Historical Social Research

HSR Interview mit Jürgen W. Falter (März 2013)

 

Prof. Falter,

Wie kam es zu der Zusammenarbeit an diesem HSR-Supplementheft?

Wilhelm Schröder, der Herausgeber der HSR, machte mir den Vorschlag, ein Sonderheft der HSR mit meinen wahlhistorischen Aufsätzen vorzubereiten, worauf ich mich, leicht geschmeichelt, gern und mit Begeisterung einließ.

Was ist das Konzept dieses Supplements?

Der Zielsetzung der HSR entsprechend beschäftigt sich das Heft mit Publikationen aus meiner Feder (teilweise zusammen mit meinen damaligen Mitarbeitern) zu wahlhistorischen und mitgliederhistorischen Fragestellungen im Zusammenhang mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus; zwei Beiträge befassen sich mit den ersten Nachkriegswahlen in beiden Teilen Deutschlands. Diese Fragestellung macht allerdings nur gut ein Viertel meiner bisherigen Forschungs- und Publikationstätigkeit aus; meine gegenwartsbezogenen Analysen zum Wahlverhalten, zu Methodenfragen der Sozialwissenschaften und zu extremistischen Einstellungen und Verhaltensformen hätten das Konzept des HSR-Sonderhefts gesprengt.

Ihre Verbindung mit GESIS hat aber schon eine längere Tradition?

Ich fühle mich dem ZA und dem Zentrum für historische Sozialforschung seit Jahrzehnten eng verbunden, zunächst als Daten-Konsument, bald auch als Daten-Produzent. Bereits in den frühen siebziger Jahren besuchte ich ein Methodenseminar des ZA. In den achtziger Jahren war ich zunächst Beiratsmitglied im ZHSF, dann im ZA; in den neunziger Jahren war ich schließlich eine Zeit lang Mitglied im Genesis-Kuratorium.

Neben Ihren vielen anderen Forschungsschwerpunkten - warum dieses starke Interesse am Themengebiet „Soziografie des Nationalsozialismus?

Das Ende der ersten deutschen Demokratie und der Aufstieg des Nationalsozialismus hatten mich schon sehr früh (negativ) fasziniert. Bereits als Jugendlicher, stärker noch als Student und junger Wissenschaftler stellte ich mir die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass über die Hälfte der Deutschen 1932/33 ihre Stimme unverkennbar extremistischen, demokratiefeindlichen Parteien wie der NSDAP und der KPD gaben. Als ich bei der Vorbereitung für einen Tagungsbeitrag Ende der siebziger Jahre feststellte, dass der Forschungsstand zu den Wählern der NSDAP keineswegs empirisch so fundiert war, wie von vielen Historikern und Sozialwissenschaftlern stillschweigend unterstellt wurde, stellte ich bei der DFG und der Volkswagen-Stiftung zwei miteinander verknüpfte Forschungsanträge zum Themenkreis Weimarer Wahlen und NSDAP-Aufstieg, die beide zu meiner Überraschung praktisch gleichzeitig genehmigt wurden, so dass ich mit einer Zahl hoch begabter und motivierter Mitarbeiter über Jahre hinweg mich der Frage widmen konnte, welche sozialen Schichten und demographischen Gruppen die NSDAP gewählt hatten, welche Parteien vor allem Stimmen an die Hitlerbewegung verloren und welche möglichen Motivationen dahinter standen.

Rückblickend: Was war das methodisch Innovative an der Historischen Wahlforschung, wie Sie sie praktiziert haben?

Methodisch innovativ war zunächst die Behandlung komplexer Zusammenhänge mit dafür geeigneten statistischen Verfahren, insbesondere der ökologischen Regressionsanalyse. Dieses Verfahren, das unter bestimmten Umständen den statistischen Schluss von der Aggregat- auf die Individualebene ermöglicht, haben im Verlaufe des Projektes mein damaliger Mitarbeiter Jan-Bernd Lohmöller und ich durch die Einführung so genannter Moderatorvariablen verfeinert. Eine gewisse zumindest Innovation in der Darstellung komplexer Variablenbeziehungen stellen auch die seinerzeit sprichwörtlichen Falterbäume dar, ein Verfahren des Kontrastgruppenvergleichs, mit dessen Hilfe auch statistisch weniger bedarften Naturen die Verästelungen und Überlagerung von Einflüssen deutlich gemacht werden konnte, die die Wahl der NSDAP begünstigten oder unwahrscheinlicher machten.

Könnten Sie kurz skizzieren, wie die Frage „Wer wählte Hitler?“ nach heutigem Forschungsstand zu beantworten ist?

Die Wähler der NSDAP kamen aus allen sozialen Schichten, demographischen Kategorien und Regionen, auch wenn die protestantische alte Mittelschicht der gewerblichen Selbstständigen und Landwirte unter den Wählern der NSDAP deutlich überrepräsentiert war. Arbeiter stimmten sehr viel stärker für die NSDAP, als gemeinhin im historischen Schrifttum unterstellt wurde (bis zu 40 % der NSDAP-Wähler entstammten der versicherungsrechtlichen Kategorie „Arbeiter“). Alle Parteien mussten nach 1928 Stimmen an die NSDAP abgeben, wenn auch auf stark asymmetrische Weise: Als relativ immun erwiesen sich lediglich die Anhänger der KPD und der beiden katholischen Parteien Zentrum und BVP. Arbeitslose Arbeiter wählten im Gegensatz zu arbeitslosen Angestellten klar unterdurchschnittlich NSDAP, auch Frauen gaben ihre Stimme zunächst stark, später leicht unterdurchschnittlich bis durchschnittlich der so genannten Hitler-Bewegung. Dass die Massenarbeitslosigkeit aber für den Aufstieg der NSDAP nach 1928 mit verantwortlich war, ist unbestreitbar. Schließlich trugen die steigende Verschuldung im agrarischen und gewerblichen Sektor sowie der Übergang von immer mehr Presseorganen zum Nationalsozialismus ebenfalls zu den Wahlerfolgen der NSDAP bei. Schlagwortartig zusammengefasst lässt sich die NSDAP von ihrer Wählerstruktur her gesehen als Volkspartei des Protests oder, leicht ironisch formuliert, als Volkspartei mit Mittelstandsbauch charakterisieren.

Ihre aktuellen Studien gehen stärker in Richtung Mitgliederstruktur der NSDAP - was können Sie dazu heute schon sagen?

Der amerikanische Soziologe William Brustein und ich haben in den späten achtziger Jahren die größte bisher existierende Stichprobe aus den weitestgehend erhalten gebliebenen NSDAP-Mitgliederkarteien mit zusammen über 42.000 Fällen für die Jahre 1925-1933 erhoben (bzw. genauer: erheben lassen). Diese Stichprobe haben meine jetzigen Mitarbeiter und ich im Verlauf der letzten Monate um weitere 9000 Fälle für die Jahre 1934-1945 aufgestockt. Aufgenommen wurden (erstmals) flächendeckend alle auf den Mitgliedskarten enthaltenen Informationen, also Geburtsort, Geburtsdatum, Wohnort, Ortsgruppe, Gau, Eintrittsdatum, Beruf, eventuelles Austrittsdatum, eventuelle spätere Wiedereintritts- und Austrittsdaten sowie im Falle von Umzügen der neue Wohnort und Gau. Zusätzlich verknüpften wir in einem sehr zeitaufwändigen Prozess die Ortsangaben der Mitgliedsdaten, die ja Individualmerkmale darstellen, mit Informationen aus meinen Weimarer Wahldatensätzen, so dass wir jetzt auch Informationen darüber besitzen, aus welchen konfessionellen, wirtschaftsstrukturellen und sozialen Kontexten die NSDAP-Mitglieder kamen. Erste Auswertungsergebnisse belegen, dass unter den neu eintretenden NSDAP-Mitgliedern der Prozentsatz der Arbeiter viel höher als vermutet lag (nach Jahren leicht schwankend vor 1933 waren bis an die 40 % der Neueintretenden Arbeiter, wobei keineswegs wie manchmal vermutet die atypischen Arbeiterberufe überwogen). Erst 1933 erfuhr die Partei durch die vielen „Märzgefallenen“ einen gewissen Verbürgerlichungsschub.

Sie sind Senior-Forschungsprofessor an der Uni Mainz - welche Themen werden Sie in den nächsten Jahren beschäftigen?

Dass ich am Ende meiner Hochschullehrertätigkeit eine Position erreicht habe, von der ich Zeit meines Wissenschaftlerlebens geträumt habe, ist sicher eine glückliche Fügung. Es gibt in ganz Rheinland-Pfalz, mich eingeschlossen, bisher nur fünf solche Senior-Forschungsprofessoren. Ich werde mich in den verbleibenden zwei Jahren meiner Senior-Forschungsprofessur, die mit etwas Forschungsgeld und einigem Personal ausgestattet ist, mit der Aufbereitung der neuen Stichprobe (für die Jahre 1934 bis 1945) beschäftigen, Analysen anhand dieser neuen wie auch der alten NS-Mitgliederdaten durchführen und mich bemühen, als Parallelband zu Hitlers Wähler eine Monographie über die Mitglieder der NSDAP zu verfassen. Bis zur Fertigstellung wird das aber noch einige Jahre dauern.