Die Allgemeine Bevölkerungsumfrage
der Sozialwissenschaften

Call for Contributions zum ALLBUS Schwerpunktthema
"Religion und Weltanschauungen" 2023

Die Allgemeine Bevölkerungsumfrage für die Sozialwissenschaften (ALLBUS) wiederholt in regelmäßigen Abständen Schwerpunktmodule aus relevanten Forschungsfeldern der Sozialwissenschaften. Nach den Jahren 1982, 1992, 2002, 2012 wird im Jahr 2023 zum fünften Mal ein Schwerpunktmodul zum religiösen Glauben und weltanschaulichen Überzeugungen mit ALLBUS erhoben. Das existierende Schwerpunktmodul enthält unter anderem Indikatoren zu religiösen Praktiken, religiösen Glaubensüberzeugungen, weltanschaulichen Grundüberzeugungen ("Kosmologien" vgl. Felling et al. 1987; Meulemann 1985; Kelle et al. 2019), religiöser Toleranz, alternativen Glaubensüberzeugungen und Einstellungen zu religiöser Pluralisierung.

Ziel des Schwerpunktmoduls ist es, die langfristige Beobachtung religiösen Wandels in der Bundesrepublik fortzuschreiben und die Überprüfung neuer Theorien und Hypothesen anhand von innovativen Messinstrumenten zu ermöglichen.

Die empirische Religionssoziologie war in den vergangenen 30 Jahren stark von der Auseinandersetzung zwischen der Säkularisierungstheorie einerseits und dem Marktmodell der Religion sowie der These religiöser Individualisierung andererseits geprägt (Stolz 2020; Pickel 2010). Auch wenn der Rückgang christlicher Religiosität in Deutschland empirisch nunmehr vielfach belegt ist, hat sich noch kein Konsens über mikrosoziologische Erklärungen der Ursachen und Folgen individueller Religiosität etabliert. Dabei hat sich aufgrund der Säkularisierung der soziale Kontext individuellen religiösen Glaubens und religiöser Praxis in der Bundesrepublik dramatisch verändert: Praktizierende Christen sind in Deutschland nunmehr in der Minderheit und auch der Anteil der Mitglieder in den beiden großen Kirchen sinkt stetig weiter (Hardy et al 2020). Ostdeutschland gehört schon seit der Wiedervereinigung zu den am stärksten säkularisierten Gesellschaften der Welt (Stolz et al. 2020).

Die Ausgestaltung des ALLBUS Schwerpunktes "Religion und Weltanschauung" im Jahr 2023 sollte vor dem Hintergrund einer weitgehend vollzogenen "säkularen Transition" (Voas 2008) in der Bundesrepublik gedacht werden. Vorschläge zur Überarbeitung des neuen Schwerpunktmoduls sollen daher über die klassischen Ansätze hinausgehen. Besonders relevant erscheinen Instrumente (1) zur Überprüfung mikrosoziologischer Erklärungen verschiedener Ausdrucksformen individueller Religiosität (kirchengebundener oder alternative Formen) oder nicht-Religiosität (z.B. Austrittsmotive) und (2) zur Erforschung sozialer Konsequenzen von Religion in säkularen Kontexten. Gemeint sind damit Effekte von Religiosität auf Einstellungen und soziales Handeln der Menschen und die Erforschung auf welchen "sozialen Mechanismen" (Becker 2018) diese Effekte beruhen.

Beispielhafte Themen könnten sein:

  1. Religiöse Sozialisation, religiöses Wissen und deren Bedeutung für die individuelle Religiosität
  2. Anpassungen (christlicher) Religiosität an die säkulare Mehrheitsgesellschaft ("Leben als religiöse Minderheit")
  3. "Neue" moralische Streitfragen z.B. aus dem Bereich der sich wandelnden medizinischen Technologien (bspw. Reproduktionstechnologien, Sterbehilfe, Organspende), des Umwelt- und Klimaschutzes
  4. Bedeutung individueller Religiosität für politische oder ethnische Identitäten und Einstellungen
  5. Religiosität als Prädiktor (bildungs-)biographischer Entscheidungen
  6. Säkulare Weltanschauungen (bspw. religiöse Indifferenz, Atheismus) und deren Ursachen und Wirkungen auf Einstellungen/Verhalten
  7. Wahrnehmung von Religion und Kirchen und der Umgang mit religiöser Pluralität/religiösen Minderheiten

Vorschläge für eine Erweiterung bzw. Aktualisierung des Religionsschwerpunktes sollten deutlich machen, welche theoretischen Konstrukte gemessen werden und welche Hypothesen geprüft werden. Die vorgeschlagenen Messinstrumente sollten idealerweise Mixed Mode tauglich sein (d.h. im schriftlichen und im online Modus verwendbar sein) und bereits getestet sein, ohne zwingend bereits in großen Umfrageprogrammen verwendet worden zu sein. Bei bereits existierenden Fragen ist das Analysepotential durch die Verbindung mit anderen Instrumenten aus dem ALLBUS Frageprogramm darzustellen.

Weiterführende Informationen zu den vergangenen Schwerpunkten zur Religion und Weltanschauungen finden sich in den Methodenberichten der ALLBUS Studien 2012 und 2002.

Eine Übersicht über die Inhalte der vergangenen Religionsmodule finden Sie hier (6,90 MB).
Eine Übersicht über das gesamte ALLBUS Frageprogramm finden Sie hier.

Mit dem vorliegenden Aufruf möchten wir allen interessierten Wissenschaftlern Gelegenheit geben, sich an der Konzeption des Themenschwerpunkts "Religion und Weltanschauungen" im ALLBUS 2023 zu beteiligen und so aktiv an dem Frageprogramm 2023 mitzuwirken. Da das Frageprogramm des Schwerpunktes 2023 wie bisher etwa 25-30 Minuten Befragungszeit umfassen soll, können Neuvorschläge nur in dem Umfang verwirk­licht werden, wie Teile des alten Frageprogramms gestrichen werden.

Die Vorschläge sollten nicht länger als fünf Seiten sein (ohne Dokumentation bzw. Skizzierung einschlägiger Fragen).

Über die Berücksichtigung der Vorschläge entscheidet die Studienkoordinationsgruppe des ALLBUS. Die ausgewählten Vorschläge werden von der ALLBUS-Gruppe bei GESIS in Abstimmung mit den Autoren gegebenenfalls weiterentwickelt.

Für weitere Erläuterungen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Wir freuen uns, neue Fragevorschläge und Stellung­nahmen zum Frageprogramm 2023 bis spätestens 15. April 2021 entgegenzunehmen.

 

Bitte senden Sie Ihre Vorschläge an Michael Blohm (michael.blohm(at)gesis(dot)org)