Kurzskalen psychologischer Merkmale

Entwicklung und Validierung

Ziel der Skalenkonstruktion war es, eine Messung der physischen Attraktivität von Befragungspersonen zu ermöglichen, bei der Verzerrungen durch Beurteilermerkmale wie Alter und Geschlecht weitgehend kontrolliert werden können. Dies sollte über ein Messkonzept ermöglicht werden, bei dem Einschätzungen der Attraktivität einer Person (fortan auch Zielperson) relativ zu einer Person mit durchschnittlicher Attraktivität desselben Geschlechts und derselben Altersgruppe vorgenommen werden. Durch die Verwendung eines Ankerbilds mit Gesicht als Grundlage für die relative Einschätzung beziehen wir die physische Attraktivität einer Zielperson ausschließlich auf ihr Gesicht. Dies ist in gewisser Weise eine reduktionistische Sichtweise des Konstrukts, deckt sich aber mit Befunden aus der Attraktivitätsforschung, nach denen das Gesicht die wichtigste Quelle für eine Einschätzung der physischen Attraktivität ist (Mueser, Grau, Sussman & Rosen, 1984; Peters, Rhodes & Simmons, 2007).

Das AR1 wurde in drei Schritten anhand dreier alters-, geschlechts- und bildungsheterogener Stichproben entwickelt und validiert.

(1) Als Ausgangspunkt für die Skalenkonstruktion wurde die FACES-Datenbank (Ebner, Riediger & Lindenberger, 2010) verwendet. Daraus wurden 171 durch eine Modelagentur vorselegierte Bilder von Personen mit durchschnittlicher Attraktivität (fortan Modelle) ohne emotionalen Ausdruck (Ebner, persönliche Mitteilung, 14.06.2010) entnommen. Ziel dieses Konstruktionsschritts war es, für jede mögliche Zielperson einen im Hinblick auf Alter und Geschlecht möglichst repräsentativen Vertreter mittlerer Attraktivität als Ankerbild auszuwählen, so dass beim zukünftigen Einsatz der Skala eine Verzerrung durch Alter und Geschlecht der Beurteiler minimiert wird. Die 171 Bilder der Modelle wurden daher in sechs Gruppen eingeteilt, in junge, mittelalte und ältere Männer und Frauen (jeweils 27-29 Bilder), und vier Beurteilern vorgelegt. Diese schätzten die Attraktivität der Modelle anhand einer siebenstufigen Skala von „gar nicht attraktiv“ bis „sehr attraktiv“ ein. Diese Einschätzungen wurden aggregiert. Anschließend wurden aus jeder Gruppe 10 Bilder selegiert mit (a) mittleren Attraktivitätseinschätzungen und (b) einem wahrgenommenen Alter (vgl. Ebner et al., 2010) im Bereich von 25-30, 45-50, 65-70 Jahren.

(2) Im zweiten Schritt wurden aus den 10 Bildern pro Gruppe sechs Bilder ausgewählt. Die resultierenden 36 Bilder wurden mit Instruktionen und Antwortskala von „gar nicht attraktiv“ (1) bis „sehr attraktiv“ (7) in den Fragebogen von Stichprobe 1 integriert (siehe Tabelle 2). Diese Stichprobe ist eine Quotenstichprobe, geschichtet nach den Merkmalen Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland (N = 539). Die Grundgesamtheit war definiert als „alle in der Bundesrepublik Deutschland in Privathaushalten lebenden deutschsprachigen Personen ab 18 Jahren“. Die Erhebung erfolgte in zwei Wellen mit einem zeitlichen Abstand von 6 bis 10 Wochen. Aus Platzgründen konnten die Bilder nur in Welle 1 vorgegeben werden. Die Daten von Stichprobe 1 wurden im Rahmen eines persönlich-mündlichen Interviews (CAPI) oder durch die Vorgabe eines Papierfragebogens erhoben. Für die Einschätzung der 36 Bilder wurde ein Papierfragebogen vorgegeben. Die Erhebung dauerte insgesamt im Mittel 53 Minuten (SD = 12). Für die Auswahl von Ankerbildern durchschnittlich attraktiver Modelle wurde die Stichprobe der Befragungspersonen beziehungsweise Beurteiler nach Alter und Geschlecht in sechs Gruppen unterteilt. Die Attraktivitätseinschätzungen wurden anschließend innerhalb jeder Gruppe gemittelt und aus jeder Gruppe wurde ein Bild mit mittlerer Attraktivitätseinschätzung gewählt. Das heißt, dass zum Beispiel das Ankerbild für die (Einschätzung der Attraktivität von) älteren Männern anhand der gemittelten Einschätzungen der älteren männlichen Beurteiler aus Stichprobe 1 ausgesucht wurde. Als Modelle mittlerer Attraktivität wurden die Bilder mit den IDs 167 als Anker für die Beurteilung von jungen Männern, 054 für die Beurteilung von jungen Frauen, 178 für die Beurteilung mittelalter Männer, 080 für die Beurteilung mittelalter Frauen, 027 für die Beurteilung älterer Männer und 133 für die Beurteilung älterer Frauen aus der FACES-Datenbank ausgewählt.

(3) Um die Validität des AR1 zu prüfen, wurde die so konstruierte Skala schließlich zwei weiteren Stichproben vorgegeben. Stichprobe 2 wurde im Internet erhoben (CAWI, Computer Asissted Web Interview). Bei Stichprobe 2 handelt es sich um eine Quotenstichprobe, geschichtet nach Geschlecht, Alter und Bildung (N = 741). Grundgesamtheit waren die Teilnehmer eines Online-Access-Pools im Alter von 18 Jahren oder älter, die in Deutschland leben. Der Onlinefragebogen (Bearbeitungsdauer: M = 23 Minuten, SD = 8) enthielt soziodemographische Angaben, verschiedene Skalen zur Erfassung psychologischer Merkmale und das AR1. Um die Validität des AR1 zu prüfen, ließen wir von den Befragungspersonen in Stichprobe 2 Attraktivitätseinschätzungen von Bildern vornehmen, die von den Beurteilern in Stichprobe 1 bereits eingeschätzt wurden. Für jede Alter × Geschlecht-Gruppe wurden drei Bilder von Modellen ausgewählt, die in Stichprobe 1 als gering, mittel oder hoch attraktiv eingeschätzt wurden. Die Attraktivität dieser Modelle wurde anhand des AR1 beurteilt. Wenn das AR1 eine valide Erfassung der Attraktivität erlaubt, dann sollten die Rangreihen der Einschätzungen von Stichprobe 1 und 2 annähernd übereinstimmen.

Tabelle 2: Charakteristika der drei Stichproben


Stichprobe 1
Welle 1
Stichprobe 1
Welle 2
Stichprobe 2Stichprobe 3
Stichprobe

Umfang [N]

5393387411134
ArtQuoteQuoteQuoteZufall
ModusCAPI, PapierCAPI, PapierCAWICAPI
Zusammensetzung
Geschlecht [% Frauen]52.552.151.855.6
Alter [M(SD)]47.2 (15.2)46.7 (15.1)48.3 (13.0)53.3 (18.4)
Bildung  ≤ 9 Jahre44.745.340.137.2
                10 Jahre30.227.929.137.0
                 ≥ 11 Jahre23.725.430.825.8

Anmerkung: CAPI = Computer Aided Personal Interview, CAWI = Computer Aided Web Interview, CASI = Computer Assisted Self Interview, Papier = Papierversion (Selbstausfüller)

 

Eine weitere Überprüfung der Konstruktvalidität des AR1 fand in Stichprobe 3 statt. Stichprobe 3 mit N = 1134 Befragungspersonen ist eine Zufallsstichprobe, die repräsentativ für die Wohnbevölkerung in Deutschland über einem Alter von 18 Jahren ist. Sie wurde mithilfe des ADM-Stichprobensystem F2F (Random Route) der Arbeitsgemeinschaft deutscher Marktforschungsinstitute gezogen. Die Daten dieses Interview wurden im CAPI- und CASI-Modus erhoben (Bearbeitungsdauer: M = 43, SD = 13). Die Fragebogenbatterie beinhaltete neben dem AR1 umfangreiche soziodemographische Angaben, weitere psychologische Maße (z.B. BFI-10, Rammstedt & John, 2007, IE-4, Kovaleva, Beierlein, Kemper & Rammstedt, 2012; AKSU, Beierlein, Kovaleva, Kemper, & Rammstedt, 2012) und einige sozialwissenschaftliche Validierungsmaße, z.B. Einkommen, (durch den Interviewer) zugeschriebener sozialer Status der Befragungsperson, Gesundheitszustand etc. Mit diesen Maßen wurden Validitätskoeffizienten für das AR1 berechnet. Außerdem wurde das AR1 zweimal vorgegeben, um die Übereinstimmung zwischen Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung zu ermitteln. Am Anfang des Interviews (CAPI) nahm der Interviewer eine Einschätzung der Attraktivität der Befragungsperson vor. Am Ende des Interviews folgte ein kurzer Teil des Fragebogens im CASI-Modus. In diesem sollte die Befragungsperson selbst ihre Attraktivität anhand des AR1 einschätzen.

Alle drei Erhebungen wurden von unabhängigen kommerziellen Anbietern durchgeführt. Die Fragebögen der Erhebungen finden Sie in unserem Downloadbereich.