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German Microdata Lab

Statistik des Haushaltsbudgets 1988/89

Die Statistik des Haushaltsbudgets hatte in der DDR eine lange Tradition (vgl. König 1992). Erstmals wurde sie 1947 in der Sowjetischen Besatzungszone durchgeführt. Ende der fünfziger Jahre begann der eigentliche Aufbau dieser Statistik, die in ihren wesentlichen Grundzügen bis zur Gegenwart erhalten geblieben war. Da die Erhebung auch nach der Wirtschafts- und Sozialunion der beiden deutschen Staaten noch bis einschließlich 1992 weitergeführt wurde, kann sie auch dazu genutzt werden, die Lebenslagen unterschiedlicher Haushaltstypen in den neuen Bundesländern vor und nach der Wende zu analysieren und so die Auswirkungen des Transformationsprozesses bspw. bezüglich haushaltsspezifischer Ungleichheiten zu untersuchen (Münnich 1993a,b).

Die Statistik des Haushaltsbudgets war eine Erhebung von Haushalten ausgewählter Bevölkerungsgruppen durch die amtliche Statistik der DDR. Die Teilnahme an der Erhebung war freiwillig. Die Erhebung diente insbesondere dazu, Informationen über die Höhe und Struktur von Geldeinnahmen und -ausgaben in Abhängigkeit spezifischer Faktoren (bspw. Zahl der Personen im Haushalt, Altersstruktur, Geschlecht und Erwerbstätigkeit) zu gewinnen. Sie war die einzige Erhebung der DDR-Statistik, in welcher das Konsumverhalten (Niveau, Struktur, Dynamik der Geldausgaben bzw. des mengenmäßigen Verbrauchs) der privaten Haushalte verschiedener Bevölkerungsgruppen erfasst wurde. Die Ergebnisse dieser Statistik dienten hauptsächlich als Grundlage für die Planung von Sozial- und Familienpolitik, indem bspw. das Verbraucherverhalten typischer Haushalte untersucht und die Wirksamkeit von sozialpolitischen Transferleistungen auf das konsumptive Verhalten der ausgewählten Bevölkerungsgruppen abgeschätzt wurde. Das Befragungsprogramm, das über die Jahrzehnte immer mehr verfeinert wurde (hierzu ausführlich König 1992,1993) konzentrierte sich insbesondere auf die Erfassung der monatlichen Geldeinnahmen und den Geldausgaben für Nahrungsmittel; Genussmittel; Schuhe, Täschner- und Feinsattlerwaren; Textilien und Bekleidung; sonstige Industriewaren; bezahlte Leistungen; Steuern, Versicherungen und Beiträge, bewerteter Eigenverbrauch, Geldausgaben für die persönliche Wirtschaft. Soziodemographische Informationen wurden nur in einem sehr begrenztem Umfang und ausschließlich zur Charakterisierung der Haushalte erhoben. Unter anderem wurden folgende Informationen erfasst: Anzahl der Personen im Haushalt, Anzahl der Personen nach Art ihres Einkommens, Anzahl der Tiere in der persönlichen Wirtschaft, Anzahl der im Haushalt vorhandenen Konsumgüter. Erhebungsdesign: Befragungsumfang und Auswahlplan. Die Statistik des Haushaltsbudgets weist einige Besonderheiten auf, die
bei der Analyse dieser Daten zu berücksichtigen sind. Beobachtungseinheiten waren private Ein- und Mehrpersonenhaushalte ausgewählter Bevölkerungsgruppen, die an ihrem Wohnsitz befragt wurden. Die Teilnahme an der Erhebung war freiwillig, wobei die teilnehmenden Haushalte an ihrem Wohnsitz in die Erhebung einbezogen wurden. 

  • Arbeiter und Angestellte,
  • Mitglieder Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG-Mitglieder),
  • berufstätige und nicht-berufstätige Rentner.

Die Zuordnung der Haushalte zu den einzelnen sozialen Gruppen erfolgte anhand des Haupteinkommensbeziehers, d.h. des Haushaltsmitglieds, das überwiegend zum Lebensunterhalt des Haushaltes beiträgt. Grundsätzlich aus der Erhebung ausgeschlossen waren die Haushalte folgender Bevölkerungsgruppen:

  • Anstaltshaushalte,
  • Haushalte, deren Mitglieder im sogenannten X-Bereich tätig waren (Der X-Bereich umfasst u.a. folgende Gruppen von Berufstätigen: Armee, Polizei, Zoll, Staatssicherheit, Parteien und gesellschaftliche Massenorganisationen incl. Verlage und Druckereien dieser Einrichtungen)
  • Beschäftigte der WISMUT-AG,
  • Private Haushalte von Mitgliedern der Produktionsgenossenschaften des Handwerks u.a. Genossenschaften mit Ausnahme von LPG-Mitgliedern,
  • Private Haushalte von Selbständigen.

Die Auswahl der Beobachtungseinheiten erfolgte auf der Basis eines Quotenverfahrens. Die Erfassungsquoten für die einzelnen Bevölkerungsgruppen orientierten sich hierbei an ausreichenden Fallzahlen für Hochrechnungen und nicht an der proportionalen Verteilung der einzelnen Gruppen in der Gesamtbevölkerung. D.h. es liegt auch für die berücksichtigten sozio-ökonomischen Haushaltsgruppen kein repräsentativer Querschnitt über die Gesamtbevölkerung vor. Die Datenanalyse sollte sich daher an den einzelnen Bevölkerungsgruppen orientieren. Allgemein ist zu beachten, dass bei einer Quotenauswahl die Auswahl der in die Erhebung gelangenden Elemente (hier die Haushalte) - bei Berücksichtigung der Quotenvorgaben - oftmals nach willkürlichem subjektivem Ermessen erfolgen.
Zu denken ist hier etwa an die leichtere Erreichbarkeit mancher Haushalte. Eine sich hieraus ergebende Verzerrung kann auch bei der Statistik des Haushaltsbudgets nicht ausgeschlossen werden.

Als eine weitere Besonderheit des Haushaltsbudgets 1988/89 ist zu beachten, dass die Stichprobeneinheit nicht das Berichtsjahr, d.h. die Summe der zwölf Berichtsmonate pro Haushalt, sondern die Zahl der Haushalte pro Monat ist. Da die im Laufe eines Berichtsjahres aus der Erhebung ausgeschiedenen Haushalte - sofern möglich - durch neue Haushalte ähnlicher Struktur ersetzt wurden, ist es auch nicht möglich die Ausgaben einzelner Haushalte über das gesamte Berichtsjahr zu verfolgen. Der Befragungszeitraum des Haushaltsbudgets erstreckt sich von November 1988 bis Oktober 1989. Insgesamt enthält das Datenfile für diesen Zeitraum 40.594 Fälle (Haushalte), d.h. circa 3.400 Fälle pro Monat. 

Der Befragungsumfang der Jahresstichprobe lag bei circa 3.400 Haushalten.
Aufgegliedert nach den Bevölkerungsgruppen:

  • 2000 Arbeiter und Angestellte
  • 800 LPG-Mitglieder
  • 600 Rentnerhaushalte (berufstätig:200; nicht-berufstätig:400

Gliederungskriterien für Auswahlplan
Die Gliederung des Auswahlplanes orientierte sich an folgenden Kriterien (vgl. König 1993):

(a) Bezirke (berücksichtigt wurden grundsätzlich alle 15 Bezirke der ehemaligen DDR),

innerhalb der Bezirke wurde gegliedert nach:

(b) Sozialen Bevölkerungsgruppen:

  • Arbeiter und Angestellte
  • LPG-Mitglieder
  • Rentnerhaushalte

innerhalb der sozialen Gruppen nach:

(c) Haushaltsgrößen

Arbeitern- und Angestelltenhaushalten, sowie Haushalte von LPG-Mitglieder

  • 1-Personenhaushalte
  • 2-Personenhaushalte
  • 3-Personenhaushalte
  • 4-Personenhaushalte
  • Fünf und Mehrpersonenhaushalte

Rentnerhaushalte

  • 1-Personenhaushalte
  • 2-Personenhaushalte


innerhalb der Haushaltsgröße für:

  • Arbeiter- und Angestelltenhaushalte nach Anzahl der Haushalte mit einem oberen Einkommen
  • LPG-Mitglieder nach Tätigkeitsgruppe des Haupteinkommensbeziehers
  • Rentnerhaushalte: Berufstätige Rentner und Nichtberufstätige Rentner

Die Auswahl selbst erfolgte über ein zweistufiges Verfahren. In der ersten Stufe wurden die Gemeinden, in der zweiten Stufe die privaten Haushalte ausgewählt (König 1993).

Erste Auswahlstufe

Im ersten Schritt wurden die Kreise dieser Bezirke in drei Schichten unterteilt:

  • Industriekreise,
  • gemischt-strukturelle Kreise,
  • Agrarkreise.

Nach einer Gewichtung der Kreise auf der Basis der Haushaltszahlen wurde eine systematische Auswahl der Kreise vorgenommen.

Im zweiten Schritt wurden die Gemeindegrößenklasse als Schichtungskriterium herangezogen. Für jede Gemeindegrößenklasse wurden die ausgewählten Kreise sowie die dazugehörigen Gemeinden mit der Zahl ihrer Haushalte aufgelistet.

Im dritten Schritt wurden die Gemeindegrößenklassen in aufsteigender Reihenfolge sortiert und die Haushalte kumuliert. Die Auswahl der Gemeinden im vierten Schritt schließlich erfolgte auf Basis eines Auswahlabstandes mit einem Zufallsstart, wobei pro Gemeinde jeweils mindestens fünf Haushalte in die Stichprobe kommen sollten.

Zweite Auswahlstufe

In der zweiten Stufe erfolgte die Auswahl der Haushalte in den ausgewählten Gemeinde. Die eigentliche Auswahl erfolgte dabei unter Einhaltung der Quotierung bewusst von Seiten der Instrukteure der jeweiligen Bezirksstelle für Statistik. In welchem Ausmaß es durch diese Vorgehensweise zu zusätzlichen Verzerrungen in den ausgewählten Gruppen gekommen ist, ist zur Zeit nicht nachvollziehbar. Solange hierzu keine präziseren Informationen vorliegen, sollte daher vor Verallgemeinerungen von Analyseergebnissen auch bezüglich der sozialen Bevölkerungsgruppen abgesehen werden.

  • Engelhard, Matthias/Wirth, Heike (1992): Mikrodaten - DDR. Einkommensstichprobe in Arbeiter- und Angestelltenhaushalten 1988. Dokumentation und Datenaufbereitung. ZUMA-Technischer Bericht Nr.92/08.
  • Hagemann, Fritz, 1993: Amtliche Bevölkerungserhebungen in der ehemaligen DDR. Ein Überblick. In: Lüttinger/Wirth (Hg.): "Amtliche Daten der DDR und der neuen Bundesländer: Informationsquelle für die Sozialwissenschaften". Tagungsdokumentation. ZUMA, Mannheim, S.1-10.
  • König, Erhard (1992): Erhebungsziele, -merkmale und Beobachtungseinheiten der Einkommensstichprobe 1988, der Statistik des Haushaltsbudgets 1982 bis 1990 und der Zeitbudgeterhebungen 1985 und 1990. Berlin: Statistisches Bundesamt (unveröffentlichtes Manuskript/KSPW-Projektdokumentation Kapitel 1)
  • König, Erhard (1992a): Dokumentation zu den repräsentativen Bevölkerungsbefragungen der amtlichen Statistik in der ehemaligen DDR. Stichprobendesign. (Unveröffentlichtes Manuskript).
  • König, Erhard (1993): Dokumentation zu den repräsentativen Bevölkerungsbefragungen der amtlichen Statistik in der ehemaligen DDR. Erhebungsverfahren und Organisation. (Unveröffentlichtes Manuskript).
  • König, Erhard (1993a): Stichprobendesign. Berlin: Statistisches Bundesamt (unveröffentlichtes Manuskript/KSPW-Projektdokumentation Kapitel II.1).
  • König, Erhard (1993b): Erhebungsverfahren und Organisation. Berlin: Statistisches Bundesamt (unveröffentlichtes Manuskript/KSPW-Projektdokumentation Kapitel II.2).
  • König, Erhard (1993d): Aufbereitung der Daten: Statistik des Haushaltsbudgets 1982 bis 1990. Berlin: Statistisches Bundesamt (unveröffentlichtes Manuskript/KSPW-Projektdokumentation Kapitel III.2).
  • König, Erhard (1993f): Validität der Daten. Berlin: Statistisches Bundesamt (unveröffentlichtes Manuskript/KSPW-Projektdokumentation Kapitel IV).
  • König, Erhard (1993h): Statistik der Wirtschaftsrechnungen bzw. Statistik des Haushaltsbudgets in den 60er Jahren bis 1980: 60er Jahre bis 1974. Berlin: Statistisches Bundesamt (unveröffentlichtes Manuskript/ KSPW-Projektdokumentation Kapitel V.2.1).
  • König, Erhard (1993i): Statistik der Wirtschaftsrechnungen bzw. Statistik des Haushaltsbudgets in den 60er Jahren bis 1980: 1975/1976 bis 1980. Berlin: Statistisches Bundesamt (unveröffentlichtes Manuskript/KSPW-Projektdokumentation Kapitel V.2.2).
  • Krause, Peter/Schwarze, Johannes (1990): Die Einkommensstichprobe in Arbeiter- und Angestelltenhaushalten der DDR vom August 1988 - Erhebungskonzeption und Datenbankzugriff. DIW-Diskussionspapier Nr. 11.
  • Münnich, Margot (1993a): Statistik des Haushaltsbudgets: Zur wirtschaftlichen Lage ausgewählter Haushalte in den neuen Bundesländern. In: "Amtliche Daten der DDR und der neuen Bundesländer: Informationsquelle für die Sozialwissenschaften". Tagungsdokumentation, ZUMA, Mannheim, S.65-90.
  • Münnich, Margot (1993b): Laufende Wirtschaftsrechnungen, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Einführung der Bundesstatistik in den neuen Bundesländern. Forum der Bundesstatistik, Bd. 22. Stuttgart: Metzler-Poeschel, S. 203-232.