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Lebensqualität in den 90er Jahren - Neue Wohlfahrtskonzepte und
Wohlfahrtsmaße
ZUMA-Workshop, Mannheim, 23. und 24. November 1995
Von der Abteilung Soziale Indikatoren wurde am
23. und 24. November ein Workshop zum Thema Lebensqualität in den
90er Jahren - Neue Wohlfahrtskonzepte und Wohlfahrtsmaße" durchgeführt,
der von H.-H. Noll organisiert wurde. Ist das Konzept der Lebensqualität
auch in der Mitte der 90er Jahre noch aktuell, bedarf es einer Modifizierung
oder hat es sich zwischenzeitlich gar überholt? Dies waren einige der
Fragen, die im Rahmen dieses Workshops diskutiert wurden. Sowohl im nationalen
als auch im internationalen Rahmen werden derzeit die Ziele der
gesellschaftlichen Entwicklung diskutiert. In diesem Zusammenhang stehen die
aktuellen Wohlfahrtskonzepte, aber auch neue Wohlfahrtsmasse (Sustainable
Development", Human Development Index") zur Diskussion.
Modernisierungstendenzen im allgemeinen und aktuelle Trends des
gesellschaftlichen Wandels standen zu Beginn des Workshops im Vordergrund. In
seiner Einführung gab H.-H. Noll einen Überblick über die
Diskussion um die Begriffe Lebensqualität und Wohlfahrt, sowie Ansätze
der Wohlfahrtsmessung. S. Hradil (J. Gutenberg-Universität, Mainz)
diskutierte in seinem Vortrag Modernisierung und Lebensqualität"
drei verschiedene Paradigmen, die in der bundesdeutschen Gesellschaft seit Ende
des Zweiten Weltkriegs Geltung besessen haben sollen: das Wohlstandsparadigma,
das Wohlfahrtsparadigma und das Lebensweiseparadigma. Das Wohlstandsparadigma
kennzeichne - so Hradil - die Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs und der
quantitativen Verbesserungen in vielen Lebensbereichen. Zentrale Determinante
war der Beruf; daneben gab es zahlreiche Standardisierungen", wie
z.B. die Normalfamilie" oder auch die Geschlechtsrollenverteilung. In
den siebziger Jahren seien die Defizite dieser Art von Modernisierung, z.B. in
Form von Umweltschäden oder der zunehmenden Kluft zwischen privatem
Reichtum und öffentlicher Armut, sichtbar geworden. Die gestiegenen
Erwartungen an den Staat stellten ebenfalls ein charakteristisches Merkmal des Wohlfahrtspradigmas"
dar. Dieses werde abgelöst - oder ergänzt - durch das Lebensweiseparadigama"
das seit den achtziger Jahren in den Vordergrund rücke. Die Pluralisierung
der Lebensweisen und die Bedeutung von Struktur und Wahrnehmung der Lebensweisen
stellen zentrale Elemente dieses Paradigmas dessen Ablösung jedoch bereits
absehbar sei, da in Zukunft - nach Hradil - Prozesse wie Remoralisierung"
und Reintegration" wieder an Bedeutung gewinnen würden.
Einen Ansatz zur Beurteilung der Lebensqualität in Deutschlands Stadt-
und Landkreisen stellte D. Korczak (Grundlagen- und Programmforschung -
Forschungsgruppe München) vor. In seinem jüngst erschienen Lebensqualität-Atlas"
wurde für alle 543 Stadt- und Landkreise ein empirischer Gesamt-Index Lebensqualität"
bestehend aus Indikatoren für die Bereiche Umwelt, Wohlstand, Kultur,
Sicherheit, Versorgung und Gesundheit errechnet, der ein Ranking der Kreise ermöglicht.
Der Lebensqualität-Atlas und die Errechnung eines Gesamt-Index - so
umstritten ein Gesamt-Index auch immer sein mag - versteht sich als Überblick
und zugleich als Anstoß zur Diskussion. Besonders die Akteure der Landes-
und Regionalplanung sollen sich aufgefordert fühlen, das Lebensqualitätsgefälle
und die Defizite zu beseitigen. H. Diefenbacher (Forschungsstätte der
Evangelischen Studiengemeinschaft, Heidelberg) stellte in seinem Vortrag einen
Gesamtrechnungsansatz vor, den Index of Sustainable Economic Welfare"
(ISEW). Dieser Index basiert auf einem Vorschlag amerikanischer Wissenschaftler,
ausgehend vom privaten Konsum, in stärkerem Masse Umweltbeeinträchtigungen
und den Verbrauch von Ressourcen in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung
einzubeziehen. Dieser Gesamtrechungsansatz des ISEW zählt zu den Versuchen,
die Bruttosozialproduktberechnung zu korrigieren und zu einem aussagekräftigen
Wohlfahrtsmaß zu gelangen. F. Bohnet (Kreditanstalt für Wiederaufbau,
Frankfurt) präsentierte den von den Vereinten Nationen entwickelten Human
Development Index (HDI) und stellte die Frage, inwieweit dieser Index ein
summarischer Wohlfahrtsindex sein kann. Der HDI setzt sich aus der
Pro-Kopf-Kaufkraft, der Lebenserwartung bei Geburt und der Alphabetisierungs-
bzw. Einschulungsrate zusammen. Aufgrund der wenigen Einzelindikatoren, aus
denen der HDI berechnet wird, ist es möglich, ihn für relativ viele Länder
der Welt zu berechnen. Bei der Quantifizierung stellen Datenverfügbarkeit
und Datensicherheit zentrale Probleme des HDI dar.
J. Kohl (Universität Heidelberg) zeigte Perspektiven des
Wohlfahrtsstaates auf und ging der Frage nach, inwieweit der Wohlfahrtsstaat in
Deutschland einen Abbau oder einen Umbau erfährt. Er wies dabei auf den möglichen
Beitrag der Sozialindikatorenforschung für die sozialpolitische
Reformdiskussion hin. So sollte die Sozialindikatorenforschung mit
Modellrechnungen oder quantitativen Bewertungen von sozialpolitischen Maßnahmen
in stärkerem Masse ein Instrument zur Politikberatung darstellen als dies
bisher der Fall war. Als ein Beispiel für Spätfolgen von Sparmaßnahmen
im Sozialbudget führte Kohl Armut bei Kindern an. Eine vorausschauende
Planung muß Folgen wie Anwachsen der Jugendkriminalität und auch
Folgen (und damit gesellschaftliche Folgekosten) im Erwachsenenleben der
heutigen Kinder berücksichtigen. Einen weiteren Beitrag zum Thema
Wohlfahrtsstaat leistete J. Vogel (Statistics Sweden, Stockholm). Er erörterte,
inwieweit die Schwedische Wohlfahrtsgesellschaft ein Modell mit Zukunft sein könne.
Besonders vor dem Hintergrund politischer Veränderungen, die sich in
neoliberaler Wirtschaftspolitik und damit einer niedrigeren Besteuerung
niederschlugen, hatte sich nach der sozialdemokratischen Ära die
schwedische Regierung eine Ankurbelung der Wirtschaft erhofft. Die dadurch
entstandenen Defizite im Staatshaushalt hatten jedoch umgekehrte Folgen, nicht
zuletzt, da der Staat auch in hohem Masse als Arbeitgeber wirkt. Mithilfe einer
Interventionsanalyse zeigte er vielfältige soziale Folgen eines solchen
Eingriffs auf (z.B. Rückgang der Frauenerwerbstätigkeit).
A. Spellerberg (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung)
diskutierte die Begriffe Lebensstile und/oder Lebensqualität. Ausgehend von
einer Zusatzerhebung zum Wohlfahrtssurvey 1993, einer repräsentativen
Umfrage in Ost und West analysierte sie Einzelfragen zu Freizeitverhalten,
Mediennutzung, Fernsehkonsum, Lektüregewohnheiten u.v.m.. Dabei stellte
sich heraus, daß Verhalten, kulturelle Interessen und Orientierungen
geeignete Dimensionen darstellen, um homogene und unterscheidbare Lebensstile zu
ermitteln. Es wurden jeweils für Ost- und Westdeutschland insgesamt neun
Lebensstile differenziert. Die Lebensstile in Ostdeutschland sind stärker
auf den häuslichen und beruflichen Alltag bezogen als im Westen, während
im Westen Lebensstile häufiger extrovertiert" im öffentlichen
Raum sichtbar werden. Zudem steht den Menschen im Westen mehr freie Zeit und
auch größere finanzielle Ressourcen für diese freie Zeit zur
Verfügung. Spellerbergs Analyse ergab, daß Lebensstile auch einen maßgeblichen
Einfluß auf die Lebensqualität ausüben, d.h. mindestens eine so
hohe Erklärungskraft wie die sozialstrukturellen Merkmale besäßen.
Ausprägungen und Kriterien des Wohlbefindens differieren deutlich zwischen
den einzelnen Lebensstilen und ließen den Schluß zu, daß das
Lebensstilkonzept zur Erklärung von Verhaltens- Einstellungs- und
Zufriedenheitsunterschieden einen wesentlichen Beitrag leisten könne.
P. Schmidt (ZUMA, Mannheim) stellte zum Abschluß ein Studie aus Gießen
vor, in der Probleme der Stadtentwicklung und das Konzept der Lebensqualität
diskutiert wurden. Im ersten Teil seines Beitrags stand eine Befragung der Gießener
Bevölkerung zum Image ihrer Stadt -die gemeinhin als gesichts- und
profillos" bezeichnet wird - im Vordergrund. Trotz dieses schlechten
Fremd-Images leben die meisten Bürger (auch die Studierenden) gerne in Gießen.
Es bestehen jedoch große Unterschiede in der Einschätzung der
Lebensqualität zwischen den Ortsteilen. Besonders in der Kernstadt wurde über
die Verkehrsbelastung geklagt. Dem Thema Verkehr widmete sich dann der zweite
Teil des Beitrags: in einer - noch laufenden - Panelstudie werden die Erfolge
verkehrspolitischer Maßnahmen (z.B. Einführung eines
Studenten-Tickets und einer Uni-Linie) direkt überprüft, indem die
Studierenden unmittelbar nach Einführung der Maßnahmen bezüglich
ihres Verhalten befragt werden. Peter Schmidt regte in der anschließenden
Diskussion an, daß die Sozialindikatorenforschung in stärkerem Masse
als bisher versuchen sollte, sich an konkreten Planungen und der Evaluation von
sozial-, wirtschafts- oder verkehrspolitischen Maßnahmen zu beteiligen.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß die Diskussion des
Begriffes Lebensqualität sehr verschiedene Facetten besitzt. Sowohl das
traditionelle Leitbild des Wohlfahrtsstaates als auch die neuen"
komplexen Wohlfahrtsmasse, wie z.B. der Index of Sustainable Development haben für
die Bestimmung der Lebensqualität ihre Bedeutung. Vor allem für den
internationalen Vergleich werden die Versuche, einen Index der Lebensqualität
zu bestimmen, weiter vorangetrieben werden müssen. Die Beiträge und
Anregungen in den Diskussionen haben ebenfalls gezeigt, daß
Sozialberichterstattung und Sozialindikatorenforschung gefordert sind, sich in
stärkerem Masse an der sozialpolitischen Diskussion zu beteiligen als dies
bisher geschah.
© GESIS Heinz-Herbert Noll 25.06.1999
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