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Netzwerke, Kommunikation und Kultur in Online- und Offline-Welten
Gemeinsame Tagung der Sektion Soziologische Netzwerkforschung in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und der Arbeitskreise Digitale Netzwerke und Netzwerke und Kultur in der Deutschen Gesellschaft für Netzwerkforschung
19.-20.03.2026 am GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Mannheim
Organisation: Lydia Repke, Malte Doehne, Jan Fuhse, Haiko Lietz, Philip Roth

Neue Datenquellen und Methoden
Außerdem eröffnet das Internet durch API, Web-Scraping und proprietäre Datenbanken Zugang zu einer Fülle neuer Daten, die mit netzwerkanalytischen Methoden untersucht werden können (Foucault et al., 2020). So wurden etwa Netzwerke von E-Mails und Mailing-Listen, Links zwischen Blogs, Interaktionen in Online-Spielen, Dynamiken des Online-Dating und Netzwerke auf Social Networking Sites wie Facebook, Instagram und Twitter/X untersucht. Diese vielfältigen Räume der Online-Kommunikation basieren auf relationalen Daten von Verknüpfungen zwischen Accounts oder Profilen, und sie ermöglichen non-reaktive Untersuchungen von Netzwerken, etwa von E-Mails, Links, Facebook-Freundschaften oder Retweets.
Viele dieser Datenpunkte – etwa E-Mails oder Retweets – markieren keine stabilen Beziehungen über die Zeit, sondern punktuelle Ereignisse. Sie stehen für Kommunikation, nicht für dauerhafte relationale Strukturen. Das stellt konventionelle Netzwerkanalysen in Frage, eröffnet aber neue Ansätze, von Prozessmodellierungen mit Regressionsanalysen und relationalen Ereignis-Modellen bis zur Analyse von Beziehungsstrukturen regelmäßiger Kommunikation (Kitts & Quintane, 2020). Forschende ziehen aus solchen digitalen Spuren Rückschlüsse auf die Dynamiken und Strukturen des sozialen Miteinander.
Knoten und Kanten
Auf Ebene der Beziehungen oder Kanten arbeitet die Netzwerkforschung neben einem Beziehungsverständnis, das auf soziometrischen Selbstauskünften in Befragungen beruht, immer häufiger mit non-reaktiven Messungen (z.B. Facebook-Freundschaften), bis hin zur Auflösung des Beziehungsbegriffs in Interaktionen und kommunikativen Ereignissen. Zeitlichkeit gewinnt dadurch eine neue Bedeutung: relationale Dynamiken vollziehen sich zwischen punktuellen Interaktionen und dauerhaften Beziehungen, die ihrerseits in soziale Situationen eingebettet sind (Doehne et al., 2024). Inwiefern verändern sich dadurch die Analysemethoden und womöglich unser Grundverständnis von Netzwerken selbst? Zudem müssen wir die Möglichkeiten und Grenzen qualitativer Methoden ausloten: Wie lassen sich ethnografische Beobachtung, qualitative Interviews und Textanalysen für die Untersuchung der neuen sozio-kulturellen Netzwerke im und um das Internet nutzen?
Auf Ebene der Akteure oder Knoten stellt sich die Frage, wie Online- und Offline-Welt ineinandergreifen. Immer häufiger treten künstliche Akteure auf: Social-Media-Bots, die Diskussionen beeinflussen, virtuelle Avatare in Gaming-Welten, Chatbots im Kundenservice oder algorithmische Agenten, die Plattformen steuern. Damit entstehen hybride Konstellationen, in denen Beziehungen, Vertrauen und Machtverhältnisse zwischen Menschen und Maschinen ausgehandelt werden müssen. Für die Netzwerkforschung bedeutet dies, neue Ansätze zu entwickeln, um die Wechselwirkungen zwischen menschlichen und künstlichen Akteuren zu berücksichtigen.
Kultur und Netzwerkanalyse
Neben genuiner Online-Kommunikation bietet das Internet zahlreiche Datenbanken, etwa zu Filmproduktionen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Auch diese ermöglichen innovative Netzwerkanalysen (Lutter, 2015; Burgdorf et al., 2024; Heiberger et al., 2021). Häufig geht es hier um die Untersuchung von Kultur im Sinne von Deutungsmustern, die sich zwischen Kontexten unterscheiden und über die Zeit ändern. Neuere Studien kombinieren Netzwerkanalysen vielfältig mit quantitativen Textanalysen (etwa mit Topic Models oder Word Embeddings). Teilweise wird auch Text selbst als Netzwerk von gemeinsam auftretenden Wörtern untersucht (Diesner et al., 2012). Dies ermöglicht eine Zusammenschau von sozialen Beziehungen und kulturellen Strukturen, etwa im Sinne der Analyse soziosemantischer Netzwerke (Roth & Cointet, 2010). Auch solche non-reaktiven archivarischen Daten liefern mit Ereignissen (wie Briefen und Publikationen) grundlegend andere Informationen als etwa Netzwerk-Surveys. Dies verlangt neue Messungen, neue Analyse-Methoden und ein neues Verständnis von Netzwerken.
Ziel der Tagung
Die Tagung rückt einerseits die Untersuchung von sozialen Netzwerken, Kultur und Kommunikation im und ums Internet in den Fokus. Andererseits laden wir themenoffene Beiträge aus der Netzwerkforschung ohne direkten Internetbezug ein. Damit sollen allgemeine Entwicklungen in der Netzwerkforschung mit aktueller Forschung zu Online-Kommunikationsnetzwerken ins Gespräch gebracht werden. Neben konventionellen Netzwerkanalysen, qualitativen Arbeiten, Studien zu egozentrierten Netzwerken und konzeptionellen Beiträgen freuen wir uns über Beiträge mit Verfahren der Computational Social Science, etwa Natural Language Processing.
Wir laden Sie herzlich ein, Ihre Angebote für Vorträge oder Poster mit einem aussagekräftigen Abstract von maximal einer DIN-A4-Seite als PDF bis zum 01.12.2025 einzureichen. Annahme oder Ablehnung der Vorschläge werden bis 19.12. kommuniziert. Bitte geben Sie bei der Einreichung auch Ihre Präferenz für einen Tagungsvortrag oder ein Poster an. Beiträge können auf Deutsch oder Englisch verfasst werden.
Neben den regulären Vorträgen erwarten Sie ein gemeinsames Abendessen, eine Keynote von John Levi Martin (Chicago), ein Poster-Wettbewerb sowie die feierliche Verleihung des Nachwuchspreises der DGS-Sektion für Soziologische Netzwerkforschung.
Tagungsprogramm
Tag 1 (Do, 19.03.2026)
Uhrzeit | Programmpunkt |
|---|---|
10:00-10:30 | Begrüßung |
10:30-12:00 | S1 – Digitale Plattformen, Publiken |
12:00–13:00 | Mittagspause |
13:00–15:00 | S2 – Kulturelle Produktion, Kreativität und Ungleichheit |
15:00–15:30 | Kaffeepause |
15:30–17:00 | S3 – Polarisierung, Spaltung und Homogenität in Netzwerken; Hyperevent-Methoden |
17:00-17:30 | Verleihung des Nachwuchspreises und Poster-Pitches |
17:30–18:45 | Poster-Session (mit Getränken) |
19:00 | Gemeinsames Abendessen im Restaurant Toulon (C4 11, 68159 Mannheim) |
Tag 2 (Fr, 20.03.2026)
| Uhrzeit | Programmpunkt |
|---|---|
09:00-10:30 | S4 – Jugend, Geschlecht und Gruppen; Egozentrische Methode |
10:30-11:00 | Kaffeepause |
11:00–12:00 | Keynote |
12:00–13:00 | Mittagspause |
13:00–14:00 | S5 – Organisationen und relationale Koordination |
14:00–14:30 | Kaffeepause |
14:30-16:00 | S6 – Network Ecology, Innovation und Ideendynamiken |
Programm im Detail
Donnerstag, 19. März 2026
10:00 Uhr Begrüßung
10:30 Uhr Session 1 – Digitale Plattformen, Publiken
•„Modeling Digital News Audience Fragmentation with Dynamic Two-Mode Networks“ - Judith Gilsbach, Lars Reinelt, Katharina Kleinen-von Königslöw & Frank Mangold
•„Modeling Social Bots on Social Media Platforms: An Agent-Based Approach and Its Impact on Data Quality“ – Cristina Chueca Del Cerro, Yannik Peters, Johannes Breuer, Sebastian Stier, Felix Schmidt & Frank Mangold
•„Cultural Narratives and Online Attention: Analyzing the 27 Club Myth Through Wikipedia Clickstream Data“ – Zackary Okun Dunivin & Patrick Kaminski
12:00 Uhr Mittagessen
13:00 Uhr Session 2 – Kulturelle Produktion, Kreativität und Ungleichheit
•„The Social Structure of Cultural Production: Do Social Networks Foster Innovation or Create Segregated Elites in Music?“ – Mark Wittek
•„Streamwork Makes the Dream Work? Collaboration and Audience Flows among Alternative Creators on YouTube“ – Harald Sick & Pablo Jost
•„Collegial Oligarchies in the Podcasting Realm“ – Malte Doehne, Jakob Schmechel & Katja Rost
•„From Lyrics to Networks: Gender Dynamics and Algorithmic Inequality in German Rap“ – Thomas Grund & Ben Anstötz
15:00 Uhr Kaffeepause
15:30 Uhr Session 3 – Polarisierung, Spaltung und Homogenität in Netzwerken; Hyperevent-Methoden
•„Network Cleavages: Universalism, Particularism, and the Homogeneity of Social Networks“ – Anton Bochert
•„Polarisierte Diskurse im digitalen Raum. Potenziale von (Diskurs-)Netzwerkanalysen für die Linguistik“– Vincenzo Amendolara & Lena Rebhan
•„The Third Mode: Modeling Scientific Production as K-Partite Hyperevent Networks“ – Jürgen Lerner
17:00 Uhr Verleihung des Nachwuchspreises und Poster-Pitches
17:30 Uhr Poster-Session
•„Kommunikation als Schlüssel gegen Einsamkeit: Eine Analyse persönlicher sozialer Netzwerke“ – Theresia Ell
•„Think Alike, Talk Alike?“ – Hendrik Erz
•„Applying Breadth First Sampling to Plattform Data with Seeds Obtained via Data Donations “ – Judith Gilsbach, Alyssa Smith, Termeh Shafie, Alexi Quintana Mathé & David Lazer
•„LinkedIn als Forschungsfeld: Ein systematisches Review zu Methoden und Herausforderungen der empirischen LinkedIn-Forschung“ – Zora Hocke-Bolte
•„Is Homophily Enough? Exploring Friendship Choices by SES among School Students” – Anastasiia Kuznetsova
•„‘[Das] zeigt doch die Bedeutung von Interoperabilität‘ – Interorganisationale Dynamiken in IoT-Netzwerken“ – Nico Meier & Jonas Stark
•„Quantitative und qualitative Netzwerkanalyse in musikhistorischer Forschung; either or – in between – both? “ – Joachim Pollmann
•„Wie werden berufliche Löhne legitimiert? Eine Analyse von Lohnnarrativen in 210.000 YouTube-Kommentaren“ – Tim Schnepf
•„Narratives Linking Spirituality and Conspiracy Ideology on German-Speaking Telegram During the COVID-19 Pandemic“ – Pia Schrot
19:00 Uhr Gemeinsames Abendessen im Restaurant „Toulon“ (C4 11, 68159 Mannheim)
Freitag, 20. März 2026
09:00 Uhr Session 4 – Jugend, Geschlecht und Gruppen; Egozentrische Methode
•„Gendered Trajectories of Dislike Between Muslim and Non-Muslim Adolescents in Germany“ – Belin Demirbag, David Kretschmer & Lars Leszczensky
•„Visibility Through Violence: A Comparative Study of Popularity and Toughness Reputation in Gendered Adolescent Networks“ – Alexandra Heyden, Mark Wittek & Clemens Kroneberg
•„Hidden Structures: Inferring Population Network Characteristics From Egocentric Data in Older Adults“ – Lea Ellwardt & Raffaele Vacca
10:30 Uhr Kaffeepause
11:00 Uhr Keynote „One Myth Only: The Return of Structuralist Analysis in an Age of Generative AI and Cultural Involution“ – John Levi Martin
12:00 Uhr Mittagspause
13:00 Uhr Session 5 – Organisationen und relationale Koordination
•„Coordinating Futures in Organizational Communication“ – Oscar Stuhler
•„Gaben, Netze, Märkte. Entwurf einer relationalen Theorie der digitalen Märkte“ – Jean Müßgens
14:00 Uhr Kaffeepause
14:30 Uhr Session 6 – Network Ecology, Innovation und Ideendynamiken
•„The Ecology of Creative Destruction: Tracing the Birth and Death of Ideas” – Raphael Heiberger, Patrick Kaminski, Tianyu Du, Mark Wittek & Daniel McFarland
•„Bring Interactions Back In: Conceptualizing and Operationalizing Contact-Based Network Studies” – Yang-chih Fu
•„Divergence and Diversity: The Ecology of Online-Networks and Its Implications” – Jan Fuhse
Anmeldung
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Wir bitten um Anmeldung bis Donnerstag, 12. Februar 2026, über die Anmeldemaske.
Die Teilnahme ist kostenfrei. Da wir das Catering entsprechend planen, bitten wir um Anmeldung nur bei verbindlicher Teilnahme.
Literatur
Burgdorf, K., Wittek, M., & Lerner, J. (2024). Communities of style: Artistic transformation and social cohesion in Hollywood, 1930 to 1999. Socius, 10, 1–15. https://doi.org/10.1177/23780231241257334
Crossley, N., & Widdop, P. (Eds.). (2025). Handbook of social networks and culture. Edward Elgar.
Diesner, J., Carley, K., & Tambayong, L. (2012). Extracting socio-cultural networks of the Sudan from open-source, large-scale text data. Computational and Mathematical Organizational Theory, 18, 328–339. https://doi.org/10.1007/s10588-012-9126-x
Doehne, M., McFarland, D., & Moody, J. (2024). Network ecology: Tie fitness in social context(s). Social Networks, 77, 180–196. https://doi.org/10.1016/j.socnet.2024.01.004
Foucault Welles, B., & Gonzáles-Bailón, S. (Eds.). (2020). The handbook of networked communication. Oxford University Press.
Heiberger, R., Munoz-Najar Galvez, S., & McFarland, D. (2021). Facets of specialization and its relation to career success: An analysis of U.S. sociology, 1980 to 2015. American Sociological Review, 86, 1164–1192. https://doi.org/10.1177/00031224211056267
Kitts, J., & Quintane, E. (2020). Rethinking social networks in the era of computational social science. In R. Light & J. Moody (Eds.), The Oxford handbook of social networks (pp. 71–97). Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/oxfordhb/9780190251765.013.24
Lewis, K. (2024). Digital networks: Elements of a theoretical framework. Social Networks, 77, 31–42. https://doi.org/10.1016/j.socnet.2021.12.002
Lutter, M. (2015). Do women suffer from network closure? The moderating effect of social capital on gender inequality in a project-based labor market, 1929 to 2010. American Sociological Review, 80, 329–358. https://doi.org/10.1177/0003122414568788
Roth, C., & Cointet, J.-P. (2010). Social and semantic coevolution in knowledge networks. Social Networks, 32, 16–29. https://doi.org/10.1016/j.socnet.2009.04.005
Roth, P., & Laut-Berger, C. (2025). Videotelefonie & soziale Nähe. In H. Friese, M. Nolden, & M. Schreiter (Eds.), Handbuch soziale Praktiken und digitale Alltagswelten (2nd ed., pp. 1–16). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-08460-8_89-1
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