Kurzskalen psychologischer Merkmale

Entwicklung und Validierung

Als Grundlage für die Skalenkonstruktion diente die Definition des Konstrukts interpersonalen Vertrauens von Rotter (1971). Diese ist in der sozialwissenschaftlichen Forschung weit verbreitet und anerkannt. Aufgrund der angestrebten Kürze des zu entwickelnden Messinstruments misst die neue Skala nicht das bereichsspezifische Vertrauen, sondern das generalisierte interpersonale Vertrauen. Auf der Basis der Konstruktdefinition wurde ein Itempool aus Vertrauensitems gebildet. Die Items stammten aus sozialwissenschaftlichen Umfragen und bereits etablierten Skalen (z.B. SOEPtrust; Naef & Schupp, 2009). Der Itempool wurde zunächst im Rahmen eines Expertenreviews überprüft und manche Items sprachlich modifiziert. In den Itempool wurden Items mit und ohne Bezug zu einer spezifischen Gruppe (z. B. Fremde, nahe Bekannte) aufgenommen. Ziel war es, Items zu identifizieren, die das generalisierte Vertrauen widerspiegeln. Der Itempool bildete die Grundlage für die Itemselektion. Als Antwortskala, auf der die Befragungspersonen ihre Einschätzung abgeben, wurde eine fünfstufige Ratingskala von „stimme gar nicht zu“ (1) bis „stimme voll und ganz zu“ (5) gewählt.

Die Selektion von Items für die KUSIV3 orientierte sich an statistischen Kriterien und inhaltlichen Überlegungen. In einer ersten exploratorischen Faktoranalyse des Itempools in Stichprobe 1 der drei unten genannten Stichproben zeigte sich, dass zwei der drei Items aus der Skala SOEPtrust, die keinen Bezug zu einer spezifischen Personengruppe (hier: Fremde) aufwiesen, hoch auf einem gemeinsamen Faktor luden. Auf diesem Faktor luden darüber hinaus Items, welche das Vertrauen in Menschen aus dem eigenen Umfeld thematisierten. Das dritte Item der Skala SOEPtrust bezieht sich explizit auf das Vertrauen in fremde Personen: „Wenn man mit Fremden zu tun hat, ist es besser, vorsichtig zu sein, bevor man ihnen vertraut“. Es zeigte sich, dass dieses Item gemeinsam mit dem Item „Bei der ersten Begegnung bin ich vorsichtig, bevor ich einer Person vertraue“ zwar ebenfalls auf dem ersten Faktor lud, jedoch höhere Ladungen auf einer zweiten Dimension aufwies. Der Befund wurde dahingehend interpretiert, dass der erste Faktor ein generalisiertes Vertrauen und der zweite Faktor bereichsspezifisches Vertrauen in Fremde widerspiegelt (vgl. Naef & Schupp, 2009).Vor diesem Hintergrund wurde bei der Itemselektion darauf geachtet, dass im Wortlaut der Items kein expliziter Bezug zu einer spezifischen Situation oder Personengruppe hergestellt wird. Zwei der drei für die KUSIV3 ausgewählten Items wurden daher aus der Skala SOEPtrust entnommen. Da die KUSIV3 generelles und nicht spezifisches Vertrauen erfassen soll, wurden diese beiden Items um ein weiteres aus dem Pool ergänzt, das keinen Bezug zu bestimmten Situationen oder Personengruppen ausweist.

Die KUSIV3 wurde in einer Serie von drei Untersuchungen entwickelt und validiert (siehe Tabelle 2). Im Folgenden werden die Befunde aus Stichprobe 1 und 3 berichtet. Stichprobe 1 ist eine Quotenstichprobe, geschichtet nach den Merkmalen Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland (N = 539). Die Grundgesamtheit war definiert als „alle in der Bundesrepublik Deutschland in Privathaushalten lebenden deutschsprachigen Personen ab 18 Jahren“. Die Erhebung erfolgte in zwei Wellen mit einem zeitlichen Abstand von 6 bis 10 Wochen. An Welle 2 nahmen N = 338 Befragungspersonen der Welle 1 teil. Die Daten wurden im Rahmen eines persönlich-mündlichen Interviews (CAPI) oder durch die Vorgabe eines Papierfragebogens erhoben. Die Erhebung dauerte im Mittel 53 Minuten (SD = 12). Stichprobe 3 mit N = 1134 Befragungspersonen ist eine Zufallsstichprobe, die repräsentativ für die Wohnbevölkerung in Deutschland über einem Alter von 18 Jahren ist. Sie wurde mithilfe des ADM-Stichprobensystem F2F (Random Route) der Arbeitsgemeinschaft deutscher Marktforschungsinstitute gezogen. Die Daten dieses Interview wurden vollständig im CAPI-Modus erhoben (Dauer: M = 43 Minuten, SD = 13).

Tabelle 2: Stichprobencharakteristika


Stichprobe 1
Welle 1
Stichprobe 1
Welle 2
Stichprobe 2Stichprobe 3
Stichprobe

Umfang [N]

5393387411134
ArtQuoteQuoteQuoteZufall
ModusCAPI, PapierCAPI, PapierCAWICAPI
Zusammensetzung
Geschlecht [% Frauen]52.552.151.855.6
Alter [M (SD)]47.2 (15.2)46.7 (15.1)48.3 (13.0)53.3 (18.4)
Bildung  ≤ 9 Jahre44.745.340.137.2
                10 Jahre30.227.929.137.0
                 ≥ 11 Jahre23.725.430.825.8

Anmerkung: CAPI = Computer Aided Personal Interview, CAWI = Computer Aided Web Interview, Papier = Papierversion (Selbstausfüller)

 

Die Fragebogenbatterie beinhaltete neben der KUSIV3 umfangreiche soziodemographische Angaben, weitere psychologische Maße und einige sozialwissenschaftliche Validierungsmaße. Die Items zu den soziodemographischen Angaben wurden größtenteils den demografischen Standards des Statistischen Bundesamtes entnommen (2010). Für die Validierung kamen etablierte Standardinstrumente, z.B. zur Erfassung von Lebenszufriedenheit (SWLS; Diener, Emmons, Larsen& Griffin, 1985; nur in Stichprobe 1), Allgemeinen Selbstwirksamkeit (SWE; Schwarzer & Jerusalem, 1999; nur in Stichprobe 1), Kontrollüberzeugungen (Jakoby & Jacob, 1999), Optimismus und Pessimismus (LOT-R, Glaesmer, Hoyer, Klotsche& Herzberg, 2008; nur in Stichprobe 1), den Hauptdimensionen der Persönlichkeit nach dem Fünf-Faktoren-Modell (BFI-10, Rammstedt & John, 2007) und eigens entwickelte Skalen zum Einsatz (siehe Publikationen). An für die sozialwissenschaftliche Forschung relevanten Maßen wurde unter anderem Netzwerkgröße, Gesundheitszustand, Parteipräferenz, Einkommen, Wertanlagen und Delinquenz erhoben. Alle Erhebungen wurden von unabhängigen kommerziellen Anbietern durchgeführt. Die Fragebögen der Erhebungen finden Sie in unserem Downloadbereich. Um die psychometrische Güte der konstruierten Skala zu überprüfen, wurden auf der Grundlage der oben beschriebenen Stichproben Kennwerte für die Reliabilität und verschiedene Aspekte der Validität berechnet (für Details zur Validierung von Persönlichkeitsskalen siehe Bühner, 2011; Lienert &Raatz, 1998).