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Team der Uni Jena erforscht Rassismus, Sexismus und Antisemitismus in Werken der Klassischen Deutschen Philosophie


Kategorien: Diversity, Antidiskriminierung, Intersektionalität; Wissenschaft Aktuell

Im Rahmen des Koselleck-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wird das Projekt „Wie umgehen mit Rassismus, Sexismus und Antisemitismus in Werken der Klassischen Deutschen Philosophie. (Selbst-)Kritische Philosophiegeschichte als Projekt einer ,Public Philosophy'“ gefördert. Das Forschungsvorhaben von Prof. Dr. Andrea Esser, Leiterin des Arbeitsbereichs für praktische Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, startet in diesem Monat, die Fördersumme beträgt eine Million Euro.

Die antirassistischen Proteste der Black Lives Matter-Bewegung sowie die Reaktionen auf die rassistischen und antisemitischen Anschläge von Halle und Hanau, haben auch in der deutschsprachigen Philosophie eine Diskussion angestoßen. Es wurden Diskussionsreihen über die Rolle der eigenen Disziplin in der europäischen Gewaltgeschichte initiiert und Auseinandersetzungen in Tageszeitungen geführt, die fragten: War Kant ein Rassist? Ist Hegels Denken judenfeindlich? Waren die deutschen Idealisten durchweg Sexisten?

Ob diese Fragen tatsächlich geeignet sind, um sich des problematischen Erbes bewusst zu werden, das immer noch in unserer gesellschaftlichen und politischen Gegenwart wirksam ist, bezweifelt Prof. Dr. Andrea Esser, Leiterin des Arbeitsbereichs für praktische Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sie erhielt den Fördermittelbescheid im Rahmen des Koselleck-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), für ein Projekt, das die Philosophie dazu anregen möchte, sich mit ihrem problematischen Erbe sowohl hinsichtlich der Philosophiegeschichtsschreibung als auch unter der Perspektive seiner Wirkung auf die und in der Gegenwart zu beschäftigen. Für die Dauer von fünf Jahren fördert die DFG das Projekt „Wie umgehen mit Rassismus, Sexismus und Antisemitismus in Werken der Klassischen Deutschen Philosophie. (Selbst-)Kritische Philosophiegeschichte als Projekt einer „Public Philosophy“. Das Projekt startet in diesem Monat, die Fördersumme beträgt eine Million Euro.

Selbstkritische Auseinandersetzung mit traditionellen Denk- und Sprachmustern: „Bei all den Philosophen, die wir näher betrachten wollen, gibt es de facto einen Anfangsverdacht“, sagt Prof. Esser. Das Ganze sei jedoch nicht als ein Gerichtsprozess konzipiert, betont sie, denn es gehe nicht primär um die Personen und noch weniger darum, Lese- oder gar Denkverbote auszusprechen. Vielmehr möchten Andrea Esser und ihr Team die Verstrickungsgeschichte exemplarischer Texte in rassistische, sexistische und antisemitische Denkmuster rekonstruieren. Das betrifft sowohl die Konzeption der Texte als auch ihre Rezeption.

Im Fokus des Projekts stehen Immanuel Kant und Philosophen nach Kant, wobei der lokale Bezug klar erkennbar werden soll: Entsprechend werden auch die Deutschen Idealisten J. G. Fichte, G. W. F. Hegel und F. W. J. Schelling, die alle eine Zeitlang in Jena gelehrt haben, behandelt; darüber hinaus auch: J. F. Fries, G. Frege, B. Bauch und W. Wundt. „Einige dieser Philosophen sind für das Selbstverständnis des Instituts für Philosophie in Jena bis heute prägend“, sagt Prof. Esser. An sie wird auch in der Stadt erinnert und sie sind für das Selbst­bild der Stadt Jena immer noch von Bedeutung.

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin ist Prof. Dr. Andrea Esser, E-Mail: andrea.esser@uni-jena.de.

Quelle und weitere Informationen: PM - Universität Jena, 01.08.2022