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Sozialberichterstattung für ein "grenzenloses" Europa?

Sitzung der Sektion Sozialindikatoren auf dem Kongreß der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie in Freiburg,

17. September 1998

 Die Sektion Sozialindikatoren traf sich am 17. September 1998 im Rahmen des Kongresses der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaft zu einer Sitzung, die von H.-H. Noll (ZUMA Mannheim) organisiert wurde. Das Kongreßthema "Grenzenlose Gesellschaft?" wurde in der Sitzung über "Sozialberichterstattung für ein "grenzenloses" Europa" durch zahlreiche Referate vertieft.

Als erster Referent stellte Joachim Vogel (Statistics Sweden) in seinem Vortrag "The European Welfare Mix: Institutional Configuration and Distributive Outcome in Sweden and the European Union in Longitudinal and Comparative Statistics" die Ergebnisse seiner vergleichenden Arbeiten vor. Er entwickelte anhand von zahlreichen Indikatoren drei "cluster" der Wohlfahrt in Europa , nämlich ein "Nordisches Cluster", ein "Südliches Cluster" und ein "Mitteleuropäisches Cluster", in denen jeweils ähnliche Muster der sozialstaatlichen Ausgaben, der Arbeitsverteilung, des familiären Zusammenhalts, der Einkommensungleichheit und weiteren Aspkten der sozialen Ungleichheit bestehen. Diethmar Dathe (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) berichtete aus dem EU-Projekt des WZB "Soziale Integration durch Übergangsarbeitsmärkte" über "Zeit- und Geldpräferenzen im EU-Vergleich". Dabei zeigte sich, daß in allen untersuchten Ländern die präferierte Arbeitszeit unter der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit lag, d.h. daß die Mehrheit der Befragten gerne weniger arbeiten würde. Dathe errechnete daraus eine "Überbeschäftigungsrate" von insgesamt 6%, die jedoch z.B. in den Niederlanden bis zu 12% reicht. Um die "Zeit" im weiteren Sinne ging es ebenfalls im nächsten Beitrag "Die Zeitfrage als Prüfstein für die Lebensqualität und die Sozialverträglichkeit der europäischen Integration" von Manfred Garhammer (Universität Bamberg). Er präsentierte Ergebnisse eines Vergleichs zwischen vier europäischen Nationen. Dieser Vergleich schließt Merkmale der Zeitstruktur als Input und Indikatoren für Zeitnot bzw. Zeitwohlstand als Output ein. Im darauffolgenden Referat von Wolfgang Voges (Universität Bremen, Zentrum für Sozialpolitik) zum Thema "Sozialhilfedynamik als Gegenstand einer vergleichenden Sozialberichterstattung" wurden Ergebnisse eines Vergleichs europäischer Länder vorgestellt, in dem die Effekte der institutionellen Rahmenbedingungen für Sozialhilfebezug berücksichtigt wurden. Dabei wurden sowohl Dauer des Sozialhilfebezugs, Häufigkeit des Bezugs in einem beobachteten Zeitraum ebenso wie die Dauer der "Bedürftigkeit" in die Analyse einbezogen. Matthias Niklowitz, Christian Suter und Peter C. Mayer (ETH Zürich) stellten in ihrem Vortrag "Gesundheitsindikatoren in der Sozialberichterstattung – ein Vergleich" unterschiedliche Möglichkeiten vor, den Gesundheitszustand zu erfassen, sei es über Einzelindikatoren, statische oder dynamische Konzepte. Sie verglichen dazu unterschiedliche schweizerische Untersuchungen von verschiedenen Populationen und ergänzten sie um Daten aus Sozialberichterstattungs-Surveys, um somit optimale Indikatoren für bestimmte Personengruppen herauszufiltern.

Nach der Pause wurden im Vortrag von Roland Habich (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) und Zsolt Spéder (Universität Budapest) Probleme und Möglichkeiten der vergleichenden Wohlfahrtsforschung aufgezeigt, indem mithilfe von objektiven und subjektiven Wohlfahrtskomponenten die "‚Winner‘ und ‚Loser‘ im ostmitteleuropäischen Transformationsprozeß" beschrieben wurden. Sie stellten dar, wie anhand von Mikrodaten Wohlfahrtsindikatoren bestimmt werden können, mit denen sowohl eine zeitliche Entwicklung als auch ein internationaler Vergleich des Wohlfahrtsniveaus analysierbar sind. Einen umfassenden Entwurf aus der Schweiz zur "Sozialberichterstattung aus sozialwissenschaftlicher Sicht: Das Konzept des Schwerpunktprogramms ‚Zukunft Schweiz‘" präsentierte Peter Farago (Landert Farago Davatz & Partner, Zürich). Dieses Konzept basiert auf drei Schwerpunkten: 1. dem Aufbau und der Institutionaliserung eines Haushalts-Panels, 2. der Realisierung regelmäßig wiederholter Querschnittserhebungen und 3. der periodischen Publikation eines umfassenden Sozialberichts "Schweiz". Auf die internationale Vergleichbarkeit und Integration in bereits existierende Programme wird bei diesem Konzept besonders geachtet. Zum Schluß stellten Heinz-Herbert Noll und Regina Berger-Schmitt (ZUMA Mannheim) ein Konzept zu "Einem System Sozialer Indikatoren für Europa" vor, das derzeit als Teilprojekt des von der Europäischen Kommission geförderten Projekts "EuReporting" in der Abteilung Soziale Indikatoren bei ZUMA bearbeitet wird. Ziel dieses Teilprojektes ist es, ein Indikatorensystem zu entwickeln, das es ermöglicht, die Wohlfahrtentwicklung und den sozialen Wandel in Europa kontinuierlich zu messen und zu analysieren. Dabei sollen auch Konzepte wie "sustainability" oder "social exclusion" berücksichtigt werden.

In der Mitgliederversammlung, die sich an die Sektionssitzung anschloß, wurde der Sektionsvorstand neu gewählt. Vorsitzender ist Heinz-Herbert Noll (ZUMA Mannheim), als Stellvertreter wurden gewählt: Roland Habich (WZB Berlin) und Jürgen Schupp (DIW Berlin).

Die Leseliste der Sektion wurde überarbeitet; sie wird in einer Sonderausgabe der "Soziologie" veröffentlicht werden und ist ebenso auf der www-Seite der Sektion zu finden.


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© GESIS Caroline Kramer 29.12.1999