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Hebammenkunde: Bestmögliche Versorgung erfordert wissenschaftliche Ausbildung

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Die Hochschule Fulda begrüßt den Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Spahn, die Hebammenausbildung vollständig zu akademisieren. Das duale Studium sieht sie als Zukunft der Hebammenausbildung. Auf Basis einer Modellklausel hat sie bereits Erfahrungen mit dem primärqualifizierenden Studiengang Hebammenkunde gesammelt.

Als eine der Hochschulen bundesweit, die die hochschulische Ausbildung von Hebammen bereits seit einigen Jahren erproben, begrüßt die Hochschule Fulda den Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Spahn, die Hebammenausbildung vollständig zu akademisieren und künftig durchgängig als duales Studium anzubieten – wie es in allen anderen EU-Ländern seit langem Praxis ist.

Als „überfällig und aus fachlicher Perspektive alternativlos“ werten Prof. Dr. Babette-Müller-Rockstroh, Professorin für Hebammenwissenschaft an der Hochschule Fulda und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft, sowie Prof. Dr. Beate Blättner, Leiterin des Studiengangs in Fulda und Studiendekanin am Fachbereich Pflege und Gesundheit, diese Entscheidung.

Die beiden Wissenschaftlerinnen führen dafür vor allem zwei Gründe an:


1. Hebammen tragen ein hohes Maß an Verantwortung. Die Ausbildung muss die Kompetenzen vermitteln, um dieser Verantwortung gerecht werden zu können.

Hebammen haben Vorbehaltstätigkeiten mit einem hohen Verantwortungsbereich, für den sie haften. Dieser Verantwortung können sie nur gerecht werden, wenn sie die bestmögliche Versorgung aufgrund einer wissenschaftlichen und praxisnahen Ausbildung bieten können. Bestmögliche Versorgung erfordert, sich regelmäßig aktiv darüber auf dem Laufenden zu halten, für welche Maßnahmen auf welchem Grad von Gewissheit welche Nachweise auf Wirksamkeit mit welchen Risiken bestehen (Evidenz). Dafür ist eine akademische Ausbildung notwendig.

Berufspraktische Erfahrungen sind ebenfalls unverzichtbar, aber sie sind kein Ersatz für wissenschaftliche Expertise. Entscheidungen in der Versorgung sollten grundsätzlich auf Basis des bestmöglichen internationalen Wissensstandes, eigener klinischer Erfahrungen und der Abwägung der Präferenzen und Wünsche von schwangeren Frauen und ihren Angehörigen getroffen werden. Wer Hebammen als Fachkräfte gewinnen will, muss auch die erforderlichen Kompetenzen vermitteln, um der Verantwortung gerecht werden zu können.

2. Hebamme ist in Deutschland ein Mangelberuf. Trotz niedrigeren Bildungsniveaus im europäischen Vergleich fehlt es an Fachkräften.

Die Akademisierung der Hebammenkunde steigert die Attraktivität des Berufs. Dies ist bitter nötig, denn in Deutschland ist Hebamme mittlerweile ein Mangelberuf. Die Rechnung, mehr Hebammen könne man dann gewinnen, wenn das verlangte Bildungsniveau niedriger ist, ist nicht aufgegangen. Wer mehr Menschen für den Beruf gewinnen will, muss ihn attraktiver gestalten: durch bessere Vergütung, mehr Aufstiegschancen, bessere Arbeitsbedingungen und europäische Mobilität.

Eine zentrale Frage in diesem Kontext ist auch die Entlohnung der Praxiseinsätze als Teil der primärqualifizierenden Bachelor-Studiengänge. Denn anders als die Ausbildung an Hebammenschulen werden die Praxisphasen, die im Rahmen eines Studiums geleistet werden – 3.000 Praxisstunden sind vorgeschrieben –, bislang nicht vergütet. Doch wer in der Ausbildung 3.000 Stunden arbeitet, sollte sich nicht noch um das eigene finanzielle Auskommen sorgen müssen.

Akademisierung ermöglicht Neugestaltung des Studiums

Von der Neuregelung der Ausbildung der Hebammen erhoffen sich die beiden Fuldaer Professorinnen auch, das Studium attraktiver gestalten zu können. „Unsere Erfahrungen und Evaluationen des Studiums nach der sogenannten Modellklausel, einem Paragraphen der derzeit die Ausbildung an Hochschulen als Sonderform regelt, zeigen deutlich, dass die Logik fachschulischer Strukturen denen hochschulischer Strukturen widerspricht – zu Lasten der Studierenden“, konstatiert die Hebammenwissenschaftlerin Prof. Müller-Rockstroh. „Studentinnen müssen zum Beispiel die Möglichkeit haben, von anderen Versorgungslogiken im Ausland zu lernen und im Selbststudium vor allem die eigene Lernfähigkeit zu trainieren.“ Natürlich darf die praktische Ausbildung nicht zu kurz kommen. Auch hier wird der Vorstoß des Bundesgesundheitsministers, so die Hoffnung der beiden Wissenschaftlerinnen, zu Verbesserungen führen, zum Beispiel zu gesetzlich vorgeschriebenen Praxisanleitungsstunden, die den Praxisanleiterinnen vergütet werden.

Absolventinnen arbeiten alle in der Versorgungspraxis

„Wir möchten, dass sich die Studierenden auf ihre Praxisphasen optimal vorbereiten können und dass sie ihre Entscheidungen auch sicher umsetzen können,“ unterstreicht Prof. Blättner. Diesem Ziel dienten auch die Skills-Labore als Lern-und Transferzentren, in denen Studierende ihre fachlichen und kommunikativen Fähigkeiten zunächst in geschützter Umgebung trainieren könnten. „Verbleibstudien zeigen, dass unsere Absolventinnen alle in der Versorgungspraxis arbeiten, meist in einer Mischung aus angestellter und freiberuflicher Tätigkeit. Sie handeln kompetent, sie reflektieren ihre Entscheidungen fundiert, sie respektieren die Berufserfahrungen ihrer Kolleginnen und sie diskutieren mit Ärztinnen und Ärzten fachlich auf Augenhöhe. Besonders stark sehen sie sich in der Kommunikation mit den Frauen und deren Angehörigen in den intimen und teils existentiellen Fragen rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett.“

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:

Prof. Dr. Beate Blättner, E-Mail: beate.blaettner@pg.hs-fulda.de

Weitere Informationen:

Informationen zum Studiengang: https://www.hs-fulda.de/hebammenkunde

Quelle: PM - Hochschule Fulda, 30.10.2018

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