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Ein Beitrag von: GESIS
 

Zehn Jahre nach dem Amoklauf zweier Schüler an einer amerikanischen Highschool in Littleton/ Colorado kehrt der Albtraum am 11. März 2009 an einer deutschen Schule wieder: Ein 17-Jähriger ehemaliger Schüler dringt am Morgen in die Albertville-Realschule in Winnenden ein und richtet ein Blutbad an. Er tötet insgesamt 16 Menschen, verletzt viele Schüler und Lehrer schwer, bevor er sich selbst tötet. Auch wenn die Grausamkeit der Tat und die rücksichtslose Brutalität der Täter immer wieder aufs Neue für Entsetzen sorgen, so wiederholen sich Amokläufe und Übergriffe in Schulen inzwischen in bedrückender Regelmäßigkeit.

 

 

Gewalt in der Schule - Bestandsaufnahme im Jahr 2006


Bereits vor drei Jahren erschoss der Schüler Robert Steinhäuser in einem Erfurter Gymnasium sechzehn Menschen. Am 20. November 2006 ereignete sich ein weiterer, Aufsehen erregender Amoklauf in einer Schule in Emsdetten. Ein 18-jähriger als Computerfreak und Waffennarr verschriener ehemaliger Schüler stürmte schwer bewaffnet in das Geschwister-Scholl-Gymnasium und verletzte fünf Menschen.

 

Die Fragen, die die Hintergründe solcher Ereignisse erhellen sollen, sind immer dieselben und bleiben doch meist unebantwortet: Welches Motiv steckt hinter der Tat? Wie kann man solche Übergriffe verhindern? Was muss sich an der Institution Schule grundlegend verändern, damit die Ursprünge solcher Taten schon im Keim erstickt werden?

Die eruptiven Gewaltausbrüche der Amokläufer sind nicht selten die Folge tief verwurzelter struktureller Gewalt, die immer wieder in die Schulen getragen und dort ausgelebt wird. Mal sind die Schüler Opfer, mal Täter und immer wieder gerät das Schulsystem auf den Prüfstand einer aufgebrachten Öffentlichkeit. So urteilten die Lehrer der Berliner Rütli-Oberschule im Februar 2006 in einem bundesweit beachteten Brief:

"Perspektivisch muss die Hauptschule in dieser Zusammensetzung aufgelöst werden zu Gunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung." Diese in ihrer Konsequenz erschreckende Schlussfolgerung traf das Lehrerkollegium der Berliner Rütli-Oberschule am 28.Februar 2006 in einem Schreiben, das die Pädagogen der Hauptschule im Berliner Stadtteil Neukölln als schriftlichen Hilferuf an die Schulaufsicht gesendet und damit unbeabsichtigt eine deutschlandweite Debatte über die Situation an deutschen Schulen ausgelöst hatten. In ihrem Schreiben waren Probleme klar benannt worden, mit denen auch andere Schulen in ganz Deutschland zu kämpfen haben: ein überdurchschnittlich hoher Anteil nichtdeutscher Schüler, eine allgegenwärtige Atmosphäre der körperlichen und psychischen Gewalt, Motivations- und Perspektivlosigkeit der Schülern, Angst und Hilflosigkeit der Lehrer. Die Diskussion rund um die Gewalt und Missstände an deutschen Schulen ist nicht neu -

 

Diese Gewalt äußert sich zudem in immer neuen Formen, die wie neue Modetrends scheinbar aus dem Nichts auftauchen. So macht der Begriff des "Happy Slappings" seit Wochen die Runde in den Medien, bei dem arglose Passanten oder Mitschüler nicht nur zu Opfern spontaner Brutalität werden, sondern der Überfall zusätzlich als Akt der Demütigung von einer Kamera oder einem Handy aufgezeichnet wird. Später kommt es dann häufig zur Verbreitung des Filmmaterials via Internet. Die Medien selbst spielen in diesem Zusammenhang eine zweifelhafte Rolle. Nach den ersten Fällen in Großbritannien berichteten europäische Medienvertreter intensiv über das neuartige Gewaltphänomen und erfüllten damit ihren Informationsauftrag. Jedoch forcierte die Berichterstattung gleichzeitig unbeabsichtigt die Verbreitung der brutalen Überfälle. Das auf einige britische Einzelfälle begrenzte Problem breitete sich auf dem europäischen Festland aus und gilt inzwischen zwar nicht als Epidemie, so doch mindestens als ernstzunehmendes Phänomen.

 

Die Rohheit der Überfälle, die sich in ihrer Brutalität stets zu steigern und zu übertreffen versuchen, und die gänzlich fehlende Empathie machen die Vorfälle so außergewöhnlich und alarmierend. Zwar sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass schulische Gewalt kein flächendeckendes Phänomen ist - doch auch ohne Dramatisierung zeigt ihre wenigstens punktuelle Verbreitung in deutschen Schulen, dass der schulische Alltag mitunter von einer Atmosphäre der Angst und Gewalt geprägt ist, die zunehmender Brutalität einen fruchtbaren Boden bereitet. Die Suche nach den Ursachen und Faktoren jener schulischen Gewalt ist freilich ebenso wichtig wie die Bereitstellung von Lösungsmöglichkeiten, präventiven Modellen und Mustern der Intervention. Mit diesem Online-Portal "Gewalt in der Schule" möchte die GESIS seinen Beitrag zur öffentlichen Debatte leisten. In mehreren thematisch eingegrenzten Abschnitten werden Ursachen, Faktoren, Hintergründe und Erscheinungsformen schulischer Gewalt ebenso beleuchtet wie das in die Kritik geratene deutsche Schulsystem. Darüber hinaus wird die schulische Integrationspolitik untersucht, der eine Schlüsselrolle bei der Verbesserung der allgemeinen Zustände zufallen könnte. Zuletzt findet noch eine Auseinandersetzung mit möglichen Lösungsansätzen und präventiven Maßnahmen statt.

 

Die einzelnen Abschnitte sind durch eine Vielzahl von unterlegten Links ergänzt, die ein breites und umfassendes Informationsangebot liefern. Komplettiert wird das Angebot schließlich durch den sozialwissenschaftlichen Informationsdienst "Gewalt in der Schule", der einen aktuellen Forschungs- und Literaturüberblick bietet.

Darüber hinaus bieten wir Ihnen die Möglichkeit, in der Datenbank der GESIS eigene Recherchen kostenlos durchzuführen. Die Datenbank SOFIS enthält Beschreibungen von über 40.000 sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekten. Die Datenbank wird laufend aktualisiert. HILFE-Funktionen und Erläuterungen ermöglichen auch dem Anfänger eine erfolgreiche Suche. Die WWW-Version von SOFIS wird zweimal monatlich aktualisiert.

 

Des weiteren steht Ihnen auch die die online recherchierbare FIS Bildung Literaturdatenbank zu eigenen Recherchezwecken zur Verfügung. Mit über 550.000 Literaturnachweisen zu allen pädagogischen und bildungsrelevanten Themenfeldern ist diese vom Informationszentrum Bildung des Deutschen Institutes für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) betriebene Datenbank der umfassendste Informationsdienst zu bildungsbezogener Literatur im deutschsprachigen Raum.


Für die Fotos bedanken wir uns bei www.photocase.com und bei allen verantwortlichen Fotografen.