Newsletter - Sozialwissenschaften in Osteuropa 1998-3
COLONIZATION OR PARTNERSHIP?
- Jörg Becker, Solingen: Ost-/Westeuropa:
Partnerschaft oder Kolonialismus? Falsche Fragen und falsche Antworten
- Helmut Fehr, Erlangen-Nürnberg: Kulturelle
Rahmenbedingungen der Transformationsforschung
- Josef Langer, Klagenfurt: Colonization or
Partnership? Anmerkungen zu einer special issue der Budapester
Vierteljahresschrift replika
- E.Z. Mirskaya, Moskau: Der schmerzhafte
Prozeß der Transformation: Was erwarten wir von der internationalen
Zusammenarbeit?
- Hans-Heinrich Nolte, Hannover: Colonization
or partnership
- Ingrid Oswald, Magdeburg: Ost-West-Kooperation
und die Dilemmata der Wissenschaftsförderung. Kommentar zu "AIDS in
Social Science in Eastern Europe"
- Dieter Segert, Berlin/ Prag: Wer ist schuld?
Bemerkung zu einer zeitgemäßen Debatte über West-Ost-Beziehungen in den
Sozialwissenschaften
- Helmut Steiner, Berlin: Kommentar zu: G.
Csepeli, A. Örkeny, K. L. Scheppele: Acquired Immune Deficiency Syndrome in
Social Science in Eastern Europe
- Wolfgang Teckenberg, Heidelberg: Vergleichende
Analyse unter Einschluß Osteuropas: Die Entstehung einer "normal
scientific community"
- Christine Teichmann, Berlin: Wissenschaftskooperation
Ost - West: Wo liegt die Crux in der Zusammenarbeit?
- Helmut Wiesenthal, Berlin: It's not East
versus West, it's a global division.
- Hellmut Wollmann, Berlin: Westliche Überdetermination
des agenda setting der mittel-osteuropäischen Sozialwissenschaften...
"Colonization or Partnership?". Stellungnahmen zur Frage der
Ost-West-Kooperation in den Sozialwissenschaften
"So there is much confusion and miscommunication over even the most
basic elements of academic life" (S.30)
Das Informationszentrum Sozialwissenschaften (IZ) hat dem dritten Band seiner
Dokumentationsreihe "Sozialwissenschaften im neuen Osteuropa"[46] den Abdruck einer Kontroverse über die
Ost-West-Beziehungen in den Sozialwissenschaften vorangestellt, die in der
ungarischen Zeitschrift replika erschienen war[47]. Die Debatte stand unter der Frage: "Colonization or
partnership?". Die Wiedergabe dieser Beiträge in einer IZ-Publikation
entspringt der Zielsetzung der Arbeit des Informationstransfers Osteuropa: die
Unterstützung und Verbesserung der Ost-West-Wissenschaftskommunikation. Hierzu
zählt auch die Sichtbarmachung und Verbreitung von Hintergrundwissen, das in
offensichtlich noch unterentwickelter Ost-West-Kommunikationskultur für die
Verständigung von besonderer Bedeutung ist. In den pointierten Thesen osteuropäischer
Sozialwissenschaftler über ihre Wahrnehmung der Ost-West-Kooperationsstrukturen
werden in der Zeitschrift replika Probleme angesprochen, die es wert
sind, von westlichen Wissenschaftlern zur Kenntnis genommen zu werden.
Der Abdruck der Kontroverse durch das IZ hat wiederum - meist allerdings nur
mündliche - Resonanzen westlicher Leser ausgelöst. Daraus resultierte der
Gedanke, daß eine Verbreiterung der Diskussion und vor allem eine Hereinnahme
anderer Sichtweisen angeregt werden könnten. Das IZ und die Sektion Ost- und
Ostmitteleuropa-Soziologie der DGS haben daher die Aufsätze aus der Zeitschrift
replika an Sozialwissenschaftler verschickt, von denen uns bekannt ist,
daß sie mit Ost-West-Forschungskontexten vertraut sind und sie um eine
leserbriefartige Stellungnahme zu den in den Beiträgen artikulierten Thesen
gebeten.
Erfreulicherweise haben sich bis Redaktionsschluß zwölf Wissenschaftler mit
zum Teil längeren Stellungnahmen zu Wort gemeldet. Jedes dieser "statements"
focussiert auf einem anderen Aspekt der in den replika-Beiträgen
vorgebrachten Thesen. Damit wird die Komplexität der Ost-West-Kooperationsfrage
und die Vielfalt der Blickwinkel deutlich. Da andere Ost-West-Experten zwar ihr
Interesse bekundet haben, aber aus zeitlichen Gründen keine Zulieferung zu
diesem Sonderheft leisten konnten, planen wir in loser Folge eine Fortsetzung
der Diskussion. Wir hoffen auch, daß mit diesem Newsletter-Sonderheft weitere
Meinungsäußerungen zur Thematik angeregt werden. Gerne verschicken wir daher
den Abdruck der replika-Beiträge an Personen, die sich dazu in den
kommenden Heften unseres Newsletters äußern wollen. (Auch über Internet abrufbar). Da der Newsletter auch in
englischer Version und im Internet
verfügbar ist, wird damit eine breitere Sichtbarkeit dieser Thematik und
die Möglichkeit der internationalen Beteiligung an dieser Diskussion
geschaffen.
Zusammenfassung der replika-Beiträge:
Obwohl die im folgenden abgedruckten Stellungnahmen auch ohne Kenntnis der
"replika-Beiträge" unter dem Bezugspunkt der Frage "colonialization
or partnership" nachvollziehbar sind, sollen doch einige zentrale Thesen
aus den fünf replika-Beiträgen vorab referiert werden, um die
Einordnung der "statements" zu erleichtern.
Der einleitende Beitrag von G. Csepeli, A. Örkeny und K.L. Scheppele mit dem
Titel "Acquired Immune Deficiency Syndrome in Social Science in Eastern
Europe" kennzeichnet zunächst den Wandel des osteuropäischen
Wissenschaftssystems nach 1989 als Niedergang des öffentlich finanzierten
Forschungssystems in jeder Hinsicht: die Entwicklung wird als eine Reihe
institutioneller, individueller und wissenschaftlicher Verluste bezeichnet. Nach
der Hoffnung auf ein neues wissenschaftliches Leben folgte der Schock der
zunehmenden Verschlechterung einheimischer Forschungsbedingungen. Parallel dazu
wird der Wandel der westlichen Osteuropaforschung und -forschungspolitik als
Mutation vom Wolf (antikommunistische Forschungsmotivation) zum Schaf
(empirische Sozialforschung mit ausschließlichem Interesse an Daten)
charakterisiert, wobei die großen internationalen Datenprogramme als "Big
Science" auf diese Entwicklung besonderen Einfluß haben. Die vor allem ökonomisch
schwache Verfaßtheit der osteuropäischen Wissenschaft erleichterte dabei das
"Eindringen" westlicher Forscher mit reichen Forschungsgeldern in das
osteuropäische Forschungsfeld. Sie brachten ihre Forschungsthemen und Methoden
mit und machten die Ressourcen-bedürftigen osteuropäischen Wissenschaftler zu
"Hilfsknechten" ihrer Forschung. Die unterschiedlichen Selbstverständnisse
östlicher und westlicher Intellektueller erschwerte dabei die wissenschaftliche
Verständigung und verfestigte die Bilder von wissenschaftlicher Unter- resp. Überlegenheit.
Die riesigen osteuropäischen Wissenschaftspotentiale, die sich zum Teil bereits
vor 1989 auch in den Sozialwissenschaften entwickelt hatten, liegen dadurch für
die Nutzung in gleichberechtigten internationalen Kooperationen zur Erforschung
globaler Probleme brach. Auch die Vermittlung, die osteuropäische
Wissenschaftler leisten könnten zwischen der historischen und kulturellen
Einzigartigkeit ihrer Länder und den postmodernen sozialwissenschaftlichen
Forschungsansätzen wird für die Erforschung des Wandels und die Bildung neuer
Gesellschaftstheorien nicht genutzt.
R. Andorka lehnt in seiner Stellungnahme zu G. Csepeli et al. unter dem Titel
"The Uses of International Cooperation in the Social Sciences" deren
Analyse völlig ab. Zwar bestätigt er die problematische Situation der osteuropäischen
sozialwissenschaftlichen Forschung: sinkende Wissenschaftlergehälter, Zwang zum
zweiten Einkommen, brain drain und Nachwuchsmangel sind zentrale Probleme der
Wissenschaft, die nationale Forschungsfinanzierung ist seit 1991 kontinuierlich
reduziert worden (insgesamt 40%) und die Publikationsmöglichkeiten sinken durch
die Krise der Verlage. Angesichts dieser schlechten Lage sieht er aber die
westlichen Forschungstätigkeiten in Osteuropa und deren Ergebnisse als
wertvolle Unterstützung für die Erforschung der osteuropäischen
Gesellschaften, die auch der osteuropäischen Wissenschaft selbst zugute kommt.
Er unterscheidet dabei vier verschiedene Formen der westlichen Forschungsaktivitäten
in Osteuropa und zeigt die ihnen jeweils inhärenten Kooperationsmöglichkeiten
für Osteuropäer auf. In jeglicher Kooperationsform stecken seines Erachtens
jeweils Lerneffekte, die für die Entwicklung einer nationalen, eigenständigen
und am internationalen Standard orientierten Wissenschaft wichtig sind. Das
wirklich Schlechte wäre für ihn der Rückzug der osteuropäischen
Wissenschaften aus den internationalen Kooperationen.
Auch Z. Kusa bestätigt in ihrem Beitrag "The Immune Deficiency -
Acquired or Inherited?" die Analyse der gegenwärtigen Lage der osteuropäischen
Sozialwissenschaften von Csepeli et al. und dankt sogar den Autoren für ihre
Benennung von bisher stillschweigenden Spielregeln bei der Integration der
osteuropäischen Sozialwissenschaften in die internationale scientific community.
Allerdings spricht sie von ihren gemischten Gefühlen bei der Lektüre des
Csepeli et al.-Beitrages und geht bei ihrer eigenen Analyse nicht von der These
eines externen Eindringens aus, weil sie in diesem Bild die Gefahr
"nationalistischer Ableitungen" befürchtet. Für Kusa sind es vor
allem interne Faktoren, die bei osteuropäischen Wissenschaftlern zur fraglosen
Bereitschaft beim Mitspielen nach den Spielregeln internationaler
Wissenschaftskooperation führen. Als Ursache und Ergebnis zugleich sieht sie
dabei die fehlende nationale Wissenschaftskooperation, deren Gründe sie
aufzeigt. Die dem Csepeli et al.- Beitrag inhärente Gegenüberstellung der
empirischen (datensammelnden) Forschung und der qualitativen Sozialforschung,
und die als negativ empfundene Dominanz der ersteren, hält Kusa nicht für eine
osteuropa-spezifische Besonderheit, sondern sieht darin einen internationalen
Trend, mit dem umzugehen auch die Osteuropäer lernen müssen.
Die Reaktion der beiden Amerikaner Lemon/ Altshuler auf Csepeli et al. in
ihrem Beitrag "Whose Social Science Is Colonized?" ist zustimmend was
die Bedenken über die Situation der osteuropäischen Sozialwissenschaften
betrifft, aber kritisch bezogen auf das generalisierte und abstrakte Niveau der
Analyse. Sie fordern eine differenziertere Sicht auf die westlichen
Sozialwissenschaften und ihre disziplinären Vertreter. Zudem machen sie darauf
aufmerksam, daß einige der Csepeli-Aussagen als generelle Trends sowohl die
ost- als auch die westeuropäischen Wissenschaftler betrifft (Kürzung von
Forschungsmitteln, Lebensstilniveau des durchschnittlichen westlichen
Wissenschaftlers etc.).
In dem letzten Beitrag antworten Csepeli et ali auf alle Beiträge. Dabei räumen
sie ein, daß in der Thematik der Ost-West-Forschungskooperation
generalisierbare Aspekte wie "Zentrum versus Peripherie" oder Fragen
der Sprachpolitik von ihnen nicht angesprochen wurden, weil sie herausarbeiten
wollten, daß dennoch die osteuropäischen Sozialwissenschaftler strukturell
benachteiligt werden bezogen auf ihre Chance zu eigenständiger Forschung und
internationaler Reputation. Sie verstärken auch noch einmal ihre Kritik an die
datensammelnde "Big Science" und fordern empirische Untersuchungen zur
Frage der Einflußnahme der westlichen Sozialforschung auf die Entwicklung der
osteuropäischen Forschungsthemen und -methoden. Als Resümee stellen sie fest,
daß vor allem eine Selbstverständigung der Osteuropäer untereinander über
diese Thematik fehlt und eine Diskussion darüber geführt werden müßte.
(Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung mbH)
Im Herbst 1995 veröffentlichten die westberliner Politikwissenschaftler
Fritz Vilmar und Wolfgang Dümcke ein Buch mit dem Titel "Kolonialisierung
der DDR"[48]. Es handelt sich bei diesem
Sammelband um die Ergebnisse eines vierjährigen Projektes, in dessen
Mittelpunkt eine kritische Analyse des deutschen Einigungsprozesses von 1991 bis
1995 stand und in dem gleichzeitig auch Alternativen zu der Art des
Einigungsprozesses herausgearbeitet worden waren.
Vilmar/Dümcke waren zu folgenden Ergebnissen gekommen:
* Eine gleichberechtigte Mitwirkung der Ostdeutschen am Prozess der deutschen
Vereinigung fand nicht statt, da ihnen keine Möglichkeit einer Abstimmung
gegeben worden war.
* Unter dem Zeitdruck der Ereignisse gab es keinen selbstbestimmten Prozess
der demokratischen Neuorientierung bei den politischen Parteien in den neuen
Bundesländern.
* Die politischen Akteure in Bonn und Berlin interpretierten die
Mehrheitsentscheidung der ostdeutschen Bevölkerung für westdeutschen Wohlstand
und demokratischen Standard als Blankoscheck für eine Übertragung sämtlicher
westdeutscher Lebensbereiche in den Osten des vereinten Deutschland.
* In der DDR wurden nicht nur die politischen Kader aus allen Führungsämtern
entfernt, sondern auch große Teile der akademischen und Funktionseliten in
Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. Gab es in der DDR 1989 140.567
Vollbeschäftigte in Forschung und Entwicklung, so waren es Anfang 1993 nur noch
23.600, d.h. 16,8%.
* Die überstürzte Währungsunion ohne Stützungsmaßnahmen leitete die
De-Industrialisierung der DDR ein.
* Die Belastung der ostdeutschen Wirtschaft mit sog. Altschulden und mit dem
Eigentumsvorbehalt leistete weiterer De-Industrialisierung Vorschub.
* Die Privatisierungspolitik der Treuhand war völlig verfehlt. Entgegen
ihrem gesetzlichen Auftrag, ostdeutsche Unternehmen zu sanieren und zu
privatisieren, wurde ein Ausverkauf ostdeutscher Unternehmen um jeden Preis
bewirkt. Meistens kamen die Käufer aus dem Westen Deutschlands; sie konnten so
durch einen Aufkauf ostdeutscher Unternehmen deren potentielle Konkurrenz zerstören.
Die Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität
veranschlagte schon 1996 den Schaden, den Wirtschaftskriminelle beim Aufbau Ost
angerichtet haben, auf 26 Mrd. DM.
* Die Arbeitsmarktpolitik wurde nicht in Richtung auf einen Zweiten
(staatlichen) Arbeitsmarkt weiterentwickelt, sondern wird zunehmend abgebaut.
Die offizielle Arbeitslosenquote von rd. 20% in Ostdeutschland meint für viele
Regionen 30% oder gar 50% und produziert in vielen Krisenregionen Landflucht,
Alkoholismus und politische Radikalität, kurz: Verelendung und
Zukunftslosigkeit. Die Insolvenzen der Unternehmen lagen in Ostdeutschland bei
weitem höher als in Westdeutschland. Lag Hessen mit 86 von 10.000 Unternehmen
1996 an der Spitze mit Firmenkonkursen in Westdeutschland, so kamen in Sachsen
188 Insolvenzen auf 10.000 Firmen, in Brandenburg sogar 245 und in Thüringen
165.
* Die gewaltigen öffentlichen Transferzahlungen von West nach Ost sind mehr
als ambivalent zu beurteilen.
1. Zur Verhinderung der gegenwärtigen ökonomischen Katastrophe in
Ostdeutschland wären größere Finanzmittel nötig gewesen.
2. Ein großer Teil der geleisteten Transfers wurde nicht intensivverwendet,
sondern zur Abwendung sozialer und infrastruktureller Mißstände eingesetzt.
3. Von 100 DM, die im Osten für Konsumgüterartikel, Investitionsgüter oder
Dienstleistungen ausgegeben wurden, flossen rd. 56 DM in den Westen (oder das
Ausland) zurück. Drastischer formuliert: Öffentliche Gelder aus
Westdeutschland flossen über den Ostmarkt als Gewinn von privaten Unternehmen
im Westen der Republik zurück.
Soweit die Ergebnisse der beiden Politikwissenschaftler Vilmar und Dümcke.
Diese Ergebnisse und Formulierungen mögen Sozialwissenschaftlern aus Ost-
und Mitteleuropa deswegen befremdlich erscheinen, da aus deren Perspektive oft
das Argument benutzt wird, der Transformationsprozess der früheren DDR sei 1.
anders zu werten als der der anderen früheren RGW-Länder und 2. habe die frühere
DDR aufgrund des immens reichen Westdeutschlands einen einmaligen Startvorteil
gegenüber allen anderen früheren RGW- Ländern gehabt. Mit anderen Worten: Die
"Kolonialismus"-Debatte gibt es nicht nur zwischen Ost- und
Westeuropa, sondern auch innerhalb von Deutschland im Streit um die Qualität
der Vereinigung der beiden deutschen Staaten.
Definitorisch hatten die Autoren ausgeführt:
"Der Tatbestand der Kolonialisierung umfaßt mehr als die Prozesse der
weltweiten europäischen Expansion vom 16. bis zum 19. Jahrhundert.
Kolonialisierung bedeutet in ihrem Kern die politische, ökonomische und
kulturelle Dominanz eines gesellschaftlichen Systems im Verhältnis zu einem
anderen."[49]
In einem dem Buch folgenden Aufsatz [50]
verteidigen die beiden Autoren den Begriff "Kolonialismus" mit dem
Hinweis darauf, daß das "Vorhandensein struktureller Dominanzphänomene"
entscheidend für die Begriffswahl sei; im übrigen spreche auch die
feministische Soziologie von der "inneren Kolonialisierung" der Frauen
im Patriarchat.
Das Problem in der Arbeit von Vilmar/Dümcke besteht nicht darin, daß sie im
Verhältnis der alten Bundesrepublik Deutschland zu den neuen Bundesländern von
Dominanz, De-Industrialisierung, Vereinigungs- und Wirtschaftskriminalität,
Verelendung oder ökonomischer Katastrophe reden. Ich selbst habe in meinen
Arbeiten über sowohl den Wandel in der Informationswirtschaft in den neuen
Bundesländern[51] als auch in meinen Arbeiten
über den Wandel der Massenmedien in Ost- und Mitteleuropa[52] ähnliche Termini und Begrifflichkeiten benutzt. Auch wenn
es im Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Ost-/Mitteleuropa
und Westeuropa in der Tat "strukturelle Dominanzphänomene" gibt, so
rechtfertigt das keinesfalls, den Begriff des "Kolonialismus" zu
benutzen.
Mit dem algerischen Arzt, Psychoanalytiker und anti-kolonialem
Revolutionstheoretiker Frantz Fanon und seinem Werk "Peau noire, masques
blancs" (1952)[53] ist darauf zu
verweisen, daß das von G. W. F. Hegel in seiner "Phänomenologie des
Geistes" (1807) diskutierte Herr-Knecht-Verhältnis im Kolonialismus
anderer Qualität ist als das Abhängigkeits- resp. Dominanzverhältnis zweier
europäischer Industrieländer voneinander. Frantz Fanon ist zuzustimmen, wenn
er betont, daß dem (inner-europäischen) Herr-Knecht-Verhältnis bei Hegel
Ausbeutung zwar immanent ist, daß dieser aber dennoch stets das Moment von
Gegenseitigkeit vereinigt. Im Kolonialismus dagegen "pfeift der Herr auf
das Bewußtsein des Sklaven. Er will nicht seine Anerkennung, sondern
seine Arbeit."[54] Noch deutlicher und
Fanon paraphrasierend: Im Kolonialismus geht es nie nur um Ausbeutung, sondern
stets um doppelte Ausbeutung, und in diesem Verhältnis ist der Knecht nicht nur
Sklave sondern Ding und Sache; der doppelt ausgebeutete Mensch ist verdinglicht
und vertiert.
Zusammenfassend muß der Begriff "Kolonialismus" für das Abhängigkeitsverhältnis
zwischen Ost-/Mitteleuropa und Westeuropa aus folgenden Gründen abgelehnt
werden:
1. Der Vergleich zwischen beiden Abhängigkeitsverhältnissen ist formal und
a-historisch. Es muß auf dem spezifischen Erkenntnisgewinn historisch
bestimmter Formen von Macht, Herrschaft und Gewalt beharrt werden.
2. Der Vergleich zwischen beiden Abhängigkeitsverhältnissen ist theoretisch
und qualitativ unzutreffend. Konkret liefe er im übrigen auf eine
Verniedlichung der Ausbeutungsverhältnisse auf der Nord-Süd-Dimension hinaus.
Begriffe wie "Transformation" oder "Strukturwandel" haben
in der Sozialwissenschaft zwar seit rd. zwei Dekaden große Konjunktur. Sie
haben in einer normativ definierten Wissenschaft jedoch den semantischen
Nachteil, daß sie über die Qualität und Richtung des Wandels keinerlei
Aussage treffen. Für das neuartige Verhältnis zwischen Ost-/Mitteleuropa und
Westeuropa könnte man evtl. die Begriffe "Inbesitznahme" oder
"Landnahme" benutzen. Diese beiden sozialwissenschaftlich nicht
definierten und neuartigen Begriffe könnten vielleicht neue Phänomene bei der
Transition der früheren RGW-Länder besser beschreiben als solche Termini, die
einfach in andere Zusammenhänge gehören.
(Universität Erlangen-Nürnberg, Sozialwissenschaftliches Forschungszentrum)
Die von Csepeli, Örkeny und Scheppele ausgelöste Kontroverse ist nicht
aufgrund des Vorwurfs der "Kolonialisierung" bemerkenswert. Aufschlußreicher
sind die Probleme, die von den Autoren (auch polemisch) angesprochen werden:
kulturelle Rahmenbedingungen, die für vergleichende Untersuchungen der
Umbruchsgesellschaften von zentraler Bedeutung sind. Daß gerade in den Anfängen
der Transformationsforschung kulturelle Besonderheiten und vergleichende
Gesichtspunkte vernachlässigt wurden, wird an einer Bilanz der
(deutschsprachigen) Forschungsliteratur deutlich.
Für diese Mängel lassen sich drei eng miteinander verknüpfte Sachverhalte
anführen:
1. Die "westlichen" (und besonders die "westdeutschen")
Sozialwissenschaftler haben die Zäsur von 1989 nicht zum Anlaß genommen, ihre
gewohnten Analysemodelle auf Möglichkeiten der Anwendung für die
mehrschichtigen Prozesse des sozialen und kulturellen Wandels in Osteuropa zu prüfen.
Im Gegenteil: Verbreitet war die schematische Übertragung von gängigen
Analysegesichtspunkten, wie bereits 1990 der ungarische Philosoph und
Sozialwissenschaftler G. Bence kritisch feststellte.
2. Die meisten Sozialwissenschaftler, die nach 1989 in der
Transformationsforschung der postkommunistischen Gesellschaften Möglichkeiten
zur Erschließung neuer finanzieller Ressourcen und Forschungsfelder sahen, verfügten
weder über sprachliche noch über regionale oder kulturelle Kenntnisse in den
früheren "real-sozialistischen" Ländern. Ebensowenig verfügte die
überwiegende Zahl der "westlichen" Sozialwissenschaftler über
genauere Kenntnisse aus der historischen und vergleichenden Kommunismus-Länderforschung
vor 1989. Dabei boten anthropologische Fallstudien wie u.a. von Janine Wedel
("The Private Poland") oder Steven Sampson ("The Informal Sector
in Eastern Europe") wichtige Erkenntnisse zum Verständnis der
Vorbedingungen von Transformationsprozessen.
3. Nach neun Jahren Transformationsforschung sind "westliche" (und
insbesondere "westdeutsche") Sozialwissenschaftler mit Problemen
konfrontiert, die aus den Versäumnissen der Anfangsphase der
Transformationsforschung resultieren: Die mangelnde Aufarbeitung von
historischen Vorbedingungen und kulturellen Rahmenbedingungen des
Institutionenwandels, die Ungleichzeitigkeiten der politischen, ökonomischen
und kulturellen Modernisierungsprozesse und sich verstärkende Krisen in den
"Umbruchsgesellschaften" zwingen zur Reflexion der zugrundegelegten
Analysemodelle. Statt verfrühte Erwartungen an die "große"
bilanzierende Theorie zu hegen, ist vielmehr eine analytisch-rekonstruierende
Forschungsperspektive angemessen; eine Untersuchungsperspektive, wonach die
mehrschichtigen kulturellen und sozialen Wandlungsprozesse im Hinblick auf ihre
jeweiligen Vorbedingungen (historische und länderspezifische) zum Gegenstand
werden; eine Untersuchungsperspektive, die weniger mit der großen Anzahl von
acht, zehn oder vierzehn Ländern aufwartet, sondern den ausschließlich
computerunterstützten Blick auf Daten politischer und institutioneller Veränderungen
in einigen Ländern durch intensive Fallstudien ergänzt. Mit anderen Worten: Es
geht um eine vergleichende empirische Sozialforschung, die auch die
theoretischen und methodologischen Erfahrungen von Soziologen aus Ländern wie
Polen und Ungarn nutzt, die diese in ihren Fach-Gemeinschaften vor 1989 in der
Untersuchung von Wandlungsprozessen in der Spätphase des
"Real-Sozialismus" machen konnten. Dies erfordert für die anstehende
Phase der historisch-vergleichenden Transformationsforschung von uns
"Westlichen" (und "Westdeutschen") einen Blick auf
Wandlungstendenzen innerhalb der post-kommunistschen Gesellschaften, der nicht
durch schematische Begriffspaare wie "vormodern" und
"modern" belastet ist oder sich aus der Fortschreibung gewohnter
Theoreme speist wie zum Beispiel der Annahme einer "weiterführenden
Modernisierung". Ansonsten droht der "westlichen" (und
"westdeutschen") Sozialwissenschaft mit Abwandlungen ein Vorwurf, der
nach 1989 verbreitet war: die Unfähigkeit, komplexe Prozesse des sozialen
Wandels vorhersagen und analysieren zu können. Daß Vorhersagen über radikalen
sozialen Wandel wie "1989" von den Sozialwissenschaften nicht erwartet
werden können, ist zutreffend. Weniger abwegig ist hingegen die andere
Erwartung, daß die Sozialwissenschaften für die ablaufenden
Transformationsprozesse nach 1989 theoretisch und empirisch gehaltvolle
Interpretationen liefern. Zu den Voraussetzungen hierfür zählt meines
Erachtens auch die Fähigkeit "westlicher" Sozialwissenschaftler/innen
zur "interkulturellen Kommunikation" mit osteuropäischen
Kollegen/innen. Auf diesen Sachverhalt werden wir durch die Artikel der
ungarischen Sozialwissenschaftler aufmerksam gemacht.
(Universität Klagenfurt, Institut für Soziologie)
Die special issue 1996 von replika ist dem Verhältnis der
westlichen Sozialwissenschaften zu den post-kommunistischen Gesellschaften
gewidmet. "Colonization or Partnership?", das ist die provokante
Frage, die im Titel gestellt wird. In den Antworten darauf wird von den
einzelnen Autoren zum Teil sehr herbe Kritik am sogenannten Westen geübt. Die
Beziehungen werden zweifellos mehr als Kolonisierung denn als Partnerschaft
dargestellt. Ich möchte die Einladung des Informationszentrums
Sozialwissenschaften (IZ) annehmen, dieses Ergebnis zu kommentieren, auch wenn
mir der vorgegebene Rahmen eines Leserbriefs viel zu begrenzt erscheint, um dem
Thema gerecht zu werden. Trotzdem, ein Versuch, den ich in persönliche
Erfahrungen, Anmerkungen zum Text und strukturelle Plausibilitäten
gliedern will, sei gewagt.
Persönliche Erfahrungen
Noch Anfang der siebziger Jahre war es sehr schwierig,
sozialwissenschaftliche Informationen aus dem damaligen `Ostblock' zu bekommen.
Möglich waren Korrespondenzen, die unter dem Titel `Briefmarkentauschen'
liefen, in Wirklichkeit aber andere Zwecke verfolgten. Auf diese Weise konnte
ich zum Beispiel schon in meiner Studienzeit per Post sehr wichtige
soziologische Literatur über sowjetische Kader und die Sozialstruktur der UdSSR
von einem Mitarbeiter einer Bibliothek in Novosibirsk beziehen. Als
Gegenleistung zahlte ich das Jahresabonnement einer deutschsprachigen
Zeitschrift.
Für Institutionen und etablierte Wissenschaftler gab es allerdings schon
damals bessere Möglichkeiten der Kooperation. Eine strategische Rolle spielte
dabei das 1964 gegründete `Wiener Zentrum', das von westlichen und östlichen
Staaten finanziert und paritätisch geleitet wurde. Diese Koordinationsstelle
wurde 1989 aufgelöst, da ab nun direkte Beziehungen leichter waren. Ich habe ab
1975 selbst viele Jahre an einem solchen Ost-West-Projekt teilgenommen. Der große
Unterschied zur Zeit nach 1989 bestand darin, daß damals die Teilnehmer
institutionell völlig gleichberechtigt waren. Dies führte auf der
Interaktionsebene zu sehr partnerschaftlichen Beziehungen, auch wenn das
westliche Team methodisch und theoretisch den Leuten aus dem Osten überlegen
war. Man wußte im Westen, daß Daten und Informationen nur bekommen wird, wer
die Beziehungen sehr sorgfältig pflegt. Ein Ausweichen auf andere Partner war
praktisch unmöglich, weil im kommunistischen System die
Kooperationsentscheidungen zentral gefällt wurden. Wenn man von modernen
Technologien (EDV, Telefon etc.) absieht, waren die östlichen Partner auch
materiell gut ausgestattet. Die von ihnen zu organisierenden Forschungstreffen
waren immer bestens organisiert und für die Partner aus dem Westen ein
besonderes Erlebnis. Vielfach fanden sie in der entspannten und geheimnisvollen
Atmosphäre alter Schlösser statt. Ausgezeichnetes Essen war selbstverständlich,
livrierte Kellner keine Seltenheit.
Nach 1989 ist diese angenehme Seite der Ostwestkooperationen ziemlich schnell
weggebrochen. Gleichzeitig wurden die Beziehungen chaotischer. Finanzielle
Asymmetrien wurden schlagartig spürbar. Was aber nicht heißt, daß die
Ostpartner absolut mittellos waren. Mir sind eine ganze Reihe von Projekten
bekannt, die auch ohne Westhilfe existieren konnten und können. Kooperation,
Information und Daten sind aber zweifellos teurer und riskanter geworden. Das
beginnt mit Tagungsbesuchen, die einen mehr kosten können als ähnliche
Veranstaltungen im Westen. Der Druck, persönliche Zahlungen zu leisten, ist
auch dann groß, wenn im Osten eine selbständige Projektfinanzierung vorliegt.
Man spürt, daß die Statussicherheit aus der kommunistischen Zeit abhanden
gekommen ist. Anders als früher sind Reisen in den Osten mit nicht zu vernachlässigenden
persönlichen Risiken verbunden. Mehreren Kollegen von mir wurde bei Tagungen
das Auto gestohlen. Das markanteste Beispiel ist der Mercedes des Rektors
unserer Universität: Er verschwand vom bewachten Parkplatz einer östlichen
Partneruniversität.
Was ich auch erwähnen möchte, ist, daß nach meiner Erfahrung die Möglichkeit
der Kooperation heute viel gleichmäßiger verteilt ist als zur Zeit des
kommunistischen Systems. Am leichtesten war es, mit KollegInnen aus Polen,
Ungarn und Jugoslawien zu kooperieren. Mit der Tschechoslowakei war es hingegen
bis zum Schluß fast unmöglich. Man konnte den Eindruck bekommen, daß es dort
gar keine Sozialwissenschaften gibt. Nicht viel besser war es mit der DDR. In
beiden Fällen nahm gleich jeder Versuch der Kontaktaufnahme einen konspirativen
Charakter an. Antworten auf Briefe wurden zum Teil von privaten Kurieren überbracht.
Offensichtlich aus Angst, daß sie vom Sicherheitsapparat abgefangen werden könnten.
Die KollegInnen in den einzelnen kommunistischen Ländern hatten auch
unterschiedliche wissenschaftliche Stärken. Unter den Polen waren besonders
viele brillante Theoretiker, die Ungarn glänzten mit politischen Analysen und
die KollegInnen aus Jugoslawien waren relativ gute Methodiker. Daran hat sich
bis heute nicht viel verändert. Dies möchte ich besonders hervorheben, weil in
den replika-Beiträgen sehr generell von `Eastern Europe' gesprochen
wird.
Anmerkungen zum Text
Von den 19 Autoren des replika Heftes sind sechs aus den USA
beziehungsweise mit amerikanischen Universitäten assoziiert. Tschechien, die
Slowakei und Rumänien sind mit je einem Beitrag vertreten. Das Gros der Ausführungen
stammt von Budapester Soziologen. Westeuropäische Positionen beziehungsweise
Beiträge aus Deutschland, Italien oder Österreich fehlen völlig. Die Analysen
und Standpunkte in replika können daher sicherlich nicht direkt auf
Westeuropa übertragen werden. In erster Linie reflektieren die Beiträge
Erfahrungen mit den USA und den amerikanischen Sozialwissenschaften. Dies kommt
vor allem im Text von Csepeli et al. zum Ausdruck, in dem die
Kolonisierungsthese am pointiertesten formuliert wird. Die Beziehung zu den
Sozialwissenschaften in den näher gelegenen westlichen Nachbarländern wird
weitgehend verschwiegen, wenn nicht verdrängt. Lediglich ein kurzer Hinweis auf
das TEMPUS-Programm der EU kommt vor. Allerdings in einer Weise, die wohl schwer
als Beleg für Kolonisierung dienen kann. Kritisiert wird, daß sich die südlichen
EU-Staaten Gelder abzwacken, die eigentlich Mittel- und Osteuropa zustünden.
Strukturelle Plausibilitäten
"Colonization or Partnership?" Ehrlicherweise wird man davon
ausgehen, daß Partnerschaft in der Regel nur dann zustande kommt, wenn die
Beziehung auf Gegenseitigkeit beruht, d.h., jeder der Beteiligten dem anderen
etwas Attraktives bieten kann. Es wird zu prüfen sein, wo das in den
sozialwissenschaftlichen Ost-West-Beziehungen der Fall ist. Bis 1989 waren
solche Kooperationen von hohem politischen (Systemkonfrontation) und
wissenschaftlichen (Systemvergleich) Wert. In der nachfolgenden
Transformationseuphorie - und über die reflektieren die replika-AutorInnen
vor allem - versuchten alle möglichen Individuen und Gruppen auszuloten, was
nun möglich ist. Man kann das wie Ferenc Glatz von der Ungarischen Akademie der
Wissenschaften im letzten Sonderheft des Wiener Instituts für den Donauraum und
Mitteleuropa (IDM) ganz nüchtern ohne moralisierenden Grundton sehen:
"Eine der größten Enttäuschungen in bezug auf die eigenen Illusionen
bedeutet für die ungarische Gesellschaft die Tatsache, daß es sich bei der
westlichen Integration nicht um ein Hilfsprogramm, sondern um eine
Zwangsmodernisierung handelt." Dies gilt zum Teil offensichtlich auch für
die Sozialwissenschaften.
Die `Modernisierer' nach der Wende in den frühen neunziger Jahren kamen aber
überwiegend aus den USA und nicht aus Westeuropa (Ausnahme DDR). Dies ist auch
aus der Kritik der replika-AutorInnen erkennbar. Die Gründung der
Central European University in Prag, Warschau und Budapest ist nur eines von
vielen Beispielen. Tonnenweise wurden Bücher und Apparate über den Atlantik in
den Osten gekarrt. Manches davon war nicht auf dem neuesten Stand, was von den
Empfängern gelegentlich mit großer Empfindlichkeit registriert wurde
("Als ob wir gerade von den Bäumen gestiegen wären."). Aber auch
ohne solche Entwicklungen sind Reibungsflächen leicht vorstellbar. Die
Erwartungen mancher ost- und mitteleuropäischer Intellektueller an die USA
waren anfangs überzogen. Man ist geneigt, ihre Situation mit jener in
Westeuropa in den fünfziger und sechziger Jahren zu vergleichen. Noch vor nicht
so langer Zeit konnte zum Beispiel auch an manchen deutschsprachigen Universitäten
die positive Antwort auf die Frage 'In Amerika gewesen?' für eine akademische
Karriere ausschlaggebend sein. Was die wissenschaftlichen Grundpositionen
betrifft, die in der Argumentation in replika auch eine Rolle spielen,
gab es übrigens erst jüngst in den Mitteilungsblättern des RC `Theory and
Society' der ISA eine heftige Kontroverse zwischen dem deutschen Soziologen Münch
und dem Amerikaner Alexander. Der Amerikaner hatte sich durch einen Beitrag von
Münch[55] am letzten Weltkongreß der
Soziologen in Bielefeld provoziert gefühlt. Und damit ist das Thema
offensichtlich noch lange nicht abgeschlossen. Auf dem diesjährigen gemeinsamen
Soziologiekongreß der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen
Gesellschaft für Soziologie in Freiburg gibt es ein eigenes Programm
`Amerikanisierung der deutschsprachigen Soziologie nach 1945?'
Abschließend noch einige Überlegungen zu der Beobachtung, warum Westeuropa
in den Reformstaaten wissenschaftlich (und kulturell) weniger präsent ist als
Nordamerika. Meines Erachtens könnte das mit folgenden Faktoren zusammenhängen:
a) Westeuropa ist in Wissenschaft und Kultur nach wie vor, wenn heute auch schon
weniger als vor zehn Jahren, nationalstaatlich orientiert. Daraus ergeben sich
weniger Anstöße für internationale Kooperation. b) In den
post-kommunistischen Gesellschaften gilt oft allgemein nicht Westeuropa, sondern
die USA als Vorbild. Im Statusdenken wurde einfach `Sowjetunion' durch `USA'
ersetzt. Dies wird durch den nach wie vor zentralistischen Charakter dieser
Gesellschaften unterstützt. c) Kooperation verlangt Sprachkenntnisse. Wenn überhaupt
vorhanden, dann spricht die sozialwissenschaftliche Intelligenz im Osten
Englisch. Auch das fördert eher den Kontakt mit Nordamerika als mit dem
vielsprachigen Westeuropa. d) In den USA gibt es häufiger als in Westeuropa
Universitäten und Forschungsstätten, in denen Immigranten bzw. Nachfahren von
Immigranten aus Osteuropa eine Rolle spielen. Sie setzen oft die entscheidenden
Initiativen für Kooperationen.
Für die Zukunft der Kooperation zwischen den Sozialwissenschaften West- und
Osteuropas finde ich zwei Entwicklungen wichtig:
1) Die Wissenschaftsprogramme der Europäischen Union und
2) die Herausbildung internationaler Forschungsnetzwerke.
Die Europäische Union kann vor allem die finanziellen Probleme der
post-kommunistischen Forschungsstrukturen lindern. Durch den politischen
Hintergrund der EU-Programme kann möglicherweise den in replika
beschriebenen Kolonisierungstendenzen leichter begegnet werden als in den eher
chaotischen Beziehungen mit den US-Sozialwissenschaften nach 1989. Die Ablösung
nationalstaatlicher Forschungshierarchien durch Netzwerke, in denen
Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern prinzipiell gleichberechtigt
zusammenwirken, ist in den Sozialwissenschaften heute schon deutlich zu
erkennen. Auch das kann die Position der KollegInnen aus den
post-kommunistischen Gesellschaften stärken. Hier wird eine Zusammenarbeit möglich,
die sie zum Beispiel selbst mit ihren früheren Verbündeten (wegen
nationalstaatlicher Ausrichtung?) nicht schaffen. In diesem Szenario wird übrigens
die Initiative viel stärker von den Ost(mittel)europäern selbst ausgehen müssen
als das bisher der Fall war, denn mit der `Normalisierung' der
gesellschaftlichen Beziehungen könnte es für einen Sozialwissenschaftler aus
den USA oder Westeuropa keinen besonderen Grund mehr geben, sich mit einem Land
des früheren Ostblocks zu beschäftigen. Damit wäre auch die Angst vor
Kolonisierung obsolet, allerdings auch die Hoffnung auf Partnerschaft.
(Russische Akademie der Wissenschaften, Institut für Geschichte der
Wissenschaft und Technologie, Abt. für Wissenschaftssoziologie)
Der Beitrag von G. Csepeli, A. Örkeny und K.L. Scheppele hat zweifellos eine
positive Rolle gespielt, da er ein Thema zum Gegenstand der öffentlichen
Diskussion gemacht hat, das unter den osteuropäischen Wissenschaftlern ständig
wiederholt wird. Die Vielzahl von Beteiligten und die Lebhaftigkeit der
Diskussion beweist, wie aktuell die aufgezeigte Problematik ist.
Der schmerzhafte Zeitraum der Transformation und der krisenhafte Zustand in
der Wissenschaft sind nicht an Rußland vorbeigegangen, so daß den russischen
Kollegen die Stimmungen und Gefühle der Autoren gut bekannt sind. Dennoch
scheint mir, daß eine ganze Reihe ihrer Vorstellungen, Wertungen und Schlußfolgerungen
nicht das Ergebnis einer objektiven Analyse der realen Situation sind, sondern
vielmehr dadurch zustande gekommen sind, daß sie angesichts der Ergebnisse aus
den langersehnten sozialen Veränderungen tief enttäuscht sind. Der Beitrag
wendet sich eher an die Emotionen als an den Verstand der Leser, wodurch sowohl
seine Stärke als auch seine Schwäche begründet wird.
Mir persönlich gefällt die Absicht des Beitrages nicht, wenn die Schuld an
der gegenwärtigen Situation in der Wissenschaft und der Wissenschaftler in den
osteuropäischen Ländern auf externe Ursachen abgewälzt wird. Das wird bereits
an den Bildern und der Lexik des Textes deutlich. Selbst wenn die Metapher ein
stilistisches Mittel darstellt, wird sie in wissenschaftlichen Texten als
Erkenntnisinstrument verwendet und deshalb wird eine existierende Ähnlichkeit
des metaphorischen Modells mit dem untersuchten Gegenstand angenommen. Ist das
so bei den zentralen Metaphern der Autoren - "AIDS" und "colonization"?
Mit dem Begriff AIDS werden im Massenbewußtsein attributiv zwei
Vorstellungen verbunden: es handelt sich um eine von außen eingeschleppte
Krankheit, die zwangsläufig tödlich endet. Hierbei ist die Bedeutung von acquired
sehr wichtig, womit unterstrichen wird, daß die Krankheit von außen
hereingetragen wurde und es zuweilen völlig unschuldige Opfer trifft. Trifft
das denn auf das diskutierte Phänomen zu? Ich denke, daß das "Immunitätsdefizit"
der Sozialwissenschaften in den postsozialistischen Ländern und das ihrer
Wissenschaftler ein ureigenes ist, das sich in Jahrzehnten des Wirkens unter den
Bedingungen einer streng zwingenden staatlichen Ideologie entwickelt hat. Die
Notwendigkeit, dieser Ideologie zu folgen, die einem großen Teil der
Wissenschaftler fern lag, hat dazu geführt, daß man sich daran gewöhnte,
fremden Interessen und Anweisungen zu dienen und Käuflichkeit zu tolerieren.
Was die Vorstellung vom unweigerlich tödlichen Ausgang der Krankheit anbelangt,
so wird diese offenbar auch von den Autoren selbst nicht geteilt. (Anderenfalls
würde es sich nicht lohnen, sich wegen des weiteren Schicksals der East Europe
Social Sciences Sorgen zu machen.)
Der Begriff der Kolonialisierung ist ebenfalls hinreichend definiert: Die Bemühungen
der Kolonialherren sind immer darauf ausgerichtet, daß über einen langen
Zeitraum die Reichtümer aus der Kolonie in die Metropole gepumpt werden. Obwohl
in den osteuropäischen Ländern die Situation nicht überall gleich ist, paßt
diese Metapher m.E. kaum zur tatsächlichen Situation.[56] Wenn man Elemente einer vergleichbaren Strategie in
einigen Ländern (zum Beispiel in Rußland) hinsichtlich einzelner Richtungen in
den hochentwickelten naturwissenschaftlichen Disziplinen feststellen kann, so
trifft das auf die Sozialwissenschaften nicht zu. Niemand erhebt Anspruch auf
unsere intellektuellen Reichtümer. Mehr noch - die Autoren haben es sich zur
Aufgabe gemacht, solche intellektuellen Güter ausfindig zu machen, die
westliche Partner interessieren könnten.
Aus der Übersicht (Best, Einführung, S.17) geht hervor, daß die russische
Forschung die geringste finanzielle Unterstützung aus ausländischen Quellen
erhält. (5%) Offenbar trägt das dazu bei, die nationalen Interessen und die
nationale Selbstidentifikation der einheimischen Wissenschaftler zu bewahren,
aber natürlich verschlechtert sich damit die finanzielle Absicherung der
Forschung. Dennoch gibt es seit 1994 in Rußland eine nationale Quelle
zur Unterstützung der Sozialwissenschaften, die aus dem Budget des Fonds für
geisteswissenschaftliche Forschungen (RGNF) finanziert wird und die Gelder für
die besten Projekte in den Geschichtswissenschaften, den
Wirtschaftswissenschaften, der Philosophie, Soziologie, Politologie, Philologie,
Kunstwissenschaften, Psychologie und Pädagogik bereitstellt. Im Jahr 1998
erhalten dadurch Unterstützung:
* 1780 Forschungsprojekte (60636 Tsd. Rubel, was ungefähr 10.000 Tsd. Dollar
entspricht);
* 375 Projekte zur Herausgabe von Büchern (1.500 Tsd. Dollar);
* 123 Projekte zur Durchführung wissenschaftlicher Konferenzen (500 Tsd.
Dollar);
* 80 Forschungsexpeditionen und empirische Forschungen (400 Tsd. Dollar).
Im Jahr 1997 hat der Fonds seine Verpflichtungen vollständig eingehalten,
vor allem wurden fast 500 Titel wissenschaftlicher Monographien herausgegeben. (Poisk,
1998)
Somit kann man feststellen, daß die Sozialwissenschaften in Rußland bis
jetzt im wesentlichen weiter mit nationalen Geldern existieren und deshalb die
eigene Problematik nicht aufgegeben haben, die interessant ist im Land,
wenngleich sie sich natürlich sehr verändert hat - genau wie die soziale
Realität. Im allgemeinen ist die Korrelation zwischen der beruflichen
Produktivität der Wissenschaftler und ihrer Aktivität in den internationalen
Wechselbeziehungen keineswegs eindeutig. Wie unsere empirische Untersuchung
zeigt, die in den Jahren 1995-1996 in führenden naturwissenschaftlichen
Instituten der Akademie der Wissenschaften Rußlands durchgeführt wurde,
koexistieren in der russischen akademischen community drei verschiedene Gruppen
von Wissenschaftlern: Deutlich hebt sich eine Elitegruppe ab, die aus den
produktivsten Fachkräften besteht, die umfassend in die internationale
Zusammenarbeit eingebunden sind. Aber auch eine andere Gruppe von
Wissenschaftlern, die wenig produktiv sind und kaum Perspektiven in ihrer
beruflichen Tätigkeit haben, ist ebenfalls auf internationalem Gebiet sehr
aktiv. Schließlich ist auch deutlich eine Gruppe von hochspezialisierten und
produktiven Wissenschaftlern auszumachen, die faktisch nicht in die
internationale Zusammenarbeit einbezogen sind. ( Mirskaya, 1998)
Die charakteristische Tendenz des diskutierten Beitrages, die Aufmerksamkeit
auf die negativen Ergebnisse der stattgefundenen Veränderungen zu
konzentrieren, ist für mich vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen nicht
objektiv und sie ist - aus psychologischer Sicht betrachtet - schädlich. Das
Gefühl des Gekränktseins, das solchen Wertwandel begründet, und die Position
der Gekränkten sind nicht produktiv. Tatsächlich ist es so, daß die 90er
Jahre unsere Erwartungen nicht erfüllt haben und schöne Illusionen zerstört
wurden. Aber wir haben uns doch selbst eingeredet, daß die radikalen
Umgestaltungen nur die uns unangenehmen Seiten des Lebens betreffen werden,
indem alles Gute beibehalten wird und Unerreichtes hinzukommt. Wir waren es
selbst, die die westliche Wissenschaft und ihre Vertreter maßlos idealisiert
haben. Man darf nicht gekränkt und böse auf die anderen sein, weil unsere
Hoffnungen und Vorstellungen utopisch waren.
Es ist an der Zeit, sich in professioneller Weise über die Unumkehrbarkeit
der Veränderungen, die sich vollzogen haben, klar zu werden und aufzuhören, in
der Vergangenheit zu leben. Die eigene Arbeit und die eigenen Beziehungen zur
Weltgemeinschaft der Wissenschaft müssen entsprechend der neuen Realität
gestaltet werden. Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß das besondere
Interesse des Westens an den Ländern des ehemaligen Ostblocks aufgrund der
bekannten geopolitischen Veränderungen erschöpft ist und in naher Zukunft
nicht wieder geweckt werden wird. Das dadurch entstandene Kräfteverhältnis gehört
der Vergangenheit an, die entsprechende Finanzposition wird drastisch gekürzt,
eine neue Generation von professionellen Sowjetologen wird es nicht mehr geben.
Deshalb muß man sich um die Erleichterung und Entwicklung von Kontakten kümmern
und eine langfristige Interessiertheit auf einer neuen Grundlage der
Wechselbeziehung zwischen den Kulturen schaffen.
Der Großteil der russischen Wissenschaftler ist für ein Aufeinandertreffen
der Kulturen psychologisch nicht bereit. Wir betrachten unsere Art des Wissens
und der Wahrnehmung als derart bedeutsam, wir sind so von unserer
"Einmaligkeit" berauscht, daß wir ganz selbstverständlich von den
ausländischen Kollegen erwarten, daß sie sich darum bemühen und fähig sind,
uns zu verstehen. Dabei geht es nicht nur darum, die Texte zu verstehen, sondern
auch den Kontext und das, was zwischen den Zeilen steht, was oft wichtiger ist
als der eigentliche Text. Aber wir fühlen uns nicht verpflichtet, unseren Teil
an der Arbeit zu leisten, unseren Teil des Weges zum gegenseitigen Verständnis
zu gehen.
Derzeit werden in vielen altertümlichen Städten alte Gebäude saniert (gentlefication),
wobei neben dem Erhalt der historischen Schönheit moderne Annehmlichkeiten für
das Leben dort geschaffen werden. Ich glaube, daß es notwendig ist, auch in dem
alten Gebäude unserer Wahrnehmung - in den bizarren und baufälligen Räumen,
in denen auch nur wir uns zurechtfinden können -, eine solche
"Renovierung" vorzunehmen, so daß es für alle, die es wollen, zugänglich
und angenehm wird. Das wird das Fundament unserer Verständigung mit der
wissenschaftlichen Weltgemeinschaft wirklich festigen. Und für uns selbst müssen
wir entscheiden, was wir von den internationalen Beziehungen wollen und was wir
davon erwarten - eine echte wissenschaftliche Zusammenarbeit oder materielle
Hilfe für die aktuellen Nöte. Gerade die realen Ergebnisse der Auswirkung der
internationalen Zusammenarbeit auf die nationalen wissenschaftlichen
Gemeinschaften müssen Gegenstand genauer soziologischer Untersuchungen sein.
(aus dem Russischen übersetzt von Christine Teichmann)
Literatur
Beschluß des Rates des Russischen Fonds für Geisteswissenschaften, Poisk
Ndeg.10(460), 28, Februar 1998, S. 11
Mirskaya, E.Z., The role of international interactions in contemporary
science in Russia, in: Science and Public Policy, 1998, Ndeg.1, S. 37- 45
(Universität Hannover, Historisches Seminar - Osteuropäische Geschichte)
An dieser Stelle einige Bemerkungen in aller Kürze zur Ungleichheit: Grundsätzlich
machen die Aufsätze aus der Sicht der Betroffenen auf einen Tatbestand von
"langer Dauer" aufmerksam: die ungleiche, durch die unterschiedliche
Stellung im System strukturierte Beziehung zwischen Westen und Osten in Europa
(wie zwischen Großregionen in der gesamten Welt) gilt auch im Bereich der
Wissenschaftsbeziehungen (da es keine "herrschaftsfreien Dialoge"
gibt). Die Ungleichheit ist durch das monopolsozialistische Experiment überformt,
aber nicht aufgehoben worden, was ich am russischen Fall aufzuzeigen versucht
habe.[57]
Die Aufsätze sind insofern etwas enttäuschend, als die Literatur zur
ungleichen Entwicklung nicht rezipiert zu sein scheint. Dadurch erscheint als
Ergebnis des Zusammenbruchs des Sozialismus, was schon lange zur Struktur
Europas gehört: Daniel Chirot Ed.: The Origins of Backwardness in Eastern
Europe, Berkeley 1989, California UP, Miroslav Hroch, Lud'a Klusakova Ed.:
Criteria and Indicators of Backwardness, Essays on uneven Development in
European History, Prague 1996 - Variant Editors (ISBN 80-900969-1-3);
Tschechisch Lud'a Klusäkovä Ed.: Kriteria a Ukazatele nerovnomemeho v'voje v
evrops[yacute]ch dejinach, Praha 1997 - Seminar obecn[yacute]ch dejin FFUK. In
diesem Kontext von Nichtzurkenntnisnahme wird dann eine Sprache gewählt, die an
studentische Fassungen der Dependencia-Theorie erinnert.
Für Ungarn sind die Arbeiten von Ivan Berend einschlägig. Der Titel seines
letzten Buches heißt m.E.: "From Periphery to Periphery" , es ist
wohl im letzten Jahr in Berkeley erschienen.
Allerdings argumentiert Berend (zumindest in älteren Werken wie B.: German
Economic Penetration in East Central Europe in Historical Perspective, in:
Stephen E. Hanson, Willfried Spohn (Eds.): Can Europe work? Seattle 1995 -
University of Washington Press, ISBN 0-295-97460-5, p. 129-150) das Problem
weithin ökonomisch. Für mein Erklärungsmodell für strukturierte Ungleichheit
im System (Nolte, H.-H.: Die eine Welt, Abriß, 2. Aufl. Hannover 1994, Fackelträger-Verlag)
spielt der Begriff der Kompetenzakkumulation dagegen eine zentrale Rolle
(zuletzt: Kompetenzakkumulation im Weltsystem. Der Krieg, Rußland und die Liebe
zu soliden Sachen, In: Eva Barlösius, Elcin Kürsat Ahlers, Hans-Peter Waldhoff
u.a. (Hrsg.): Distanzierte Verstrickungen. Die schwierige Bindung soziologisch
Forschender an ihr Objekt. Festschrift Peter Gleichmann. Berlin 1997, S.
147-160). Von diesem Ansatz aus lassen sich die in den Aufsätzen angesprochenen
Fragen vermutlich leichter historisch einordnen als von einem eher ökonomischen
Ansatz aus.
Im engeren Sinn, ist die von den Autoren aufgeworfene Frage eine
wissenssoziologische. Hier möchte ich auf Privatdozent Dr. Hans-Peter Waldhoff[58] hinweisen, der an Problemen
wissenschaftlichen Austauschs unter Bedingungen von Ungleichheit arbeitet.[59] Wie den Titeln zu entnehmen ist, arbeiten
Waldhoff und seine Gruppe an deutsch-türkischen intellektuellen Beziehungen;
die selbstverständlich anders gelagert sind, als die zwischen Ungarn und dem
Westen allgemein; aber in mancher Hinsicht sind die Kommunikationsprobleme doch
auch ähnlich.
(Universität Magdeburg, Institut für Soziologie)
Der Aufsatz von Csepeli, Örkeny und Scheppele über die Kolonisierung der
osteuropäischen Wissenschaftskulturen durch den Westen, die sie mit dem Bild
einer AIDS-Infektion beschrieben haben, verdient es ernst genommen zu werden.
Denn trotz der polemischen Schärfe und einzelner Widersprüche, auf die die
bisherigen Kommentatoren bereits aufmerksam gemacht haben, macht er auf
Empfindlichkeiten aufmerksam, die viele andere osteuropäische Wissenschaftler
ebenso haben, aber nicht so öffentlichkeitswirksam äußern konnten wie diese
Autoren. Auch ich mußte mich in den letzten Jahren meiner ausgedehnten
Projektarbeit in Rußland - und nur auf diese Abteilung der
Wissenschaftsproduktion kann ich mich hier beziehen - mit offenen oder,
schlimmer, versteckten Fragen nach meiner Rolle und meinen Interessen in dem
einen oder anderen Forschungsvorhaben auseinandersetzen. Im folgenden möchte
ich drei Aspekte herausgreifen, die immer wieder die interne Projektdiskussion
berührt haben und von denen ich, leider, annehme, daß sie kurzfristig ihren
problematischen Charakter nicht verlieren werden.
1. Wer definiert die Themen? Die Frage nach der Definitionsmacht betrifft natürlich
nicht nur die Projektthemen, sondern auch die hierfür heranzuziehenden Theorien
und die spezifischen Problemkontexte, innerhalb derer bestimmte Phänomene
wissenschaftlich überhaupt diskutiert werden können, wenn sie nach
Projektablauf für den Wissenschaftsdiskurs von Belang sein wollen. Tatsächlich
waren manche Ansätze in den Anfangsjahren der Zusammenarbeit vielen russischen
Sozialwissenschaftlern kaum verständlich zu machen, und dennoch mußten gerade
diese angewendet werden, um an Projektmittel zu kommen. Die Zwänge der
Wissenschaftsinstitutionen mochten allerdings auch vielen der westlichen
Forscher nicht einsichtig sein, da sich das "Feld" Osteuropa erst allmählich
strukturierte und das Interessante nicht unbedingt mit dem Möglichen
korrespondierte. Andererseits lösten sich mit der fortschreitenden
Transformation viele dieser Probleme auf, und es entstanden völlig neue
Forschungsbereiche, die zwar ihren methodologischen und theoretischen Vorlauf im
Westen nicht verleugnen können, doch eindeutig auf die spezifischen Kontexte
zugeschnitten sind, denen die westlichen Partner folgen müssen (und wollen); zu
nennen sind beispielsweise die Wahlforschung, die Erforschung neuer sozialer
Bewegungen, die Neuthematisierung von Ethnizität und ethnischen Konflikten.
2. Ein verwandtes Problem sind die Finanzierungsbedingungen, unter denen die
westlichen Forscher zum Teil genauso leiden wie die russischen. Etwas verkürzt,
aber dennoch treffend, läßt sich diese Situation folgendermaßen
zusammenfassen: bundesdeutsche drittmittelfinanzierte Wissenschaftsförderung
ist entweder Inlandsförderung oder Auslandsförderung, nur in seltenen Fällen
internationale Projektförderung. Zwei Szenarien sind daher die normalen:
Szenario Nr. 1 bedeutet die Finanzierung der inländischen Antragsteller, und
die russischen Projektteilnehmer werden nur mit sehr geringen Honoraren berücksichtigt.
Falls sie "nur" als Informations- und Datensammler eingestellt werden
und dies ihrem Selbstbild entspricht, bedeutet dies kein Problem; sind sie
jedoch über ihren Projektbeitrag anderer Meinung und können - was nicht immer,
aber doch hin und wieder der Fall ist - auf entsprechende Vorarbeiten verweisen,
so ist eine gleichberechtigte Zusammenarbeit von vornherein erschwert, wenn
nicht ganz unmöglich. Szenario Nr. 2 sieht die - beispielsweise per Stipendien
finanzierte - Förderung der russischen Teilnehmer vor, während die inländischen
Projekt"leiter" bzw. -Organisatoren finanziell nicht beteiligt werden
und somit der Kreis derer, die dazu bereit sind, sehr klein ist. Die wenigen
Forscher, die dennoch bereit sind, gewissermaßen "umsonst" zeit- und
energieraubende Projekte durchzuführen, sind dann verständlicherweise,
gewissermaßen als Kompensation, an schnellem Publizieren interessiert, wobei
die russischen Partner dann oft zurückbleiben. Forschungsförderung, die beide
Seiten als gleichberechtigte Projektpartner ansieht, ist extrem selten, wobei
vor allem die Volkswagen-Stiftung hervorzuheben ist, die dieses Problem erkannt
hat. Und dennoch ist die drittmittelgeförderte Projektforschung in Rußland die
fast einzige, da die Universitäten bekanntermaßen dafür kein Geld aufbringen
können. Jedes einzelne Forschungsvorhaben ist daher von deutscher Seite ein
aufwendiges logistisches Unternehmen, bevor überhaupt an die eigentliche
Projektarbeit geschritten werden kann.
Ein besonderes Kapitel sind die Projektförderungen der europäischen
Wissenschaftseinrichtungen INTAS und TACIS, um nur diese zu nennen. Zwar haben
sie das unterstützenswerte Ziel der multilateralen Projektzusammenarbeit, doch
ist nach einem komplizierten Antragsverfahren für die Durchführung ein enormer
Organisationsaufwand nötig, der von niemandem gerne getragen wird, zumal für
die Leitungsseite, außer einigen Reisemitteln, keine Finanzierung vorgesehen
ist. Doch auch die russischen Partner werden für die anspruchsvolle Arbeit, die
von ihnen verlangt wird, nur gering entlohnt, weshalb sich auf allen Seiten
einerseits eine große Müdigkeit eingestellt hat, andererseits diese Art der Förderung
aber noch eine wirklich internationale Vernetzung ermöglichen könnte und somit
begehrt ist.
3. Dies führt zu der Frage, von welcher Kategorie westlicher Sozialforscher
eigentlich die Rede ist, was in dem Kommentar von Lemon und Altshuler auch
angesprochen wurde. Es ist klar, daß die reisenden Berater von Weltbank und
Consulting-Firmen unter anderen Bedingungen arbeiten als die akademischen
Forscher. Auch gibt es immer wieder Beispiele des oberflächlichen
Wissenschaftstourismus, wenn Personen mit hohem Salär und ohne Sprachkenntnisse
in die russischen Forschungszentren reisen, sich mit Informationen ausstatten
lassen und diese dann für ihre Publikationen verwenden, ohne ihren Beratern
einen gebührenden Platz einzuräumen. Dies hat jedoch mit solider Forschung,
die ich im Blick habe, nichts zu tun, denn diese ist Kärnerarbeit und bedeutet
oft monatelange Aufenthalte im Lande, die nicht oder nur wenig gefördert
werden. Diese wird vor allem von Forschern des sogenannten
"Mittelbaus" getragen, die zwar weniger unter Präsenz- aber unter
Publikations- und Präsentationsdruck stehen und für die die
Drittmittelforschung selbst Subsistenzmittel ist. Sie müssen nicht nur mit
ihren Projektmitteln haushalten, sondern auch für Konferenzreisen selbst
aufkommen, während ihre russischen Partner eingeladen werden. Zwar ist dies
einerseits einleuchtend, da von durchschnittlichen finanziellen Möglichkeiten
ausgegangen wird und die russischen Forscher dabei klar unterlegen sind;
andererseits gehören die beteiligten deutschen Partner eben gerade nicht zu den
materiell Begünstigten. Diese Asymmetrie ist übrigens auch schon in den die
Projekte einleitenden Arbeiten institutionell angelegt; so gibt es
beispielsweise erheblich weniger Studienbeihilfen für deutsche Studenten in Rußland
als für russische Studenten an bundesdeutschen Universitäten;
Praktikumsstellen in den Sozialwissenschaften werden überhaupt nur für die
russische Seite gefördert.
Die Ost-West-Kooperation ist ein hartes Geschäft geworden, um so mehr, als
zwei gleichzeitig ablaufende Prozesse hier fatal einwirken. Während das
Interesse an Osteuropa-Forschung kontinuierlich zurückgeht (und auf Rußland
bezogen niemals so stark war wie in anderen ostmitteleuropäischen Ländern),
nimmt aufgrund der unsäglichen Universitätssituation die Anzahl der
Projektforscher ebenso kontinuierlich zu, die sich auf dem sich verkleinernden
Drittmittelmarkt gegenseitig Konkurrenz machen. Diese Situation ist einer
gleichberechtigten Kooperation nicht dienlich, weshalb solche Artikel wie die
der ungarischen Wissenschaftler notwendig sind, diese sich allerdings auch die
Zwänge der anderen Seite klarmachen sollten.
(Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Sozialwissenschaften/
Karlsuniversität, Institut für Europastudien)
Die Diskussion in der ungarischen Zeitschrift replika, die in Band 3
von "Sozialwissenschaften im neuen Osteuropa" nachgedruckt wurde[60], ist sehr zeitgemäß. In essayistischer Form
und bewußt provozierend angelegt, wie die Autoren Csepeli, Örkeny und
Scheppele betonen (S. 49), beleuchtet sie wichtige Bedingungen
sozialwissenschaftlicher Arbeit nach 1989. Es geht, kurz gesagt, darum, wie die
osteuropäischen Sozialwissenschaftler mit den deutlichen Verschlechterungen in
ihren Arbeitsbedingungen umgehen, und welche Rolle Wissenschaftler (und
Finanzmittel) aus dem Westen in der heutigen osteuropäischen
Forschungslandschaft spielen. Die Argumente müssen nicht wiederholt werden.
Nachfolgend nur einige Bemerkungen auf Grundlage meiner eigenen Erfahrungen in
der Kooperation mit osteuropäischen Kollegen in Forschung und Lehre.
1. Am instruktivsten finde ich den stärker zurückhaltenden, aber analytisch
genaueren Artikel von Zusanna Kusa (aus der Slowakei). Sie stimmt in der Bilanz
den drei Autoren des Startessays zu, setzt aber eigene Akzente. Hilfreich ist,
daß sie dabei weitgehend auf "starke Bilder" (etwa das von der tödlichen
Krankheit, die den Indianern durch die europäischen Kolonialisten eingeschleppt
wurde) verzichtet. Ihr zentraler Punkt ist der Zerfall der eigenen
Wissenschaftlergemeinschaft. Die Schwerpunkte der wissenschaftlichen Diskussion
werden so zwangsläufig von außen hereingetragen. (S. 40, vgl. für Ungarn: S.
56) Die Forschung ist zersplittert und hoch spezialisiert, weil sie - vor allem
wegen des Mangels an einheimischen Finanzquellen - Teil westlicher Projekte ist,
in dem die slowakischen Forscher die Rolle von subalternen Projektmitarbeitern
übernehmen, die Daten sammeln. Meine Erfahrung ist ähnlich, aber ich sehe auch
gegenläufige Tendenzen, die es verdienen, hervorgehoben zu werden: es gibt auch
Ansätze der Neubildung von sozialwissenschaftlichen Gemeinschaften in den
einzelnen Ländern und länderübergreifend in der Region. Mir selbst sind die
regelmäßigen gemeinsamen Konferenzen der Politologen Ostmitteleuropas
(Ungarns, Österreichs, Kroatiens, Sloweniens, Tschechiens, der Slowakei und
Polens) aufgefallen. Die jüngste wurde durch den kroatischen Politologenverband
erst im Winter dieses Jahres ausgerichtet. Daneben existieren einzelne
erfolgreiche Projektmanager aus Osteuropa selbst, von denen der ungarische
Politologe Attila Agh einer der erfolgreichsten ist. Aber richtig ist, daß auch
diese "innerregionalen" Aktivitäten häufig nur zustandekommen, weil
sie durch westliche Mittel gefördert werden.
2. Das muß kein Makel sein. Der Osten ist auf diese Hilfe in hohem Maße
angewiesen, und die einzelnen westlichen Geldgeber (öffentliche Fonds, private
Stiftungen, auch Stiftungen von Parteien) fördern nach meiner Erfahrung auch
durch Osteuropäer geleitete autonome Netzwerke großzügig. Das natürlich
nicht ohne jeweils auch eigene Ziele zu verfolgen, wie etwa die Soros-Foundation,
die den ideologischen Kampf für eine "offene Gesellschaft" führt.
Der Ertrag für die Osteuropäer tritt unabhängig von solchen politischen
Absichten ein. Im Einleitungsartikel von Csepeli u.a. wird dagegen unzulässig
verallgemeinernd behauptet, die Osteuropäer hätten von solchen Forschungen
kaum einen längerfristigen Vorteil, es entstünde vor allem keine Infrastruktur
(Bibliotheken, Computertechnik), und außer dem finanziellen Entgelt hätten die
einzelnen Forscher kaum einen Nutzen davon. Das könnte man sicher durch
empirische Analysen widerlegen. Ich greife nur auf eigene Erfahrungen zurück:
Am Institut, an dem ich gegenwärtig als Gastdozent beschäftigt bin, dem
Institut für Internationale Studien an der Karls-Universität in Prag, sind mit
Hilfe vor allem des DAAD und des British Council auch umfangreiche finanzielle
Mittel unterstützend in die Infrastruktur (Bibliothek, Computertechnik)
geflossen. Wichtig sind auch die vielfältigen Stipendien, die an Forscher
verschiedener Altersstufen aus Mittel- und Osteuropa vergeben werden. Die dabei
erreichten Qualifikationen jedenfalls sind nicht nur von kurzfristigem Wert für
die betreffenden Forscher, sondern können erheblich die Bedingungen
wissenschaftlicher Arbeit in den betreffenden Institutionen verbessern helfen.
Allerdings existiert das Problem des "Brain-Drain", das von Csepeli
u.a. angesprochen worden ist (25).
3. Diese Dysfunktionalität der Hilfe entsteht aber nicht vor allem wegen
irgendwelcher böser Absichten des Westens, obwohl sicher die Abwerbung begabter
junger Leute eine Rolle spielt. Sie entsteht auch nicht deshalb, weil wie
Csepeli u.a. vermuten, die jungen Leute im Westen nur die spezifischen Methoden
und Erkenntnisse des Westens kennenlernen und darüber ihre eigenen (osteuropäischen)
Traditionen und Innensichten vergessen würden. (S. 25) Hier kommt ein anderes
Grundproblem ins Spiel, das merkwürdigerweise in den Beiträgen gar nicht
auftaucht: Die jungen Wissenschaftler bleiben nur deshalb nach Abschluß des
Studiums in westlichen Staaten, oder gehen in die Wirtschaft und Politik, weil
die finanziellen Bedingungen an den akademischen Forschungseinrichtungen so jämmerlich
sind. Die Forschungsmittel westlicher Forscher können nur deshalb so anziehend
auf die osteuropäischen Kollegen wirken, weil fast alle osteuropäischen
Regierungen die Wissenschaften vernachlässigen. Die Folgen sind gut bekannt und
werden in der abgedruckten Diskussion umfangreich erwähnt. Der zentrale Punkt
ist, daß selbst die besseren Gehaltsgruppen von ihrem Salär nicht einmal
bescheiden leben können. Der Wissenschaftler mit zwei oder sogar mehr
dauerhaften Nebenjobs ist die Normalfigur im postsozialistischen Osteuropa. Und
am verheerendsten für die Zukunft ist, daß die jungen Wissenschaftler, wenn
sie an den Universitäten anfangen wollen, schon überhaupt nicht vom Gehalt
leben können. Wer nach erfolgreichem Studium an den Universitäten bleibt, kann
eigentlich nur als weltfremd bezeichnet werden. Das Grundproblem ist also aus
meiner Sicht eine bestimmte Hochschulpolitik der Regierungen nach 1990,
die Universitätsbildung als Luxus auffaßt, als Sahne auf der Torte, wie es der
ehemalige tschechische Premier V. Klaus bezeichnet hat. Wenn es der Gesellschaft
schlecht geht, dann muß man die Sahne eben weglassen, so lautet die Botschaft.
Neoliberale Weltsicht sieht jeden einzelnen als für seine Bildung selbst
verantwortlich an und entläßt Staat und Politik aus ihrer Verantwortung. Das
zeigt sich auch in den miserablen Gehältern. Überall liegen die Hochschulgehälter
bestenfalls knapp über oder sogar noch unter dem gesellschaftlichen
Durchschnittslohn. Und die materiellen Bedingungen der Tätigkeit sind ebenfalls
angespannt. Die Verbrauchsmittel, etwa Kopierpapier, müssen häufig aus den zusätzlich
eingeworbenen Forschungsgeldern bezahlt werden, so jedenfalls bei mir bekannten
Kollegen an der Budapester ELTE und der Prager Karls-Universität. Das
Hauptproblem für mich liegt somit nicht in irgendeiner kolonialistischen
Orientierung westlicher Sozialwissenschaftler, sondern in einer - wie mir
scheint - sehr kurzsichtigen Politik der osteuropäischen demokratischen
Regierungen, gleich ob sozialdemokratisch wie in Ungarn nach 1994 oder
konservativ wie in Tschechien orientiert. Daß westlich dominierte Institutionen
wie der IWF mit ihren Reformempfehlungen und politischen Einflußnahmen eine
partielle Verantwortung für dieses Trauerspiel haben, steht zu vermuten. Eine
andere Politik, die mehr Geld in die Lehre und Forschung an den Universitäten
fließen ließe, wäre dringend nötig. Sicher geht es auch nicht ohne eine
weitere europäische Unterstützung für den Ausbau der Infrastruktur der
Wissenschaften.
4. Nicht alles liegt am Geld. Man kann auch einen eigentümlichen Mangel an
geistiger Eigenständigkeit im Gefolge des postsozialistischen ideologischen
Vakuums beobachten. Eine ungarische Kollegin teilte mir ihre Beobachtung mit, daß
sich besonders ehemalige überzeugte Marxisten-Leninisten nach dem Einsturz
ihrer theoretischen Liebe auf das gedankenlose Einsammeln von Fakten aller Art
spezialisiert hätten. Sie eignen sich dann natürlich auch besonders für die
Rolle der erwähnten Türöffner der Archive und Datensammler westlicher
Projekte. (S. 23) Eine andere interessante Beobachtung zu den Ursachen
mangelnder theoretischer Eigenständigkeit ist im Artikel der slowakischen
Soziologin erwähnt: die neugewonnene politische Pluralität ist nicht in
gleichem Maße mit der Differenzierung zwischen politischer und
wissenschaftlicher Sphäre verbunden, und so werden die Konflikte zwischen den
Parteien auch im Gewande des wissenschaftlichen Streites zwischen
Sozialwissenschaftlern ausgetragen.(S. 38) In der außer in Polen und Ungarn
erst 1989/90 gegründeten Politikwissenschaft läßt sich noch eine weitere
Quelle des Mangels an Eigenständigkeit des theoretischen Denkens ausmachen: es
fehlt an souveräner Beherrschung der internationalen und der eigenen
Traditionen der Wissenschaftsdisziplin. Als ich vor einiger Zeit für eine
Lehrveranstaltung über die Geschichte des politischen Denkens in Osteuropa in
einem russischen Lehrbuch über Politikwissenschaft nachschlug, konnte ich zwar
Abschnitte über Weber und Parsons finden, aber nichts über Kropotkin, Sorokin
oder andere russische Theoretiker. Lenin fehlte natürlich auch. Die mangelhafte
theoretische Souveränität äußert sich dann offensichtlich vor allem darin,
daß man sich peinlich genau an die Ansichten der "westlichen
Politologen" anlehnt. Die heimischen Publikationen sind dann häufiger ausführliche
Exerpte wichtiger Werke der "neuen Klassiker".
Kurz zum Resümee: Die Politikwissenschaft, die sozialwissenschaftliche
Disziplin, zu der ich eigene Einschätzungen der Lage in einigen Ländern
Osteuropas habe, leidet weniger daran, daß sie irgendwie durch eine expansive
westliche Wissenschaft infiziert wäre, sondern sie krepiert fast an der
katastrophalen finanziellen Ausstattung der Universitäten und Akademien. Der Höhepunkt
der post-sozialistischen Krise dieser Institutionen ist dabei anscheinend noch
nicht erreicht. Die Herrschaftspraktiken einiger sozialwissenschaftlicher
Kollegen aus dem Westen gegenüber den osteuropäischen Kollegen sind zwar auch
nicht nach meinem Geschmack, aber sie richten doch einen wesentlich geringeren
Schaden an als die fehlerhafte Hochschulpolitik der eigenen Politiker und die
der sie konzeptionell und finanziell stützenden Politiker des Westens.
Die lebhafte und kontroverse Reaktion auf den Aufsatz der ungarischen Autoren
bestätigt die Aktualität und Brisanz der von ihnen aufgeworfenen Problematik.
Die Vielschichtigkeit der darin eingeschlossenen Frage- und Problemstellungen läßt
im Rahmen eines Kommentars nur die Behandlung einiger ausgewählter Fragen in
Thesenform zu. Ich will die freundliche Aufforderung zu einem Kommentar am
Beispiel der besonderen Spezifik der DDR/Ostdeutschlands aufgreifen.
Zu den bisher veröffentlichten Stellungnahmen will ich nur zweierlei
bemerken:
Erstens kann ich in dem Aufsatz der ungarischen Autoren weder im Anliegen
noch in der Ausführung ein Infragestellen einer ernsthaften gleichberechtigten
Ost-West-Wissenschaftskooperation erkennen, im Gegenteil. Sie kritisieren die
gegenwärtige Praxis, weil sie nach den Bedingungen und Wegen für ein
gleichberechtigtes Ost-West-Zusammenwirken in den Sozialwissenschaften
suchen.
Zweitens kann es bei einer wissenschaftlichen Erörterung - und um diesen
Anspruch geht es ja wohl allen Beteiligten - nicht um die angemessene und
ausbleibende Anerkennung und Dankbarkeit westlicher Unterstützung durch die
Osteuropäer, sondern um wissenschaftlich angemessene Problemstellungen und
deren Lösung gehen. Und die können nicht nur "freundlich" und
"dankbar" sein. Das ist vielleicht an anderer Stelle am Platze. In
diesem Sinne soll auch der "Kolonialisierungs"-Terminus weder als
publizistische Polemik, noch als politischer Kampfbegriff, sondern der
sozialwissenschaftlichen Begriffsbestimmung und Auseinandersetzung dienen.
I. In den bisherigen Darstellungen nimmt der "Kolonialisierungs"-Begriff
einen zentralen Stellenwert ein. Leider wurde es bisher versäumt ihn zu
definieren oder zumindest für den jeweils eigenen Gebrauch operational zu
bestimmen. Mancherlei Kontroversen und Meinungsverschiedenheiten rühren aus dem
unterschiedlichen Verständnis und den sich damit verbindenden
verschiedenartigsten konkret-historischen Beispielen. In allgemeinster Form würde
ich ihn operational wie folgt fassen: Kolonialisierung ist eine Politik, die
gesellschaftliche Dominanz und gesellschaftliche Transformation "von außen"
(in territorialen Regionen, einzelnen Staaten oder Staaten-Gruppen oder
Teil-Gesellschaften) durchsetzt. Die dabei eingesetzten Mittel können militärische,
im weitesten Sinne ökonomische, rechtlich-institutionelle, geistig-kulturelle
und personelle sein. "Von außen" kann sowohl militärische Eroberung
("klassische Kolonien"), wie auch zwischenstaatliche ökonomische Abhängigkeiten
("Neokolonialismus") oder die gesellschaftspolitische Dominanz über
bestimmte Regionen innerhalb eines Staates ("innere Kolonialisierung")
bedeuten. Die historische Vielfalt und die unterschiedlichsten Abstufungen sind
dabei augenscheinlich. Wesentlich ist der Verlust bzw. die Einbuße eigenständiger
gesellschaftlicher Subjekte und der Selbstorganisation der traditionellen
Gesellschaft in eine neue Gesellschaftsverfassung. Kolonialisierung vereinigt
vollständige oder teilweise, direkte und indirekte Herrschaft "von außen"
mit gesellschaftspolitischen Entwicklungskonzepten der "von außen"
kommenden Herrschafts-Subjekte.
II. In Ostdeutschland setzte nach den Volkskammerwahlen vom 18. März 1990
und dem von dieser frei gewählten Volkskammer gefaßten Beschluß "zum
Beitritt der DDR in die BRD nach Artikel 6 des Grundgesetzes der BRD" ein
innerer Kolonialisierungsprozeß ein, der
1. die gesellschaftlichen Träger des Umbruchs in der DDR 1989 als kollektive
Subjekte (Bürgerbewegungen, Runde Tische, basisdemokratische Wahlen von
Vorgesetzten u.a. ) bedeutungslos werden ließ,
2. die 40-jährige Gesellschaftsentwicklung der DDR insgesamt, wie auch all
ihrer Teilbereiche und selbst die Biographien ihrer Staatsbürger pauschal
delegitimierte und statt dessen
3. einen vollständigen westdeutschen Institutionen-Transfer vollzog,
4. einen ökonomischen "Ausverkauf" an westliche Konzerne und
andere Kapitaleigner mit einer damit verbundenen Deindustrialisierung und
Ausschaltung eigener Industrieforschung realisierte,
5. eine weitgehende Ausgrenzung der politischen, wissenschaftlichen, ökonomischen
und kulturellen Eliten der DDR und einen dominierenden Eliten- und
Beamten-Transfer aus West- nach Ostdeutschland kurzfristig durchsetzte,
6. mit dem offiziellen "Marxismus-Leninismus" jegliches
marxistisches und sozialistisches Denken als weiterzuführende Kulturtradition
institutionell ausschloß sowie
7. trotz aller formalen Gleichheit und neu gewonnener Freiheiten die
bisherigen Lebensleistungen und selbst die künftigen realen Lebenschancen
Ostdeutscher als zweitrangig einstufte.
Neun Jahre nach dem "Beitritt der DDR zur BRD" hat sich ein
gesellschaftspolitischer Mechanismus durchgesetzt, in dem die politische,
wirtschaftliche, geistig-kulturelle und personelle Dominanz in Ostdeutschland
eindeutig von westdeutsch bestimmten Institutionen und Funktionsträgern
ausgeht.
Zwei unverdächtige Stimmen verdeutlichen es: Wolfgang Schäuble äußerte
als westdeutscher Verhandlungsführer gegenüber dem DDR-Vertreter Günter
Krause: "Liebe Leute, es handelt sich um einen Beitritt der DDR zur
Bundesrepublik. Ihr seid herzlich willkommen. Wir wollen nicht kaltschnäuzig über
Eure Wünsche und Interessen hinweggehen. Aber hier findet nicht die Vereinigung
zweier gleicher Staaten statt." (W. Schäuble; Der Vertrag. Stuttgart 1991,
S. 131).
Und Hans-Jürgen Derlien, einer der führenden bundesdeutschen Eliteforscher
von der Universität Bamberg, illustriert das entsprechende Ergebnis in der
Wochen-Beilage der Zeitung "Das Parlament": "Je höher die
Position in Verwaltung und Justiz, Rundfunkanstalten und Banken, desto höher
ist der Anteil Westdeutscher ... Je größer die Wirtschaftsunternehmen, desto
wahrscheinlicher ist es unter westdeutscher Kapital- und Personalkontrolle. Je
weiter man in den Organisationen, Ministerien, Gerichten, Rundfunkanstalten,
Banken und Privatunternehmen hinabsteigt, desto häufiger begegnen einem
andererseits Ostdeutsche ... "("Aus Politik und Zeitgeschichte",
1998, Nr. 5, S. 15).
Die Schriftsteller Rolf Hochhuth und Günter Grass haben in "Wessis in
Weimar" und "Ein weites Feld" diese Tatbestände inzwischen
literarisch gestaltet.
III. Was die Sozialwissenschaften der DDR und des heutigen Ostdeutschland
betrifft, so sind auf der Grundlage der bisherigen Ausführungen thesenartig
folgende Feststellungen zu treffen:
1. Die DDR-Institutionen wurden entweder auf unterschiedliche Weise und step
by step "abgewickelt" oder weitgehend durch neue Mitarbeiter und vor
allem Professoren aus dem Westen Deutschlands besetzt. Außer den
gesellschaftswissenschaftlichen Parteiinstituten und den "Marxismus-Leninismus"-Sektionen
an den Universitäten und Hochschulen wurden auch die Institute der Akademie der
Wissenschaften und der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften, das
"Zentralinstitut für Jugendforschung" u.a. geschlossen. Nur ein
geringer Teil der früheren wissenschaftlichen Mitarbeiter fand wieder einen
Platz in der Wissenschaft. Der überwiegend größte Teil ging in Frührente, Übergangsregelungen,
schließlich in die Arbeitslosigkeit und wissenschaftsfremde Tätigkeiten. An
den Universitäten und Hochschulen Ostdeutschlands wurden nahezu alle
Soziologie-Lehrstühle mit westdeutschen Fachkollegen besetzt!
2. Die Lehrinhalte werden durch das westdeutsche Curriculum bestimmt.
3. Die praktischen gesellschaftlichen DDR-Erfahrungen und
sozialwissenschaftlichen Ergebnisse der DDR dienten allein der Retrospektive zur
kritisch-selbstkritischen Analyse sowie zur zeitweiligen Nutzung eines
bestimmten "know how" der konkreten Bedingungen für aktuelle
Untersuchungen, aber nicht auch als bewahrenswerte und fortzusetzende
Forschungstraditionen. Ihre wohlwollendste Aufnahme war noch ihre Archivierung
durch die Berliner Filiale des Bonner "Informationszentrums
Sozialwissenschaften".
4. Ein finanziell gut ausgestattetes mehrjähriges Forschungsprogramm der
offiziell institutionalisierten "Kommission des sozialen und politischen
Wandels" (KSPW/ 1991 - 1996) ermöglichte in über 60 gedruckten Bänden
und noch weit mehr aufwendigen Einzelstudien eine sehr detaillierte
sozialwissenschaftliche Dokumentation der gesellschaftlichen Veränderungen
Ostdeutschlands, ohne sie aber im Weber'schen Sinne mit wissenschaftlicher
Distanz selbst zu problematisieren. Statt dessen war es für Hunderte
DDR-Sozialwissenschaftler nach dem Verlust ihrer Arbeitsplätze eine willkommene
zeitweilige "Übergangsbeschäftigung", um die konzeptionellen
Vorgaben eines weitgehend aus Westdeutschen zusammengesetzten Leitungsgremiums
zu bearbeiten und in einem riesigen empirischen Datenmassiv zusammenzustellen.
Die Herausgeberschaft der zusammenfassenden 6 Abschluß-Bände über die
ostdeutschen sozialen und politischen Wandlungen lagen in den Händen bzw. Köpfen
von 35 Sozialwissenschaftlern, unter ihnen 32 aus der Alt-BRD.
5. Die empirischen Beispiele dieser Art ließen sich mühelos fortsetzen,
doch verdient eine grundsätzliche Fragestellung der ungarischen Autoren noch
aufgegriffen zu werden: inwieweit werden Ostdeutsche überhaupt als
wissenschaftliche Vertreter der Gesamtdisziplin oder bestenfalls nur als
empirische Spezialisten für DDR, Ostdeutschland und bestenfalls Osteuropa
wahrgenommen und akzeptiert!? Auch hier sind die empirischen Befunde eindeutig,
wie Buchveröffentlichungen, Herausgeber- und Redaktionsgremien, Hauptvorträge
bei Kongressen, Repräsentanz in wissenschaftlichen Gremien (z.B. der Deutschen
Gesellschaft für Soziologie) dokumentieren. Eine Analyse Peer Pasternacks über
"Geistes- und sozialwissenschaftliche Zeitschriften in Ostdeutschland nach
1989" vermittelt diesbezüglich ebenfalls aufschlußreiche Einblicke.
("FORUM Wissenschaft", 1998, Nr. 3, S. 59 - 64).
IV. Gab und gibt es Alternativen zu dieser Art von Kolonialisierung? Die
Beantwortung dieser Frage ist aufzufächern:
1. Da der Staatssozialismus in Osteuropa zusammengebrochen ist und sich kein
anderes gesellschaftliches Alternativ-Modell als das kapitalistische
"anbot", ist der Transformationsprozeß in diese Richtung unter
Mitwirkung der realkapitalistischen Mächte "von außen" alternativlos
zwangsläufig ein - im eingangs genannten Sinne - kolonialistischer. Das ist
keine polemische, sondern eine nüchterne analytische Charakterisierung.
Verwunderlich ist eigentlich nur, daß die sozialwissenschaftliche Analyse der
osteuropäischen Transformationsprozesse methodologisch und inhaltlich auf
diesen Kolonialisierungs-Ansatz verschämt verzichtet und alles allein mit der
Modernisierungstheorie zu erfassen sucht, statt Modernisierung mittels
Kolonialisierung als heuristischen Erkenntniszugang zu einer
methodologisch-theoretischen Synthese zu führen.
2. Bei allen Gemeinsamkeiten osteuropäischer Transformationsprozesse ist
diese spezifische kapitalistische Kolonialisierungs-Modernisierung bezüglich
historischer Ausgangspunkte, erreichtem Entwicklungsstand, Intensität des
Verlaufs und konkreter Funktionsweise in jedem Land ein Unikat. Dennoch lassen
sich typologisch einige qualitativ und quantitativ sich unterscheidende
Grundmuster feststellen:
* Sonderfall DDR/Ostdeutschland
* Polen, Ungarn, Tschechien
* Bulgarien, Slowakei, Rumänien, Albanien, jugoslawische und UdSSR-
Nachfolgestaaten (außer Rußland)
* Rußland (mit seinen Besonderheiten).
Eine diesbezüglich systematisch-vergleichende Analyse hinsichtlich
Gemeinsamkeiten und Unterschieden steht - trotz verschiedenartiger empirischer
Einzelanalysen - noch aus. Das war von deutscher Seite ein konzeptionelles Versäumnis
des KSPW-Projekts (zumindest seiner zweiten und dritten Stufe).
3. Im Sonderfall DDR/Ostdeutschland erfuhren alle Entscheidungen zur
Integration in die BRD durch Inbesitznahme durch den selbst gewählten Beitritt
ihre juristische und politische Rechtfertigung. Aber war die Art und Weise
dieses zwangsläufigen Kolonialisierungsprozesses im Interesse der künftigen
ostdeutschen und schließlich gesamtdeutschen Entwicklung nicht auch anders möglich?
Das Grundgesetz der BRD sah nicht nur den möglichen Beitritt, sondern auch eine
sich daran anschließende Verfassungsdiskussion vor. Bedurften nicht auch 40
Jahre westdeutsche BRD-Entwicklung einer kritisch-selbstkritischen Analyse,
forderten die gesellschaftlichen und politischen Krisendiskussionen der 80er
Jahre nicht geradezu heraus? Statt dessen wurde das sich als andere Seite des
Kalten Krieges formierte und deformierte, bewährte und abgenutzte, auf eine
Teillösung begründete BRD-System als endgültige Gesamtlösung durchgesetzt.
Das schloß alle Defizite und Krisenerscheinungen des westdeutschen
Wissenschaftssystems insgesamt und der Sozialwissenschaften im besonderen ein.
Die über Jahrzehnte immer wiederkehrenden Krisendiskussionen der
BRD-Sozialwissenschaften waren aber für einige Jahre wie vom Winde verweht,
denn man konnte (un)-verdientermaßen am "historischen Erfolg"
teilhaben. Bis in die jüngste Zeit wird unter der anspruchsvollen Fragestellung
"Wissenschaft und Wiedervereinigung" (Hrsg. von J. Kocka und R. Mayntz,
Berlin 1998) allein die DDR-Wissenschaft einer Grundsatzkritik unterworfen, die
Entwicklung der Alt-BRD-Wissenschaft mit ihren spezifischen Defiziten,
Ideologisierungen und Legitimationsfunktionen nicht einmal in Fragestellungen zu
problematisieren versucht.
Für einen aufmerksamen Beobachter der Forschungsszenarien im Bereich
"empirische Sozialstrukturanalysen" markieren die politischen,
sozialen und wirtschaftlichen Transformationen in Osteuropa 1989/90 nur
teilweise einen "radikalen" Bruch der wissenschaftlichen Kontinuität.
Für jemanden beispielsweise, der seit mindestens 1986 (je nach der Verfügbarkeit
von Reisemitteln) an den Tagungen des "Research Committees on Social
Stratification" (RC28) der ISA teilgenommen hat, sind die heute noch führenden
Vertreter/innen der empirischen Sozialforschung seit dieser Zeit zumindest aus
Polen, Tschechien und Ungarn hinlänglich gut bekannte Kollegen. Seit 1991
tauchen auch verstärkt jüngere, für die Sozialforschung gut gerüstete
"Schüler" altbekannter Kollegen aus Rußland auf den Tagungen und
Kongressen auf. Die Teilnahme an den Kongressen der "European Sociological
Association" seit Wien im September 1992 sorgten dafür, daß die
Diskussionen weiter geführt wurden.
Die oft mit westeuropäischem Dünkel vorgetragene Kritik an der Kontinuität
osteuropäischer Kadereliten nach 1990 verstellt den Blick auf die Janusköpfigkeit
des Transformationsprozesses: Einerseits ist ein Wechsel der politischen Eliten
vonnöten, andererseits kann und will man ja nicht davon ausgehen, daß die
gesamte Intelligenzija, die maßgeblichen Einfluß auf eben diesen Umbruch
hatte, ausgewechselt wird.
Die "Neuvermessung" Osteuropas fällt besonders westdeutschen
Sozialwissenschaftlern schwer, deren Bild von "sozialistischer"
Soziologie alleinig durch das Anschauungsmaterial "DDR-Gesellschaft"
geprägt ist.
Es gibt in Osteuropa Frauen und Männer der "ersten Stunde" in
ihrem Land, die maßgeblich an dem Projekt beteiligt waren, das ich hier einmal
als "Bringing Eastern Europe back to Europe" bezeichnen möchte. Der
Austausch von vergleichenden Analysen, ja sogar von großen Datensätzen, zunächst
aus Ungarn und Polen (1986) wurde ermöglicht und fand Eingang in
englischsprachige Publikationen. Derweil war die westdeutsche Soziologie zu
selbstreferentiell geworden, um die vergleichende Sozialforschung überhaupt
wahrzunehmen.
Was das mit dem Thema "Ost-West-Forschungskooperation" zu tun hat?
Zunächst nur die des Widerspruchs harrende Behauptung, daß es eine solche aus
westdeutscher Sicht - außer in der Form einiger bilateraler Kontakte und den rühmenswerten
Bemühungen der dem Verbund GESIS unterstellten Infrastruktureinrichtungen - in
großem Stil vergleichende Forschung nicht gegeben hat.
Und dies wird sich wegen der nach 1989 einsetzenden ost/westdeutschen
Selbstbespiegelung auch nicht sonderlich ändern: Mittlerweile sind britische (Bsp.:
Geoffrey Evans) und amerikanische Sozialwissenschaftler wesentlich weiter
fortgeschritten, wenn es darum geht, eine "normal scientific community"
unter Beteiligung osteuropäischer Kollegen zu etablieren. Man muß allerdings
konzedieren, daß insbesondere die USA (zeitweilig auch Australien) von der
zeitlich beschränkten oder partiellen "Emigration" osteuropäischer
Sozialforscher profitiert haben. Nicht zuletzt natürlich, weil in den USA, aber
auch in Großbritannien, Finanzmittel für jenen Bereich vergleichender
Forschung bereitgestellt wurden, die in Deutschland eher in die KSPW (Kommission
für den sozialen und politischen Wandel in den neuen Bundesländern) flossen.
In Europa führten und führen folgende Institutionen und Forschergruppen große
Primärerhebungen durch:
GB: Geoffrey Evans, Oxford.
Österreich: Das "Institut für die Wissenschaft vom Menschen" in
Wien (Zsuzsa Ferge u. a.), Datensatz: "Social Costs of Transition" (SoCo);
Paul Lazarsfeld-Gesellschaft (Christian Haerpfer; Richard Rose) "New
Democracies Barometer".
Deutschland: keine
In den USA: vor allem und vorbildlich: Don Treiman, Ivan Szelenyi
(Antragsteller für ein erhebungstechnisch abgeschlossenes Großprojekt (1993)
in Kooperation mit namhaften osteuropäischen Sozialforschern) "Social
Stratification in Eastern Europe after 1989".
Als zentrale Institution, in der osteuropäische Datensätze nach Art der
Mikrozensen, Arbeitsstättenzählungen und Haushaltssurveys (ähnlich: Sozio-ökonomisches
Panel) zur Sekundäranalyse bereit liegen, kann in Luxembourg die CEPS/INSTEAD
Datenbank genannt werden (Luxembourg Income Study, L. Employment S., Household
Panel Comparability Project).
Bezogen auf die Beiträge in der Zeitschrift replika kann ich
letztendlich nur aus dem Bereich berichten, den ich selber überblicke: die
vergleichende Datenerhebung und Auswertung, wobei ich mangels detaillierter
Sachkenntnis einmal die EURO-Barometer Umfragen ausnehme.
Für alle angegebenen Primärerhebungen gilt:
* Sie wurden weitgehend durch westeuropäische Forschungsgelder (bzw.
EU-Mittel) ermöglicht.
* Sie fanden alle in enger Kooperation mit osteuropäischen
Sozialwissenschaftlern statt. Letztere beschwerten sich im Gegensatz zu Csepeli
u.a. auch nicht darüber, daß nunmehr - zeitweilig - ihre materielle Existenz
durch westliche Forschungsgelder finanziert wurde, statt von der Mittelzuteilung
der sozialistischen Staatsbürokratie abhängig zu sein. In diesem Sinne äußert
sich auch Andorka (im selben Band) positiv.
* Sie entsprachen dem nationalen Wunsch nach Fortführung
vergleichender sozialwissenschaftlicher Forschung, wie etwa die Teilnahme am
ISSP. Es ist doch bezeichnend, daß Staaten, in denen die staatsbürokratische
Bevormundung die Sozialwissenschaften weniger tangierte, die ersten waren, die
am ISSP teilnahmen: Polen und Ungarn. In diesem Kontext sind auch einige
Projekte zu nennen, mit denen sich nationale soziologische
Forschungsinstitutionen profilieren: Sie richten sich teilweise an
amerikanischen und deutschen Projekten wie dem ALLBUS aus (Bsp.: Polish General
Social Surveys; B. Cichomski, Z. Sawinski).
* Für viele Projekte und den Unterhalt von sozialwissenschaftlichen
Institutionen und Infrastruktureinrichtungen gilt: Wir haben ja George Soros.
Diese "besondere" Form der privaten Förderung möchte ich hier nicht
weiter beleuchten.
Die Datenerhebung und Akquisition der Umfragen erfolgt also zunächst nach
allgemein gültigen Regeln der "normal scientific community", und die
Daten sind für jeden zugänglich. Insofern betrifft der von Csepeli und Örkeny
erhobene Vorwurf der "Kolonialisierung" diese Phase des
Forschungsprozesses nicht.
Eine andere Frage ist, unter welchen Bedingungen die bereits erhobenen Datensätze
in Kooperation mit osteuropäischen Sozialwissenschaftlern ausgewertet werden.
Hier muß man gewiß länderspezifisch differenzieren und Pauschalurteile über
"westliche Kolonialisierung" sind wenig geeignet, die gewiß in
manchen Bereichen mangelhafte Kooperation zu verbessern. Ich möchte aus meiner
Sicht nur eine These wagen, obwohl mir bewußt ist, daß ich noch keinen Überblick
über sämtliche vergleichenden Studien habe.
Zentrale These für weitere Kooperation:
Es gibt eine bestimmte Richtung innerhalb der ISA, international anerkannt
und sicherlich auch verdienstvoll, insofern man sagen kann: Das muß auch gemacht
werden, um den Geltungsbereich von Aussagen (Theorien?) "mittlerer
Reichweite" abzustecken. Ich möchte sie einmal als "another country,
yet another case" beschreiben. D. h. im Zuge eines etablierten Paradigmas
innerhalb der empirischen Forschung ("Wertewandel und
`Postmaterialismus'"; "soziale Mobilität"; "`Status'- und
andere Skalen", je nach Forschungsdesign auch: "Wahlverhalten",
"Verschiedene `Welten' des Wohlfahrtsstaats") wird durch die Zugänglichkeit
osteuropäischer Daten lediglich überprüft, ob im Zuge der Transformation ähnliche
"Muster" sozialer Differenzierung und Verteilung entstehen, wie in
vorgeblich "modernen", d. h. letztlich "westlichen"
Gesellschaften (aber auch Japan!). Manche mögen auch präferieren, dafür den
Terminus "Variablensoziologie" zu verwenden.
Solche Forschung, auch unterstützt übrigens von osteuropäischen
Sozialforschern, wird aber den kulturell-zeitgeschichtlichen spezifischen
Prozessen in den postsozialistischen Ländern nicht gerecht. Vonnöten wäre
eine umfassendere Sozialstrukturforschung, die die osteuropäischen
gesellschaftlichen Formationen sehr wohl in Verhältnis zu Westeuropa setzt. Wo
"teilnehmende Beobachtung" auf der Mikroebene nicht ausreichen kann
(und ich selber dokumentiere soziale Verhaltensweisen vorzugsweise
fotografisch), um den Prozeßcharakter der Entwicklung und Herausbildung
"neuer" interner sozialer Kohärenz auf gesamtgesellschaftlicher Ebene
abzubilden und angesichts sich wandelnder Kontexte verstehend nachzuvollziehen,
ist die Sekundäranalyse von Mikrodaten ein wichtiges Hilfsmittel.
Klassifikationen der "Gesellschaftssysteme" sollten aber nur der
Endpunkt einer Analyserichtung sein, deren Grundbausteine auf der Mikroebene zu
verorten sind: Die Untersuchung des Verhaltens der Individuen angesichts sich
wandelnder Institutionen, insbesondere auf der - vernachlässigten - intermediären
Ebene wird dann eine Weile von voreiligen "Modernisierungs"-Modellen
Abschied nehmen lassen. Weder lassen sich die gegenwärtigen Wandlungsprozesse
auf Aggregatebene fassen, indem man alleinig Wirtschaftsdaten oder Bevölkerungsverteilungen
ins Auge faßt, noch ist eine vorschnelle Zuordnung zu Typen aufgrund von
typisch "westlichen" Variablenkonfigurationen sonderlich hilfreich.
Indem man sich quasi auf Toqueville zurückbesinnt und sich das Buch von
Robert D. Putnam (Making Democracies Work. Civic Tradition in Modern Italy. -
1993) über Italien als neueres Beispiel nimmt, wird die Stärke der "vor
Ort" arbeitenden Soziologen in osteuropäischen Ländern deutlich und die
Notwendigkeit der Kooperation betont. Nur in Anbetracht genauer Analysen der
Pfadabhängigkeit der Transformationsschritte und der unterschiedlichen
"Uhren" ("Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen") einzelner
Prozesse wird die dauernde Übertölpelung der Sozialwissenschaftler durch die
reale Entwicklung zumindest eingedämmt. Die Kooperation ist möglich, sofern
Forschungsgelder vorhanden sind, nach dem Motto:
"We all want to know, how the system really works!" Was sind die
Orientierungen der Bevölkerung und ihre Handlungsoptionen angesichts der sich
wandelnden Kontexte?
In der Einführung zu der Diskussion ungarischer Sozialwissenschaftler
"Colonization or Partnership? Eastern Europe and Western Social Sciences"
heißt es, daß es ".... schwer abzuschätzen ist, wie verbreitet ihre
Auffassungen (d.h. die der ungarischen Wissenschaftler - Anm. d. A.) in
Osteuropa sind ..." (ebenda S.12). Diese recht vorsichtig formulierte
Aussage möchte ich aus den Erfahrungen einer mehrjährigen Tätigkeit mit einem
Netzwerk von Sozialwissenschaftlern aus einer Reihe von Ländern Ost- und
Mitteleuropas dahingehend konkretisieren, daß es sich bei dieser Diskussion
keineswegs um ein spezifisch ungarisches Problem oder eine Sichtweise der
ungarischen Wissenschaftler handelt. In fast allen Ländern Ost- und
Mitteleuropas wurden nach der Öffnung des sogenannten "Eisernen
Vorhangs" vielfältige und neue Erfahrungen im Kontakt mit der scientific
community aus den westlichen Ländern gemacht. Allerdings ist es so, daß über
bestimmte Erfahrungen, die damit gemacht wurden, was generell als
"Hilfe" bzw. "Unterstützung" in unterschiedlichen Formen
seitens westlicher Länder für die Wissenschaft angeboten wird, in diesen
Staaten kaum öffentlich gesprochen wird (auch nicht unter Wissenschaftlern!),
da finanzielle Zwänge und Abhängigkeiten von Geld- und Auftraggebern aus dem
westlichen Ausland nach wie vor lebenswichtig für den Fortbestand
wissenschaftlicher Forschung sind. Trotz aller Emotionalität, die in der
ungarischen Darstellung teilweise die Fakten überlagert, ist es m.E. ein
Verdienst derjenigen, die sich dort zu Wort gemeldet haben, diese Debatte nun
doch öffentlich zu führen. Es ist an der Zeit, daß beide Seiten - der
"Westen" und der "Osten" - eine objektive und kritische
Bestandsaufnahme dessen vornehmen, was alles unter dem Vorzeichen von
"Hilfe und Unterstützung für die Wissenschaft in Osteuropa"
geschehen ist und was dabei erreicht wurde. Das Kardinalproblem ist von den
ungarischen Wissenschaftlern mit einer Äußerung auf den Punkt gebracht worden:
früher oder später wird man feststellen, daß " ... the definition of
help was not the same for Western and Eastern scholars." (Ebenda, S. 24)
Aus meiner Sicht sollten beide Seiten klären und analysieren, welche
spezifischen Vorstellungen und Erwartungen sie damit verknüpft haben, wenn sie
"Hilfe" geleistet bzw. empfangen haben, und sie sollten diese
Ergebnisse einer kritischen Bewertung aus der jeweiligen Sicht der Helfenden und
Hilfeempfänger unterziehen.[61] Ein ehrliches
Sich-Befragen und eine offene Gegenüberstellung der Ansichten beider Seiten dürfte
mit Sicherheit einiges zutage fördern, das Mißstimmungen, Ineffektivität,
Fehlinvestitionen, einseitige Schuldzuweisungen für Mißerfolg und anderes mehr
aus dem Weg räumen könnte, damit schließlich das erklärte Ziel der
Beteiligten - von dem man allerdings noch ein ganzes Stück entfernt ist -
erreicht werden kann: Eine wissenschaftliche Zusammenarbeit von
gleichberechtigten Partnern!
Ein Problem der Zusammenarbeit, mit dem ich in meiner Tätigkeit sehr oft
konfrontiert wurde und das auch in der ungarischen Debatte thematisiert wurde,
scheint mir von westlichen Wissenschaftlern im Umgang mit ihren Kollegen aus
Ost- und Mitteleuropa unterschätzt worden zu sein, und zwar die "problems
of cultural translation". Eine (echte) Unterstützung und Zusammenarbeit für
und in der Wissenschaft erfordert auch Kenntnisse, die häufig weit über den
wissenschaftlichen Gegenstand und das rein Sprachliche (d.h. die gemeinsame
Sprache zur Verständigung über diesen Gegenstand) hinausgehen.
Entwicklungen und Ergebnisse in der wissenschaftlichen Forschung in den Ländern
Osteuropas werden im Kontext des gesellschaftlichen Umfeldes gesehen. Allein der
- noch dazu oftmals sehr globale - Verweis auf die früheren
staatssozialistischen Verhältnisse erklärt jedoch aktuelle Phänomene und Vorgänge
in der Wissenschaft, Haltungen und Meinungen von Wissenschaftlern u.a.m. nur
unzureichend. Sei es, daß es um den grundsätzlichen Unterschied in der Rolle
eines (Sozial)Wissenschaftlers in der Gesellschaft im Westen oder im Osten geht,
sei es, daß die Geschichte von bestimmten Debatten aktuelle Diskussionen überlagert
und teilweise unverständlich macht, sei es, daß die gegenwärtigen
Arbeitsbedingungen der Wissenschaftler in den Ländern Osteuropas automatisch
aufgrund des Wegfalls früherer politischer bzw. ideologischer Zwänge und mit
der Einführung der Marktwirtschaft mit denen westlicher Wissenschaftler
gleichgesetzt werden. Vereinfacht gesprochen, es ist tatsächlich schwierig
" ... for a Westerner to understand intellectual life in the East"
(ebenda S. 29). lch sehe dies aber nicht als unüberwindbares Hindernis für
westliche Wissenschaftler, sondern eher als Nachholbedarf und Herausforderung,
die gerade im Zusammenhang mit wissenschaftlicher Kooperation zwischen Ost und
West eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Das große Interesse an der
Vergangenheit und Gegenwart des "intellectual life", das mir in Gesprächen
mit den Wissenschaftlern auf beiden Seiten immer wieder begegnet ist, zeigt, daß
mit zunehmender wechselseitiger Kenntnisnahme von Traditionen, Bedingungen und
Leistungen der Wissenschaft das Verständnis auf westlicher Seite dafür wachsen
wird, daß Förderung von Wissenschaft in Ost- und Mitteleuropa deren
Selbstbestimmung respektieren muß und damit vor allem Hilfe zur Selbsthilfe
bedeutet.
Es wäre wünschenswert, daß sich viele "Betroffene" an diesem
Dialog, der in Ungarn begonnen wurde, beteiligen. Denn noch immer ist es so, daß
die Wissenschaftler in Ländern, die von westlicher Seite Unterstützung
erhalten, in zwei Lager gespalten sind: Die einen meinen, daß dadurch ihr
nationales Wissenschaftspotential "untergraben" wird (mit allen möglichen
negativen Konsequenzen), und die anderen sind der Auffassung, daß nur auf
diesem Wege der für die Gesellschaften so dringend notwendige Aufschwung in der
Wissenschaft erreicht werden kann. Jede dieser Auffassungen mag in diesem oder
jenem Fall eines Landes/ einer Disziplin/ eines Instituts etc. zu begründen
sein, und dennoch wäre es m.E. falsch, aufgrund negativer Erfahrungen (sowohl
bei den "Helfenden" als auch bei den "Hilfeempfängern")
jetzt den Rückzug anzutreten.
(Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Sozialwissenschaften)
A Response on the Articles of György Csepeli, Antal Örkeny and Kim Lane
Scheppele.
Reflecting upon the causes of Eastern discontent with Western social science
(and the behavioral style displayed by its proudest protagonists in particular)
as outlined in the papers by György Csepeli, Antal Örkeny and Kim Lane
Scheppele one feels strongly reminded of the post-1989 ,,German" situation.
Because East German intellectuals were the Ieast likely to be allowed to travel
around and meet with Western colleagues, the experience of some sort of a
cultural clash - and subsequent alienation from the new professional environment
- was and still is widespread. Most of the indicators of an intellectual
discrepancy that are mentioned by Csepeli, Örkeny and Scheppele appear to me
much more representative of the divided All-German culture than of the (academic,
of course not the socio-economic) situation of my colleagues in East Central
Europe.
Upon the basis of this "regional" bias, I would like to focus on a
peculiar aspect of the - in my view well justified and far too long postponed -
East-West controversy, namely its relation with the crisis of the social
sciences as it is derived from their roots in religion, philosophy and politics.
Of course, it sounds a bit boring to talk about social sciences in crisis since
the detection (and even the proclamation) of crises was continuously at the
center of social science practice. So was the reflexive, selforiented use of the
concept as well.
Social science of today is anything but a unitary or even a single discipline.
It is a plurality of differentiated and theoretically as well as
epistemologically divided groupings of theories and practices. Its major lines
of division do not appear to be between Eastern and Western academic cultures
but between the two cultures once identified by C.P. Snow. With the advantages
made in recent decades above all in economics (sic), data-processing and formal
analysis, the methodology and communicative style of (natural) science gained
ground in several of the once wellcontained and mostly self-referential fields
of social science, above all political science. As a consequence, a split
becomes visible between the more formal and "positive" approaches
(such as game theory, models of social choice or information economics) on the
one hand and the inherited ways of reflecting upon social and political
phenomena. In its best representations, the split is one between theoretical
explanation and reasoned judgement. In its worst appearances we envisage a clash
between professional modesty (associated with competence) and pastoral reasoning
(associated with metaphysics). This split extends throughout the global academia
including the Americas, South-East Asia and, of course, Europe.
Most interestingly, the smaller the national academia (let's say of Denmark
or Norway in comparison with France or Germany) the less likely it is that it
detaches itself from an understanding of the social sciences as a global
intellectual endeavor. As a global thing, social sciences are irreversibly
subjected to joint professional standards and the rules of competition -
altogether resulting in a steadily rising state of the art.
There are a lot of arguments calling this sort of progress into question.
However, what one has to acknowledge is that on the course of increasing
specialization and formalization, real "truth" in terms of
theoretically sound explanations is to be gained. This means that social
sciences successfully continue in attacking the realm of popular myths and
misunderstandings. This, by the way, is the case even when rational choice
theory would only help us to understand why actors fail to behave rationally
and, instead, fall back on ritualist practices. Taking the concept of center and
periphery seriously, we might see the exact same sites at both extremes:
universities in the US, the UK, in Germany, South Korea, Russia and many other
countries being occupied at the same time by adherents of scientific competition
as well as practitioners of pastoral reasoning.
An awkward consequence of enforced competition is that the professionals with
scientific orientation will always be among the winners. Unlike those
intellectuals that feel disgusted by the technical attitudes of social "scientists",
the latter would gain from competition even if they came in second. This is at
least as long as they remain capable of recognizing the fruits of the race and
making use of them. Whereas in the first half of the century intellectuals were
held competent in and sufficiently informed about the basics of social science
and social philosophy, today only a few (and tomorrow even fewer) intellectuals
are capable of basing normative judgements on solid positive theoretical and
empirical knowledge. With the rapid change and internal differentiation of
social-scientific disciplines the gap becomes unbridgeable between state of the
art explanations of the world as it is, on the one hand, and the warnings and
complaints issued by well-meaning commentators on the other.
Let me sum up my argument as follows: What we experience as a controversy
between Eastern and Western styles of social science is nothing else than an
admittedly enhanced articulation of the thoroughgoing changes in the
intellectual worlds of today. There is little reason for praising the quite
ambiguous consequences. However, because laments do not change anything, one has
to acknowledge what appear to be the options. Intellectualism based on
sophisticated styles of communication, rules of elitist behavior, and the
flattering prospect of becoming the priests of society, increasingly lacks in
justification. On the contrary, intellectuals clinging to their historical
script and focusing solely on what may be the remainders of "local"
culture are close to becoming preachers and medicine men. Thus, social
scientists and intellectuals in most places in the world have to make a choice
that, not surprisingly, is extremely hard in present Eastern Europe: the choice
between remaining (or hoping to become) a Iocal hero, on the one hand, and
sweating over manuscripts that might fit the standards of refereed international
journals, on the other. Choosing the latter, of course, does in no way preclude
to engage in moral debates - in the role of a responsible citizen.
(Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Sozialwissenschaften)
Westliche Überdetermination des agenda setting der mittel-osteuropäischen
Sozialwissenschaften im Zusammenwirken "exogener" und
"endogener" Faktoren: Ein (überwiegend) zustimmender Kommentar zum
streitbaren Aufsatz von G. Csepeli, A. Örkeny und K.L. Scheppele
Sieht man von einigen polemischen Zu- und Überspitzungen und auch
entgleisenden (insbesondere epidemiologischen) Analogien ab, zu denen die drei
ungarischen Kollegen Csepeli, Örkeny und Scheppele, wie sie selber sagen,
"in deliberately provocative terms" (Csepeli et al. 1996b: 49)
greifen, stellt sich ihr Aufsatz für mich als eine ungewöhnlich eindringliche
Analyse der überaus prekären Situation, in der sich die Sozialwissenschaften
in Mittel-Osteuropa (MOE) derzeit, ein knappes Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch
des kommunistischen Regimes, befinden und der "exogenen" wie
"endogenen" Bestimmungsfaktoren dieser Entwicklung und Situation dar.
Ungeachtet ihres emotionalen Engagements und ihres durchaus personenbezogenen
Zorns, der ihnen unverkennbar die Feder führt, sprechen die Autoren in ihrem
Aufsatz "more about structures than about individuals" (Csepeli et al.
1996b: 63) und arbeiten die strukturellen Bestimmungsfaktoren auf wenigen Seiten
in großer Prägnanz und Dichte heraus. Aufgrund meiner eigenen Beobachtungen
und Erfahrungen, die ich - freilich kaum mehr als ausschnitthaft und
episodisch - im Zusammenhang mit meinen Arbeiten in und über die Transformation
in MOE machte, stimme ich mit der Analyse und ihren strukturellen Kernaussagen
weitgehend überein, wenn ich auch einige Akzente anders setzen
möchte und insgesamt zu einer - vor allem mittel- und langfristig -
optimistischeren Einschätzung komme. Hierzu möchte ich im folgenden einige
Anmerkungen und Ausführungen machen.
1. Transformation der Sozialwissenschaften in den postsozialistischen Ländern
im Zangengriff "exogener" und "endogener"
Bestimmungsfaktoren[62].
Die Entwicklung der Sozialwissenschaften und ihres thematischen, kognitiven
und methodischen Profils ("agenda setting") in den
postsozialistischen Ländern war in ihrer Ausgangssituation nach dem Kollaps der
kommunistischen Regime von einer - wie die Autoren mehrfach hervorheben -
fundamentalen "Asymmetrie" bestimmt, in der sich die zusammen- und
umbrechende post-sozialistische (Sozial-)Wissenschaftswelt einerseits und das
institutionell und disziplinär konsolidierte, personell und finanziell
wohlausgestattete und kognitiv und methodologisch "moderne"
Wissenschaftssystem "des Westens" gegenübertraten. In dieser
fundamentalen "Asymmetrie" war von Anfang an die überlegene
"exogene" Bestimmungskraft der letzteren bis zur Überdetermination
oder, wie die Autoren pointiert sagen, "Kolonisierung" (colonization)
angelegt.
Diese Asymmetrie sei (auf die Gefahr, vielfach schon anderwärts - auch von
den drei Autoren - bereits Gesagtes zu wiederholen) schlagwortartig
verdeutlicht.
Um mit den endogenen Bedingungen und unter diesen bei den auf der weiteren
Entwicklung lastenden institutionellen und kognitiv-mentalen
Hinterlassenschaften (legacies) des kommunistischen Regimes zu beginnen:
In den MOE-Ländern hatte das kommunistische Regime so gut wie alle
Voraussetzungen bis in den Kern zerstört und verdorben, die, wie man aus der
vergleichenden wissenschaftssoziologischen und -historischen Forschung weiß
(vgl. Wittrock/Wagner/Wollmann 1991), für die Entstehung und den Fortbestand
einer autonomen (Sozial-)Wissenschaftswelt und -gemeinde (social science
community) und deren eigenbestimmte Fragestellung usw. (agenda setting)
unabdingbar sind. Hierzu nur wenige wesentliche Punkte, die nicht zuletzt
dadurch verkürzt sind, daß an dieser Stelle den erheblichen Unterschieden
nicht Rechnung getragen werden kann, die sich in den Sozialwissenschaften in den
Ostblock-Ländern aufgrund der unterschiedlichen Grade ihrer politischen
Repression und Gängelung durchaus entwickelt haben und sich insbesondere in
Ungarn, aber auch in Polen in einem bereits in den 70er und 80er Jahren
einsetzenden Diskurs und Austausch mit den "westlichen"
Sozialwissenschaften ausprägten.
* Noch stärker als die anderen Wissenschaftsbereiche waren die
Sozialwissenschaften ob der Bedeutung, die sie durch die Produktion ideologischer
Legitimation und die ideologische Bearbeitung der Bevölkerung für das
kommunistische Regime hatten, in die "parteiliche" Pflicht und an das
Gängelband der Partei- und Staatsführung genommen. Die "agenda"
sozialwissenschaftlicher Forschung war durch Aufträge und Genehmigung der
Partei- und Staatsführung, also fremdbestimmt. Für eine "autonome"
Wissenschaft war aus ideologischen wie machtpolitischen Gründen mithin kein
Platz.
* Zwar wurde - ansatzweise in den späten 60er Jahren und dann ausgeprägt im
Verlauf der 80er Jahre, vor allem im Verlauf der Perestrojka -
soziologische Forschung zugelassen und in (an den Akademien eingerichteten)
Instituten etabliert. Jedoch war die Soziologie weitgehend darauf zugeschnitten,
(in der Regel unveröffentlicht bleibendes) Herrschaftswissen für die Partei-
und Staatsführung verfügbar zu machen; methodisch hielt damit die (an den
US-amerikanischen Vorbildern orientierte) Survey- Forschung und damit überwiegend
eine sozialwissenschaftliche Qualifikation Einzug, die zwar die Erhebung und
Auswertung von Daten und deren "Verbalisierung" beherrschte, jedoch
sich aus den (politisch allemal riskanten) "kausalen" Erklärungen und
Interpretationen zurückhielt. Während sich somit die Soziologie - im
wesentlichen als Survey-Forschung - in den "realsozialistischen Ländern"
entwickeln konnte, blieben die Gesellschaftswissenschaft und mit ihr die
Politikwissenschaft auf den wissenschaftlichen Kommunismus festgelegt und die
Fragestellungen, Ansätze und Methoden der empirischen Politik- und
Verwaltungsforschung - wegen des Eindringens in das
"Innenleben" von Politik und Verwaltung als "Spionage"-Wissenschaft
verdächtigt - bis zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems ausgeschlossen.
Auch wenn nach der "Wende" Vertreter des Wissenschaftlichen
Kommunismus sich reihenweise in Politikwissenschaftler umfirmierten, bildete die
empirische Politik- und Verwaltungswissenschaft kognitiv wie
qualifikatorisch so gut wie vollständig eine tabula rasa.
* Aufgrund der ideologischen Sensibilität und Regimerelevanz der
Sozialwissenschaften wurden als Studierende, Nachwuchswissenschaftler und
Professoren zu diesen in der Regel nur solche zugelassen, an deren Regimeloyalität
kein Zweifel bestand. Ausgeprägt galt dies für die "Reisekader", über
die der Kontakt mit dem "kapitalistischen Ausland" hergestellt wurde.
Nach der Wende fand in den MOE-Ländern (anders als in Ostdeutschland) eine
personelle Erneuerung der sozialwissenschaftlichen Elite nur in geringem Umfange
statt, so daß die meisten der gegenwärtig agierenden Sozialwissenschaftler
unter dem ancien regime rekrutiert und sozialisiert worden sind.
Waren - als Erbe des kommunistischen Regimes und als "endogene"
Bedingungen - die institutionellen, personellen, kognitiven und
qualifikatorischen Voraussetzungen für einen eigenständigen Aufbau der
Sozialwissenschaften und für die Formulierung einer eigenbestimmten Agenda
mithin kaum gegeben, so fehlte es in den meisten postsozialistischen Ländern
auch nach der Wende an "endogenen" Faktoren, durch die diese
Entfaltung hätte angestoßen werden können. Insbesondere sahen sich die
Reformstaaten angesichts der sozio-ökonomischen und finanziellen Bedrängnisse
des Transformationsprozesses bislang weitgehend außerstande, den Aufbau der
Wissenschaften, zumal der Sozialwissenschaften, nennenswert zu fördern. Das
weitgehende Fehlen einer Wissenschafts-, nicht zuletzt
Sozialwissenschaftspolitik in den Reformländern bringt dieses Politikdefizit
auf den Punkt.
Ist die Asymmetrie auf der Seite der Reformländer und ihrer endogenen
Bedingungen durch die institutionelle und mentale Hinterlassenschaft des
kommunistischen Regimes sowie das wissenschaftsbezogene Politik- und
Finanzierungsdefizit der Nach-Wende-Periode gekennzeichnet, so tritt sie auf der
"westlichen" Seite in machtvollen exogenen, im "westlichen"
(Sozial-)Wissenschaftssystem verankerten Bestimmungsfaktoren zutage. Als
Ergebnis einer in das letzte Jahrhundert zurückreichenden geschichtlichen
Entwicklung, die in den USA vor allem in den 1920er Jahren vorangekommen
war und die nach 1945 in Westeuropa - unter maßgeblichem Einfluß der
US-Sozialwissenschaften - mehrere Phasen der Institutionalisierung,
Professionalisierung und Modernisierung durchlaufen hat, stellten sich die
"westlichen" Sozialwissenschaften gegenüber der zusammen- und
umbrechenden, konzeptionell und methodisch weithin defizitären und "rückständigen"
Wissenschaftswelt in den sozialistischen Ländern - als ein wissenschafts- und
disziplinengeschichtlich konsolidiertes Wissenschaftssystem mit gewaltigen
institutionellen, personeIlen und finanziellen Kapazitäten und mit einem
"modernen" Theorie- und Methodenfundus dar - bei fortbestehender
Dominanz der US-Sozialwissenschaften. Der Zusammenbruch des
kommunistischen Regimes löste in den "westlichen"
Sozialwissenschaften eine radikale Refoku |