Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung

Stellungnahme der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) zur Streichung des Masterstudiengangs Gender Studies in Ungarn

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Am 12. Oktober 2018 hat die ungarische Regierung ohne weitergehende wissenschaftliche Begutachtung das Studienfach Gender Studies (MA) aus der Liste der zulässigen Studiengänge des Landes gestrichen. Es darf von nun an keine weiteren Einschreibungen in das Fach geben. Die offizielle Begründung lautet, dass es auf dem Arbeitsmarkt keine Nachfrage für Studierende mit diesem Abschluss gebe. Dass die ungarische Geschlechterforschung im Vorfeld der Entscheidung massiven politischen Diffamierungen ausgesetzt war, in der sie als ‚Pseudo-Wissenschaft’ und als Gefahr für Nation und Familie dargestellt wurde, lässt jedoch auf politisch-ideologische Gründe schließen.

In Ungarn wird der Master in Geschlechterforschung bisher an zwei Universitäten angeboten: der staatlich finanzierten Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) sowie der privat finanzierten Central European University (CEU), die eine Zulassung des Studiengangs sowohl in Ungarn als auch in den USA hatte. Aktuell immatrikulierte Studierende der ELTE dürfen ihr Studium noch abschließen. Der CEU hingegen wurde die ungarische Akkreditierung entzogen, so dass deren Studierende in Zukunft nur noch das US-amerikanische Diplom erhalten. 

Die Sektion Frauen- und Geschlechterforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie nimmt diese
massive Verletzung der Freiheit von Kunst und Wissenschaft (Artikel 13 der EU-Grundrechtcharta) so-
wie dem Recht auf Bildung (Artikel 14 der EU-Grundrechtecharta) mit Entsetzen zur Kenntnis.

Die Geschlechterforschung ist ein international anerkanntes Forschungsgebiet, das mit der ELTE und der CEU zwei renommierte, international vernetzte und anerkannte Standorte hatte. Dass ein international anerkanntes Forschungsgebiet gegen den Willen der Universitäten abgeschafft wird, ist nur eine von vielen alarmierenden Entwicklungen in Ungarn unter der seit 2010 regierenden rechtsnationalen Fidesz-Regierung. Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung stehen nicht erst seit dieser letzten Regierungsmaßnahme unter Beschuss. Der Präsident der CEU berichtete bereits im Juli 2017 darüber, dass Gesetzesänderungen im Land massiv in den Betrieb der Universitäten eingreifen, die Meinungsfreiheit unterwandern und die CEU von der Schließung bedroht ist. Darüber hinaus gehören ‚Anti-Genderismus‘ und das Beharren auf biologische Geschlechterdifferenzen und ‚natürliche‘ Geschlechterrollen seit längerem zum rhetorischen Mittel, mit dem kritische Wissenschaft mundtot gemacht werden soll. 

Die Sektion Frauen- und Geschlechterforschung fordert ein deutliches Bekenntnis Ungarns zu den
Grundrechten der EU und die Rücknahme der Streichung des MA Gender Studies. 

Der Rat der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung:

Sylka Scholz (FSU Jena), 1. Sprecherin
Andrea Nachtigall (EAH Jena), 2. Sprecherin
Joris A. Gregor (FSU Jena)
Mike Laufenberg (TU Berlin)
Lisa Mense (Universität Duisburg-Essen)
Alexandra Scheele (Universität Bielefeld)
Vanessa E. Thompson (Universität Frankfurt)
Pinar Tuzcu (Universität Kassel/Universität Gießen)

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