Kurzskalen psychologischer Merkmale

Bewertung

Die L-1 ist eine ökonomische Skala zur Erfassung des psychologischen Merkmals Allgemeine Lebenszufriedenheit in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, die starken zeitlichen und monetären Restriktionen unterliegen. Die Skala ist einfach in verschiedenen Erhebungsmodi zu administrieren. Validitätsbelege wurden für den CAPI-, den CASI- (Selbstausfüller) und den CAWI-Modus (Onlinefragebogen) erbracht. Die Invarianz zwischen den Erhebungsmodi wurde bisher allerdings noch nicht geprüft. Vor dem Einsatz der L-1 in Mixed-Mode-Designs sollte dieser Beleg erbracht werden (für aktualisierte Informationen bezüglich der psychometrischen Güte siehe www.gesis.org/kurzskalen-psychologischer-merkmale). Die Erhebung der Allgemeinen Lebenszufriedenheit mit der L-1 dauert deutlich unter einer halben Minute. Die L-1 ist damit zeitökonomischer als die häufig eingesetzte Multi-Item-Skala von Diener (Diener et al., 1985;), deren Erhebung ca. 1-2 Minuten beansprucht (Diener, Emmons, Larsen & Griffin, 2003). Da es sich bei der L-1 um eine Ein-Item-Skala handelt, ist der Itemrohwert mit dem Skalenwert der L-1 identisch. Dies ermöglicht eine einfache Auswertung der Rohwerte.  

Die Überprüfung der Messgenauigkeit der L-1 erfolgte auf Basis der Retest-Methode. Diese ergab eine  für Gruppenuntersuchungen ausreichende Reliabilität bzw. Stabilität der L-1, die zudem mit früheren Befunden zu anderen Ein-Item-Skalen übereinstimmt (Michalos & Kahlke, 2010). Der ermittelte Stabilitätskoeffizient der L-1 weist darauf hin, dass die allgemeine Lebenszufriedenheit mit einer zufriedenstellenden Messgenauigkeit erfasst werden kann. Jedoch muss kritisch angemerkt werden, dass die Voraussetzungen für den Einsatz der gewählten Reliabilitätsschätzungsmethode (d.h. Parallelität der Messungen, vgl. Raykov & Marcoulides, 2011) nicht geprüft werden konnten.

Die empirischen Belege der Validierungsstudien sprechen dafür, dass die L-1 nicht nur eine ökonomische und reliable, sondern auch eine valide Erfassung der allgemeinen Lebenszufriedenheit erlaubt. In Bezug auf die  konvergente Validität der L-1 kann von einer hohen Übereinstimmung mit alternativen Maßen der allgemeinen Lebenszufriedenheit ausgegangen werden. Bezüglich der diskriminanten Validität zeigte sich, dass die L-1 erwartungsgemäß positiv korreliert ist mit Maßen theoretisch ähnlicher Konstrukte (z.B. Selbstwert, Optimismus, Selbstwirksamkeit). Die Höhe der Korrelation fällt jedoch deutlich geringer aus im Vergleich zur Korrelation mit dem alternativen Maß zur Erfassung der Lebenszufriedenheit (SWLS, Diener et al., 1985).  Dies kann darauf zurückführbar sein, dass die Multi-Item-Skalen den Ein-Item-Skalen in der Regel im Hinblick auf ihre Reliabilität überlegen sind. Die niedrigere Reliabilität der L-1 gegenüber der SWLS könnte auf diese Weise auch zu niedrigeren Effektstärken bei der Konstruktvalidierung beigetragen haben (Loevinger, 1954). Diesem Umstand muss bei der Bewertung und dem Vergleich der Validitätskoeffizienten zwischen L-1 und SWLS Rechnung getragen werden.

Die L-1 zeigte zudem die theoretisch erwarteten Beziehungen zu Persönlichkeitsmerkmalen wie den Big Five. In den drei Studien korrelierte die L-1 positiv mit Extraversion und Gewissenhaftigkeit, sowie negativ mit Neurotizismus. Die L-1 weist auch mit sozialwissenschaftlichen Inhaltsvariablen erwartete Beziehungen auf. So zeigte sich, dass die Skala negativ mit der Anzahl physischer und psychischer Beeinträchtigungen korreliert. In Bezug auf die soziale Eingebundenheit des Befragten sowie die empfundene Effort-Reward-Imbalance sind die Ergebnisse jedoch nicht hypothesenkonform. Im Bereich der arbeitspsychologischen Forschung wurden jedoch auch in anderen Studien inkonsistente Ergebnisse berichtet (z.B. Nicholson & De Waal-Andrews, 2005; Childs & Klimoski, 1986). Um die Ursachen näher zu beleuchten, sind weitere Studien zu diesen Beziehungen der L-1 mit Außenkriterien nötig.   

Insgesamt liegt mit der L-1 ein ökonomisches, valides und reliables Messinstrument vor, das für Gruppenvergleiche im Rahmen sozialwissenschaftlicher Surveys sinnvoll eingesetzt werden kann, wenn eine Messung mit der umfangreicheren SWLS nicht möglich ist (vgl. Pinquart & Sörenson, 2000).