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"Patient" deutsche Gesellschaft?
- Diagnosen und Befunde der empirischen Sozialforschung -
Jahrestagung der Sektion Soziale Indikatoren in der DGS
in Zusammenarbeit mit dem WZB
11. - 12. Dezember 2003
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
Ob es bei der deutschen Gesellschaft tatsächlich –
wie in der Presse, aber auch in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen häufig
behauptet – um einen Patientin, vielleicht sogar eine chronisch
erkrankte, um eine „eingebildete Kranke“ oder um eine im Vergleich zu
anderen relativ „gesunde“ Gesellschaft handelt, stand im Vordergrund
der Jahrestagung der Sektion Soziale Indikatoren, die in Kooperation mit
der Abteilung Ungleichheit und soziale Integration des
Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) am 11. und 12.
Dezember in Berlin stattfand. Dort trafen sich Vertreterinnen und
Vertreter der empirischen Sozialforschung, die Ergebnisse der
systematischen Gesellschaftsbeobachtung austauschten und diskutierten.
Nach der Begrüßung und Einführung durch den
Sektionssprecher Heinz-Herbert Noll (ZUMA) eröffnete Ronald Schettkat
(Universität Utrecht und Russell Sage Foundation) mit seinem Vortrag über
„Institutionen und beschäftigungsloses Wirtschaftswachstum – der
deutsche Arbeitsmarkt in internationaler Perspektive“ die Veranstaltung.
In seinem Vergleich zwischen Deutschland und den USA wies er u.a. auf die
Unterschiede bezüglich der Position von erwerbstätigen Frauen im
Arbeitsmarkt hin. Während Frauen in den USA als neue Hochlohngruppe eine
wichtige Rolle spielen, seien Frauen in Deutschland unverändert in diesem
Bereich kaum anzutreffen. Demzufolge steige in den USA die Auslagerung von
Haushaltsproduktion und damit die Nachfrage nach Dienstleistungen außerhalb
des Haushalts, wohingegen solche Prozesse der „Marketization“ in
Deutschland nicht stattfänden. Wichtige Impulse – auch für den
Arbeitsmarkt – erwartet sich Schettkat von einer verstärkten
Akademisierung der Frauen in Deutschland.
Anschließend stellte Wilhelm Heitmeyer (Universität
Bielefeld, Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung)
Auszüge aus dem zweiten Teil des umfangreichen Projekts „Deutsche Zustände“
mit seinem Vortrag zu „Desintegration. Ein theoretisch und empirisch
relevantes Thema sozialwissenschaftlicher Gegenwartsdiagnose“ vor, das
am gleichen Tag im Rahmen eines Informationsgesprächs mit Bundestagspräsident
Wolfgang Thierse der Öffentlichkeit präsentiert worden war. Heitmeyer
beschäftigte sich mit den Begriffen Integration und Desintegration, zu
denen im Forschungsverbund unterschiedliche Zugänge entwickelt wurden.
Mit dem Konzept der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ und den
sich manifestierenden Syndromen Rassismus, Antisemitismus,
Fremdenfeindlichkeit, Heterophobie, Etabliertenvorrechte und Sexismus
wurde ein Instrumentarium entwickelt, das im Rahmen des Langzeitprojektes
(2002-2011) zur Messung der gesellschaftlichen Integration/ Desintegration
dienen kann. In einem ersten Vergleich der Ergebnisse von 2003 mit denen
des Vorjahres 2002 konnte Heitmeyer und sein Forschungsteam bereits eine
leicht zunehmende Gewaltbilligung und Gewaltbereitschaft erkennen, die in
Zukunft zu beobachten sein wird.
Dem Themenschwerpunkt wohlfahrtsstaatliche
Versorgungssysteme widmeten sich die beiden nachfolgenden Beiträge von
Hagen Kühn (WZB) und Ralf Himmelreicher (Verband deutscher
Rentenversicherungsträger (VDR)). Kühn stellte die Frage „Ist die
gesetzliche Krankenversicherung künftig nicht mehr finanzierbar? - Ein
Blick auf die Daten“. Aufgrund der empirischen Grundlagen stellte Kühn
fest, dass seit über zwanzig Jahren der Anteil der Kosten der
gesetzlichen Krankenversicherung am Bruttoinlandsprodukt (BIP) konstant
geblieben sei, jedoch aufgrund der sinkenden Lohnquote die Beitragssätze
angestiegen seien und diese Entwicklung häufig als „Kostenexplosion“
dramatisiert werde. Er kommt außerdem zu dem Schluss, dass die
demographische Entwicklung ebenfalls zu Unrecht als
„Dramatisierungsfaktor“ genutzt werde, da der
Zusammenhang zwischen der Alterstruktur und den
Ausgaben für das Gesundheitssystem/ BIP nicht
zu Ausgabensteigerungen führen muss, die die Finanzierung der GKV gefährden.
Die Erhöhung der Ausgaben in
der Vergangenheit seien nur zu einem geringen Teil demographiebedingt
sondern überwiegend system-
und politikbedingt.
Neuere Studien zeigten
u.a., dass die
sehr hohen Ausgaben im letzten Lebensjahr mit zunehmender
Lebenserwartung nicht steigen, sondern eher fallen. Da die Produktivität personenbezogener
Dienstleistungen nur in
geringem Umfang erhöht werden kann, steige
in allen Industrieländern ihr
'relativer Preis' langfristig und linear an.
Himmelreicher (VDR) widmete sich der Frage
„Vorsorgelücke oder Erfolgsrezept – Sozial- und verteilungspolitische
Aspekte der Riester-Rente“ und stellte dar, wie sowohl die Anzahl der
Versicherungsjahre als auch der Umfang der Entgeltpunkte zur Rentenhöhe
beitragen. Dabei zeigte sich ein sehr heterogenes Bild vor allem
hinsichtlich der Versorgungssituation von Frauen, die besonders im Westen
durch Unterbrechungen der Erwerbsphase entstünden. Auch das Konzept der
Riester-Rente gleiche dies nicht aus, denn von ihr profitierten Männer
mehr als Frauen, und auch die privaten Vorsorgekonzepte böten keinen
Ausgleich für diese Unterbrechungen. Somit könne von diesem Modell keine
höhere Verteilungsgerechtigkeit erwartet werden.
Am darauf folgenden Tag bot Roland Habich (WZB) im
ersten Vortrag des Vormittags „Eine lebenswerte Gesellschaft? Das Leben
in Deutschland im Spiegel des Wohlfahrtssurveys“ einen Überblick darüber,
wie mit Hilfe dieses Instruments sowohl die Wohlfahrtsentwicklung (auf
individueller Ebene und gesamtgesellschaftlicher Ebene) als auch die
Messung sozialen Wandels (Werte, Einstellungen und sozialstaatliche Veränderungen)
analysiert werden können. Habich konnte feststellen, dass auf
individueller Ebene weder eine Zunahme der Anomie noch eine Zunahme der
Besorgnissymptome zu erkennen sei. Auch seien keine Hinweise auf eine
zunehmende soziale Spaltung wahrzunehmen. Die Zukunftserwartungen
hinsichtlich des sozialen und wirtschaftlichen Systems seien allerdings
vorwiegend als negativ einzustufen. Habich kam zu dem Schluss, dass bei
einer relativ stabilen Sozialstruktur Sorgen um den Erhalt des bisher
erreichten (hohen) Wohlstandsniveaus auszumachen seien, so dass er seinen
Befund zum Zustand der deutschen Gesellschaft mit dem Schlagwort
„Jammern auf hohem Niveau“ zusammenfasste.
Thomas Gensicke (Infratrest Sozialforschung) widmete
sich dem Thema „Der ‚Patient’ Deutschland und seine Institutionen.
Wie sich die Bewertung öffentlicher Institutionen auf die Bewertung der
Lebensqualität auswirkt.“ Dabei unterschied er grundsätzlich vier
Regionen in Deutschland (Nord, Süd, Ost, West), wobei sich der Süden als
die Region mit der am besten und der Osten als diejenige mit der am
schlechtesten beurteilten Lebensqualität ausmachen liessen. Besonders
hohes Vertrauen besaßen im Urteil der Befragten die Institutionen
Polizei, Schulen, Bundeswehr und die Kommunalverwaltungen, wohingegen
relativ wenig Vertrauen den Parteien und dem Bundestag ausgesprochen
wurde. Gensicke diagnostizierte daraufhin, dass innerhalb der Gesellschaft
Deutschland besonders das politische System als „Patient“ anzusehen
sei.
Die Erweiterung auf eine internationale bzw. die
europäische Perspektive vollzogen die beiden Referentinnen Regina Berger
Schmitt (ZUMA) und Petra Böhnke (WZB). Regina Berger-Schmitt stellte die
Frage „Wie gut oder schlecht lebt man Deutschland?“ und zeigte die
Position Deutschlands für eine Vielzahl von Indikatoren aus zahlreichen
Lebensbereichen auf. Dabei wurde deutlich, dass Deutschland nur selten in
den extrem hohen oder extrem niedrigen Positionen vertreten war, sondern
insgesamt im europäischen Vergleich eine mittlere Position einnahm,
obwohl einzelne Bereiche sich durchaus von dieser Position abhoben.
Hinsichtlich des Wohlstands allgemein, der Gesundheit und der
Arbeitszufriedenheit erreichte Deutschland im Vergleich zu seinen europäischen
Nachbarn höhere Bewertungen, wohingegen z.B. in den Bereichen des
sozialen Kapitals oder der Einstellung gegenüber Ausländern in
Deutschland negative Werte erreicht wurden. Somit schloss Berger-Schmitt,
dass es in Deutschland am ehesten hinsichtlich der sozialen Beziehungen
„kranke“.
Böhnke stellte in ihrem Vortrag „Der eingebildete
Kranke? Integrationsdefizite und die Wahrnehmung sozialer Ausgrenzung in
Deutschland aus europäisch-vergleichender Perspektive“ vor. Sie sprach
dabei auch die befürchtete Spaltung der Europäischen Union durch die
neuen Beitrittsländer an, wobei sie das bisher verwandte Konzept der
„Verteilungsgerechtigkeit“ um das der „Zugehörigkeit“ erweiterte.
Sie nahm außerdem für ihre Analysen eine Operationalisierung mit Hilfe
der Begriffe soziale Ausgrenzung, Integration und Teilhabe vor. Für die
Zukunft identifizierte sie für die „alten“ Mitgliedsstaaten die
Arbeitsmarktintegration als zentrale Aufgabe, wohingegen für die
Beitrittsländer die Armutsbekämpfung als vorrangiges Aufgabengebiet zu
erkennen sei.
Am Nachmittag widmeten sich Kai Maaz, Olaf Köller,
Rainer Watermann und Ulrich Trautwein (Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung) dem Thema „Soziale Disparitäten im deutschen
Bildungssystem: Die Öffnung von Bildungswegen als Lösungsweg?“. Dabei
zeigten sie den Zusammenhang zwischen frühen Bildungsentscheidungen und
der Nachhaltigkeit der Wirkung sozialer Disparitäten auf, dem dadurch
entgegengewirkt werden kann, dass Möglichkeiten zur Korrektur diese früheren
Entscheidungen eingeräumt werden. In Baden-Württemberg geschieht dies
z.B. durch die beruflichen Gymnasien, in denen besonders Kinder aus
bildungsfernen Schichten die Gelegenheit nutzen, eine Hochschulreife zu
erlangen. Diese Öffnung des Bildungssystems ermögliche somit aus ihrer
Sicht die notwendige Mobilisierung von Bildungsreserven.
Thomas Elkeles und Gabriele Claßen (FH
Neubrandenburg) gingen der Frage nach: „Ist oder wird Deutschland eine
kinderfeindliche Gesellschaft? Sozioökonomische und soziokulturelle
Einflussfaktoren auf die Fertiliät“. Sie konnten bei einer Befragung
von Schwangeren zu den erwarteten Veränderungen ihrer Situation durch die
Geburt eines Kindes feststellen, dass mit zunehmender Kinderzahl auch
zunehmende eigene Belastungen sowie Probleme mit dem Partner/ der Familie
erwartet wurden. Ihre Empfehlungen richteten sich auf familienpolitische
Entlastungen und die Gestaltung einer kinderfreundlichen Umwelt.
Die regionale Dimension der Gesellschaftsbeobachtung
rückte bei Annette Spellerberg (Universität Kaiserslautern) mit ihrem
Vortrag „Schrumpfende Regionen Westdeutschland: Abschied vom Leitbild
gleichwertiger Lebensbedingungen?“ in den Vordergrund. Die Auswirkungen
von Prozessen, wie Migration, Bevölkerungsrückgang oder Alterung, die
regional sehr unterschiedlich ablaufen, führen dazu, dass gleichwertige
Lebensbedingungen nur mit großen Aufwand und durch Investitionen in die
Infrastruktur der marginalisierten Regionen erhalten werden können. Sie
verglich beispielhaft einen wachsende suburbanen Kreis mit einer
schrumpfenden Industrieregion, um die Dimensionen der regionalen Disparitäten
aufzuzeigen, wobei derzeit nicht nur große Stadt-Land-Differenzen und
Unterschiede der Lebensbedingungen zwischen den Ortstypen in den neuen Ländern
entstehen, sondern auch in den alten Ländern zu beobachten sind.
Insgesamt ergaben die empirischen Detailanalysen zum
„Patienten“ deutsche Gesellschaft, dass das Niveau, auf dem diverse
Klagen oder ein gewisses „Jammern“ wahrzunehmen ist, trotz alledem
relativ hoch ist – vor allem im Vergleich zu anderen Ländern. Dennoch
kann die deutsche Gesellschaft nicht als „symptomfrei“ bezeichnet
werden, wobei vor allem hinsichtlich des sozialen Kapitals, der
Integration bzw. Desintegration und der Bewertung des politischen Systems
Schwachstellen aufgezeigt werden konnten. Die systematische
Gesellschaftsbeobachtung mit ihren bewährten und ihren neu entwickelten
Instrumenten bietet die Möglichkeit, diese Entwicklungen auch in
langfristiger Perspektive zu analysieren und kritisch zu beleuchten.
Caroline Kramer, ZUMA
Tel.: 0621/1246-244
© GESIS Caroline Kramer 20.1.2004
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