Kurzskalen psychologischer Merkmale

Entwicklung und Validierung

Ausgangspunkt für die Konstruktion der hier beschriebenen KSA-3 stellen die bisher für den deutschsprachigen Raum entwickelten Messinstrumente zur Erfassung von Autoritarismus dar. Einige dieser Skalen repräsentieren vollständige Übersetzungen der 1981 von Altemeyer vorgelegten und 34 Items umfassenden „Right-Wing-Authoritarianism Skala“ dar. Darüber hinaus wurden Kurzskalen mit vier (Stellmacher, Sommer & Brähler, 2005), neun (Petzel, Wagner, Nicolai & van Dick, 1997) und 12 Items (Funke, 2005) publiziert.

Die Originalskala von Altemeyer (1981) stellt zwar einen konzeptuellen Fortschritt gegenüber der F-Skala (Adorno et al., 1950) dar, wurde jedoch aufgrund ihrer psychometrischen Schwächen vielfach kritisiert (siehe auch Abschnitt 2). Als Mängel erwiesen sich unter anderem die uneindeutigen Itemformulierungen und die Doppelladungen auf weiteren Subskalen (z.B. Funke, 2005; Duckitt et al., 2010; Van Hiel et al., 2007). Empirische Studien belegen allerdings, dass die Skala von Altemeyer die erwarteten theoretischen Zusammenhänge von Autoritarismus mit Vorurteilen, Konservatismus, Religiosität, Nationalismus, Fundamentalismus, Bedrohungswahrnehmungen und weiteren Konstrukten aufweist (z.B.  Duckitt, 1993; Duriez & Van Hiel, 2002; Ekehammar, Akrami, Gylje & Zakrisson, 2004; Ratazzi, Bobbio & Canova, 2007; Zakrisson, 2005).

Das von Funke (2012) entwickelte Messinstrument, das ebenfalls auf der Skala von Altemeyer basiert, wird heute im deutschen Sprachraum am häufigsten eingesetzt. Es geht über die bisher vorgelegten Operationalisierungen hinaus, da es die Subdimensionen von Autoritarismus konzeptionell trennt. Zudem beinhalten die Subskalen Items, die hinsichtlich ihrer Ausrichtung ausbalanciert sind. Leider konnte die Trennung der Subdimensionen empirisch nicht konsistent belegt werden, so dass die Skala meist als Gesamtskala für Autoritarismus verwendet wird (z. B. Cohrs, Kämpfe-Hargrave & Riemann, 2012; Cohrs & Asbrock, 2009; Dhont & Van Hiel, 2011; Imhoff & Bruder, 2013).¹ Ein Kritikpunkt, der auf alle auf Altemeyers Konzeptualisierung beruhenden deutschsprachigen Skalen zutrifft, ist, dass nicht nur Autoritarismus erfasst wird, sondern auch konservative Einstellungen oder Vorurteile (Stellmacher & Petzel, 2005). So werden zum Teil Items verwendet, in denen auf historisch-kontextuelle Sachverhalte Bezug genommen wird (z.B. Einstellung zur HEirat homosexueller Paare, Rolle der Frau in der Gesellschaft). Dies ist insofern problematisch, als dass die RWA Skala häufig als Prädiktor für Konservatismus und Vorurteile Verwendung findet. Durch das Rekurrieren auf historisch bedingte Sachverhalte stellen diese Items weniger gut geeignete Indikatoren dar, da das Konstrukt über sie nicht zeitlich überdauernd valide erfassbar ist.     

Es mangelte bislang an einer Kurzskala, die sowohl inhaltlichen als auch psychometrischen Ansprüchen genügt (vgl. Arbeitsgruppe Qualitätsstandards des RatSWD, 2014). Die vorliegende Arbeit hatte folglich zum Ziel, ein ökonomisches, valides und reliables Messinstrument für die Erfassung der drei Subdimensionen von Autoritarismus im Sinne Altemeyers (1981, 1996) zu entwickeln und zu evaluieren. Die oben genannten Schwächen bisheriger Operationalisierungen sollten bei der Konstruktion der Kurzskala gezielt vermieden werden. Forscherinnen und Forschern soll mit der KSA-3 ein psychologisches Messinstrument zur Verfügung gestellt werden, das erlaubt, die drei Subdimensionen von Autoritarismus in heterogenen bzw. bevölkerungsrepräsentativen Stichproben zu erfassen.

Als erster Schritt im Rahmen der Skalenentwicklung der Kurzskala Autoritarismus (KSA-3) wurde eine Literaturrecherche in psychologischen Datenbanken (u.a. PsycInfo, PSYNDEX) durchgeführt. Diese hatte zum Ziel, einen Überblick über bereits etablierte theoretische Konzeptionen und Operationalisierungen des Konstrukts Autoritarismus zu erhalten. Das Ergebnis der Literaturrecherche diente als Ausgangspunkt für die Zusammenstellung eines Itempools. Zu den Messinstrumenten, welche die Basis für die Itemselektion lieferten, zählten unter anderem  die Skalen von Funke (2005), Cohrs und Asbrock (2009), Petzel et al. (1997) sowie Schneider und Lederer (1995).

Auf der Grundlage der vorliegenden Literatur formulierten die Autor/-innen die folgenden Konstruktdefinitionen der drei Subdimensionen von Autoritarismus:

  1. Autoritäre Aggression umfasst Verhaltensweisen, die als Sanktionsmaßnahmen auf die psychische und physische Schädigung eines Gruppenmitglieds abzielen, das gegen die Gruppennormen verstoßen hat bzw. die gruppale Ordnung stört. Voraussetzung dabei ist, dass die Aggression als von Autoritäten („Führungspersonen“) legitimiert, unterstützt und verstärkt wahrgenommen wird.
  2. Autoritäre Unterwürfigkeit spiegelt wider, dass das eigene Denken und Handeln dem Willen einer sozialen Autorität („Führungsperson“) und sozialen Institutionen untergeordnet wird. Kritische, hinterfragende, rebellische und oppositionelle Gedanken und Meinungen werden abgelehnt. Gleichzeitig werden Einstellungen und Verhaltensvorgaben einer (moralisch) legitimierten Führungsperson nicht in Frage gestellt bzw. unkritisch übernommen.
  3. Konventionalismus bezieht sich darauf, dass soziale Normen (gesellschaftlich geteilte Vorschriften für das Verhalten in sozialen Situationen) und moralische Werte in der Gesellschaft nicht hinterfragt bzw. unkritisch übernommen werden. Die Einhaltung dieser Normen ist dabei nicht in erster Linie durch die Führungsperson in der Gruppe gefordert und sanktioniert.

Im nächsten Schritt der Skalenkonstruktion wurden die Items der etablierten Messinstrumente von Expertinnen und Experten im Bereich Autoritarismus bzw. Messung unabhängig voneinander und im Hinblick auf die Messung der drei oben definierten Subdimensionen begutachtet. In Übereinstimmung mit der Kritik anderer Autoren (siehe oben) schlussfolgerten die Expert/-innen, dass die Originalitems etablierter Messinstrumente für Autoritarismus mehrheitlich bedeutsame Probleme aufweisen (z.B. Fremdwörter, doppelte Stimuli innerhalb eines Items, komplexer Satzbau). Diese Probleme wurden als so gravierend eingestuft, dass die Originalitems für die Erfassung des Konstrukts als nicht geeignet eingestuft wurden. Für die Kurzskala wurden deshalb vorhandene Items optimiert bzw. neue Items zur Erfassung der drei Subdimensionen generiert. Der Itempool umfasste schließlich vier bis sieben Items pro Subdimension.

Die Entwicklung und Evaluation der KSA-3 erfolgte anhand einer heterogenen Online-Access-Panel-Stichprobe (GESIS Online Panel Pilot, GOPP; siehe Struminskaya, Kaczmirek, Schaurer & Bandilla, 2014). Die Stichprobe wurde in zwei Teilstichproben geteilt, denen die Teilnehmer randomisiert zugewiesen wurden. Teilstichprobe 1 (n1 = 228) diente zur ersten empirischen Prüfung des Itempools und zur Itemselektion. Teilstichprobe 2 (n2 = 223) wurde für die konfirmatorische Prüfung des Messmodells und für weitere Überprüfungen der Skalengüte genutzt. Die Charakteristika der Teilstichproben können Tabelle 2entnommen werden. Die Grundgesamtheit war definiert als „alle in der Bundesrepublik Deutschland in Privathaushalten lebenden deutschsprachigen Personen ab 18 Jahren“. Die Erhebung erfolgte in zwei Wellen mit einem zeitlichen Abstand von ca. 8 Wochen. An beiden Wellen nahmen insgesamt N = 451 Panelisten teil.

Tabelle 2: Charakteristika der drei Stichproben
Teilstichprobe 1 GOPP U20/U21Teilstichprobe 2 GOPP U20/U21
Stichprobe

Umfang [N]

228223
ArtGelegenheitsstichprobeGelegenheitsstichprobe
ModusCAWICAWI
Zusammensetzung
Geschlecht [% Frauen]44.744.3
Alter [M(SD)]51.42 (13.40)49.00 (15.61)
Bildung≤ 9 Jahre8.08.0
                10 Jahre23.626.9
                 ≥ 11 Jahre68.465.1

Anmerkung: CAWI = Computer Aided Web Interview.

Als Kriterien für die Itemselektion dienten theoretische Überlegungen, statistische Kennwerte, sowie sprachliche Kriterien. Als itemanalytische Kennwerte wurden die Schwierigkeiten, die Varianzen sowie die Trennschärfen der Items herangezogen. Darüber hinaus wurden Höhe und Muster der Faktorladungen der Items im Rahmen einer Exploratorischen Faktorenanalyse überprüft. Danach wurden insbesondere diejenigen Items ausgewählt, welche mittlere Schwierigkeiten, höhere Itemvarianzen und höhere Trennschärfen aufwiesen. Gleichzeitig wurde bei der Itemauswahl die theoretische Breite des Konstrukts berücksichtigt. Um die Schwächen bisheriger Skalen zu umgehen, wurden zudem solche Items bevorzugt, die eine niedrige sprachliche Komplexität aufwiesen. Auf diese Weise sollte die Verständlichkeit der Items erhöht werden.

Die itemanalytischen Kennwerte der KSA-3-1 sind in Tabelle 1 dargestellt. Über die beiden Teilstichproben hinweg zeigen sich ähnliche Verteilungen der Itemrohwerte. Alle Antwortkategorien der Skala werden von den Befragten genutzt. Eine Ausnahme bildet lediglich Item U3 in Teilstichprobe 1. Hier wurde die höchste Antwortkategorie nicht gewählt. Insgesamt zeigt sich, dass die Items statistisch signifikante Abweichungen von der Normalverteilung aufwiesen. Die Abweichungen waren jedoch geringfügig. Um erste Hinweise auf die faktorielle Struktur der ausgewählten Items zu erhalten und ggf. eine weitere Kürzung vorzunehmen, wurde eine exploratorische Faktorenanalyse (EFA) durchgeführt. Die Ergebnisse der EFA sind in Tabelle 3dargestellt. Danach ergibt sich wie erwartet eine dreifaktorielle Struktur, wobei die Items die erwünschte Einfachstruktur aufweisen.

Neben der KSA-3 wurden im Rahmen des GESIS Online Panel Pilots soziodemographische Maße, weitere psychologische Messinstrumente sowie einige sozialwissenschaftliche Maße eingesetzt. Die Items zu den soziodemographischen Angaben (Geschlecht, Alter, Bildung) wurden größtenteils den demographischen Standards des Statistischen Bundesamtes (2010) entnommen. Für die Validierung kamen darüber hinaus etablierte Messinstrumente sowie ad hoc entwickelte Skalen, z. B. zur Erfassung von Werten (European Social Survey; Schwartz, 2003), der politischen Orientierung (Links-Rechts-Selbsteinstufung; ALLBUS, 2004), der sozialen Dominanzorientierung (Beierlein, Asbrock, Kauff & Schmidt, 2014), der Einstellung zur Religion sowie die selbstberichtete Religiosität (Forschungsprojekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit; Küpper & Zick, 2006), der Einstellung zu Militäreinsätzen (Gümüs et al., 2012), der Einstellung zu Homosexuellen (Simon, 2008), von Vorurteilen (Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit; Heitmeyer, 2002). Um die psychometrische Güte der konstruierten Skala zu überprüfen, wurden auf der Grundlage der oben beschriebenen Stichproben Kennwerte für die Reliabilität und verschiedene Aspekte der Validität berechnet.

Tabelle 3: Ergebnisse der Exploratorischen Faktorenanalyse (Hauptachsenanalyse, Promax-Rotation; Teilstichprobe 1, n = 228)
Item

F1

F2

F3

Autoritäre Aggression
1

.71.03.07
2.86-.02-.06
3Gesellschaftliche Regeln sollten ohne Mitleid durchgesetzt werden. (A3).65.02.01
Autoritäre Unterwürfigkeit
1Wir brauchen starke Führungspersonen damit wir in der Gesellschaft sicher leben können. (U1).20-.05.64
2-.04-.05.87
3-.10.21.58
Konventionalismus
1.01.45.10
2.08.88-.08
3Es ist immer das Beste, Dinge in der üblichen Art und Weise zu machen. (K3)-.06.72.05

Anmerkungen: Die Analysen wurden mit SPSS Version 22 durchgeführt. Die höchsten Ladungen pro Item sind fett gedruckt.Stichprobeneignung: Kaiser-Meyer-Olkin (KMO) = .77; Bartlett-Test: χ² = 650, df = 36, p = .001. Empirischer Eigenwerteverlauf in der Teilstichprobe:  1) 3.57, 2) 1.36, 3) 1.24, 4) 0.84, 5) 0.49, 6) 0.45, 7) 0.40, 8) 0.34, 9) 0.32. Zufälliger mittlerer Eigenwerteverlauf (Parallelanalyse, Horn, 1965): 1) 1.31, 2) 1.21, 3) 1.13, 4) 1.057, 5) 0.99, 6) 0.93, 7) 0.86, 8) 0.79, 9) 0.71. Anfängliche kumulative erklärte Varianz der ersten drei extrahierten Faktoren in der Stichprobe: 54.62 %. 

_____

¹ Neben diesen Skalen wurden auch deutschsprachige Messinstrumente zu alternativen theoretischen Konzeptionen von Autoritarismus, z. B. von Oesterreich (1998), Lederer (1983) und Stellmacher und Petzel (2005) entwickelt, sowie eine Kurzskala mit nur drei Items von Schmidt und Heyer (1995).