Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung

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Familienfreundliche Wissenschaft

Das Spannungsfeld von Gleichstellungs- und Familienpolitik

Der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 (BuWiN) analysiert in seinem Schwerpunktkapitel das Thema Vereinbarkeit von Familie und akademischer Karriere. Dabei wird "die Vereinbarkeit von Familie und akademischer Karriere als eine Herausforderung verstanden, die sich für beide Geschlechter stellt. Der Fokus richtet sich explizit auf die besonderen Herausforderungen beziehungsweise möglichen Benachteiligungen für Nachwuchswissenschaftler*innen mit Fürsorgepflichten. Da jedoch Frauen nach wie vor einen Großteil dieser Pflichten übernehmen, werden – unabhängig von diesem prinzipiellen Begriffsverständnis – mögliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern auch im Schwerpunktkapitel systematisch berichtet und diskutiert."

Gleichstellungsakteur*innen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen müssen sich im Rahmen ihrer Arbeit ebenfalls zum Spannungsverhältnis der beiden wissenschaftspolitischen Zielstellungen Gleichstellung und Familienfreundlichkeit positionieren. Welche Erkenntnisse hat die Forschung zu dieser gesellschaftspolitischen Fragestellung erbracht?

Widerstreitende Frauenleitbilder in Deutschland

Zwei Grundgesetznormen, nämlich "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" (Art. 3 Abs. 2 GG) versus "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung" (Art. 6 Abs. 1 GG), stehen sich konfliktreich gegenüber. Diese normative Unentschlossenheithat weder zu einer Anerkennung von Fürsorgearbeiten geführt, noch Frauen den Zugang zum Erwerb erleichtert. Dieses grundsätzliche Dilemma zwischen Familien- und Gleichstellungspolitik wirkt bis heute. Es herrscht eine fortgesetzte Präferenz für das Leitbild des männlichen Familienernährers, nach dem Familien-, Arbeitsmarkt-, Steuer- und Sozialpolitik ausgerichtet wurden. Die Wiedervereinigung erweiterte den Diskurs um das familienpolitische Leitbild der erwerbstätigen Mutter, das Gleichstellungskonzept ist aber auf den öffentlichen Raum verengt und erkennt die von Frauen geleisteten Fürsorgearbeiten in der Privatsphäre nicht an. Vor diesem Hintergrund ist eine Verknüpfung von Gleichstellungs- mit Familienpolitik nur dann möglich, wenn in der Sozial-, Steuer- und Familienpolitik das Leitbild des männlichen Ernährers vollständig aufgegeben wird.

Differenzen in der weiblichen Lebensführung

Die Zielgruppe der Vereinbarkeitspolitik sind heterosexuelle Menschen mit Kindern in einer Zwei-Eltern-Familie, die Belange der Lebensführung von Ein-Eltern-Familien, von Kinderlosen, von homosexuellen Paaren und/oder von Menschen mit pflegebedürftigen Eltern werden dabei vernachlässigt. Der Erfolg beruflich arrivierter Frauen wäre meist nicht ohne bezahlte oder unbezahlte Unterstützung durch andere Frauen möglich gewesen. Dies gilt insbesondere im Kontext zunehmender Mobilitätsanforderungen für qualifizierte Frauen. Diese Belange des Alltags und der fürsorglichen Praxis müssen als politische Gestaltungsaufgabe thematisiert und damit öffentlich gemacht werden. Die aktuellen Ansätze in der Familienpolitik geben die berufliche Integration aller Frauen und Mütter im Kontext des Zweiverdiener-Modells als Zielrichtung vor. Sie stellen die gesellschaftliche Hauptzuständigkeit von Frauen für Sorge- und Betreuungsarbeit nicht wirklich in Frage. Die fatale "Vereinbarkeitslösung" durch weibliche Teilzeitarbeit wird nicht kritisch betrachtet.

Arbeitszeitpolitik im Kontext der Vereinbarkeitsproblematik

In Deutschland ist die Politik nach wie vor dem konservativ-korporatistischen Wohlfahrtsstaats-Regimetyp (Esping-Andersens 1990) verpflichtet. Ausgegangen wird von der Hauptverdiener-Ehe mit Zu-Verdienerin, daraus ergeben sich die kostenlose Mitversicherung von Ehepartner*innen und Kindern in der Kranken- und Pflegeversicherung, die abgeleitete Absicherung im Alter und eine nicht bedarfsgerechte Versorgung mit öffentlichen Kinderbetreuungs- und Pflegeeinrichtungen.

Familienfreundlichkeit ist nicht gleich Geschlechtergerechtigkeit

Welches Fazit lässt sich aus diesen Forschungsergebnissen ziehen? Familienfreundlichkeit, wie sie auch an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen politisch gestaltet wird, wirkt im gesetzlich vorgegebenen Rahmen strukturstabilisierend. Sie verändert weder die Wissenschaftskultur noch die Geschlechterrollen, sondern nutzt den Arbeitgeber*innen hinsichtlich der Personalgewinnung, ohne die Karrierechancen für Frauen nachhaltig zu verbessern. Die Differenzen zwischen Frauen sollten aus der inzwischen stärker gefestigten Position von Frauen in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit heraus häufiger thematisiert werden, um die verschiedenen weiblichen Lebenswelten in der Gleichstellungs- und Familienpolitik zu berücksichtigen.

Ausgewählte Literatur

  • Auth, Diana (2008): Arbeitszeitpolitik und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Gleichstellungskontext. Der deutsche Fall. In: Sabina Larcher Klee (Hg.): Tagesstrukturen als sozial- und bildungspolitische Herausforderung. Erfahrungen und Kontexte. 1. Aufl. Bern: Paul Haupt Verlag, S. 35-49.
  • Gottwald, Markus (2014): Vereinbarkeitspolitik als Karrierepolitik. Empirische Befunde und theoretische Überlegungen. In: Gender 6 (3), S. 26-42.
  • Jurczyk, Karin; Rerrich, Maria S. (2009): Erkenntnis und Politik. Alltägliche Lebensführung und Differenzen zwischen Frauen revisited. In: Brigitte Aulenbacher und Birgit Riegraf (Hg.): Erkenntnis und Methode. Geschlechterforschung in Zeiten des Umbruchs. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (Geschlecht & Gesellschaft, Bd. 43), S. 103-118.
  • Spieß, Katharina (2010): Die Bewertung familienbezogener Maßnahmen in Deutschland. Ein europäischer Ansatz und die Notwendigkeit einer deutschen Gesamtbewertung. In: Diana Auth (Hg.): Selektive Emanzipation. Analysen zur Gleichstellungs- und Familienpolitik. Opladen: Barbara Budrich, S. 109-128.
  • Veil, Mechthild (2010): Familienpolitik ohne Gleichstellungspolitik? Zu einigen Paradoxien aktueller familienpolitischer Interventionen in Deutschland. In: Feministische Studien: Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (2), S. 214-228.