Keine politische Spaltung Deutschlands: Die „Mitte“ bleibt stabil

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Entgegen gesellschaftlicher und medialer Spaltungsdebatten gibt es in Deutschland eine konstante politische Mitte – sowohl auf Seiten der Wählerschaft als auch im wahrgenommenen Parteienspektrum – mit einer leicht erkennbaren Tendenz ins gemäßigt linke Spektrum. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie aus der aktuellen Ausgabe des von GESIS herausgegebenen Informationsdienstes Soziale Indikatoren (ISI 63).

Immer häufiger fällt in öffentlichen Diskursen zum Zustand der deutschen Gesellschaft der Begriff der „Spaltung“. Helmut Klages und Sebastian Will von der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer gehen in ihrem Beitrag der Frage nach, ob sich eine solche Spaltung tatsächlich ausmachen lässt, und greifen dazu auf Daten aus dem Politikbarometer zurück, die die Selbstverortung von Wählerinnen und Wählern im Links-Rechts-Spektrum abbilden, sowie deren Einschätzung der Positionierung politischer Parteien in diesem Spektrum. Den Befragten stand eine elfteilige Skala von sehr rechts (1) bis sehr links (11) zur Auswahl, bei der 6 die exakte Mitte bildet.

Die Ergebnisse der Forscher widersprechen der These eines „Rechtsrucks“ und einer zunehmenden Spaltung politischer Einstellungen in Deutschland: Innerhalb des erfassten Zeitraums von 1997 bis 2017 stuften sich etwa 60% der Teilnehmenden konstant mit nur geringen Schwankungen im mittleren Bereich des politischen Spektrums ein. Der größere Teil außerhalb der Mitte ordnet sich im gemäßigt linken Spektrum ein, hier ist eine leichte Zunahme zu beobachten. Im rechten Spektrum hingegen ist seit 2013/2014 eine leicht abnehmende Tendenz zu verzeichnen.

Auch im Hinblick auf den Vergleich zwischen Ost und West können die Forschenden keine politische Spaltung ausmachen: Die Unterschiede sind gering, auch in Ostdeutschland dominiert die Selbstverortung bei der politischen Mitte, wenn auch mit Werten zwischen 50 und 60% etwas schwächer ausgeprägt als in Gesamtdeutschland. Im rechten Spektrum ordnen sich in Ostdeutschland weniger Menschen ein als im gesamtdeutschen Schnitt, die linke Selbstverortung ist demnach über den gesamten Zeitraum stärker und auch hier findet eine Linksdrift statt.

Ab 2005 wurde im Politbarometer ebenfalls erfasst, wo Wählerinnen und Wähler die politischen Parteien im Links-Rechts-Spektrum einordnen. SPD und FDP wurden konstant im unmittelbar mittleren Bereich wahrgenommen, ebenso wie CDU und Grüne, die jedoch näher an den Grenzlinien zum gemäßigt rechten bzw. linken Spektrum liegen. Außerhalb dieser Parteienballung in der Mitte liegen nur Die Linke (3-4) und ab 2016 die AfD (um 9). Wähler aller Parteien ordnen sich also durchschnittlich im mittleren Spektrum ein, die Parteien selbst sind etwas breiter über die Achse verteilt. Die Forschenden folgern daraus, dass sich auch politische Randparteien zum Teil aus einer gemäßigten mittleren Wählerschicht speisen und betonen nochmals:

„Es gibt in Deutschland – sowohl von der Selbstverortung der Wählerschaft, wie auch von deren Einschätzung der Positionierung der Parteien her gesehen – eine breit gelagerte und facettenreich ausdifferenzierte, und somit zwar mit Sicherheit vielfältige Reibungspunkte, aber gewiss auch zahlreiche produktive Berührungs- und Überschneidungszonen beinhaltende politische Mitte, die den weitaus überwiegenden Teil der Bevölkerung, wie auch der an der politischen Gestaltung aktiv beteiligten Kräfte umfasst […].“

Entgegen aktueller Debatten um den „Rechtsruck“ der politischen Landschaft in Deutschland stellen die Forschenden zudem zur Diskussion, ob die zu erkennende Linksdrift, die bei den meisten Parteien im Einklang mit ihrer Wählerschaft vollzogen wurde und wird, längerfristig zum Trend wird, aus dem beispielsweise Die Grünen als „neue Volkspartei“ hervorgehen könnten. Allerdings sei dies angesichts der sich stetig verändernden weltpolitischen, ökonomischen und ökologischen Lage nur schwer zu prognostizieren.

Die gesamten Beiträge des ISI 63 können Sie hier (1.18 MB)kostenfrei herunterladen:

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