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OECD: "Kampf gegen Chancenungleichheit erfordert mehr Investitionen in Bildung"


Kategorien: Wissenschaftspolitik; Bildung und Erziehung; Europa und Internationales; Geschlechterverhältnisse; MINT; Netzwerke und Organisationen; Wissenschaft Aktuell

Die Regierungen sollten mehr in Bildung investieren, um so die Ursachen von Chancen­ungleichheit zu bekämpfen. Sie würden damit Menschen aller Altersgruppen helfen, die Kompetenzen für gute Jobs und eine hohe Lebensqualität zu erwerben, so die neue OECD-Studie "Bildung auf einen Blick"

Bildung auf einen Blick 2021 zeigt, dass im OECD-Raum ein Fünftel der Erwachsenen keine abgeschlossene Berufsausbildung oder Abitur hat und damit Schwierigkeiten haben wird, am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. In Deutschland lag dieser Wert bei den 25- bis 64-Jährigen 2020 bei rund 14 Prozent. Die meisten OECD-Länder konnten in den vergangenen Jahren den Anteil der Geringqualifizierten deutlich senken. So liegt er bei jungen Erwachsenen (25- bis 34-Jährige) im OECD-Schnitt bei 15 Prozent, in Korea nur noch bei zwei Prozent, in der Schweiz bei sechs Prozent und in Österreich bei elf Prozent. In Deutschland gab es dagegen kaum Bewegung. Hier gelten auch 13 Prozent der jungen Erwachsenen als geringqualifiziert.

Defizite bei der Ausbildung gehen mit deutlich geringeren Beschäftigungschancen einher. Dies gilt insbesondere für Frauen. In Deutschland sind 60 Prozent der geringqualifizierten jungen Erwachsenen erwerbstätig. Die Erwerbsquote liegt damit leicht über dem OECD-Schnitt von 58 Prozent. Allerdings ist die Beschäftigungslücke zu jungen Erwachsenen mit Berufsausbildung oder Studium in Deutschland vergleichsweise groß. Gleichzeitig ist der Anteil der Geringverdiener unter den Geringqualifizierten so hoch wie in kaum einem anderen OECD-Land. 43 Prozent der Geringqualifizierten verdienen weniger als die Hälfte des Medianeinkommens. Nur in Norwegen ist der Anteil höher.

„Die Coronapandemie hat das Gesundheitswesen, die Wirtschaft und den sozialen Sektor hart getroffen. Sie hat außerdem systemische Schwächen offengelegt, die echte soziale Mobilität behindern“, so OECD-Generalsekretär Mathias Cormann bei der Präsentation des Berichts in Paris. „Chancengleichheit ist ein Schlüsselfaktor für eine starke und demokratische Gesellschaft, die den Zusammenhalt fördert. Anders als die Politik, die sich mit den Folgen befasst, kann Bildung bei Chancenungleichheit an der Wurzel ansetzen. Mehr Investitionen in bessere und relevantere Bildung sind für den langfristigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wohlstand der Länder von entscheidender Bedeutung.“

Ein Migrationshintergrund schmälert tendenziell die Bildungschancen. In fast allen Ländern mit verfügbaren Daten war die Erfolgsquote von Zugewanderten der ersten oder zweiten Generation im Sekundarbereich II geringer als die von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Große Unterschiede gibt es auch bei den Beschäftigungsaussichten zwischen im Inland und im Ausland geborenen Erwachsenen. So liegen bei Geringqualifizierten die Beschäftigungsquoten von Eingewanderten in den meisten Ländern höher als bei im Inland geborenen Personen. Bei Hochqualifizierten ist es in der Regel umgekehrt, was auf Schwierigkeiten bei der Anerkennung von Abschlüssen hindeutet. Für Deutschland liegen diese Daten nicht vor. Zudem verdienen qualifizierte Migrantinnen und Migranten häufig weniger. In Deutschland liegen die Gehälter bei Eingewanderten mit Tertiärabschluss bei 89 Prozent der durchschnittlichen Gehälter von im Inland geborenen Personen. Dagegen erzielen in den USA im Ausland geborene Hochqualifizierte höhere Gehälter als im Inland Geborene.

Auch geschlechtsspezifische Unterschiede sind nach wie vor groß. Jungen wiederholen eher eine Klasse als Mädchen, haben häufiger eine geringe Lesekompetenz und schließen seltener den Sekundarbereich II ab. Jungen sind in der Regel in berufsbildenden Bildungsgängen überrepräsentiert und die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Bildungsgang im Tertiärbereich belegen und abschließen, ist geringer. Zudem nehmen in den meisten OECD-Ländern mehr Frauen als Männer an formaler Weiterbildung teil. In Deutschland hingegen sind Männer in der Weiterbildung überrepräsentiert. Gleichzeitig sind in allen OECD-Ländern und unabhängig vom Bildungsstand Frauen weiterhin seltener in Beschäftigung als Männer und verdienen weniger, sogar, wenn sie einen Abschluss in derselben Fächergruppe haben.

Bildungsinvestitionen sind von entscheidender Bedeutung. Allerdings führen steigende Bildungsausgaben nicht immer zu besseren Ergebnissen. Dies lässt darauf schließen, dass die Länder genauer prüfen müssen, wie sie ihre Ressourcen am effektivsten investieren und besser an den Bedarf anpassen können. Die Ausgaben für Bildungseinrichtungen beliefen sich 2018 in Deutschland pro Bildungsteilnehmenden auf 12 800 USD (10 500 USD im OECD-Schnitt – beides angepasst um das nationale Preisniveau) im Primar-, Sekundar- und postsekundären nichttertiären Bereich sowie auf 19 300 USD (17 100 USD) im Tertiärbereich. Bezogen auf die Wirtschaftsleistung lagen die Bildungsinvestitionen in Deutschland mit 4,3 Prozent des BIP unter dem OECD-Schnitt von 4,9 Prozent. In vielen OECD-Ländern sind die Bildungsinvestitionen in den vergangenen Jahren stärker gestiegen als in Deutschland.

Bildung auf einen Blick 2021 enthält auch eine Sonderbroschüre: The State of Global Education – 18 Months into the Pandemic. Darin wird gezeigt, dass das Ausmaß des Unterrichtsausfalls in vielen Ländern erheblich war.

Bildung auf einen Blick bietet vergleichbare nationale Statistiken, die den Stand der Bildung weltweit messen. Der Bericht analysiert die Bildungssysteme der 38 OECD-Mitgliedsländer sowie von Argentinien, Brasilien, China, Indien, Indonesien, der Russischen Föderation, Saudi-Arabien und Südafrika.

Die OECD ist ein globales Forum, das mit über 100 Ländern zusammenarbeitet. Sie tritt ein für eine Politik, die die individuellen Freiheiten wahrt und das wirtschaftliche und soziale Wohlergehen der Menschen weltweit fördert.

Quelle: PM - OECD, 16.09.2021

Weitere zentrale Ergebnisse:

"Der Anteil der hochqualifizierten Frauen nimmt zu
Sowohl in Deutschland als auch im OECD-­Durchschnitt sind die Anteile der Frauen mit einem tertiären Bildungsabschluss, also einem Hochschul­- oder einem höherqualifizierenden berufsorientierten Abschluss über die Altersgruppen hinweg angestiegen. Während bei den 45­- bis 54-­jährigen Frauen rund 25 % der Frauen einen Tertiärabschluss aufweisen (Männer: 33 %), sind es bei den 25-­ bis 34-­jährigen Frauen schon 36 % (Männer: 33 %). Der Anteil hoch­ qualifizierter junger Frauen liegt in Deutschland somit 3 Prozentpunkte über dem Anteil hochqualifizierter junger Männer in dieser Altersgruppe. Dennoch ist der Genderunterschied im Bildungsstand in Deutschland grundsätzlich weniger stark ausgeprägt als im OECD-­Durch­schnitt. Die Differenz zwischen den Anteilen junger Frauen und Männer mit Tertiärabschluss beträgt im OECD­-Durchschnitt 13 Prozentpunkte zu Gunsten der Frauen. Differenziert nach den unterschiedlichen Qualifikationsstufen im Tertiärbereich zeigt sich für die Altersgruppe der 25­- bis 64-­Jährigen, dass bei den Master­ und vergleichbaren Ab­schlüssen (Staatsexamen, Uni­-Diplom, Magister) mit einem Frauenanteil von 52 % annähernd Parität herrscht. Anders sieht es bei den Bachelor­ und gleichwertigen Abschlüssen aus, zu denen auch die Meister­ und Technikerabschlüsse zählen: Hier liegt der Frauenanteil lediglich bei 43 %. Hier gilt es, verstärkt Frauen für eine tertiäre berufliche Qualifikation in technischen Bereichen zu gewinnen."..."Die Frauenquote in den MINT-­Fächern ist jedoch sowohl in Deutschland als auch in anderen OECD-­Ländern unterdurchschnittlich. Deutschland erzielt mit einem Frauenanteil von 22 % bei den MINT­-Anfängern im Tertiärbereich zwar den höchsten Wert im OECD­-Vergleich, jedoch hat sich der Anteil seit 2013 nicht wesentlich verändert. Zu beachten ist, dass sich diese Quote auf den gesamten Tertiärbereich bezieht, der in der internationalen Abgrenzung sowohl akademische als auch berufsbildende Bildungsabschlüsse umfasst. Mehr Frauen für den MINT­-Bereich zu gewinnen, ist für Deutschlands Innovationskraft von hoher Bedeutung. Studien zeigen, dass man hierbei früh ansetzen muss. Deshalb investiert das BMBF mit dem MINT­-Aktionsplan von 2019 zusätzliche Mittel in Höhe von 55 Mio. €, u. a. um die außerschulischen MINT-­Angebote für Kinder und Jugendliche in der Fläche auszubauen durch sogenannte MINT­-Cluster. Viele davon machen spezifische Angebote für Mädchen. Der Frauenförderung im MINT­-Bereich dienen auch die Aktivitäten der seit Mai 2020 geförderten bundesweiten MINT-­Vernetzungsstelle und der dort vernetzten rund 350 Partner im „Nationalen Pakt für Frauen in MINT­Berufen“. Ein weiteres wichtiges Programm ist die Initiative „Klischeefrei“, in dem das BMBF gemein­sam mit dem BMFSFJ Jugendliche dabei unterstützt, sich bei der Ausbildungs­ und Berufswahl frei zu machen von Geschlechter-­Stereotypen und gesellschaftlichen Berufs­-Zuschreibungen. Dies kann auch dazu beitragen, mehr Mädchen und junge Frauen für MINT-­Qualifikationen zu gewinnen. Nicht zuletzt kann die Digitalisierung der Arbeitswelt große Chancen für Frauen bieten, denn sie führt zu einem Wandel vieler Berufe und einer flexibleren Arbeitsorganisation. Für den tertiären Bildungsbereich existieren ebenfalls eine Reihe von Förderprogrammen, wie zum Beispiel das seit 2007 etablierte „Professorinnen­Programm“ von Bund und Ländern. Dieses verfolgt das Ziel, dass sich der Frauenanteil an den Professuren weiter positiv entwickelt und ein ausgewogenes Verhältnis von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Spitzen­positionen an Hochschulen erreicht wird. Der Professorinnen Anteil an Hochschulen in Deutschland konnte auch dadurch von 16,2 % im Jahr 2007 auf 24,7 % im Jahr 2018 gesteigert werden. Die im Rahmen des Programms durchgeführten gleichstellungsfördernden Maß­nahmen sind sowohl personen-­ als auch strukturbezogen und richten sich an verschiedene Zielgruppen. Dazu gehören Schülerinnen und Studentinnen in Fächern, in denen Frauen unterrepräsentiert sind, insbesondere sind dies die MINT­-Fächer."...

"Einkommensdifferenz zwischen Frauen und Männern
In fast allen OECD­-Staaten und über alle Qualifikationsniveaus hinweg verdienen Frauen im Durchschnitt weniger als Männer. Dies ist auch in Deutschland der Fall. Im Zeitraum von 2013 bis 2019 hat sich die Differenz des Erwerbseinkommens der Männer und Frauen mit tertiärem Abschluss in Deutschland um 2 Prozentpunkte vergrößert: Erreichten vollzeiterwerbstätige Frauen mit tertiärem Abschluss im Jahr 2013 in Deutschland 72 % des Einkommens von voll­zeiterwerbstätigen Männern mit tertiärem Abschluss, so waren es im Jahr 2019 nur 70 %. Im OECD­-Durchschnitt hingegen verbesserten sich die Einkommen tertiär gebildeter Frauen von 74 % auf 76 % des Einkommens tertiär gebildeter Männer. Im mittleren Qualifikationsbereich sind die Verdienstdifferenzen zwischen Frauen und Männern etwas weniger stark ausgeprägt. Frauen mit mittleren Qualifikationen verdienen in Deutschland 82 % des Einkommens der Männer (OECD-­Durchschnitt: 78 %)."

Quelle, weitere Informationen und Tabellen: Presse-Hintergrundpapier des BMBF und der Kultusministerkonferenz: Bildung auf einen Blick 2021 - Zentrale Ergebnisse im Überblick

BMBF - Pressemitteilung, 16.09.2021