Netzwerke, Kommunikation und Kultur in Online- und Offline-Welten

Gemeinsame Tagung der Sektion Soziologische Netzwerkforschung in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und der Arbeitskreise Digitale Netzwerke und Netzwerke und Kultur in der Deutschen Gesellschaft für Netzwerkforschung

19.-20.03.2026 am GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Mannheim

Organisation: Lydia Repke, Malte Doehne, Jan Fuhse, Haiko Lietz, Philip Roth

                       

Aufruf zu Beitragsvorschlägen

In den letzten 30 Jahren ist das Internet zu einem zentralen Ort des sozialen Austauschs geworden. Für die Netzwerkforschung ergeben sich daraus neue Herausforderungen und Chancen, soziale Formationen im und ums Internet theoretisch zu modellieren und empirisch zu untersuchen (Lewis, 2024). Der Netzwerktheorie folgend geht es dabei nicht nur um Netzwerke als statische und „kulturlose“ Strukturen, sondern um die Analyse der neuen Figurationen oder Netzwerk-Domänen im und ums Internet mit ihren Strukturenkulturellen Deutungsmustern und Kommunikationsdynamiken (Crossley & Widdop, 2025).

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Soziale Beziehungen und Kommunikation

Mit der Verbreitung internetbasierter Kommunikation verändern sich die Rahmenbedingungen für die Entwicklung und Pflege persönlicher Beziehungen. Erste Studien zeigen, dass dies grundlegend beeinflusst, wie Beziehungen entstehen und wirksam werden (Roth & Laut-Berger, 2025). Betroffen sind sowohl die objektiven Kommunikationsbedingungen und -anforderungen – etwa erweiterte Erreichbarkeit, neue Ausdrucksmöglichkeiten oder digitale Repräsentation von Körperlichkeit – als auch kulturelle Regeln, die Beziehungen wie Freundschaften und damit die Qualität der Beziehungen strukturieren. Vor diesem Hintergrund stellt sich unter anderem die Frage, mit welchen Konsequenzen (spezifische) internetbasierte Kommunikationsräume (z.B. Games, Social Media, Videotelefonie) sowie neue Interaktionspartner wie KI-gestützte ChatBots auf Beziehungen und Netzwerke wirken.

Neue Datenquellen und Methoden

Außerdem eröffnet das Internet durch API, Web-Scraping und proprietäre Datenbanken Zugang zu einer Fülle neuer Daten, die mit netzwerkanalytischen Methoden untersucht werden können (Foucault et al., 2020). So wurden etwa Netzwerke von E-Mails und Mailing-Listen, Links zwischen Blogs, Interaktionen in Online-Spielen, Dynamiken des Online-Dating und Netzwerke auf Social Networking Sites wie Facebook, Instagram und Twitter/X untersucht. Diese vielfältigen Räume der Online-Kommunikation basieren auf relationalen Daten von Verknüpfungen zwischen Accounts oder Profilen, und sie ermöglichen non-reaktive Untersuchungen von Netzwerken, etwa von E-Mails, Links, Facebook-Freundschaften oder Retweets.

Viele dieser Datenpunkte – etwa E-Mails oder Retweets – markieren keine stabilen Beziehungen über die Zeit, sondern punktuelle Ereignisse. Sie stehen für Kommunikation, nicht für dauerhafte relationale Strukturen. Das stellt konventionelle Netzwerkanalysen in Frage, eröffnet aber neue Ansätze, von Prozessmodellierungen mit Regressionsanalysen und relationalen Ereignis-Modellen bis zur Analyse von Beziehungsstrukturen regelmäßiger Kommunikation (Kitts & Quintane, 2020). Forschende ziehen aus solchen digitalen Spuren Rückschlüsse auf die Dynamiken und Strukturen des sozialen Miteinander.

Knoten und Kanten

Auf Ebene der Beziehungen oder Kanten arbeitet die Netzwerkforschung neben einem Beziehungsverständnis, das auf soziometrischen Selbstauskünften in Befragungen beruht, immer häufiger mit non-reaktiven Messungen (z.B. Facebook-Freundschaften), bis hin zur Auflösung des Beziehungsbegriffs in Interaktionen und kommunikativen Ereignissen. Zeitlichkeit gewinnt dadurch eine neue Bedeutung: relationale Dynamiken vollziehen sich zwischen punktuellen Interaktionen und dauerhaften Beziehungen, die ihrerseits in soziale Situationen eingebettet sind (Doehne et al., 2024). Inwiefern verändern sich dadurch die Analysemethoden und womöglich unser Grundverständnis von Netzwerken selbst? Zudem müssen wir die Möglichkeiten und Grenzen qualitativer Methoden ausloten: Wie lassen sich ethnografische Beobachtung, qualitative Interviews und Textanalysen für die Untersuchung der neuen sozio-kulturellen Netzwerke im und um das Internet nutzen?

Auf Ebene der Akteure oder Knoten stellt sich die Frage, wie Online- und Offline-Welt ineinandergreifen. Immer häufiger treten künstliche Akteure auf: Social-Media-Bots, die Diskussionen beeinflussen, virtuelle Avatare in Gaming-Welten, Chatbots im Kundenservice oder algorithmische Agenten, die Plattformen steuern. Damit entstehen hybride Konstellationen, in denen Beziehungen, Vertrauen und Machtverhältnisse zwischen Menschen und Maschinen ausgehandelt werden müssen. Für die Netzwerkforschung bedeutet dies, neue Ansätze zu entwickeln, um die Wechselwirkungen zwischen menschlichen und künstlichen Akteuren zu berücksichtigen.

Kultur und Netzwerkanalyse

Neben genuiner Online-Kommunikation bietet das Internet zahlreiche Datenbanken, etwa zu Filmproduktionen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Auch diese ermöglichen innovative Netzwerkanalysen (Lutter, 2015; Burgdorf et al., 2024; Heiberger et al., 2021). Häufig geht es hier um die Untersuchung von Kultur im Sinne von Deutungsmustern, die sich zwischen Kontexten unterscheiden und über die Zeit ändern. Neuere Studien kombinieren Netzwerkanalysen vielfältig mit quantitativen Textanalysen (etwa mit Topic Models oder Word Embeddings). Teilweise wird auch Text selbst als Netzwerk von gemeinsam auftretenden Wörtern untersucht (Diesner et al., 2012). Dies ermöglicht eine Zusammenschau von sozialen Beziehungen und kulturellen Strukturen, etwa im Sinne der Analyse soziosemantischer Netzwerke (Roth & Cointet, 2010). Auch solche non-reaktiven archivarischen Daten liefern mit Ereignissen (wie Briefen und Publikationen) grundlegend andere Informationen als etwa Netzwerk-Surveys. Dies verlangt neue Messungen, neue Analyse-Methoden und ein neues Verständnis von Netzwerken.

Ziel der Tagung

Die Tagung rückt einerseits die Untersuchung von sozialen Netzwerken, Kultur und Kommunikation im und ums Internet in den Fokus. Andererseits laden wir themenoffene Beiträge aus der Netzwerkforschung ohne direkten Internetbezug ein. Damit sollen allgemeine Entwicklungen in der Netzwerkforschung mit aktueller Forschung zu Online-Kommunikationsnetzwerken ins Gespräch gebracht werden. Neben konventionellen Netzwerkanalysen, qualitativen Arbeiten, Studien zu egozentrierten Netzwerken und konzeptionellen Beiträgen freuen wir uns über Beiträge mit Verfahren der Computational Social Science, etwa Natural Language Processing.

Wir laden Sie herzlich ein, Ihre Angebote für Vorträge oder Poster mit einem aussagekräftigen Abstract von maximal einer DIN-A4-Seite als PDF bis zum 01.12.2025 einzureichen. Annahme oder Ablehnung der Vorschläge werden bis 19.12. kommuniziert. Bitte geben Sie bei der Einreichung auch Ihre Präferenz für einen Tagungsvortrag oder ein Poster an. Beiträge können auf Deutsch oder Englisch verfasst werden. 

Neben den regulären Vorträgen erwarten Sie ein gemeinsames Abendessen, eine Keynote von John Levi Martin (Chicago), ein Poster-Wettbewerb sowie die feierliche Verleihung des Nachwuchspreises der DGS-Sektion für Soziologische Netzwerkforschung.

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Literatur

Burgdorf, K., Wittek, M., & Lerner, J. (2024). Communities of style: Artistic transformation and social cohesion in Hollywood, 1930 to 1999. Socius, 10, 1–15. https://doi.org/10.1177/23780231241257334

Crossley, N., & Widdop, P. (Eds.). (2025). Handbook of social networks and culture. Edward Elgar.

Diesner, J., Carley, K., & Tambayong, L. (2012). Extracting socio-cultural networks of the Sudan from open-source, large-scale text data. Computational and Mathematical Organizational Theory, 18, 328–339. https://doi.org/10.1007/s10588-012-9126-x

Doehne, M., McFarland, D., & Moody, J. (2024). Network ecology: Tie fitness in social context(s). Social Networks, 77, 180–196. https://doi.org/10.1016/j.socnet.2024.01.004

Foucault Welles, B., & Gonzáles-Bailón, S. (Eds.). (2020). The handbook of networked communication. Oxford University Press.

Heiberger, R., Munoz-Najar Galvez, S., & McFarland, D. (2021). Facets of specialization and its relation to career success: An analysis of U.S. sociology, 1980 to 2015. American Sociological Review, 86, 1164–1192. https://doi.org/10.1177/00031224211056267

Kitts, J., & Quintane, E. (2020). Rethinking social networks in the era of computational social science. In R. Light & J. Moody (Eds.), The Oxford handbook of social networks (pp. 71–97). Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/oxfordhb/9780190251765.013.24

Lewis, K. (2024). Digital networks: Elements of a theoretical framework. Social Networks, 77, 31–42. https://doi.org/10.1016/j.socnet.2021.12.002

Lutter, M. (2015). Do women suffer from network closure? The moderating effect of social capital on gender inequality in a project-based labor market, 1929 to 2010. American Sociological Review, 80, 329–358. https://doi.org/10.1177/0003122414568788

Roth, C., & Cointet, J.-P. (2010). Social and semantic coevolution in knowledge networks. Social Networks, 32, 16–29. https://doi.org/10.1016/j.socnet.2009.04.005

Roth, P., & Laut-Berger, C. (2025). Videotelefonie & soziale Nähe. In H. Friese, M. Nolden, & M. Schreiter (Eds.), Handbuch soziale Praktiken und digitale Alltagswelten (2nd ed., pp. 1–16). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-08460-8_89-1