Programm: Wahlforschung
Im Mittelpunkt des Michigan-Ansatzes stehen drei zentrale Determinanten der Wahlentscheidung: die langfristig relativ stabile Parteineigung und die eher kurzfristig wirkenden Issue- sowie Kandidatenorientierungen. Das Forschungsprogramm zielt auf eine Verfeinerung und Erweiterung des Ansatzes ab. Vor dem Hintergrund schrumpfender Cleavages (dazu Jagodzinski und Quandt, 1997) und abschmelzender soziomoralischer Milieus erwarten Güllner et al. (2005) in ihrer Monographie zur Bundestagswahl 2002 und einer damit verbundenen zunehmenden Individualisierung des Wahlverhaltens eine Verlagerung der Gewichtung von der eher langfristig stabilen Parteibindung hin zu den kurzfristigen Bestimmungsgründen der Wahlentscheidung.
Das Wählen wird somit möglicherweise volatiler, einzelne Ereignisse mögen die Wahlchancen der Parteien schon weit im Vorfeld einer kommenden Wahl grundlegend ändern. Aus diesem Grund wird die Dynamik von Problemlösungskompetenzen, Kanzlerpräferenzen und Wahlabsichten über die gesamte Legislaturperiode hinweg analysiert. Mit Hilfe eines Conjoint-Moduls, wie es von Klein (2002) für seine Dissertation erstmals für die Wahlforschung eingesetzt wurde, wird die Wahrnehmung und Bewertung der Wahlprogramme durch die Bürger untersucht. Ähnlich wie in einer Anzahl früherer Publikationen zur Personalisierung von Politik in der Mediendemokratie (etwa Ohr 2000, Klein/Ohr 2000, 2001) wird auch hier ein verfeinertes Messinstrument zur Erfassung von politischen und persönlichen Kandidateneigenschaften von Spitzenpolitikern in die Auswertungen einbezogen. Ein weiterer Aspekt der Personalisierung von Politik findet seinen Ausdruck in den TV-Duellen der Kanzlerkandidaten (vgl. etwa auch Klein 2005), wie sie in der Bundesrepublik erstmals anlässlich der Bundestagswahl 2002 stattfanden. Aus diesem Grund ist auch dieser Bereich Gegenstand der Analysen zur Bundestagswahl 2002. Neben der Nachfrageseite, auf die sich der Michigan-Ansatz konzentriert, werden in der Monographie aber auch Änderungen auf der Angebotsseite beleuchtet. Hierzu gehört etwa die Professionalisierung der Wahlkämpfe, die auch eine medienträchtige Inszenierung des Wahlkampfes beinhaltet. Für die Bundestagswahl 2005 ist eine weitere Monographie in Arbeit.
Ein Gesichtspunkt, der in herkömmlichen Wahlanalysen zumeist ausgespart bleiben muss, ist der Einfluss der physischen Attraktivität der Kandidaten auf den Wahlerfolg. Klein und Rosar (2005) gehen dieser Frage am Beispiel der Wahlkreiskandidaten bei der Bundestagswahl 2002 nach. Der Aspekt der Individualisierung des Wahlverhaltens wird vertiefend in einer Dissertation von Quandt (2008) aufgegriffen. Die klarste Hypothese richtet sich dabei auf eine nachlassende Bereitschaft zu politischen Beteiligung. Erstmals werden solche Hypothesen mit einer expliziten und direkten Messung verschiedener Spielarten von Individualismus konfrontiert. In einer Dissertation von Mochmann (2003) wird der Frage nachgegangen, ob sich Wahlverhalten in modernen Gesellschaften besser über differenziertere sozialstrukturelle Kategorien, wie sie aus der Lebensstilforschung bekannt sind, als über traditionale soziale Milieus erklären lässt.
Ausgewählte Publikationen:
Güllner, Manfred, Dülmer, Hermann, Klein, Markus, Ohr, Dieter, Quandt, Markus, Rosar, Ulrich und Klingemann, Hans-Dieter (2005): Die Bundestagswahl 2002. Eine Untersuchung im Zeichen hoher politischer Dynamik. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.
Jagodzinski, Wolfgang und Quandt, Markus (1997): Wahlverhalten und Religion im Lichte der Individualisierungsthese. Anmerkungen zu dem Beitrag von Schnell und Kohler. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 49: 761-782.
Klein, Markus, Jagodzinski, Wolfgang, Mochmann, Ekkehard und Ohr, Dieter, Hrsg. (2000), 50 Jahre Empirische Wahlforschung in Deutschland. Entwicklung, Befunde, Perspektiven, Daten. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Klein, Markus (2005): „Der Einfluss der beiden TV-Duelle im Vorfeld der Bundestagswahl 2002 auf die Wahlbeteiligung und die Wahlentscheidung. Eine log-lineare Pfadanalyse auf der Grundlage von Paneldaten“, in: Zeitschrift für Soziologie 34, 207-222.
Klein, Markus (2002): Wählern als Akt expressiver Präferenzoffenbarung. Eine Anwendung der Conjoint-Analyse auf die Wahl zur Hamburger Bürgerschaft vom 21. September 1997. Frankfurt, Peter Lang.
Klein, Markus und Ohr, Dieter (2000): „Gerhard oder Helmut? 'Unpolitische' Kandidateneigenschaften und ihr Einfluß auf die Wahlentscheidung bei der Bundestagswahl 1998", in: Politische Vierteljahresschrift 41, 2, 199-224.
Klein, Markus und Ohr, Dieter (2001): „Die Wahrnehmung der politischen und persönlichen Eigenschaften von Helmut Kohl und Gerhard Schröder und ihr Einfluß auf die Wahlentscheidung bei der Bundestagswahl 1998", in: Klingemann, Hans-Dieter und Kaase, Max (Hrsg.), Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlaß der Bundestagswahl 1998. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 91-132.
Klein, Markus und Rosar, Ulrich (2005): „Physische Attraktivität und Wahlerfolg. Eine empirische Analyse der Wahlkreiskandidaten bei der Bundestagswahl 2002“, in: Politische Vierteljahresschrift 46, 263-287.
Ohr, Dieter (2000): „Wird das Wählerverhalten zunehmend personalisierter, oder: Ist jede Wahl anders? Kandidatenorientierungen und Wahlentscheidung in Deutschland von 1961 bis 1998", in: Klein et al., Hrsg. (200), 50 Jahre Empirische Wahlforschung in Deutschland. Entwicklung, Befunde, Perspektiven, Daten. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 272-308.
Dissertationen
Quandt, Markus (2008): Individualisierung, Individualismus, politische Partizipation und politische Präferenzen: Eine theoretische und empirische Studie am Beispiel der Bundestagswahl 2002. Hamburg: Verlag Dr. Kovac.
Mochmann, Ingvill C. (2003): Lifestyles, Social Milieus and Voting Behaviour in Germany. A Comparative Analysis of the Development in Eastern and Western Germany. Gießen (Elektronische Bibliothek Giessen, http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2003/1278/., 2003).
Zusammenfassung veröffentlicht in: Ingvill C. Mochmann and Yasemin El-Menouar: Lifestyle groups, social milieus and party preference in eastern and western Germany: theoretical considerations and empirical results. In: German Politics, Vol. 4, December 2005, pp. 417-437.
© GESIS 01.09.2008

