Geschlechtergerechte und geschlechtersensible Forschung – das Beispiel Gesundheitsforschung

June 03, 11:00h
Mannheim, Conference room B2,1

Dr. Ingeborg Jahn

Abstract:

Die Leitlinien für gute epidemiologische Praxis (GEP) fordern seit 1998, dass „Studiendesign und Untersuchungsmethodik so anzulegen (sind), dass die geschlechtsspezifischen Aspekte des Themas (…) entdeckt werden können.“ Auch fordert das EU-Programm Horizon 2020 Gender Analysis zur Verbesserung der Qualität der Forschung. Ausgehend von der Definition, dass geschlechtersensible Forschung „in jeder Phase des Forschungs­prozesses die relevanten Geschlechteraspekte begründet, angemessen und sachgerecht (berück­sichtigt)“ (Jahn 2015) gibt der Beitrag – illustriert mit Beispielen – einen Überblick über den aktuellen Stand der Umsetzungsdiskussion. Grundlage sind die Analyse von Literatur und eigene Forschungen (Projekt Epi goes Gender). Mit der Formulierung der Forschungsfrage sollte deutlich werden, welches geschlechterbezogene Wissen bereits vorhanden ist und welches der angestrebte Nutzen ist, auch im Hinblick auf das Auffüllen von geschlechtsbezogenen Wissenslücken bzw. die Adressierung geschlechtsbezogener sozialer Ungleichheit. Ein kritischer Diskussionspunkt bei der Planung und Durchführung quantitativer Studien ist die Frage nach der Höhe der Fallzahl. Geschlechtergerechte Forschung erfordert eine genügend große Fallzahl, um die Forschungshypothesen untersuchen zu können und aussagekräftige Ergebnisse für die Geschlechtsgruppen zu ermöglichen. Geschlechtersensible Operationalisierung bezieht sich u.a. auf die Auswahl der Untersuchungs­faktoren und die Berücksichtigung des Gendering von Einflussfaktoren (z.B. aufgrund der Geschlechter­segregation von Berufen geschlechtsbezogen unterschiedliche Expositionen). Die GEP fordert, dass „die Validität und Reliabilität der eingesetzten Instrumente (…) differenziert (z.B. nach Geschlecht) beschrieben bzw. geprüft werden (sollte).“ (DGEpi 2008, Empfehlung 3.5). In der Literatur wird empfohlen, immer eine nach Geschlecht stratifizierte Analyse durchzuführen. Darüber hinaus hängt die Frage der Angemessenheit der Auswertungsverfahren vom konkreten Untersuchungsfall ab. Der Beitrag zeigt, wie auf Basis der Kriterien guter wissenschaftlicher Praxis die eigene Forschung in Bezug auf die Relevanz der Kategorie Geschlecht reflektiert und verändert werden kann. Damit wird ermöglicht zu erklären, welche Faktoren des Frau-, Mann- oder sex/gender-diverse Person-Seins die Geschlechterunterschiede und –gemeinsamkeiten in der Gesundheit erklären können.

About the speaker:

Studium der Betriebswirtschaft an der Gesamthochschule Kassel und der Sozialwissenschaften an der Universität Göttingen. Promotion zum Dr. phil. An der Universität Bremen mit einer sozial­epidemiolo­gischen Arbeit zu „Berufsverlauf und Lungenkrebsrisiko von Männern“, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS (früher: Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin BIPS); Leitung des BMBF-geförderten Projekts Epi goes Gender und Koordination des „Verbundes Geschlechtersensible Forschung in Epidemio­logie, Neurowissenschaften und Genetik/Tumorforschung (2011-2014); Forschungsinteressen: Frauen- und Geschlechterforschung in Epidemiologie/Public Health, Sozialepidemiologie, Evaluation und Qualitätsentwicklung in Prävention und Gesundheitsförderung, Förderung einer geschlechter­sensiblen Forschungspraxis in der gesundheitsbezogenen Forschung.