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"Reich und arm" aus internationaler und intranationaler Perspektive
Veranstaltung der ISA Working Group 6 am WZB
Sozio-ökonomische Ungleichheit sowie die Wahrnehmung und die Konsequenzen des Verhältnisses zwischen Reich und Arm, im inner- wie auch im zwischengesellschaftlichen Kontext waren das Thema einer zweitägigen internationalen Konferenz, die am 13. und 14. Oktober 2000 am WZB in Berlin stattfand. Die Veranstaltung wurde unter dem Titel „Rich and Poor – Disparities, Perceptions, Consequences“ von der Working Group 6 „Social Indicators and Social Reporting“ der International Sociological Association (ISA) in Kooperation mit der Abteilung „Sozialstruktur und Sozialberichterstattung“ des WZB durchgeführt. Sie wurde von Prof. Dr. Wolfgang Glatzer (Frankfurt am Main), dem Sprecher der ISA Working Group, organisiert und durch die Abteilung Sozialstruktur und Sozialberichterstattung des WZB – insbesondere deren Direktor Prof. Dr. Wolfgang Zapf, die Hans Böckler-Stiftung (Düsseldorf), die Josef Popper-Nährpflicht-Stiftung (Frankfurt am Main) sowie durch den Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main finanziell unterstützt.
Das Konferenzthema war in sieben Blöcke gegliedert, in denen 26 Beiträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus insgesamt 19 Nationen vorgestellt wurden. Im Mittelpunkt des ersten Themenblocks standen Global Disparities between Rich and Poor. Hierbei ging es insbesondere um Definitionen und Konzepte von Armut und um Unterschiede zwischen Ländern auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen sowie Konsequenzen solcher Unterschiede. Außerdem wurde anhand einiger Fallstudien dargestellt, dass es entsprechende Differenzen auch zwischen hochentwickelten Ländern gibt. Im zweiten Themenblock ging es um Intranational Disparities, wobei vier länderspezifische „Fallstudien“ mehr oder weniger wohlhabender Gesellschaften präsentiert wurden. Im dritten Block wurden Poverty Problems in Local Contexts thematisiert. Dort stand im Rahmen verschiedener konkreter Untersuchungen die Feststellung im Vordergrund, dass lokale Gegebenheiten einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung und Bekämpfung von Ungleichheit haben. Dass mit dem Begriff Armut auch nicht-monetäre Phänomene erfasst werden können, wurde am Beispiel des vierten Themenbereichs The Challenge of Informational Poverty aufgezeigt, in dem es um soziale Ungleichheiten bei der Nutzung moderner Informationstechnologien ging. Mit den Vorträgen zur Subjective Perception of Rich and Poor Conditions im fünften Themenbereich wurde dem Umstand Rechnung getragen, dass Armut und Ausgrenzung auf der individuellen Ebene immer auch ihren Niederschlag in subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen finden. Dies trifft sowohl für die Bewertung der eigenen Lebensumstände als auch auf die Beurteilung staatlicher Interventionen zu. Außerdem wurde in einigen Vorträgen darauf hingewiesen, dass „objektive“ Lebenslagen und deren „subjektive“ Wahrnehmung auch im Bereich von Armut und Ungleichheit nicht deckungsgleich sind. Im vorletzten Themenbereich wurden The Dynamics of Poverty and Wealth diskutiert; hier ging es um die Rolle von analytischen Perspektiven auf Einkommensarmut und um den Einfluss von NGOs (Nichtregierungs-Organisationen) auf die Beseitigung von Armut. Den Abschluss der Konferenz bildeten Beiträge zum Thema Poverty and Wealth in the Context of Political and Economic Developments. Dabei wurden so unterschiedliche Themen wie die Rolle von NGOs in den am wenigsten entwickelten Ländern, die Zusammenhänge zwischen Wahlverhalten und sozialer Ungleichheit, sowie Bewertungen der aktuellen globalen Entwicklungen behandelt.
Insgesamt wurden in den Vorträgen zahlreiche Aspekte von Armut und Reichtum thematisiert und es fand sich ein breites Spektrum methodischer und konzeptioneller Ansätze. Wolfgang Glatzer unterstrich, dass Forschungskonzepte über Armut untrennbar mit Forschungskonzepten über Reichtum verbunden sind. Während einige Referenten die dargestellten Verhältnisse – also die Unterschiede zwischen Reich und Arm – als gut oder schlecht bewerteten, sahen andere diese Ungleichheiten als strukturelle Merkmale an, die dem internen Zusammenhalt einer Gesellschaft wie auch dem Verhältnis zwischen Gesellschaften nicht notwendig schaden. Nachdem die Referenten selber über völlig verschiedene Hintergründe verfügten (von etablierten Professoren zu vielversprechenden Nachwuchswissenschaftlern, von Personen im öffentlichen Dienst zu anderen in kommerziellen Institutionen, von Teilnehmern aus reicheren zu solchen, die aus ärmeren Ländern stammten), war die Atmosphäre der Konferenz offen, kommunikativ und kritisch zugleich. Diese Konferenz vermittelte einen guten Eindruck von der aktuellen Forschungsvielfalt zum Thema Armut und Reichtum sowie von damit zusammenhängenden Theorien und empirischen Befunden.
Roland Habich, WZB
Susanne von Below, Universität Frankfurt
(Veröffentlicht in ISI
Nr. 25, 2001: S. 10-11)
© GESIS Bernhard Christoph 22.01.2002
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