Kurzskalen psychologischer Merkmale

Bewertung

Das AR1 ist eine hochgradig ökonomische Skala zur Erfassung des Merkmals physische Attraktivität in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, die starken zeitlichen und monetären Restriktionen unterliegen und eine umfangreichere Erfassung nicht zulassen. Weiterhin erlaubt das AR1 eine Messung des Konstrukts, bei der die üblichen konfundierenden Einflüsse durch Merkmale der Beurteiler wie deren Alter und Geschlecht weitgehend kontrolliert werden. Die Skala kann in verschiedenen computerunterstützen Erhebungsmodi administriert werden, z.B. im CAPI-Modus (Computer Assisted Personal Interview), im CAWI-Modus (Computer Assisted Web Interview) und im CASI-Modus (Computer Assisted Self Interview). Im PAPI-Modus (Paper Assisted Personal Interview) und als Selbstausfüller ist das AR1 nicht sinnvoll einsetzbar. Validitätsbelege wurden für den CAPI- und den CAWI-Modus erbracht. Die Invarianz zwischen den Erhebungsmodi wurde bisher allerdings noch nicht geprüft. Ob Korrelationen und Mittelwerte des AR1 daher über Stichproben hinweg vergleichbar sind, die in unterschiedlichen Modi erhoben wurden, kann zurzeit nicht vorausgesetzt werden. Vor dem Einsatz des AR1 in Mixed-Mode-Designs sollte dieser Beleg erbracht werden (siehe Befunde zur Validität). Die Erhebung von Daten mit dem AR1 dauert deutlich weniger als eine Minute.

Die empirischen Belege der Validierungsstudien sprechen für die psychometrische Güte des AR1. Im Hinblick auf die Reliabilität sei allerdings einschränkend erwähnt, dass diese nicht durchgehend als ausreichend belegt werden konnte. Bei der Beurteilung weniger Modelle traten auch Reliabilitätskoeffizienten unter der für Gruppenuntersuchungen angegebenen Grenze von .60 auf. Neben dem geringen Stichprobenumfang kann hierfür insbesondere die mangelnde Übung der Beurteiler im Umgang mit sozialwissenschaftlichen Fragebögen im Allgemeinen und mit dem AR1 im Besonderen angeführt. Manche Beurteiler gaben trotz anderslautender Instruktion absolute statt relative Attraktivitätsurteile ab. Dies unterstreicht die besondere Bedeutung von Schulungen der Beurteiler bzw. der Interviewer im der Anwendung des AR1. Mit entsprechender Schulung sollte mit dem AR1 eine für Gruppenuntersuchungen mindestens ausreichende Reliabilität erzielt werden können.

Auch die Konstruktvalidität des AR1 konnte belegt werden. Zunächst wurden Attraktivitätseinschätzungen auf Grundlage des AR1 aus Stichprobe 2 mit Attraktivitätseinschätzungen aus Stichprobe 1 verglichen. Die Bilder der beurteilten Modelle wurden in Stichprobe 1 als „gering“, „mittel“ oder „hoch attraktiv“ eingeschätzt. Bei dem Vergleich zeigte sich, dass die AR1-Werte von Modellen, die in Stichprobe 1 als „gering“, „mittel“ oder „hoch attraktiv“ eingeschätzt wurden, linear über die „Attraktivitätsstufen“ ansteigen, d.h. Modelle, die in Stichprobe 1 als „gering attraktiv“ eingeschätzt wurden, zeigten in Stichprobe 2 deutlich geringere Mittelwerte im Vergleich zu Modellen, die als „mittel“ oder „hoch attraktiv“ eingeschätzt wurden. Als „hoch attraktiv“ eingeschätzte Personen zeigten im Mittel die höchsten AR1-Werte im Vergleich zu Personen, die als „gering“ oder „mittel“ attraktiv eingeschätzt wurden. Mit Ausnahme einer Skalenvariante konnte dieser lineare Anstieg der AR1-Werte bei allen der übrigen fünf Skalenvarianten und über alle Attraktivitätsstufen gezeigt werden. Der Effekt ist daher vermutlich der spezifischen Auswahl des Modells mit hoher Attraktivität (für Bedingung „weiblich/alt“) in der Validierungsstudie geschuldet.

Weitere Belege für die Konstruktvalidität des AR1 wurden korrelativ ermittelt. Die empirischen Validitätskoeffizienten spiegeln die aus der psychologischen Literatur bekannten Beziehungen des Konstrukts „Physische Attraktivität“ angemessen wider: Die höchste Korrelation des AR1, also der fremdeingeschätzten Attraktivität der Befragungsperson, zeigte sich mit der Selbsteinschätzung der Befragungsperson. Weitere mit der Fachliteratur konsistente Korrelate von geringer Stärke (.10 < r < .30) wurden mit dem Alter (negativer Zusammenhang), mit Beeinträchtigungen der physischen und psychischen Gesundheit (negativer Zusammenhang), sozioökonomischen Erfolgsvariablen wie Einkommen und Bildung (positiver Zusammenhang), sozialen Ressourcen wie Partnerschaft (positiver Zusammenhang) und dem zugeschriebenen sozialen Status der Befragungsperson (positiver Zusammenhang) gefunden.

Die empirischen Belege der Validierungsstudien sprechen dafür, dass das AR1 nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine für Forschungskontexte ausreichend reliable und eine valide Erfassung des Merkmals physische Attraktivität erlaubt. In mehreren umfangreichen alters-, geschlechts- und bildungsheterogenen Stichproben, darunter auch eine repräsentative Zufallsstichprobe, konnten die Reliabilität des AR1 und unterschiedliche Aspekte der Konstruktvalidität belegt werden. Die AR1 ermöglicht somit die Fremdeinschätzung der physischen Attraktivität von Befragungspersonen durch Interviewer, ohne die bei einer Fremdeinschätzung üblicherweise auftretenden konfundierenden Einflüsse durch Merkmale der Beurteiler, wie deren Alter und Geschlecht. Ein direkter empirischer Vergleich des hier vorgeschlagenen Messkonzeptes einer relativen Attraktivitätsmessung mit der traditionellen „absoluten“ Messung steht allerdings noch aus. Eine entsprechende Studie ist aktuell in Planung, deren Befunde hier bereitgestellt werden.