Historical Social Research

43.3 - Economists, Politics, and Society

HSR Vol. 43 (2018) No. 3: Special Issue: Economists, Politics, and Society. New Insights from Mapping Economic Practices Using Field-Analysis (ed. Christian Schmidt-Wellenburg & Frédéric Lebaron)

Wirtschaftswissenschaftler*innen sind zu einer wichtigen „Trägerschicht“ des gouvernementalen Wissens des 21. Jahrhunderts geworden, eine Entwicklung, die nicht nur, aber auch seit 2008 im Zuge der Weltwirtschaftskrise offenbar wurde. Das Interesse an Ökonomen und ökonomischen Wissen sowie deren Einfluss auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hat seitdem nicht nachgelassen. Das HSR-Special Issue vereint Forschungsbeiträge, die sich diesen Beziehungen aus einer von Pierre Bourdieus methodologischem Werk inspirierten Perspektive nähern. Eine solche, sich auf die Konzepte des Feldes und des Habitus stützende Herangehensweise erlaubt es, Entwicklungen der longue durée und ihre Auswirkungen auf aktuelle politische und soziale Ereignisse aus dem Zusammenspiel von individuellen Lebenswegen und kollektiven Institutionengeschichten zu begreifen. In den Beiträgen finden sowohl quantitative Verfahren, beispielsweise die Geometrische Datenanalyse oder die Netzwerkanalyse, als auch qualitativ-interpretative Verfahren Verwendung, mit deren Hilfe biografische Daten und Textdaten aus unterschiedlichsten nationalen und transnationalen Kontexten analysiert werden.

Die in dem HSR-Special Issue versammelten Forschungsergebnisse leisten in vier Bereichen einen Beitrag zum Verständnis des Verhältnisses von Wirtschaftswissenschaften, Politik und Gesellschaft. Erstens wird die Funktionsweise der akademischen Ökonomik näher beleuchtet, wobei das Hauptaugenmerk auf Fragen der professionellen Sozialisation, dem Wandel der Studienabschlüsse und der Hochschullehre sowie der Verbreitung spezifischer Forschungsparadigmen liegt. Zweitens steht der Wandel nationaler wirtschaftswissenschaftlicher Felder im Fokus, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Beziehungen zu wirtschaftlichen und staatlichen Institutionen. Drittens wird die Rolle, die Ökonomen und ökonomische Expertise in der europäischen Krise und der institutionellen Restrukturierung des Feldes der Eurokratie gespielt haben, analysiert. Viertens werden die Auseinandersetzungen zwischen Eliten in national verankerten Feldern der Macht und ihre Beziehungen zu einem immer stärker transnationalisierten Feld der Wirtschaftswissenschaften untersucht.