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Kompetenz­zentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung

Gender Bias in der Wissenschaft

Einführung und Definitionen

Gender Bias in der Wissenschaft wird zunehmend erforscht und als Ansatzpunkt für Veränderungen aufgegriffen. Für das Verständnis der meist englischsprachigen Forschungsliteratur und der Lösungsansätze werden im Folgenden die grundlegenden Begrifflichkeiten – Gender, Bias und Homosoziabilität / Homophilie – erläutert.

Der Begriff Gender wird aus dem Englischen als „soziales Geschlecht“ übersetzt (Wende, 2002). Da es im deutschsprachigen Raum keine entsprechende Bezeichnung gibt, wird auch im Deutschen von Gender gesprochen. Als Gender wird das sozial-konstruierte Geschlecht eines Menschen bezeichnet. Bereits Simone de Beauvoir entfachte 1949 mit ihren berühmten Worten „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird dazu gemacht“ in ihrem Werk „Das andere Geschlecht“ die Diskussion um die Konstruktion des Geschlechts (Holland-Cunz, 2021). Im Jahr 1955 führte der Psychologe John Money das Konzept der Geschlechterrolle (gender role) oder auch Geschlechteridentität (gender identity) ein (Money & Ebehardt, 1955). Damit werden Verhaltensweisen von Individuen beschrieben, die mit ihrer geschlechtlichen Identität in Verbindung stehen. Diese Verhaltensweisen sind für Money ein Produkt von beispielsweise Erziehung und hängen nicht mit dem biologischen Geschlecht (sex) einer Person zusammen. 1987 weiten West und Zimmermann in dem Aufsatz „Doing Gender“ das Verständnis von Gender dahingehend aus, dass sie die Begriffe sex und gender klar voneinander trennen. So wird als sex das biologische und als gender das soziale Geschlecht bezeichnet.

Doing Gender bezeichnet die aktive Herstellung und Performanz des Geschlechts: Geschlecht ist kein fertiges, endgültiges Erzeugnis, sondern wird immer wieder aufs Neue kreiert. Hierfür ziehen Personen erworbenes Wissen über geschlechtertypische Handlungs- und Verhaltensweisen heran und reproduzieren somit das jeweilige Geschlecht. Gegen die Setzung von Money, West und Zimmermann, soziales und biologisches Geschlecht zu trennen und deren Annahme, dass nur das soziale Geschlecht konstruierbar sei, postuliert die US-amerikanische Philosophin Judith Butler (1990), dass sex und gender konstruiert werden. Das gelebte Geschlecht steht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu dem biologischen Geschlecht sowie den physiologischen Möglichkeiten, die damit verbunden sind. Hierdurch ist für Butler eine Trennung der beiden nicht möglich. Auch die Zweiteilung des Geschlechts (Binarität) lehnt Butler ab. Für sie stellt der Körper eine Art Leinwand dar, die nach vorhandenen Möglichkeiten und durch kulturelle Praktiken von einzelnen Menschen beschrieben wird (Holland-Cunz, 2021). Damit sind Nichtbinäre Geschlechteridentitäten (non-binary) ein fester Bestandteil der Queer-Theorie.

Das Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung CEWS berücksichtigt den aktuellen Diskurs um den Begriff Gender und die damit verbundenen Begrifflichkeiten und Differenzierungen. Die auf der Themenseite präsentierten Studien spiegeln den aktuellen Forschungsstand sowie die Tatsache wider, dass diese Forschungsliteratur noch vorwiegend binär zwischen weiblichen und männlichen Personen unterscheidet.

Literaturangaben

Butler (1990). Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. Routledge.

Holland-Cunz (2021): Geschlecht (sex and gender). In: Kirchhoff, Thomas (ed.): Online Encyclopedia Philosophy of Nature / Online Lexikon Naturphilosophie. doi: 10.11588/oepn.2021.2.85090

Money, Hampson & Hampson (1955). An Examination of Some Basic Sexual       Concepts: The Evidence of Human Hermaphroditism. In: Bulletin of the Johns Hopkins Hospital. Band 97, Nr. 4, 1. S. 301–319.

Money & Eberhard (1972). Man and Woman, Boy and Girl: Gender Identity from Conception to Maturity. Johns Hopkins University Press.

Wende. (2002). Gender/Geschlecht. In: Metzler Lexikon Gender Studies/Gechlechterforschung.Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Hrsg. von Knoll, Renate. Stuttgart: J. B. Metzler, S. 141-142.

West & Zimmerman (1987). Doing gender. Gender & society, 1(2), 125-151.

Als Bias gelten kognitive Verzerrungseffekte, die unsere Wahrnehmungen, Handlungen und unser Verhalten beeinflussen. Diese Verzerrungen betreffen Vorannahmen, Einstellungen und Stereotype auf implizite, unbewusste Weise, weshalb der Begriff Implicit Bias meist synonym zu Unconscious Bias verwendet wird. Implicit Bias ist somit das Resultat mentaler Assoziationen, die wir durch direkte und indirekte Botschaften erfahren. Äußern kann sich Implicit Bias sowohl positiv als auch negativ. Implicit Bias ist Explicit Bias zwar ähnlich, im Gegensatz zu Explicit Bias stimmt Implicit Bias jedoch nicht notwendigerweise mit unseren bewussten Überzeugungen und reflektierten Einstellungen überein. Der bei allen Menschen vorhandene Implicit Bias beeinflusst als unbewusster und unfreiwilliger Verzerrungseffekt das Entscheidungsverhalten und verursacht strukturelle Ungleichheiten. Deshalb ist es wichtig, Implicit Bias zu verstehen, um soziale Ungleichheit und Diskriminierung zu verringern. Das bekannteste Online-Tool zur Überprüfung des eigenen Bias ist der Harvard implicit association test (IAT), welcher nicht auf individuellen Selbstberichten beruht, sondern ein Messverfahren zur Erfassung sozialer Einstellungen anwendet.

Die Verbindung von Implicit und Explicit Bias wird u.a. von Mavda durch einschlägige Studien nachgewiesen. Hintergrund dieser Verbindung sind sowohl alltägliche Erfahrungen und Sozialisationsmomente der de facto Separation verschiedener Gesellschaftsgruppen als auch die mediale Fülle an stereotypen Darstellungen. Zudem können persönliche Erfahrungen, Werte und Einstellungen Implicit Bias reduzieren oder erhöhen. Während Explicit Bias sich vor allem durch vorurteilsabbauende Erziehung in Implicit Bias umwandelt, wird Implicit Bias durch die Normalisierung von Vorurteilen zu Explicit Bias.

Gender Bias bezeichnet systematische Verzerrungseffekte, die durch geschlechtsbezogene Stereotypisierungen und Vorurteile geprägt sind und sowohl Wahrnehmungen als auch Entscheidungen beeinflussen. Gender Bias wirkt nicht nur in alltäglichen Situationen, in Kommunikation und Entscheidungen, sondern auch in Wissenschaft und Forschung, beispielweise in Bezug auf Forschungsdesign und -ergebnisse sowie personalpolitische Entscheidungen. Er prägt somit Wissenschaft und Forschung trotz vermeintlich objektiver Leistungs- und Bewertungsmaßstäbe und trotz des Ethos unabhängiger, genderneutraler Forschung. So weisen Studien unter anderem bei Auswahl- und Aufstiegsprozessen, Förderungs- und Finanzierungsmöglichkeiten sowie Lehrevaluationen Gender Bias nach. Zusammenfassend dargestellt werden diese Ergebnisse in Veröffentlichungen von EU-Forschungsverbünden (u.a. LERU, ECU, STI Conference). Auch der Artikel „Does Gender Bias Still Affect Women in Science?“ gibt einen guten Überblick über den Forschungsstand.

Verwiesen wird in den Papieren auf die Verbindung von Gender Bias, Racial Bias und weiterem Bias sowie auf die grundsätzliche Herausforderung, Bias intersektional zu analysieren, was die Berücksichtigung mehrerer Ungleichheitsdimensionen in ihrer Verflechtung zur Dimension des Geschlechtes umfasst. Bisher leisten wenige Studien eine intersektionale Analyse, in der Gender Bias und Racial Bias in ihrer Verbindung untersucht werden. Mit der 2012 veröffentlichten Aufsatzsammlung „Presumed Incompetent. The Intersections of Race and Class for Women in Academia“ ist jedoch eine gestiegene Sensibilisierung in der Forschung zu Bias aus intersektionaler Perspektive sowie eine zunehmende Zahl an Studien zu schwarzen Frauen in der Wissenschaft zu verzeichnen.

Homosozialität beschreibt die Präferenz für uns ähnliche Menschen und die Orientierung der Mitglieder dieser sozialen Gruppe aneinander. Rosabeth Moss Kanters beschrieb dieses Phänomen erstmals 1977 in der Studie „Men and women of the corporation“. Homosoziabilität führt in Auswahlverfahren an Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu Einstellungen von Bewerber*innen, die den Auswählenden in Aussehen, Verhalten und bestimmten Gesellschaftskategorien wie Geschlecht und Herkunft ähnlich erscheinen. Damit wird ein bestimmter Typus an Führungskräften und Mitarbeiter*innenschaft reproduziert. Dieses auch als Mini-Me-Effekt und Homophilie bezeichnete Phänomen erhöht sich mit steigender Hierarchieebene und Leitungsposition und ist ein Erklärungsansatz für die weiterhin wirksame gläserne Decke, die Frauen den Zugang zu Spitzenpositionen und Führungsebenen verwehrt. Evidence-Based Studien, die Mini-Me-Effekte in Bewerbungsverfahren und Auswahlprozessen erforschen, stehen größtenteils noch aus. Studien wie „Homophily in higher edcuation“ verweisen auf das Phänomen der Homophilie, untersuchen jedoch nicht deren genaue Wirkungsweise.