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10 Jahre nach dem Fall der Mauer: "Gleichwertige Lebensverhältnisse" oder bleibende Ungleichheit?

Tagungsbericht

Das Ende von Dekaden gibt zumeist Anlaß zu Bestandsaufnahmen, der Betrachtung von Erreichtem und Verfehltem, der rückblickenden Gesamtschau von Kontinuitäten und Verwerfungen. Unter diesem Zeichen stand die Tagung "10 Jahre nach dem Fall der Mauer: "Gleichwertige Lebensverhältnisse" oder bleibende Ungleichheit?" der Sektion Sozialindikatoren der DGS, die in Zusammenarbeit mit der Abteilung Sozialstruktur und Sozialberichterstattung des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung vom 21.-22. Oktober 1999 in Berlin durchgeführt wurde. Mit den Instrumentarien der gesellschaftlichen Dauerbeobachtung und der Sozialberichterstattung über Daten der amtlichen Statistik bis hin zum Wohlfahrtssurvey wurde für ein Spektrum von Lebensbereichen, wie Arbeitsmarkt, Einkommen, Religion und Öffentliche Sicherheit Bilanz gezogen. Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung sollte der Frage nachgegangen werden, inwieweit es bisher gelungen ist, "gleichwertige Lebensverhältnisse" in West- und Ostdeutschland zu schaffen oder ob mit bleibenden Ungleichheiten zu rechnen ist. In seinem Eingangsvortrag resümierte Wolfgang Zapf (Berlin) die Frage, wie die deutsche Vereinigung zu bilanzieren sei, mit der Feststellung, die normgesetzgebende Angleichung der Lebensverhältnisse sei noch nicht erreicht, in Teilen aber realisiert. So zeigen sich sowohl bei den objektiven Lebensbedingungen als auch im subjektiven Wohlbefinden Angleichungstendenzen zwischen Ost- und Westdeutschland; bei Aspekten, die die Qualität der Gesellschaft betreffen, wie der Bewertung von Institutionen, sind allerdings noch starke Unterschiede festzustellen. Rainer Geißler (Siegen) stellte die Umbruchsituation in den Kontext der Modernisierungstheorie und identifizierte Modernisierungsdefizite (u.a. Wohlstands- bzw. Produktivitätskluft, übermäßige Machtkonzentration und Politisierung, Tertiarisierungsrückstand) aber auch Modernisierungsvorsprünge (u.a. struktureller Gleichstellungsvorsprung, weitere Verbreitung von Grundqualifikationen) der DDR in der Ausgangssituation im Jahr 1989. In der zeitlichen Entwicklung vollzieht sich einerseits der erwartete Abbau von Defiziten, andererseits aber auch eine Zunahme sozialer Ungleichheit. Die Kennzeichen des Prozesses insgesamt sind Modernisierung, De-Modernisierung und soziale Unsicherheit. Gerade auf diese Aspekte eines hohen Maßes an Arbeitsmarktunsicherheit, die sich ergebenen Mobilitätschancen und -risiken auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt und die Folgen für individuelle Erwerbsverläufe verwiesen auch Martin Diewald und Heike Solga (Berlin) auf Basis der ostdeutschen Lebensverlaufsstudie. Im Vergleich zum Transformationsland Polen zeigten sich in Ostdeutschland einige Besonderheiten, etwa im Hinblick auf die zwar bessere Einkommensentwicklung, aber gleichzeitig auch schlechtere Arbeitsplatzsicherheit. Die Einflüsse des Steuer- und Transfersystems auf die Einkommensverteilung in den neuen und alten Bundesländern präsentierte Richard Hauser (Frankfurt) mit den Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 1993. Die Ergebnisse verweisen darauf, daß das Steuer- und Transfersystem in Ostdeutschland wesentlich zu Einkommensaufstiegen beiträgt. Weitere Aspekte des Einkommens betrachtete Peter Krause (Berlin) auf Basis des Sozio-ökonomischen Panels im Zeitraum von 1990 bis 1997. Bei der Bewertung der Einkommen zeigt sich eine Angleichung der Zufriedenheitsniveaus zwischen Ost- und Westdeutschland, während der Anteil der Personen in den unteren und oberen Einkommensgruppen relativ konstant bleibt. Den Zusammenhang von relativen Wohlstandspositionen und subjektiven Wohlbefinden verdeutlichten die Analysen von Petra Böhnke und Jan Delhey (Berlin) mit den Daten des Wohlfahrtssurveys. Sie konnten zeigen, daß eine Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen in Ostdeutschland nicht unbedingt zu Zufriedenheitsanstiegen führen wird. Im Eröffnungsvortrag des zweiten Konferenztages von Heiner Meulemann (Köln) stand die Frage nach einer freiwilligen oder erzwungenen Säkularisierung in der DDR im Mittelpunkt. Kohortenanalytische Auswertungen zu Einstellungen gegenüber dem religiösen Glauben auf Basis des International Social Survey Programme (ISSP) der Jahre 1991 und 1998 weisen dabei auf ein Erstarken des Glaubens in der jüngsten Alterskohorte in Ostdeutschland hin. Auch die Implementierung unterschiedlicher Bildungssysteme in den neuen Bundesländern ist von wesentlicher Bedeutung für die Bildungschancen von Jugendlichen in allgemeinbildenden Schulen, wie Susanne v. Below (Frankfurt) mit Daten des Mikrozensus 1996 zeigte. Ebenfalls mit den Daten des Mikrozensus belegte Dietmar Dathe (Berlin) die immer noch bestehende höhere Erwerbsbeteiligung ostdeutscher im Vergleich zu westdeutschen verheirateten Frauen mit Kindern, bei denen eher ein Rückzug aus der Erwerbstätigkeit oder in Teilzeitarbeit stattfindet. Solche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sind nicht nur in der Erwerbszentriertheit ostdeutscher Frauen festzustellen, sondern spiegeln sich auch in den Erwerbsbiographien wider, in der sich bisher keine Adaption an das westdeutsche Muster ergibt, wie die vorgestellten Ergebnisse von Susanne Falk (Berlin) belegten. Auch in der Betrachtung des sektoralen Arbeitsmarktes, der Arbeitsbedingungen und Arbeitsbelastungen sind Unterschiede zwischen Ost und West festzustellen, so Rolf Jansen und Ursula Hecker (Berlin) auf Basis der IAB-Studie 1998/99. Auf Seiten der Arbeitsbedingungen gibt es weiterhin mehr Wechselschicht- und Wochenendarbeit in Ostdeutschland, hingegen einen höheren Technisierungsgrad in Westdeutschland; auf Seiten der Berufsmobilität mehr erzwungene Betriebswechsel in Ostdeutschland. Heinz-Herbert Noll und Stefan Weick (Mannheim) präsentierten Ergebnisse zur Kriminalitätsbelastung auf Basis amtlicher Statistiken, die einen Anstieg der Gesamtkriminalitätsziffer seit der Wiedervereinigung aufzeigen, sowie zu subjektiven Aspekten öffentlicher Sicherheit auf Basis der Wohlfahrtssurveys. Ebenfalls auf Basis des Wohlfahrtssurveys stellte Thomas Bulmahn (Berlin) dar, daß die wahrgenommene Qualität der Gesellschaft, d.h. als wie lebenswert eine Gesellschaft beurteilt wird, wesentlich von der Einschätzung der Realisierung von Freiheitsrechten, Sicherheit, Gerechtigkeit und Wohlstand abhängig ist, aber auch, daß diesbezüglich unterschiedliche Wertmaßstäbe in Ost- und Westdeutschland bestehen. Im Rahmen der Tagung wurde auch eine Mitgliederversammlung der Sektion Sozialindikatoren durchgeführt, in der Aktivitäten für das Jahr 2000 besprochen wurden. 

Anke Schöb, ZUMA
(Veröffentlicht in ISI Nr. 23, 2000: S. 9)
 


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