terminus weder als publizistische Polemik, noch als politischer Kampfbegriff, sondern der sozialwissenschaftlichen Begriffsbestimmung und Auseinandersetzung dienen.

I. In den bisherigen Darstellungen nimmt der "Kolonialisierungs"-Begriff einen zentralen Stellenwert ein. Leider wurde es bisher versäumt ihn zu definieren oder zumindest für den jeweils eigenen Gebrauch operational zu bestimmen. Mancherlei Kontroversen und Meinungsverschiedenheiten rühren aus dem unterschiedlichen Verständnis und den sich damit verbindenden verschiedenartigsten konkret-historischen Beispielen. In allgemeinster Form würde ich ihn operational wie folgt fassen: Kolonialisierung ist eine Politik, die gesellschaftliche Dominanz und gesellschaftliche Transformation "von außen" (in territorialen Regionen, einzelnen Staaten oder Staaten-Gruppen oder Teil-Gesellschaften) durchsetzt. Die dabei eingesetzten Mittel können militärische, im weitesten Sinne ökonomische, rechtlich-institutionelle, geistig-kulturelle und personelle sein. "Von außen" kann sowohl militärische Eroberung ("klassische Kolonien"), wie auch zwischenstaatliche ökonomische Abhängigkeiten ("Neokolonialismus") oder die gesellschaftspolitische Dominanz über bestimmte Regionen innerhalb eines Staates ("innere Kolonialisierung") bedeuten. Die historische Vielfalt und die unterschiedlichsten Abstufungen sind dabei augenscheinlich. Wesentlich ist der Verlust bzw. die Einbuße eigenständiger gesellschaftlicher Subjekte und der Selbstorganisation der traditionellen Gesellschaft in eine neue Gesellschaftsverfassung. Kolonialisierung vereinigt vollständige oder teilweise, direkte und indirekte Herrschaft "von außen" mit gesellschaftspolitischen Entwicklungskonzepten der "von außen" kommenden Herrschafts-Subjekte.

II. In Ostdeutschland setzte nach den Volkskammerwahlen vom 18. März 1990 und dem von dieser frei gewählten Volkskammer gefaßten Beschluß "zum Beitritt der DDR in die BRD nach Artikel 6 des Grundgesetzes der BRD" ein innerer Kolonialisierungsprozeß ein, der

1. die gesellschaftlichen Träger des Umbruchs in der DDR 1989 als kollektive Subjekte (Bürgerbewegungen, Runde Tische, basisdemokratische Wahlen von Vorgesetzten u.a. ) bedeutungslos werden ließ,

2. die 40-jährige Gesellschaftsentwicklung der DDR insgesamt, wie auch all ihrer Teilbereiche und selbst die Biographien ihrer Staatsbürger pauschal delegitimierte und statt dessen

3. einen vollständigen westdeutschen Institutionen-Transfer vollzog,

4. einen ökonomischen "Ausverkauf" an westliche Konzerne und andere Kapitaleigner mit einer damit verbundenen Deindustrialisierung und Ausschaltung eigener Industrieforschung realisierte,

5. eine weitgehende Ausgrenzung der politischen, wissenschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Eliten der DDR und einen dominierenden Eliten- und Beamten-Transfer aus West- nach Ostdeutschland kurzfristig durchsetzte,

6. mit dem offiziellen "Marxismus-Leninismus" jegliches marxistisches und sozialistisches Denken als weiterzuführende Kulturtradition institutionell ausschloß sowie

7. trotz aller formalen Gleichheit und neu gewonnener Freiheiten die bisherigen Lebensleistungen und selbst die künftigen realen Lebenschancen Ostdeutscher als zweitrangig einstufte.

Neun Jahre nach dem "Beitritt der DDR zur BRD" hat sich ein gesellschaftspolitischer Mechanismus durchgesetzt, in dem die politische, wirtschaftliche, geistig-kulturelle und personelle Dominanz in Ostdeutschland eindeutig von westdeutsch bestimmten Institutionen und Funktionsträgern ausgeht.

Zwei unverdächtige Stimmen verdeutlichen es: Wolfgang Schäuble äußerte als westdeutscher Verhandlungsführer gegenüber dem DDR-Vertreter Günter Krause: "Liebe Leute, es handelt sich um einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Ihr seid herzlich willkommen. Wir wollen nicht kaltschnäuzig über Eure Wünsche und Interessen hinweggehen. Aber hier findet nicht die Vereinigung zweier gleicher Staaten statt." (W. Schäuble; Der Vertrag. Stuttgart 1991, S. 131).

Und Hans-Jürgen Derlien, einer der führenden bundesdeutschen Eliteforscher von der Universität Bamberg, illustriert das entsprechende Ergebnis in der Wochen-Beilage der Zeitung "Das Parlament": "Je höher die Position in Verwaltung und Justiz, Rundfunkanstalten und Banken, desto höher ist der Anteil Westdeutscher ... Je größer die Wirtschaftsunternehmen, desto wahrscheinlicher ist es unter westdeutscher Kapital- und Personalkontrolle. Je weiter man in den Organisationen, Ministerien, Gerichten, Rundfunkanstalten, Banken und Privatunternehmen hinabsteigt, desto häufiger begegnen einem andererseits Ostdeutsche ... "("Aus Politik und Zeitgeschichte", 1998, Nr. 5, S. 15).

Die Schriftsteller Rolf Hochhuth und Günter Grass haben in "Wessis in Weimar" und "Ein weites Feld" diese Tatbestände inzwischen literarisch gestaltet.

III. Was die Sozialwissenschaften der DDR und des heutigen Ostdeutschland betrifft, so sind auf der Grundlage der bisherigen Ausführungen thesenartig folgende Feststellungen zu treffen:

1. Die DDR-Institutionen wurden entweder auf unterschiedliche Weise und step by step "abgewickelt" oder weitgehend durch neue Mitarbeiter und vor allem Professoren aus dem Westen Deutschlands besetzt. Außer den gesellschaftswissenschaftlichen Parteiinstituten und den "Marxismus-Leninismus"-Sektionen an den Universitäten und Hochschulen wurden auch die Institute der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften, das "Zentralinstitut für Jugendforschung" u.a. geschlossen. Nur ein geringer Teil der früheren wissenschaftlichen Mitarbeiter fand wieder einen Platz in der Wissenschaft. Der überwiegend größte Teil ging in Frührente, Übergangsregelungen, schließlich in die Arbeitslosigkeit und wissenschaftsfremde Tätigkeiten. An den Universitäten und Hochschulen Ostdeutschlands wurden nahezu alle Soziologie-Lehrstühle mit westdeutschen Fachkollegen besetzt!

2. Die Lehrinhalte werden durch das westdeutsche Curriculum bestimmt.

3. Die praktischen gesellschaftlichen DDR-Erfahrungen und sozialwissenschaftlichen Ergebnisse der DDR dienten allein der Retrospektive zur kritisch-selbstkritischen Analyse sowie zur zeitweiligen Nutzung eines bestimmten "know how" der konkreten Bedingungen für aktuelle Untersuchungen, aber nicht auch als bewahrenswerte und fortzusetzende Forschungstraditionen. Ihre wohlwollendste Aufnahme war noch ihre Archivierung durch die Berliner Filiale des Bonner "Informationszentrums Sozialwissenschaften".

4. Ein finanziell gut ausgestattetes mehrjähriges Forschungsprogramm der offiziell institutionalisierten "Kommission des sozialen und politischen Wandels" (KSPW/ 1991 - 1996) ermöglichte in über 60 gedruckten Bänden und noch weit mehr aufwendigen Einzelstudien eine sehr detaillierte sozialwissenschaftliche Dokumentation der gesellschaftlichen Veränderungen Ostdeutschlands, ohne sie aber im Weber'schen Sinne mit wissenschaftlicher Distanz selbst zu problematisieren. Statt dessen war es für Hunderte DDR-Sozialwissenschaftler nach dem Verlust ihrer Arbeitsplätze eine willkommene zeitweilige "Übergangsbeschäftigung", um die konzeptionellen Vorgaben eines weitgehend aus Westdeutschen zusammengesetzten Leitungsgremiums zu bearbeiten und in einem riesigen empirischen Datenmassiv zusammenzustellen. Die Herausgeberschaft der zusammenfassenden 6 Abschluß-Bände über die ostdeutschen sozialen und politischen Wandlungen lagen in den Händen bzw. Köpfen von 35 Sozialwissenschaftlern, unter ihnen 32 aus der Alt-BRD.

5. Die empirischen Beispiele dieser Art ließen sich mühelos fortsetzen, doch verdient eine grundsätzliche Fragestellung der ungarischen Autoren noch aufgegriffen zu werden: inwieweit werden Ostdeutsche überhaupt als wissenschaftliche Vertreter der Gesamtdisziplin oder bestenfalls nur als empirische Spezialisten für DDR, Ostdeutschland und bestenfalls Osteuropa wahrgenommen und akzeptiert!? Auch hier sind die empirischen Befunde eindeutig, wie Buchveröffentlichungen, Herausgeber- und Redaktionsgremien, Hauptvorträge bei Kongressen, Repräsentanz in wissenschaftlichen Gremien (z.B. der Deutschen Gesellschaft für Soziologie) dokumentieren. Eine Analyse Peer Pasternacks über "Geistes- und sozialwissenschaftliche Zeitschriften in Ostdeutschland nach 1989" vermittelt diesbezüglich ebenfalls aufschlußreiche Einblicke. ("FORUM Wissenschaft", 1998, Nr. 3, S. 59 - 64).

IV. Gab und gibt es Alternativen zu dieser Art von Kolonialisierung? Die Beantwortung dieser Frage ist aufzufächern:

1. Da der Staatssozialismus in Osteuropa zusammengebrochen ist und sich kein anderes gesellschaftliches Alternativ-Modell als das kapitalistische "anbot", ist der Transformationsprozeß in diese Richtung unter Mitwirkung der realkapitalistischen Mächte "von außen" alternativlos zwangsläufig ein - im eingangs genannten Sinne - kolonialistischer. Das ist keine polemische, sondern eine nüchterne analytische Charakterisierung. Verwunderlich ist eigentlich nur, daß die sozialwissenschaftliche Analyse der osteuropäischen Transformationsprozesse methodologisch und inhaltlich auf diesen Kolonialisierungs-Ansatz verschämt verzichtet und alles allein mit der Modernisierungstheorie zu erfassen sucht, statt Modernisierung mittels Kolonialisierung als heuristischen Erkenntniszugang zu einer methodologisch-theoretischen Synthese zu führen.

2. Bei allen Gemeinsamkeiten osteuropäischer Transformationsprozesse ist diese spezifische kapitalistische Kolonialisierungs-Modernisierung bezüglich historischer Ausgangspunkte, erreichtem Entwicklungsstand, Intensität des Verlaufs und konkreter Funktionsweise in jedem Land ein Unikat. Dennoch lassen sich typologisch einige qualitativ und quantitativ sich unterscheidende Grundmuster feststellen:

* Sonderfall DDR/Ostdeutschland

* Polen, Ungarn, Tschechien

* Bulgarien, Slowakei, Rumänien, Albanien, jugoslawische und UdSSR-

Nachfolgestaaten (außer Rußland)

* Rußland (mit seinen Besonderheiten).

Eine diesbezüglich systematisch-vergleichende Analyse hinsichtlich Gemeinsamkeiten und Unterschieden steht - trotz verschiedenartiger empirischer Einzelanalysen - noch aus. Das war von deutscher Seite ein konzeptionelles Versäumnis des KSPW-Projekts (zumindest seiner zweiten und dritten Stufe).

3. Im Sonderfall DDR/Ostdeutschland erfuhren alle Entscheidungen zur Integration in die BRD durch Inbesitznahme durch den selbst gewählten Beitritt ihre juristische und politische Rechtfertigung. Aber war die Art und Weise dieses zwangsläufigen Kolonialisierungsprozesses im Interesse der künftigen ostdeutschen und schließlich gesamtdeutschen Entwicklung nicht auch anders möglich? Das Grundgesetz der BRD sah nicht nur den möglichen Beitritt, sondern auch eine sich daran anschließende Verfassungsdiskussion vor. Bedurften nicht auch 40 Jahre westdeutsche BRD-Entwicklung einer kritisch-selbstkritischen Analyse, forderten die gesellschaftlichen und politischen Krisendiskussionen der 80er Jahre nicht geradezu heraus? Statt dessen wurde das sich als andere Seite des Kalten Krieges formierte und deformierte, bewährte und abgenutzte, auf eine Teillösung begründete BRD-System als endgültige Gesamtlösung durchgesetzt.

Das schloß alle Defizite und Krisenerscheinungen des westdeutschen Wissenschaftssystems insgesamt und der Sozialwissenschaften im besonderen ein. Die über Jahrzehnte immer wiederkehrenden Krisendiskussionen der BRD-Sozialwissenschaften waren aber für einige Jahre wie vom Winde verweht, denn man konnte (un)-verdientermaßen am "historischen Erfolg" teilhaben. Bis in die jüngste Zeit wird unter der anspruchsvollen Fragestellung "Wissenschaft und Wiedervereinigung" (Hrsg. von J. Kocka und R. Mayntz, Berlin 1998) allein die DDR-Wissenschaft einer Grundsatzkritik unterworfen, die Entwicklung der Alt-BRD-Wissenschaft mit ihren spezifischen Defiziten, Ideologisierungen und Legitimationsfunktionen nicht einmal in Fragestellungen zu problematisieren versucht.

Wolfgang Teckenberg, Heidelberg

Vergleichende Analyse unter Einschluß Osteuropas: Die Entstehung einer "normal scientific community"

Für einen aufmerksamen Beobachter der Forschungsszenarien im Bereich "empirische Sozialstrukturanalysen" markieren die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Transformationen in Osteuropa 1989/90 nur teilweise einen "radikalen" Bruch der wissenschaftlichen Kontinuität.

Für jemanden beispielsweise, der seit mindestens 1986 (je nach der Verfügbarkeit von Reisemitteln) an den Tagungen des "Research Committees on Social Stratification" (RC28) der ISA teilgenommen hat, sind die heute noch führenden Vertreter/innen der empirischen Sozialforschung seit dieser Zeit zumindest aus Polen, Tschechien und Ungarn hinlänglich gut bekannte Kollegen. Seit 1991 tauchen auch verstärkt jüngere, für die Sozialforschung gut gerüstete "Schüler" altbekannter Kollegen aus Rußland auf den Tagungen und Kongressen auf. Die Teilnahme an den Kongressen der "European Sociological Association" seit Wien im September 1992 sorgten dafür, daß die Diskussionen weiter geführt wurden.

Die oft mit westeuropäischem Dünkel vorgetragene Kritik an der Kontinuität osteuropäischer Kadereliten nach 1990 verstellt den Blick auf die Janusköpfigkeit des Transformationsprozesses: Einerseits ist ein Wechsel der politischen Eliten vonnöten, andererseits kann und will man ja nicht davon ausgehen, daß die gesamte Intelligenzija, die maßgeblichen Einfluß auf eben diesen Umbruch hatte, ausgewechselt wird.

Die "Neuvermessung" Osteuropas fällt besonders westdeutschen Sozialwissenschaftlern schwer, deren Bild von "sozialistischer" Soziologie alleinig durch das Anschauungsmaterial "DDR-Gesellschaft" geprägt ist.

Es gibt in Osteuropa Frauen und Männer der "ersten Stunde" in ihrem Land, die maßgeblich an dem Projekt beteiligt waren, das ich hier einmal als "Bringing Eastern Europe back to Europe" bezeichnen möchte. Der Austausch von vergleichenden Analysen, ja sogar von großen Datensätzen, zunächst aus Ungarn und Polen (1986) wurde ermöglicht und fand Eingang in englischsprachige Publikationen. Derweil war die westdeutsche Soziologie zu selbstreferentiell geworden, um die vergleichende Sozialforschung überhaupt wahrzunehmen.

Was das mit dem Thema "Ost-West-Forschungskooperation" zu tun hat? Zunächst nur die des Widerspruchs harrende Behauptung, daß es eine solche aus westdeutscher Sicht - außer in der Form einiger bilateraler Kontakte und den rühmenswerten Bemühungen der dem Verbund GESIS unterstellten Infrastruktureinrichtungen - in großem Stil vergleichende Forschung nicht gegeben hat.

Und dies wird sich wegen der nach 1989 einsetzenden ost/westdeutschen Selbstbespiegelung auch nicht sonderlich ändern: Mittlerweile sind britische (Bsp.: Geoffrey Evans) und amerikanische Sozialwissenschaftler wesentlich weiter fortgeschritten, wenn es darum geht, eine "normal scientific community" unter Beteiligung osteuropäischer Kollegen zu etablieren. Man muß allerdings konzedieren, daß insbesondere die USA (zeitweilig auch Australien) von der zeitlich beschränkten oder partiellen "Emigration" osteuropäischer Sozialforscher profitiert haben. Nicht zuletzt natürlich, weil in den USA, aber auch in Großbritannien, Finanzmittel für jenen Bereich vergleichender Forschung bereitgestellt wurden, die in Deutschland eher in die KSPW (Kommission für den sozialen und politischen Wandel in den neuen Bundesländern) flossen.

In Europa führten und führen folgende Institutionen und Forschergruppen große Primärerhebungen durch:

GB: Geoffrey Evans, Oxford.

Österreich: Das "Institut für die Wissenschaft vom Menschen" in Wien (Zsuzsa Ferge u. a.), Datensatz: "Social Costs of Transition" (SoCo); Paul Lazarsfeld-Gesellschaft (Christian Haerpfer; Richard Rose) "New Democracies Barometer".

Deutschland: keine

In den USA: vor allem und vorbildlich: Don Treiman, Ivan Szelenyi (Antragsteller für ein erhebungstechnisch abgeschlossenes Großprojekt (1993) in Kooperation mit namhaften osteuropäischen Sozialforschern) "Social Stratification in Eastern Europe after 1989".

Als zentrale Institution, in der osteuropäische Datensätze nach Art der Mikrozensen, Arbeitsstättenzählungen und Haushaltssurveys (ähnlich: Sozio-ökonomisches Panel) zur Sekundäranalyse bereit liegen, kann in Luxembourg die CEPS/INSTEAD Datenbank genannt werden (Luxembourg Income Study, L. Employment S., Household Panel Comparability Project).

Bezogen auf die Beiträge in der Zeitschrift replika kann ich letztendlich nur aus dem Bereich berichten, den ich selber überblicke: die vergleichende Datenerhebung und Auswertung, wobei ich mangels detaillierter Sachkenntnis einmal die EURO-Barometer Umfragen ausnehme.

Für alle angegebenen Primärerhebungen gilt:

* Sie wurden weitgehend durch westeuropäische Forschungsgelder (bzw. EU-Mittel) ermöglicht.

* Sie fanden alle in enger Kooperation mit osteuropäischen Sozialwissenschaftlern statt. Letztere beschwerten sich im Gegensatz zu Csepeli u.a. auch nicht darüber, daß nunmehr - zeitweilig - ihre materielle Existenz durch westliche Forschungsgelder finanziert wurde, statt von der Mittelzuteilung der sozialistischen Staatsbürokratie abhängig zu sein. In diesem Sinne äußert sich auch Andorka (im selben Band) positiv.

* Sie entsprachen dem nationalen Wunsch nach Fortführung vergleichender sozialwissenschaftlicher Forschung, wie etwa die Teilnahme am ISSP. Es ist doch bezeichnend, daß Staaten, in denen die staatsbürokratische Bevormundung die Sozialwissenschaften weniger tangierte, die ersten waren, die am ISSP teilnahmen: Polen und Ungarn. In diesem Kontext sind auch einige Projekte zu nennen, mit denen sich nationale soziologische Forschungsinstitutionen profilieren: Sie richten sich teilweise an amerikanischen und deutschen Projekten wie dem ALLBUS aus (Bsp.: Polish General Social Surveys; B. Cichomski, Z. Sawinski).

* Für viele Projekte und den Unterhalt von sozialwissenschaftlichen Institutionen und Infrastruktureinrichtungen gilt: Wir haben ja George Soros. Diese "besondere" Form der privaten Förderung möchte ich hier nicht weiter beleuchten.

Die Datenerhebung und Akquisition der Umfragen erfolgt also zunächst nach allgemein gültigen Regeln der "normal scientific community", und die Daten sind für jeden zugänglich. Insofern betrifft der von Csepeli und Örkeny erhobene Vorwurf der "Kolonialisierung" diese Phase des Forschungsprozesses nicht.

Eine andere Frage ist, unter welchen Bedingungen die bereits erhobenen Datensätze in Kooperation mit osteuropäischen Sozialwissenschaftlern ausgewertet werden. Hier muß man gewiß länderspezifisch differenzieren und Pauschalurteile über "westliche Kolonialisierung" sind wenig geeignet, die gewiß in manchen Bereichen mangelhafte Kooperation zu verbessern. Ich möchte aus meiner Sicht nur eine These wagen, obwohl mir bewußt ist, daß ich noch keinen Überblick über sämtliche vergleichenden Studien habe.

Zentrale These für weitere Kooperation:

Es gibt eine bestimmte Richtung innerhalb der ISA, international anerkannt und sicherlich auch verdienstvoll, insofern man sagen kann: Das muß auch gemacht werden, um den Geltungsbereich von Aussagen (Theorien?) "mittlerer Reichweite" abzustecken. Ich möchte sie einmal als "another country, yet another case" beschreiben. D. h. im Zuge eines etablierten Paradigmas innerhalb der empirischen Forschung ("Wertewandel und `Postmaterialismus'"; "soziale Mobilität"; "`Status'- und andere Skalen", je nach Forschungsdesign auch: "Wahlverhalten", "Verschiedene `Welten' des Wohlfahrtsstaats") wird durch die Zugänglichkeit osteuropäischer Daten lediglich überprüft, ob im Zuge der Transformation ähnliche "Muster" sozialer Differenzierung und Verteilung entstehen, wie in vorgeblich "modernen", d. h. letztlich "westlichen" Gesellschaften (aber auch Japan!). Manche mögen auch präferieren, dafür den Terminus "Variablensoziologie" zu verwenden.

Solche Forschung, auch unterstützt übrigens von osteuropäischen Sozialforschern, wird aber den kulturell-zeitgeschichtlichen spezifischen Prozessen in den postsozialistischen Ländern nicht gerecht. Vonnöten wäre eine umfassendere Sozialstrukturforschung, die die osteuropäischen gesellschaftlichen Formationen sehr wohl in Verhältnis zu Westeuropa setzt. Wo "teilnehmende Beobachtung" auf der Mikroebene nicht ausreichen kann (und ich selber dokumentiere soziale Verhaltensweisen vorzugsweise fotografisch), um den Prozeßcharakter der Entwicklung und Herausbildung "neuer" interner sozialer Kohärenz auf gesamtgesellschaftlicher Ebene abzubilden und angesichts sich wandelnder Kontexte verstehend nachzuvollziehen, ist die Sekundäranalyse von Mikrodaten ein wichtiges Hilfsmittel.

Klassifikationen der "Gesellschaftssysteme" sollten aber nur der Endpunkt einer Analyserichtung sein, deren Grundbausteine auf der Mikroebene zu verorten sind: Die Untersuchung des Verhaltens der Individuen angesichts sich wandelnder Institutionen, insbesondere auf der - vernachlässigten - intermediären Ebene wird dann eine Weile von voreiligen "Modernisierungs"-Modellen Abschied nehmen lassen. Weder lassen sich die gegenwärtigen Wandlungsprozesse auf Aggregatebene fassen, indem man alleinig Wirtschaftsdaten oder Bevölkerungsverteilungen ins Auge faßt, noch ist eine vorschnelle Zuordnung zu Typen aufgrund von typisch "westlichen" Variablenkonfigurationen sonderlich hilfreich.

Indem man sich quasi auf Toqueville zurückbesinnt und sich das Buch von Robert D. Putnam (Making Democracies Work. Civic Tradition in Modern Italy. - 1993) über Italien als neueres Beispiel nimmt, wird die Stärke der "vor Ort" arbeitenden Soziologen in osteuropäischen Ländern deutlich und die Notwendigkeit der Kooperation betont. Nur in Anbetracht genauer Analysen der Pfadabhängigkeit der Transformationsschritte und der unterschiedlichen "Uhren" ("Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen") einzelner Prozesse wird die dauernde Übertölpelung der Sozialwissenschaftler durch die reale Entwicklung zumindest eingedämmt. Die Kooperation ist möglich, sofern Forschungsgelder vorhanden sind, nach dem Motto:

"We all want to know, how the system really works!" Was sind die Orientierungen der Bevölkerung und ihre Handlungsoptionen angesichts der sich wandelnden Kontexte?

Christine Teichmann, Berlin

Wissenschaftskooperation Ost - West: Wo liegt die Crux in der Zusammenarbeit?

In der Einführung zu der Diskussion ungarischer Sozialwissenschaftler "Colonization or Partnership? Eastern Europe and Western Social Sciences" heißt es, daß es ".... schwer abzuschätzen ist, wie verbreitet ihre Auffassungen (d.h. die der ungarischen Wissenschaftler - Anm. d. A.) in Osteuropa sind ..." (ebenda S.12). Diese recht vorsichtig formulierte Aussage möchte ich aus den Erfahrungen einer mehrjährigen Tätigkeit mit einem Netzwerk von Sozialwissenschaftlern aus einer Reihe von Ländern Ost- und Mitteleuropas dahingehend konkretisieren, daß es sich bei dieser Diskussion keineswegs um ein spezifisch ungarisches Problem oder eine Sichtweise der ungarischen Wissenschaftler handelt. In fast allen Ländern Ost- und Mitteleuropas wurden nach der Öffnung des sogenannten "Eisernen Vorhangs" vielfältige und neue Erfahrungen im Kontakt mit der scientific community aus den westlichen Ländern gemacht. Allerdings ist es so, daß über bestimmte Erfahrungen, die damit gemacht wurden, was generell als "Hilfe" bzw. "Unterstützung" in unterschiedlichen Formen seitens westlicher Länder für die Wissenschaft angeboten wird, in diesen Staaten kaum öffentlich gesprochen wird (auch nicht unter Wissenschaftlern!), da finanzielle Zwänge und Abhängigkeiten von Geld- und Auftraggebern aus dem westlichen Ausland nach wie vor lebenswichtig für den Fortbestand wissenschaftlicher Forschung sind. Trotz aller Emotionalität, die in der ungarischen Darstellung teilweise die Fakten überlagert, ist es m.E. ein Verdienst derjenigen, die sich dort zu Wort gemeldet haben, diese Debatte nun doch öffentlich zu führen. Es ist an der Zeit, daß beide Seiten - der "Westen" und der "Osten" - eine objektive und kritische Bestandsaufnahme dessen vornehmen, was alles unter dem Vorzeichen von "Hilfe und Unterstützung für die Wissenschaft in Osteuropa" geschehen ist und was dabei erreicht wurde. Das Kardinalproblem ist von den ungarischen Wissenschaftlern mit einer Äußerung auf den Punkt gebracht worden: früher oder später wird man feststellen, daß " ... the definition of help was not the same for Western and Eastern scholars." (Ebenda, S. 24)

Aus meiner Sicht sollten beide Seiten klären und analysieren, welche spezifischen Vorstellungen und Erwartungen sie damit verknüpft haben, wenn sie "Hilfe" geleistet bzw. empfangen haben, und sie sollten diese Ergebnisse einer kritischen Bewertung aus der jeweiligen Sicht der Helfenden und Hilfeempfänger unterziehen.[61] Ein ehrliches Sich-Befragen und eine offene Gegenüberstellung der Ansichten beider Seiten dürfte mit Sicherheit einiges zutage fördern, das Mißstimmungen, Ineffektivität, Fehlinvestitionen, einseitige Schuldzuweisungen für Mißerfolg und anderes mehr aus dem Weg räumen könnte, damit schließlich das erklärte Ziel der Beteiligten - von dem man allerdings noch ein ganzes Stück entfernt ist - erreicht werden kann: Eine wissenschaftliche Zusammenarbeit von gleichberechtigten Partnern!

Ein Problem der Zusammenarbeit, mit dem ich in meiner Tätigkeit sehr oft konfrontiert wurde und das auch in der ungarischen Debatte thematisiert wurde, scheint mir von westlichen Wissenschaftlern im Umgang mit ihren Kollegen aus Ost- und Mitteleuropa unterschätzt worden zu sein, und zwar die "problems of cultural translation". Eine (echte) Unterstützung und Zusammenarbeit für und in der Wissenschaft erfordert auch Kenntnisse, die häufig weit über den wissenschaftlichen Gegenstand und das rein Sprachliche (d.h. die gemeinsame Sprache zur Verständigung über diesen Gegenstand) hinausgehen.

Entwicklungen und Ergebnisse in der wissenschaftlichen Forschung in den Ländern Osteuropas werden im Kontext des gesellschaftlichen Umfeldes gesehen. Allein der - noch dazu oftmals sehr globale - Verweis auf die früheren staatssozialistischen Verhältnisse erklärt jedoch aktuelle Phänomene und Vorgänge in der Wissenschaft, Haltungen und Meinungen von Wissenschaftlern u.a.m. nur unzureichend. Sei es, daß es um den grundsätzlichen Unterschied in der Rolle eines (Sozial)Wissenschaftlers in der Gesellschaft im Westen oder im Osten geht, sei es, daß die Geschichte von bestimmten Debatten aktuelle Diskussionen überlagert und teilweise unverständlich macht, sei es, daß die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen der Wissenschaftler in den Ländern Osteuropas automatisch aufgrund des Wegfalls früherer politischer bzw. ideologischer Zwänge und mit der Einführung der Marktwirtschaft mit denen westlicher Wissenschaftler gleichgesetzt werden. Vereinfacht gesprochen, es ist tatsächlich schwierig " ... for a Westerner to understand intellectual life in the East" (ebenda S. 29). lch sehe dies aber nicht als unüberwindbares Hindernis für westliche Wissenschaftler, sondern eher als Nachholbedarf und Herausforderung, die gerade im Zusammenhang mit wissenschaftlicher Kooperation zwischen Ost und West eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Das große Interesse an der Vergangenheit und Gegenwart des "intellectual life", das mir in Gesprächen mit den Wissenschaftlern auf beiden Seiten immer wieder begegnet ist, zeigt, daß mit zunehmender wechselseitiger Kenntnisnahme von Traditionen, Bedingungen und Leistungen der Wissenschaft das Verständnis auf westlicher Seite dafür wachsen wird, daß Förderung von Wissenschaft in Ost- und Mitteleuropa deren Selbstbestimmung respektieren muß und damit vor allem Hilfe zur Selbsthilfe bedeutet.

Es wäre wünschenswert, daß sich viele "Betroffene" an diesem Dialog, der in Ungarn begonnen wurde, beteiligen. Denn noch immer ist es so, daß die Wissenschaftler in Ländern, die von westlicher Seite Unterstützung erhalten, in zwei Lager gespalten sind: Die einen meinen, daß dadurch ihr nationales Wissenschaftspotential "untergraben" wird (mit allen möglichen negativen Konsequenzen), und die anderen sind der Auffassung, daß nur auf diesem Wege der für die Gesellschaften so dringend notwendige Aufschwung in der Wissenschaft erreicht werden kann. Jede dieser Auffassungen mag in diesem oder jenem Fall eines Landes/ einer Disziplin/ eines Instituts etc. zu begründen sein, und dennoch wäre es m.E. falsch, aufgrund negativer Erfahrungen (sowohl bei den "Helfenden" als auch bei den "Hilfeempfängern") jetzt den Rückzug anzutreten.

Helmut Wiesenthal, Berlin

(Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Sozialwissenschaften)

It's not East versus West, it's a global division.

A Response on the Articles of György Csepeli, Antal Örkeny and Kim Lane Scheppele.

Reflecting upon the causes of Eastern discontent with Western social science (and the behavioral style displayed by its proudest protagonists in particular) as outlined in the papers by György Csepeli, Antal Örkeny and Kim Lane Scheppele one feels strongly reminded of the post-1989 ,,German" situation. Because East German intellectuals were the Ieast likely to be allowed to travel around and meet with Western colleagues, the experience of some sort of a cultural clash - and subsequent alienation from the new professional environment - was and still is widespread. Most of the indicators of an intellectual discrepancy that are mentioned by Csepeli, Örkeny and Scheppele appear to me much more representative of the divided All-German culture than of the (academic, of course not the socio-economic) situation of my colleagues in East Central Europe.

Upon the basis of this "regional" bias, I would like to focus on a peculiar aspect of the - in my view well justified and far too long postponed - East-West controversy, namely its relation with the crisis of the social sciences as it is derived from their roots in religion, philosophy and politics. Of course, it sounds a bit boring to talk about social sciences in crisis since the detection (and even the proclamation) of crises was continuously at the center of social science practice. So was the reflexive, selforiented use of the concept as well.

Social science of today is anything but a unitary or even a single discipline. It is a plurality of differentiated and theoretically as well as epistemologically divided groupings of theories and practices. Its major lines of division do not appear to be between Eastern and Western academic cultures but between the two cultures once identified by C.P. Snow. With the advantages made in recent decades above all in economics (sic), data-processing and formal analysis, the methodology and communicative style of (natural) science gained ground in several of the once wellcontained and mostly self-referential fields of social science, above all political science. As a consequence, a split becomes visible between the more formal and "positive" approaches (such as game theory, models of social choice or information economics) on the one hand and the inherited ways of reflecting upon social and political phenomena. In its best representations, the split is one between theoretical explanation and reasoned judgement. In its worst appearances we envisage a clash between professional modesty (associated with competence) and pastoral reasoning (associated with metaphysics). This split extends throughout the global academia including the Americas, South-East Asia and, of course, Europe.

Most interestingly, the smaller the national academia (let's say of Denmark or Norway in comparison with France or Germany) the less likely it is that it detaches itself from an understanding of the social sciences as a global intellectual endeavor. As a global thing, social sciences are irreversibly subjected to joint professional standards and the rules of competition - altogether resulting in a steadily rising state of the art.

There are a lot of arguments calling this sort of progress into question. However, what one has to acknowledge is that on the course of increasing specialization and formalization, real "truth" in terms of theoretically sound explanations is to be gained. This means that social sciences successfully continue in attacking the realm of popular myths and misunderstandings. This, by the way, is the case even when rational choice theory would only help us to understand why actors fail to behave rationally and, instead, fall back on ritualist practices. Taking the concept of center and periphery seriously, we might see the exact same sites at both extremes: universities in the US, the UK, in Germany, South Korea, Russia and many other countries being occupied at the same time by adherents of scientific competition as well as practitioners of pastoral reasoning.

An awkward consequence of enforced competition is that the professionals with scientific orientation will always be among the winners. Unlike those intellectuals that feel disgusted by the technical attitudes of social "scientists", the latter would gain from competition even if they came in second. This is at least as long as they remain capable of recognizing the fruits of the race and making use of them. Whereas in the first half of the century intellectuals were held competent in and sufficiently informed about the basics of social science and social philosophy, today only a few (and tomorrow even fewer) intellectuals are capable of basing normative judgements on solid positive theoretical and empirical knowledge. With the rapid change and internal differentiation of social-scientific disciplines the gap becomes unbridgeable between state of the art explanations of the world as it is, on the one hand, and the warnings and complaints issued by well-meaning commentators on the other.

Let me sum up my argument as follows: What we experience as a controversy between Eastern and Western styles of social science is nothing else than an admittedly enhanced articulation of the thoroughgoing changes in the intellectual worlds of today. There is little reason for praising the quite ambiguous consequences. However, because laments do not change anything, one has to acknowledge what appear to be the options. Intellectualism based on sophisticated styles of communication, rules of elitist behavior, and the flattering prospect of becoming the priests of society, increasingly lacks in justification. On the contrary, intellectuals clinging to their historical script and focusing solely on what may be the remainders of "local" culture are close to becoming preachers and medicine men. Thus, social scientists and intellectuals in most places in the world have to make a choice that, not surprisingly, is extremely hard in present Eastern Europe: the choice between remaining (or hoping to become) a Iocal hero, on the one hand, and sweating over manuscripts that might fit the standards of refereed international journals, on the other. Choosing the latter, of course, does in no way preclude to engage in moral debates - in the role of a responsible citizen.

Hellmut Wollmann, Berlin

(Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Sozialwissenschaften)

Westliche Überdetermination des agenda setting der mittel-osteuropäischen Sozialwissenschaften im Zusammenwirken "exogener" und "endogener" Faktoren: Ein (überwiegend) zustimmender Kommentar zum streitbaren Aufsatz von G. Csepeli, A. Örkeny und K.L. Scheppele

Sieht man von einigen polemischen Zu- und Überspitzungen und auch entgleisenden (insbesondere epidemiologischen) Analogien ab, zu denen die drei ungarischen Kollegen Csepeli, Örkeny und Scheppele, wie sie selber sagen, "in deliberately provocative terms" (Csepeli et al. 1996b: 49) greifen, stellt sich ihr Aufsatz für mich als eine ungewöhnlich eindringliche Analyse der überaus prekären Situation, in der sich die Sozialwissenschaften in Mittel-Osteuropa (MOE) derzeit, ein knappes Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes, befinden und der "exogenen" wie "endogenen" Bestimmungsfaktoren dieser Entwicklung und Situation dar. Ungeachtet ihres emotionalen Engagements und ihres durchaus personenbezogenen Zorns, der ihnen unverkennbar die Feder führt, sprechen die Autoren in ihrem Aufsatz "more about structures than about individuals" (Csepeli et al. 1996b: 63) und arbeiten die strukturellen Bestimmungsfaktoren auf wenigen Seiten in großer Prägnanz und Dichte heraus. Aufgrund meiner eigenen Beobachtungen und Erfahrungen, die ich - freilich kaum mehr als ausschnitthaft und episodisch - im Zusammenhang mit meinen Arbeiten in und über die Transformation in MOE machte, stimme ich mit der Analyse und ihren strukturellen Kernaussagen weitgehend überein, wenn ich auch einige Akzente anders setzen möchte und insgesamt zu einer - vor allem mittel- und langfristig - optimistischeren Einschätzung komme. Hierzu möchte ich im folgenden einige Anmerkungen und Ausführungen machen.

1. Transformation der Sozialwissenschaften in den postsozialistischen Ländern im Zangengriff "exogener" und "endogener" Bestimmungsfaktoren[62].

Die Entwicklung der Sozialwissenschaften und ihres thematischen, kognitiven und methodischen Profils ("agenda setting") in den postsozialistischen Ländern war in ihrer Ausgangssituation nach dem Kollaps der kommunistischen Regime von einer - wie die Autoren mehrfach hervorheben - fundamentalen "Asymmetrie" bestimmt, in der sich die zusammen- und umbrechende post-sozialistische (Sozial-)Wissenschaftswelt einerseits und das institutionell und disziplinär konsolidierte, personell und finanziell wohlausgestattete und kognitiv und methodologisch "moderne" Wissenschaftssystem "des Westens" gegenübertraten. In dieser fundamentalen "Asymmetrie" war von Anfang an die überlegene "exogene" Bestimmungskraft der letzteren bis zur Überdetermination oder, wie die Autoren pointiert sagen, "Kolonisierung" (colonization) angelegt.

Diese Asymmetrie sei (auf die Gefahr, vielfach schon anderwärts - auch von den drei Autoren - bereits Gesagtes zu wiederholen) schlagwortartig verdeutlicht.

Um mit den endogenen Bedingungen und unter diesen bei den auf der weiteren Entwicklung lastenden institutionellen und kognitiv-mentalen Hinterlassenschaften (legacies) des kommunistischen Regimes zu beginnen:

In den MOE-Ländern hatte das kommunistische Regime so gut wie alle Voraussetzungen bis in den Kern zerstört und verdorben, die, wie man aus der vergleichenden wissenschaftssoziologischen und -historischen Forschung weiß (vgl. Wittrock/Wagner/Wollmann 1991), für die Entstehung und den Fortbestand einer autonomen (Sozial-)Wissenschaftswelt und -gemeinde (social science community) und deren eigenbestimmte Fragestellung usw. (agenda setting) unabdingbar sind. Hierzu nur wenige wesentliche Punkte, die nicht zuletzt dadurch verkürzt sind, daß an dieser Stelle den erheblichen Unterschieden nicht Rechnung getragen werden kann, die sich in den Sozialwissenschaften in den Ostblock-Ländern aufgrund der unterschiedlichen Grade ihrer politischen Repression und Gängelung durchaus entwickelt haben und sich insbesondere in Ungarn, aber auch in Polen in einem bereits in den 70er und 80er Jahren einsetzenden Diskurs und Austausch mit den "westlichen" Sozialwissenschaften ausprägten.

* Noch stärker als die anderen Wissenschaftsbereiche waren die Sozialwissenschaften ob der Bedeutung, die sie durch die Produktion ideologischer Legitimation und die ideologische Bearbeitung der Bevölkerung für das kommunistische Regime hatten, in die "parteiliche" Pflicht und an das Gängelband der Partei- und Staatsführung genommen. Die "agenda" sozialwissenschaftlicher Forschung war durch Aufträge und Genehmigung der Partei- und Staatsführung, also fremdbestimmt. Für eine "autonome" Wissenschaft war aus ideologischen wie machtpolitischen Gründen mithin kein Platz.

* Zwar wurde - ansatzweise in den späten 60er Jahren und dann ausgeprägt im Verlauf der 80er Jahre, vor allem im Verlauf der Perestrojka - soziologische Forschung zugelassen und in (an den Akademien eingerichteten) Instituten etabliert. Jedoch war die Soziologie weitgehend darauf zugeschnitten, (in der Regel unveröffentlicht bleibendes) Herrschaftswissen für die Partei- und Staatsführung verfügbar zu machen; methodisch hielt damit die (an den US-amerikanischen Vorbildern orientierte) Survey- Forschung und damit überwiegend eine sozialwissenschaftliche Qualifikation Einzug, die zwar die Erhebung und Auswertung von Daten und deren "Verbalisierung" beherrschte, jedoch sich aus den (politisch allemal riskanten) "kausalen" Erklärungen und Interpretationen zurückhielt. Während sich somit die Soziologie - im wesentlichen als Survey-Forschung - in den "realsozialistischen Ländern" entwickeln konnte, blieben die Gesellschaftswissenschaft und mit ihr die Politikwissenschaft auf den wissenschaftlichen Kommunismus festgelegt und die Fragestellungen, Ansätze und Methoden der empirischen Politik- und Verwaltungsforschung - wegen des Eindringens in das "Innenleben" von Politik und Verwaltung als "Spionage"-Wissenschaft verdächtigt - bis zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems ausgeschlossen. Auch wenn nach der "Wende" Vertreter des Wissenschaftlichen Kommunismus sich reihenweise in Politikwissenschaftler umfirmierten, bildete die empirische Politik- und Verwaltungswissenschaft kognitiv wie qualifikatorisch so gut wie vollständig eine tabula rasa.

* Aufgrund der ideologischen Sensibilität und Regimerelevanz der Sozialwissenschaften wurden als Studierende, Nachwuchswissenschaftler und Professoren zu diesen in der Regel nur solche zugelassen, an deren Regimeloyalität kein Zweifel bestand. Ausgeprägt galt dies für die "Reisekader", über die der Kontakt mit dem "kapitalistischen Ausland" hergestellt wurde. Nach der Wende fand in den MOE-Ländern (anders als in Ostdeutschland) eine personelle Erneuerung der sozialwissenschaftlichen Elite nur in geringem Umfange statt, so daß die meisten der gegenwärtig agierenden Sozialwissenschaftler unter dem ancien regime rekrutiert und sozialisiert worden sind.

Waren - als Erbe des kommunistischen Regimes und als "endogene" Bedingungen - die institutionellen, personellen, kognitiven und qualifikatorischen Voraussetzungen für einen eigenständigen Aufbau der Sozialwissenschaften und für die Formulierung einer eigenbestimmten Agenda mithin kaum gegeben, so fehlte es in den meisten postsozialistischen Ländern auch nach der Wende an "endogenen" Faktoren, durch die diese Entfaltung hätte angestoßen werden können. Insbesondere sahen sich die Reformstaaten angesichts der sozio-ökonomischen und finanziellen Bedrängnisse des Transformationsprozesses bislang weitgehend außerstande, den Aufbau der Wissenschaften, zumal der Sozialwissenschaften, nennenswert zu fördern. Das weitgehende Fehlen einer Wissenschafts-, nicht zuletzt Sozialwissenschaftspolitik in den Reformländern bringt dieses Politikdefizit auf den Punkt.

Ist die Asymmetrie auf der Seite der Reformländer und ihrer endogenen Bedingungen durch die institutionelle und mentale Hinterlassenschaft des kommunistischen Regimes sowie das wissenschaftsbezogene Politik- und Finanzierungsdefizit der Nach-Wende-Periode gekennzeichnet, so tritt sie auf der "westlichen" Seite in machtvollen exogenen, im "westlichen" (Sozial-)Wissenschaftssystem verankerten Bestimmungsfaktoren zutage. Als Ergebnis einer in das letzte Jahrhundert zurückreichenden geschichtlichen Entwicklung, die in den USA vor allem in den 1920er Jahren vorangekommen war und die nach 1945 in Westeuropa - unter maßgeblichem Einfluß der US-Sozialwissenschaften - mehrere Phasen der Institutionalisierung, Professionalisierung und Modernisierung durchlaufen hat, stellten sich die "westlichen" Sozialwissenschaften gegenüber der zusammen- und umbrechenden, konzeptionell und methodisch weithin defizitären und "rückständigen" Wissenschaftswelt in den sozialistischen Ländern - als ein wissenschafts- und disziplinengeschichtlich konsolidiertes Wissenschaftssystem mit gewaltigen institutionellen, personeIlen und finanziellen Kapazitäten und mit einem "modernen" Theorie- und Methodenfundus dar - bei fortbestehender Dominanz der US-Sozialwissenschaften. Der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes löste in den "westlichen" Sozialwissenschaften eine radikale Refoku