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Erwerbspersonenbefragung im Corona-Sommer 2021 Weniger Erwerbstätige fürchten um Job, Belastungsgefühle sinken, aber hohe Unzufriedenheit mit Krisenmanagement der Politik


Kategorien: Vereinbarkeit; Arbeitswelt und Arbeitsmarkt; Geschlechterverhältnisse; Wissenschaft Aktuell

Viele Erwerbstätige in Deutschland durchleben den zweiten Corona-Sommer mit äußerst gemischten Gefühlen. Das zeigt die neueste Welle der repräsentativen Erwerbspersonenbefragung, die die Hans-Böckler-Stiftung seit Frühjahr 2020 durchführt.

Einerseits fürchteten im Juli 2021 weniger Menschen als im Winter 2020, wegen der Pandemie ihre Arbeit zu verlieren. Die Quote ist von 13 Prozent im November 2020 auf acht Prozent gesunken. Der Anteil derer, die die aktuelle Situation familiär, finanziell oder an ihrem Arbeitsplatz als belastend empfinden, ist ebenfalls in den vergangenen Monaten zurückgegangen und hat sich auf dem Niveau des Sommers 2020 eingependelt (detaillierte Daten unten). Andererseits ist die Unzufriedenheit mit dem Krisenmanagement der Politik stark gestiegen. 59 Prozent der im Juli Befragten äußerten sich unzufrieden über die aktuelle Anti-Krisenpolitik der Bundesregierung. Und fast unverändert jeweils knapp 90 Prozent der Befragten machen sich Sorgen um den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft und eine steigende soziale Ungleichheit.

„Der erhoffte Sommer der Befreiung ist für viele ausgeblieben, die Gesellschaft verharrt im Zwiespalt“, fasst Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, die aktuellen Trends der Befragung zusammen. „Schaut man auf die allgemeinen Statistiken zur Wirtschaftsentwicklung oder zu Impfquoten, arbeitet sich Deutschland aus der Krise. Aber bei etlichen Menschen kommt dieser Fortschritt nicht voll an. Viele registrieren ganz offensichtlich genau, was im Land gut funktioniert, und was nicht. Sie sehen, dass jenseits der grundsätzlichen Stabilität, für die ein weitgehend funktionierendes Sozial- und Gesundheitssystem gesorgt haben, bekannte und sogar neue soziale Ungleichheiten in der Pandemie zu Tage treten. Das bestätigt unsere Befragung mit neuen Daten. So setzt sich etwa der Trend fort, dass Erwerbspersonen, die schon vor der Krise wirtschaftlich schlechter gestellt waren, während der Pandemie auch noch häufiger an Einkommen eingebüßt haben. Es zeigt sich, dass Menschen mit niedrigen Einkommen bei den Impfungen weiterhin etwas zurückliegen. Und die Unterschiede zwischen Müttern und Vätern bei Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit haben sogar wieder etwas zugenommen.

Kohlrausch, die auch Soziologieprofessorin an der Universität Paderborn ist, und die Böckler-Datenexperten Dr. Helge Emmler und Dr. Andreas Hövermann stützen ihre neue Analyse auf die gerade abgeschlossene fünfte Welle der Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung. Dafür wurden von Ende Juni bis Mitte Juli 5047 Erwerbstätige und Arbeitsuchende von Kantar Deutschland online zu ihrer Lebenssituation während der Pandemie befragt. Dasselbe Sample war bereits im April, im Juni und im November 2020 sowie im Januar 2021 interviewt worden, allerdings teilweise nicht mit dem vollständigen Fragebogen. Die Befragten bilden die Erwerbspersonen in Deutschland im Hinblick auf die Merkmale Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland repräsentativ ab.

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Geschlechtsspezifischer Unterschied bei Kinderbetreuung hoch

Trotz weitgehender Öffnung von Schulen und Kitas nach Ende des Lockdowns sind die geschlechtsspezifischen Differenzen bei der Kinderbetreuung weiter sehr groß. Der schon vor der Pandemie große Unterschied zwischen Frauen und Männern scheint sogar gewachsen zu sein. Im Juli gaben 69 Prozent der Frauen, aber nur sieben Prozent der Männer an, den überwiegenden Teil der Kinderbetreuung zu übernehmen. Das ist für die Frauen der höchste Wert, der im Rahmen der Erwerbspersonenbefragung seit Frühling 2020 erhoben wurde. Weniger als ein Drittel der befragten Eltern erklärten, sich die Betreuung zu etwa gleichen Teilen zu teilen. Frauen haben mit 13 Prozent auch mehr als doppelt so häufig wie Männer (fünf Prozent) ihre Arbeitszeit wegen der Kinder reduziert. „Offensichtlich war der im Frühling und Sommer letzten Jahres beobachtete Anstieg beim Anteil der Männer, die den überwiegenden Teil der Kinderbetreuung übernehmen, ein kurzfristiger Effekt, der vermutlich auf die Kurzarbeit zurückzuführen ist“, analysiert die Soziologin Kohlrausch. „Es zeichnet sich somit kein Trend ab, wonach Männer dauerhaft mehr Verantwortung für die Kinderbetreuung übernehmen. Die Hauptlast hier lag und liegt während der Krise bei den Frauen.“

Quelle, weitere zentrale Befragungsergebnisse und Informationen:
PM - WSI - Hans-Böckler-Stiftung, 03.08.2021