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Politeia-Preis zur Frauen- und Geschlechterforschung der HWR Berlin

| Kategorien: Europa und Internationales, Frauen- und Geschlechterforschung, Geschlechterverhältnisse, Gleichstellungspolitik, Karriereentwicklung, Arbeitswelt und Arbeitsmarkt, Wissenschaft Aktuell

Es scheint paradox, der Anteil weiblicher Führungskräfte ist in der Türkei höher als in manchen westlichen Wirtschaftsnationen, obwohl die allgemeine Erwerbsbeteiligung von Frauen unterdurchschnittliche Zahlen aufweist. Stephanie Häring ist diesem Phänomen in ihrer Bachelorarbeit an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin auf den Grund gegangen und hat untersucht, von welchen sozio-kulturellen Faktoren es abhängt, ob und dass Frauen in der Türkei ins Management aufsteigen. Für ihre Abschlussarbeit im Studiengang „International Business Management“ (IBMAN) wurde sie mit dem Politeia-Preis zur Frauen- und Geschlechterforschung der HWR Berlin ausgezeichnet.

Jede vierte Führungsposition war in der Türkei im Jahr 2012 mit einer Frau besetzt. Auch der Anteil der Frauen im Top-Management von Unternehmen liegt nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), veröffentlicht im vergangenen Jahr, mit fast 8 Prozent relativ hoch. Zum Vergleich, in Deutschland bewegte sich diese Quote 2012 bei 3 Prozent, in den Niederlanden bei 5 und in Kanada bei 6 Prozent. Dabei rangiert der Beschäftigungsanteil der weiblichen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter mit knapp einem Drittel in der Türkei so niedrig wie in keinem der anderen der 34 OECD-Staaten – Tendenz sinkend.

Ein struktureller Faktor, der als Erklärung für die guten Aufstiegschancen von Frauen dienen könnte, ist die Verankerung formaler Gleichstellungsrechte in der Gesellschaftsverfassung, die in dem Land mit 98 Prozent muslimischer Bevölkerung säkular ausgerichtet ist. Häring analysiert, dass es jedoch vor allem hochqualifizierte Frauen aus städtischen Regionen und mit einem höheren sozioökonomischen Status sind, die von rechtlichen Gleichstellungsreformen profitieren. Gerade diesen Frauen kommt zusätzlich die in der Türkei vorherrschende familienfreundliche Unternehmenskultur zugute. Es herrscht ein allgemeines und hohes Verständnis für die familiären Verpflichtungen neben dem Beruf. So verwundert es nicht, dass Frauen einen vergleichsweise großen Anteil in Berufsgruppen mit hohem gesellschaftlichen Status ausmachen, oft als Ärztin und Apothekerin, Juristin, Professorin, Architektin und Bankerin arbeiten.

Der Mehrheit der türkischen Frauen kann die formal gleichen Voraussetzungen hinsichtlich von Bildungs- und beruflichen Aufstiegschancen aufgrund ihrer sozialen Herkunft dennoch nicht für sich nutzen, denn ihnen fehlen die finanziellen und qualifikatorischen Ressourcen. Wenngleich der Aufstieg in eine Führungsposition also nur wenigen, privilegierten Frauen vorbehalten bleibt, so wirkt sich für diese das Zusammenspiel von mehreren, günstigen Bestimmungsfaktoren in der Türkei stärker karriereunterstützend aus als beispielsweise in Deutschland, schlussfolgert Häring.

Und noch ein drittes Paradox identifiziert Häring, das sich entgegen dem globalen Trend bewegt. Weltweit nimmt der Gender Gap zu, je höher die Position in einer Organisationshierarchie. In der Türkei verringert sich die Differenz zwischen geschlechtsspezifischen Managementgehältern mit steigendem Einkommen, kehrt sich für Entscheidungsträgerinnen sogar ins positive Gegenteil um. Frauen in Top-Managementpositionen verdienen laut TurkStat rund 6 Prozent mehr als ihre männlichen Kollegen.

„Stephanie Häring hat in ihrer methodisch, empirisch und inhaltlich exzellenten Abschlussarbeit nicht nur ein aktuelles und politisch relevantes Thema aufgegriffen. In sehr überzeugender Weise hat die verdiente Preisträgerin für die beschriebenen Phänomene Erklärungsansätze auf unterschiedlichen Ebenen herangezogen“, hob Prof. Dr. Christina Teipen in ihrer Laudatio bei der Preisübergabe Ende Juni 2016 an der HWR Berlin hervor. „Die Gegenpole der günstigen Situation privilegierter Frauen in der Türkei auf der einen Seite und die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Frauen nicht von den begünstigenden Faktoren profitieren kann, was die im internationalen Vergleich geringe Erwerbsbeteiligung erklärt, legen nahe, dass hier ein großer bildungs- und arbeitsmarktpolitischer Handlungsbedarf besteht“, sagt die Professorin für Gesellschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Wirtschaftssoziologie an der HWR Berlin.

Politeia-Preis zur Frauen- und Geschlechterforschung der HWR Berlin
Seit 2001 prämiert die Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin die besten Studierendenarbeiten zur Frauen- und Geschlechterforschung mit dem mit 1 000 Euro dotierten Politeia-Preis und lobt zusätzlich Politeia-Medaillen aus.

Quelle und weitere Informationen: PM-HWR Berlin, 05.07.2016

Kategorien: Europa und Internationales, Frauen- und Geschlechterforschung, Geschlechterverhältnisse, Gleichstellungspolitik, Karriereentwicklung, Arbeitswelt und Arbeitsmarkt, Wissenschaft Aktuell