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Existenzsicherung und Lebensverhältnisse in den osteuropäischen
Ländern
Sitzung der Sektion Sozialindikatoren im
Rahmen des 27. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in
Halle
Der Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hatte Gesellschaften
im Umbruch" zum Thema und so standen auch in der Sitzung der Sektion
Sozialindikatoren osteuropäische Länder, die sich zur Zeit in
vielerlei Hinsicht im Umbruch befinden, im Mittelpunkt. Der Wandel der
Lebensverhältnisse in Osteuropa und Möglichkeiten der
Existenzsicherung in eben diesen Ländern wurden von Referenten aus
Deutschland, aber auch aus den betroffenen Ländern wie Bulgarien, der
Slowakei, Polen und Ungarn beleuchtet. Die Sitzung (am Freitag, den 7. April
1995) wurde von Wolfgang Glatzer (Universität Frankfurt/Main) vorbereitet
und geleitet.
Zu Beginn stellte Wolfgang Seifert vom Wissenschaftszentrum Berlin für
Sozialforschung subjektive Bewertungen der Lebensverhältnisse in Osteuropa
und Ostdeutschland einander gegenüber. Es zeigte sich, daß es
erhebliche Differenzen nicht nur im Ablauf sondern auch in der Wahrnehmung des
Transformationsprozesses gibt, sowohl zwischen den osteuropäischen Ländern
selbst als auch im Vergleich zu Ostdeutschland. So fällt die Bewertung des
marktwirtschaftlichen Systems in Ostdeutschland deutlich günstiger aus als
in den anderen Ländern. Auch wird in Ostdeutschland insgesamt trotz aller
Schwierigkeiten eine Verbesserung der materiellen Situation wahrgenommen, eine
Einschätzung, die die meisten Osteuropäer nicht mit den Ostdeutschen
teilen können. Insofern muß die Lage in Ostdeutschland als eine
Sonderform der Transformation im Vergleich zu den osteuropäischen Ländern
behandelt werden.
Einen weiteren Vergleich zwischen Ostdeutschland und einem anderen osteuropäischen
Land, nämlich Ungarn, stellte die Projektgruppe des Wissenschaftszentrums
Berlin bestehend aus Horst Berger, Wilhelm Hinrichs, Eckhard Priller und Annett
Schulz vor. Sie hat die Aktivitäten ungarischer und ostdeutscher Haushalte
miteinander verglichen und dabei sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede
festgestellt. Gemeinsam ist beiden die Notwendigkeit, im Transformationsprozeß
Anpassungen zu vollziehen. Die Unterschiede bestehen z.B. darin, daß in
Ostdeutschland mit der Transformation tiefgreifende demographische Veränderungen
(Rückgang von Eheschließungen, Geburten aber auch Scheidungen)
einhergegangen sind, die in Ungarn nicht zu beobachten waren. Dagegen ist in
Ungarn eine stärkere Orientierung der Haushalte auf marktwirtschaftliche
Verhältnisse zu beobachten, die sich in weitaus größerem Masse
in Nebentätigkeiten und Selbständigkeit niederschlägt, wohingegen
in Ostdeutschland mehr Personen in nichtregulären Beschäftigungsverhältnissen
tätig sind. Allerdings begegnen sowohl ungarische als auch ostdeutsche
Haushalte der angespannten wirtschaftlichen Situation mit sparsamerer Haushaltsführung
und finanziellen Rücklagen in Form von Sparvermögen.
Tanja Chavdarova aus Sofia berichtete über informelle Netzwerkhilfe und
Strategien der Wirtschaftsaktivität in Bulgarien. So werden in
wirtschaftlich unsicheren Zeiten, wie sie derzeit in Bulgarien herrschen,
informelle Netze und die darüber verfügbaren Hilfen von Verwandten,
Freunden und Kollegen zu einem wichtigen Faktor für das wirtschaftliche Überleben
der Haushalte. Ergebnisse einer Untersuchung der Haushalte aus den Jahren 1993
und 1994 zeigen, daß die wirtschaftliche Unterstützung in erster
Linie von der Verwandtschaft und in zweiter Linie von dem Freundeskreis
geleistet wird. Dieses Ergebnis ließ sich sowohl für Städte als
auch für ländliche Siedlungen bestätigen. Es zeigt sich, daß
- besonders im Zusammenhang mit einer tiefen Enttäuschung von formellen
Unterstützungsmöglichkeiten (Staat, Arbeitgeber) -, je schwieriger die
Situation wird, um so mehr verwandtschaftliche Bande in den Vordergrund rücken.
Die regionalen und sozialen Ungleichheiten der Arbeitsmarktstrukturen im
realen Sozialismus und beim Übergang zur Marktwirtschaft am Beispiel
Ungarns waren Thema des Vortrags von Peter Meusburger. Anhand der
Individualdaten der ungarischen Volkszählungen von 1980 und 1990 konnten
regionale und soziale Disparitäten der Arbeitsmarktstrukturen, die sowohl während
der Zeit des Sozialismus bestanden als auch danach be- und entstehen, analysiert
werden. Es zeigt sich, daß der sozialistischen Selbstdarstellung zum Trotz
soziale und regionale Ungleichheit z.B. in Form von Benachteiligungen peripherer
ländlicher Gebiete oder als geschlechtsspezifische Disparitäten auf
dem Arbeitsmarkt bestanden. Die räumliche funktionale Arbeitsteilung während
des Sozialismus prägt nun in der Phase der Transformation auch die Chancen
für eine erfolgreiche Privatisierung der Wirtschaft, so daß sich
Gewinner oder Verlierer der Transformation nicht nur unter sozialen Gruppen,
sondern auch unter Regionen oder Siedlungstypen ausmachen lassen. Mit Hilfe räumlich
differenzierter sozioökonomischer Indikatoren konnten die starken
zentral-peripheren Disparitäten in der Erwerbsstruktur erfaßt und
somit wesentliche Einflußfaktoren auf Ursachen und den Ablauf des
Transformationsprozesses aufgezeigt werden, die bei einer Analyse ohne räumlichen
Bezug verborgen geblieben wären.
Im zweiten Teil der Sitzung standen die Entwicklungen der Länder
Slowakei und Polen im Mittelpunkt der Diskussion. Peter Guran vom Bratislava
International Centre for Family Studies untersuchte soziale Ungleichheit und
Existenzsicherung der Familien in der Slowakei. Dabei stellte sich heraus, daß
ein Konglomerat von Werten und Normen, bestehend aus Wertsystemen der
sozialistischen Familienpolitik, christlich katholischen Werten und neuer
Entwicklungen wie Individualisierung und zunehmender Unsicherheit das
Familienleben bestimmen. Die Familie in der Slowakei erlebt derzeit eine Veränderung,
wie sie bereits seit mehr als zehn Jahren in westeuropäischen Ländern
stattfindet, wobei die nicht erwarteten wirtschaftlichen und sozialen Folgen der
Transformation diese Entwicklung zudem verschärfen.
Zum Schluß berichteten Jaroslaw Gorniak und Janina Czapska über
polnische Erfahrungen im Transformationsprozeß. Jaroslaw Gorniak erläuterte
die qualitativ und quantitativ veränderte Situation in der Geldwirtschaft
und ihre Auswirkungen auf den Umgang mit Geld in polnischen Haushalten. Er
betrachtet den Umgang mit Geld als eine Art Evolution, die mit dem
Transformationsprozeß einhergeht. Dabei beleuchtete er Aspekte der
genutzten Geldanlageformen oder der Nutzung von Institutionen, wie z.B. Banken.
Dabei zeigte sich, daß besonders Personen mit geringer Schulbildung oder
niedriger Qualifikation Banken und ihren Anlagemöglichkeiten ausgesprochen
skeptisch gegenüberstehen und immer noch Sparen von Bargeld und Kredite von
Verwandten für vertrauenswürdiger halten als Bankanlagen oder
Bankkredite. Janina Czapska untersuchte die zunehmende Furcht vor Kriminalität
in Polen, die sich in erster Linie durch den Zuwachs von Gewalt und das
Auftreten neuer Kriminalitätsformen erklärt. Dieser Entwicklung wird
sowohl mit individuellen Schutz- und Vermeidungsstrategien, aber auch mit
privaten Sicherheitsdiensten begegnet. Dennoch hat das Vertrauen in die Polizei
als Schutzorgan zugenommen, die nicht mehr allein als Organ des Gewaltmonopols
betrachtet wird.
Die Vorträge haben gezeigt, daß die verschiedenen Gesellschaften
im Umbruch" sehr differenziert betrachtet werden müssen. Der
Transformationsprozeß setzt nicht nur zu verschiedenen Zeitpunkten ein, läuft
in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität ab, sondern hängt
von den sehr unterschiedlichen Voraussetzungen ab, die in dem jeweiligen Land
vor Beginn der Transformation anzutreffen waren. Zum Teil werden alte
gesellschaftliche und räumliche Strukturen wieder bloßgelegt, die in
der Zeit des Sozialismus nur zugedeckt" worden waren, so daß für
jedes der hier vorgestellten Länder spezifische Fragestellungen und
Probleme zu analysieren sind.
An die Vorträge schloß sich die Mitgliederversammlung der Sektion
Sozialindikatoren mit der Wahl der Sprecher und einer Diskussion der zukünftigen
Schwerpunkte der Sektionsarbeit ein. Wolfgang Glatzer (Universität
Frankfurt/Main) stand nach fünfjähriger Amtszeit nicht mehr zu
Wiederwahl zur Verfügung. Zum neuen Sprecher der Sektion wurde
Heinz-Herbert Noll (ZUMA) gewählt, zum stellvertretenden Sprecher der
bisherige Amtsinhaber Wolfgang Glatzer.
© Sektion Sozialindikatoren Heinz-Herbert Noll
12.11.2007
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