Kurzskalen psychologischer Merkmale

Tabelle 3: Validitätskoeffizienten der SOP2

Stichprobe 1

Stichprobe 2

Stichprobe 3

Optimismus-PessimismusLOT-R.68**
Soziodemogr. VariablenAlter-.03.19**-.07*
Geschlecht-.02.05.02
Einkommen.21**.18**
Bildung: Schuljahre.17**.04.16**
Bildung: Bücher.13**.19**
Einschätzung ZukunftALLBUS 2010.21**
ZufriedenheitLeben.58**.50**.46**
Arbeit.28**
Partner.26**
Gesundheit.35**
Gesundheitsstatusphysisch-.30**
psychisch-.38**
SelbstkonzeptSelbstwirksamkeit.43**
Selbstwert.55**
PersönlichkeitNeurozitismus-.42**-.43**-.38**
Extraversion.49**.33**.34**
Offenheit.32**.12**.23**
Verträglichkeit.19**.09*.25**
Gewissenhaftigkeit.26**.21**.23**

Anmerkung: LOT-R = Life Orientation Test-Revised. ALLBUS 2010 = Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften, Jahr 2010. Das verwendete Item aus dem ALLBUS wurde umkodiert. ¹ N = 539 in Welle 1, ² N = 741, ³ N = 1134. * = p < .05, ** = p < .01.

Tabelle 3: Validitätskoeffizienten der SOP2

Stichprobe 1
(N = 539)

Stichprobe 2
(N = 741)

Stichprobe 3
(N = 1134)

Optimismus-PessimismusLOT-R.68**
Soziodemographische VariablenAlter-.03.19**-.07*
Geschlecht-.02.05.02
Einkommen.21**.18**
Bildung: Schuljahre.17**.04.16**
Bildung: Bücher.13**.19**
Einschätzung ZukunftALLBUS 2010.21**
ZufriedenheitLeben.58**.50**.46**
Arbeit.28**
Partner.26**
Gesundheit.35**
Gesundheitsstatusphysisch-.30**
psychisch-.38**
SelbstkonzeptSelbstwirksamkeit.43**
Selbstwert.55**
PersönlichkeitNeurozitismus-.42**-.43**-.38**
Extraversion.49**.33**.34**
Offenheit.32**.12**.23**
Verträglichkeit.19**.09*.25**
Gewissenhaftigkeit.26**.21**.23**

Anmerkung: LOT-R = Life Orientation Test-Revised. ALLBUS 2010 = Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften, Jahr 2010. Das verwendete Item aus dem ALLBUS wurde umkodiert. * = p < .05, ** = p < .01.

 

Die höchste Korrelation weist die SOP2 erwartungsgemäß mit einem alternativen Maß für das Konstrukt Optimismus-Pessimismus auf, mit dem LOT-R. Ebenfalls starke Zusammenhänge (vgl. Cohen, 1992) finden sich für die globale Lebenszufriedenheit, die kognitiven und affektiven Komponenten des Selbstkonzepts, Selbstwirksamkeit und Selbstwert, und die Persönlichkeitsmerkmale Neurotizismus und Extraversion des Fünf-Faktoren-Modells. Lebenszufriedenheit und Extraversion korrelieren positiv mit (positiven) generalisierten Erwartungen. Neurotizismus weist hingegen erwartungsgemäß einen negativen Zusammenhang mit der SOP2 auf. Moderate Effekte finden sich für die spezifischen Maße der Zufriedenheit, für Indikatoren der physischen und psychischen Gesundheit und die übrigen Persönlichkeitsmerkmale aus dem Fünf-Faktoren-Modell.

Für die sozialwissenschaftliche Forschung sind insbesondere die Zusammenhänge der SOP2 mit soziodemographischen Variablen und sozioökonomischen Erfolgsvariablen von Interesse. Mit Letzteren weist die SOP2 zwar geringe, aber noch immer substantielle Effekte, auf. So finden sich zum Beispiel Zusammenhänge mit den sozioökonomischen Erfolgsvariablen Einkommen und Bildung, gemessen über die Anzahl der Schuljahre und die Anzahl der Bücher im Elternhaus. Die genannten Zusammenhänge konnten in mehreren Stichproben gesichert werden. Weiterhin korreliert die SOP2 mit einem Maß aus dem ALLBUS 2010¹, in dem Befragte ihre zukünftige wirtschaftliche Lage einschätzen sollen (r = .21, p < .01). Mit den soziodemographischen Variablen Alter und Geschlecht korreliert die SOP2 nur unwesentlich. Für das Geschlecht treten konsistent über alle Stichproben Nullkorrelationen auf. Für Alter findet sich zwar in Stichprobe 2 und 3 ein signifikanter Zusammenhang, allerdings weisen die Koeffizienten unterschiedliche Vorzeichen auf. Insgesamt sind die Befunde zum Alter demnach inkonsistent.

Referenzwerte

Im Appendix A sind Referenzwerte in Form von Gruppenmittelwerten und Standardabweichungen für die SOP2 abgedruckt. Diese wurden anhand der Zufallsstichprobe (Stichprobe 3) ermittelt und erlauben dem Anwender einen Vergleich der SOP2-Werte aus seiner Untersuchung, mit denen relevanter Subgruppen aus einer bevölkerungsrepräsentativen Zufallsstichprobe, zum Beispiel von Männern oder Frauen, von Personen mit unterschiedlicher Schulbildung oder unterschiedlichem Alter. Die Altersgruppen in Appendix A wurden den Lebensphasen der bundesdeutschen Gesellschaft angepasst. Die Zeit von 18 bis 35 Jahren ist die der beruflichen Ausbildung und Familiengründung. Die Zeit der beruflichen Festigung, Karriere, Betreuung von heranwachsenden Kindern und Pflege von älteren Angehörigen fällt in die Zeit zwischen 36 und 65 Jahren. Die dritte Lebensphase beginnt im Alter von 65 Jahren, wenn die berufliche Tätigkeit in den meisten Fällen abgeschlossen ist. Die Aufteilung der Bildungsstufen wurde nach der Dauer der schulischen Allgemeinbildung vorgenommen. Dabei gilt die Dauer der schulischen Bildung bis einschließlich 9 Jahren als geringes Bildungsniveau. Bei einer Schuldauer von 10 oder 11 Jahren handelt es sich um ein mittleres Bildungsniveau und bei mehr als 11 Jahren um ein hohes Bildungsniveau.

_____

¹ Was glauben Sie, wie wird Ihre eigene wirtschaftliche Lage in einem Jahr sein? Erwarten Sie, dass Ihre wirtschaftliche Lage dann: 1) wesentlich besser sein wird als heute, 2) etwas besser sein wird als heute, 3) gleichbleibt, 4) etwas schlechter sein wird, oder 5) wesentlich schlechter sein wird als heute?

Gütekriterien

Objektivität

Die NFC-K ist ein standardisierter Fragebogen in schriftlicher Form. Dies gilt sowohl für das Itemformat, als auch für die Instruktionen. Die Durchführungsobjektivität, also die Objektivität des Versuchsleiters während der Bearbeitung des Fragebogens durch die Probanden, ist damit gewährleistet. Die Auswertungsobjektivität ist aufgrund des bipolaren, siebenstufigen Antwortformats und den genauen Anweisungen zur Errechnung eines NFC-Werts ebenfalls gesichert. Normwerte, die anhand einer bevölkerungsrepräsentativen Zufallsstichprobe erhoben wurden, liegen für die NFC-K zurzeit noch nicht vor.

Reliabilität

Unter der Reliabilität oder Messgenauigkeit einer Skala versteht man den Grad der Genauigkeit, mit dem ein bestimmtes Merkmal erfasst wird (vgl. Lienert & Raatz, 1998). Das häufig verwendete Realitätsmaß Cronbachs Alpha als Koeffizient der internen Konsistenz erscheint aus zweierlei Gründen zur Beurteilung der vorliegenden Skala als nicht sinnvoll. Zum einen ist es fraglich, ob im Bereich von Kurzskalen Cronbachs Alpha überhaupt als ein angemessenes Maß der Reliabilität angesehen werden kann, da es stark durch die Testlänge beeinflusst wird (Raykov & Marcoulides, 2011). Bei konstanter Interkorrelation zwischen Items einer Skala steigt Alpha deutlich mit zunehmender Testlänge (Cortina, 1993). Im Umkehrschluss limitiert dies die mögliche interne Konsistenz von Kurzskalen. Zudem spiegelt Cronbachs Alpha die Korrelation der einzelnen Items untereinander wider. Während dies an sich fraglich ist (Schmitt, 1996), lag in der Entwicklung der NFC-K ein Fokus der Itemauswahl darauf, die beiden Facetten des Konstrukts NFC abzudecken. Somit ist in der NFC-K nicht von sehr hoch korrelierten, homogenen Items auszugehen. Auch damit ist die Höhe von Cronbachs Alpha vorab begrenzt und niedrige interne Konsistenzen waren zu erwarten. Entsprechend rangierte Cronbachs Alpha in den Validierungsstudien zwischen .51 und .54.

In den beiden Erhebungen mit Messwiederholungen, Stichproben 2 und 5, wurde die Stabilität der Skala mit der Retest-Methode bestimmt. Zu diesem Zweck wurde Probanden innerhalb eines Testintervalls von drei bzw. zwei Monaten die NFC-K zwei Mal vorgelegt. Die Analysen ergaben Stabilitäten von r(tt) = .78 (Stichprobe 2) bzw. von r(tt) = .58 (Stichprobe 5). Dass die Stabilität in Stichprobe 5 niedriger ausfällt, könnte darauf zurückführbar sein, dass es sich bei Stichprobe 2 um eine (bildungs-)homogene im Vergleich zur (bildungs-)heterogenen Stichprobe 5 handelt. Darüber hinaus weichen die beiden Stichproben bezüglich des Erhebungsmodus sowie des Stichprobenumfangs erheblich voneinander ab.

Validität

Die Validität der Skala wurde im Hinblick auf verschiedene Validitätsaspekte (inhaltliche, faktorielle, Konstruktvalidität, Kriteriumsvalidität) hin überprüft.

Inhaltliche Validität

Die inhaltliche Validität eines Tests ist dann gegeben, wenn die Items den Inhaltsbereich eines zu messenden Konstrukts gut repräsentieren. Die Definition legt nahe, dass eine empirische Erfassung dieses Aspekts meist nicht möglich ist. Aus diesem Grund wird dieser Aspekt der Validität gewöhnlich aus deskriptiver Sicht geprüft (Baumann & Stieglitz, 1983). Von einer inhaltlichen Validität ist bei der Entwicklung des NFC-K auszugehen, da die ausgewählten Items aus dem bereits bestehenden Itempool der etablierten und vielfach untersuchten ursprünglichen Langformen der NFC-Skalen ausgewählt wurden. Bei der Auswahl der Items wurde weiterhin primär auf die Repräsentation beider Facetten des Konstruktes geachtet sowie darauf, kompliziertere Items zu vermeiden, um Verständlichkeit zu gewährleisten.

Faktorielle Validität

Faktorielle Validität kann als gegeben angesehen werden, wenn die Annahmen über die dimensionale Struktur des zu erfassenden Konstrukts überprüfbar sind und belegt werden können. Um zu überprüfen, ob die die NFC-K die zwei in der Literatur beschriebenen Facetten – Freude am Denken und Engagement beim Denken – beinhaltet, wurden die Ergebnisse der exploratorischen Faktorenanalyse aus Stichprobe 4 durch eine konfirmatorische Faktorenanalyse auf Basis von 5 überprüft.

Während Bless et al. (1994) ihre Skala ausdrücklich als einfaktoriell beschreiben, lag der Fokus in der Kurzskalen-Entwicklung darauf, beide Facetten abzudecken und dadurch eine zweifaktorielle 4-Itemform zu erlangen. Folglich wurden in der vorliegenden Studie die Passungen zweier genesteter Messmodelle über die χ²-Differenzentest miteinander verglichen:

  1. Zweifaktorielles Modell: Angenommen wird ein Messmodell mit zwei Faktoren „Engagement“ und „Freude“. Jeweils zwei der vier Items messen einen der beiden Faktoren. Die Faktorkorrelation wird frei geschätzt; die Faktorladungen der jeweils zwei Items pro Faktor bzw. Facette werden aus Gründen der Modellidentifikation gleichgesetzt.
  2. Einfaktorielles Modell: Überprüft wird ein Modell, bei dem die Korrelation der Faktoren „Engagement“ und „Freude“ auf 1 fixiert wurde. Dies entspricht der Testung eines einfaktoriellen Modells (Brown, 2006, S. 164). Um das Modell mit dem zweifaktoriellen Modell möglichst vergleichbar zu machen, wurden auch hier die Faktorladungen der jeweils zwei Items pro Facette gleichgesetzt.

Es zeigte sich, dass ein zweifaktorielles Modell einen signifikant besseren Modellfit erzielt als ein einfaktorielles Modell (χ²[Stichprobe 4][df=1] =23.48, p < .001; χ²[Stichprobe 5][df=1] = 24.509, p < .001). Die genauen Modellfit-Angaben sind in Tabelle 4 zu finden.

Tabelle 4: Kennwerte der konfirmatorischen Faktorenanalysen sowie Ergebnisse des χ²-Differenztests
Stichprobe 5
Einfaktorielles ModellZweifaktorielles Modell
χ² 25.26

9.40

df = 4, p < 0.001

df = 3, p = 0.02

Δχ², df=1

-

15.86, p < 0.001

CFI

.91

.97

TLI

.86

.94

RMSEA

.10

.06

SRMR

.05

.03

r Factors

-

.31

Anmerkung: N = 519.

Die theoretisch angenommenen Facetten des Konstrukts werden in der CFA widergespiegelt und dienen somit als Beleg für die faktorielle Validität der Skala. Die Studien liefern empirische Belege dafür, dass die beiden Faktoren der Skala statistisch signifikant korreliert sind: Sie weisen eine substantielle, messfehlerbereinigte Korrelation (r = .31) auf. Aus diesem Grund ist nach Ansicht der Autorinnen eine Gesamterfassung des Konstrukts NFC in Anlehnung an Cacioppo et al. (1996) vertretbar.

Konstruktvalidität

Die Konstruktvalidität beschreibt, inwiefern ein Messinstrument relevante Merkmale so misst, dass sie mit den Merkmalen zugrunde liegenden theoretischen Konstrukten übereinstimmen. Zur Bestimmung der Validität wurden deshalb drei Aspekte berücksichtigt. Zunächst wurde die Übereinstimmung zwischen der ursprünglichen Kurzskala (16-Item-Form, Bless et al., 1994) und der NFC-K überprüft. Desweiteren wurden Zusammenhänge mit den in der Literatur beschriebenen Korrelaten des Konstrukts NFC untersucht. Und schließlich wurde erfasst, inwiefern die gefundenen Zusammenhänge zwischen NFC und verwandten Konstrukten die gleiche Größe haben, je nachdem ob NFC mittels der ursprünglichen Skala oder der NFC-K erfasst wurde.

Konvergente Validität

Konvergente Validität bezieht sich auf die Übereinstimmung der Ergebnisse verschiedener Messmethoden, welche auf die Messung desselben Konstrukts abzielen. Für die Bestimmung der konvergenten Validität wurden hierzu in Studie 4 (am Anfang und Ende des Online-Fragebogens) sowohl die NFC-K als auch die ursprüngliche 16-Item NFC-Skala (Bless et al., 1994) vollständig und getrennt voneinander erhoben. Die so erhobenen Skalen korrelieren in Studie 4 stark mit r = .65; p < 0.001; und auch die Korrelation zwischen der NFC-K und der ursprünglichen Skala ohne die vier überlappenden Items ist substantiell r = .55, p < 0.001. Zieht man die Reliabilität der beiden Skalen über die Minderungskorrektur (Moosbrugger & Kelava, 2007, S. 151 f.) mit ein (NFC-K: Restestreliabilität r = .78; NFC: Cronbachs α = .86), so sind diese Zusammenhänge r = .79 und r = .67. Dies liefert eine erste Bestätigung der Validität der Kurzskala in Bezug auf die 16-Item-Form.

Nomologische Validität

Nomologische Validität bezieht sich darauf, dass theoretisch angenommene Zusammenhänge zu anderen Konstrukten auch empirisch gezeigt werden können. Zur Bestimmung der nomologischen Validität wurden die Konstrukte Offenheit für neue Erfahrungen aus dem NEO-FFI (Borkenau & Ostendorf, 2008), Deliberation (Betsch, 2004), Typical Intellectual Engagement (Wilhelm et al., 2003) und Lernziel- und Vermeidungsleistungszielorientierung (Spinath et al., 2012) als potentielle Korrelate hinzugezogen.

Offenheit für neue Erfahrungen

Im Zuge der Validierung der NFC-K wurde ein Zusammenhang mit dem Konstrukt Offenheit für neue Erfahrungen aus dem NEO-FFI angenommen. Offenheit wird hierbei als Bereitschaft definiert, neue Ideen zu empfangen. Personen, die eine hohe Ausprägung von NFC aufweisen, empfinden kognitive Aktivität als angenehm. Somit wird angenommen, dass Offenheit für neue Erfahrungen mit der Freude an kognitiver Aktivität und somit dem Konstrukt NFC positiv korreliert. In mehreren Forschungsarbeiten wurde diesbezüglich bereits ein Zusammenhang zwischen der ursprünglichen NFC-Skala und Offenheit dokumentiert (Bertrams & Dickhäuser, 2010; Berzonsky & Sullivan, 1992; Fleischhauer et al., 2009; Sadowski & Cogburn, 1997). Folglich wurde im Rahmen der vorliegenden Arbeit überprüft, ob dieser Zusammenhang auch mit der NFC-K besteht. Festgestellt wurde dabei eine statistisch signifikante Korrelation zwischen der Subskala Offenheit für neue Erfahrungen aus dem NEO-FFI (Borkenau & Ostendorf, 2008) und der NFC-K von r = .35 (p < .001). Dieses Ergebnis bestätigt die angenommene Hypothese und ist vergleichbar mit der Korrelation zwischen Offenheit und der 16-Item-Version der NFC-Skala (r = .39, p < .001).

Deliberation

Zur weiteren Validierung wurde zudem ein positiver Zusammenhang zwischen Deliberation und der NFC-K angenommen. Personen unterscheiden sich darin, wie sie Entscheidungen bevorzugt treffen. So gibt es zum einen Personen, die intuitive Entscheidungen präferieren; andere Personen wiederum bevorzugen den reflektiven Entscheidungsmodus. Letzterer wird auch als Deliberation bezeichnet und beschreibt Entscheidungspräferenzen, welche Kognitionen in Entscheidungen stärker miteinbeziehen (Betsch, 2004). Da das Konstrukt NFC die Freude an kognitiver Aktivität beinhaltet, wird ein Zusammenhang mit der kognitionsbasierten Entscheidungspräferenz der Deliberation angenommen. Im Rahmen der Entwicklung des PID (Betsch, 2004), dem Inventar zur Erfassung von affekt- und kognitionsbasiertem Entscheiden, wurden Zusammenhänge zwischen der Subskala Need for Cognition des Rational-Experiential Inventory (REI, Epstein, et al., 1996) festgestellt. In der vorliegenden Arbeit wurde der Versuch unternommen, diesen Zusammenhang mit der NFC-K zu replizieren. Wie angenommen wurde eine signifikante Korrelation zwischen den beiden Konstrukten gefunden (r = .22; p < .001), in der gleichen Größenordnung wie mit der 16-Item-Form (r = .29; p < .001).

Typical Intellectual Engagement (TIE)

Weiterhin wurde ein Zusammenhang zwischen dem Konstrukt des Typical Intellectual Engagement (TIE) und der NFC-K vermutet. TIE ist teilweise aus der ursprünglichen NFC-Skala abgeleitet und geht davon aus, dass sich Personen in ihrem üblichen Engagement bei intellektuellen Aktivitäten unterscheiden (Wilhelm et al., 2003). Personen, die eine hohe Ausprägung des TIE aufweisen, werden vor allem durch ein breites Interesse und den Wunsch nach tieferem Verständnis von Sachverhalten charakterisiert. Da dieses Konstrukt Freude an kognitiver Aktivität voraussetzt und aus dem Konstrukt NFC abgeleitet wurde, wird auch hierbei ein positiver Zusammenhang mit der NFC-K vermutet. Die Ergebnisse der Validierungsstudie können diesen Zusammenhang bestätigen (r = .46; p < .001). Auch hier zeigte sich ein vergleichbarer Zusammenhang mit der längeren NFC-Skala (r = .56; p < .001).

Lernzielzielorientierung und Vermeidungsleistungszielorientierung

Abschließend wurden zudem Zusammenhänge der NFC-K mit Motivationsvariablen untersucht. In früheren Arbeiten wurde diesbezüglich postuliert, dass NFC mit Motivations- und Leistungskomponenten zusammenhängt (Chen, 2012). Angenommen wurde hierbei, dass NFC die Wahrnehmung der Lernumgebung und die Setzung von Lernzielen bedingt. Diese Zusammenhänge wurden bereits in verschiedenen Studien festgestellt (Chen, 2012; Fleischhauer et al., 2009). Daran anknüpfend wurde in der vorliegenden Studie angenommen, dass sich positive Zusammenhänge zwischen Lernzielorientierung und NFC zeigen lassen. Unter Lernzielorientierung versteht man die Motivation, eigene Fähigkeiten zu erweitern. Dieses Konstrukt ist eng verwandt mit intrinsischer Motivation zum Lernen (Spinath et al., 2012). Da Lernen zumeist mit Denken und kognitiver Beschäftigung verbunden ist, wurde ein positiver Zusammenhang zwischen Lernzielorientierung und NFC vermutet.

Weiterhin konnten Bless und Kollegen (1994) negative Zusammenhänge zwischen NFC und Misserfolgsmotivation aufzeigen. Misserfolgsmotivation ist die Motivation, mangelnde Fähigkeiten bzw. Misserfolge zu verbergen und wurde in den vorliegenden Studien anhand der Skala Vermeidungsleistungszielorientierung aus dem SELLMO von Spinath et al. (2012) erfasst¹.

Um die Zusammenhänge zu diesen motivationalen Variablen zu untersuchen, wurden die Studienteilnehmer/-innen in Berufsgruppen aufgeteilt (Berufstätige, Schüler/-innen, Studierende). Wie erwartet zeigte sich über alle Gruppen hinweg eine positive Korrelation mit der Lernzielorientierung (r = .19 - .48; p < .05). Dieser Zusammenhang ist jedoch geringer als der Zusammenhang, den wir mit der Langform der Skala finden konnten (r = .36 - .58; p < .001). Auch der negative Zusammenhang mit Vermeidungsleistungszielorientierung für Berufstätige, Studierende und Schüler war deskriptiv vorhanden, jedoch nicht durchweg statistisch signifikant (r = -.07, n.s.; r = -.20, p < .05; r = -.26, n.s.). Das gleiche Bild zeigte sich bezüglich der Korrelationen mit der Langform (r = -.13, n.s.; r = -.34, p < .001; r = -.32 p < .05).

Diskriminante Validität

Unter der diskriminanten Validität wird der Zusammenhang zweier unterschiedlicher Konstrukte verstanden, welcher möglichst gering ausfallen sollte.

In der vorliegenden Arbeit wurde diesbezüglich angenommen, dass kein Zusammenhang mit dem Konstrukt der Gewissenhaftigkeit vorliegt. Gewissenhaftigkeit beschreibt laut Definition ein Persönlichkeitsmerkmal, das mit Strebsamkeit, Fleiß und Zuverlässigkeit einhergeht (Borkenau & Ostendorf, 2008). Während eine gewissenhafte Herangehensweise an (Denk-) Aufgaben zwar auch mit hoher kognitiver Aktivität einhergehen kann, soll mit der NFC explizit nicht dieser Aspekt gemessen werden. Stattdessen zielt das Konstrukt NFC auf die Freude bei Denkaufgaben und gezielte Beschäftigung mit solchen ab. Aus diesem Grund wurde kein systematischer Zusammenhang zwischen Gewissenhaftigkeit und NFC erwartet. Gemäß dieser Annahme, zeigte sich in Studie 1 keine statistisch signifikante Korrelation mit Gewissenhaftigkeit (r = .05; n.s.).

Des Weiteren gilt es sicherzustellen, dass die Skala NFC-K tatsächlich die Freude und das Engagement bei Denkaufgaben abbildet und nicht etwa die Selbstdarstellung als viel denkende Person. Aus diesem Grund wurde untersucht, ob tatsächlich kein Zusammenhang mit dem Konstrukt der Sozialen Erwünschtheit, erfasst mit der deutschen Form des „Balanced Inventory of Desirable Responding“ (Musch et al., 2002), besteht. Personen, die sozial erwünscht handeln oder aussagen, passen sich den sozialen Erwartungen und Normen einer sie umgebenden Gruppe an und antworten somit nicht immer wahrheitsgemäß. Diese Anpassung an Normen und Erwartungen kann sowohl nach außen gerichtet sein, also sich anderen Personen gegenüber als besonders positiv darzustellen, als auch auf die eigene Person bezogen sein, sodass man von sich selbst ein möglichst schmeichelhaftes Bild haben möchte. Sowohl mit dem Selbst- als auch dem Fremdtäuschungsaspekt der Sozialen Erwünschtheit wurde kein Zusammenhang mit NFC erwartet. Wie angenommen wurde keine signifikante Korrelation zwischen der NFC-K und der Fremdtäuschung festgestellt (r = .01; n.s.). Dies zeigte sich ebenso für die 16-Item-Form (r = -.01; n.s.). Allerdings zeigten sich sowohl bei der Langform (r = .37, p < .001) als auch in geringerem Maße bei der NFC-K (r = .29, p < .001) statistisch signifikante Korrelationen mit dem Selbsttäuschungsaspekt der Sozialen Erwünschtheit. Da dieser Zusammenhang sowohl bei der hier dargestellten Kurzform als auch bei der 16-Item-Form zu finden ist, ist spricht dies nicht gegen die NFC-K. Allerdings sollte dieser Aspekt der möglichen Konfundierung mit Selbsttäuschung insgesamt bei der Erfassung des Konstrukts NFC mitbedacht werden.

Fazit Konstruktvalidität

Die erfassten Zusammenhänge zwischen der NFC-K und den erhobenen Konstrukten stimmen zum großen Teil mit den Hypothesen überein. Einzig der Selbsttäuschungsaspekt der Sozialen Erwünschtheit wurde nicht erwartet. Dieser kritische Aspekt ist jedoch sowohl für die NFC-K als auch für die Langform vorhanden und stellt damit nicht die Vergleichbarkeit der Kurzskala mit bisherigen etablierten Verfahren in Frage.

Die Zusammenhänge zwischen der NFC-K und den erfassten Konstrukten sind durchgehend in der gleichen Richtung wie die Zusammenhänge, welche mit der Langform gefunden wurden. Einzig die Effektstärke ist tendenziell etwas geringer in den Korrelationen mit der NFC-K. Ein möglicher Grund hierfür ist die etwas geringere Reliabilität der Kurzskala. Geringe Einbußen in der Reliabilität und damit zwangsläufig in den Validitätskennwerten sind jedoch bei der Erstellung von Kurzskalen unvermeidlich. Auf Basis des kohärenten Musters der Zusammenhänge zwischen der NFC-K und verwandten Konstrukten kann die Konstruktvalidität der Skala angenommen werden. Eine ausführliche Übersicht über alle genannten Korrelationen bietet Tabelle 5. Hierbei wurden aus Gründen der Vollständigkeit auch die Ergebnisse der ersten Validierungsstudie (Studie 3) mit dargestellt. Diese sind durchweg vergleichbar mit den Ergebnissen von Studie 4 und belegen somit die Konstruktvalidität anhand einer weiteren Stichprobe.

Tabelle 5: Konstruktvalidität der NFC-K: Korrelationen zwischen den erhobenen Konstrukten aus Studie 3 und 4, zum Vergleich 16-Item-Form der NFC
Studie 3Studie 4
nNFC-KNNFC-KnNFC¹
Nomologische ValiditätOffenheit

287

.28*

322

.35*

282

.39*

TIE

-

-

-

.46*

282

.56*

Deliberation

287

.23*

307

.22*

282

.29*

LernzielorientierungBerufstätige

173

.31*

127

.19*

122

.36*

Studenten

84

.18

107

.20*

100

.33*

Schüler

24

.10

52

.48*

45

.58*

VermeidungsleistungszielorientierungBerufstätige

173

-.03

127

-.07

122

-.13

Studenten

84

-.20

107

- .20*

100

-.34*

Schüler

24

-.35

52

-.26

45

-.32*

Diskriminante ValiditätSelbsttäuschung

276

.13*

290

.29*

282

.37*

Fremdtäuschung

276

.05

290

.01

282

-.01

Anmerkung: ¹16-Item-Form, p < .05, TIE: Typical Intellectual Engagement.

 
Kriteriumsvalidität

Anhand der Kriteriumsvalidität können Aussagen darüber gemacht werden, inwieweit ein Messinstrument ein interessierendes Merkmal so misst, dass es mit einem für das Merkmal relevanten Außenkriterium übereinstimmt. In Studie 4 wurde anhand der NFC-K versucht, Need for Cognition mit Unterschieden in einem demografischen Merkmal, dem Vorliegen eines Hochschulabschlusses, in Verbindung zu bringen sowie ein Verhaltenskriterium, die Wahl einer leichten oder schwierigen Aufgabe, durch die Ausprägung auf der NFC-K vorherzusagen.

Akademischer Grad

Das erste Außenkriterium zur Validierung der NFC-K ist das Vorliegen eines Hochschulabschlusses. Es wird angenommen, dass Personen, die einen Hochschulabschluss erzielen, eine höhere Ausprägung des Konstrukts NFC aufweisen als Personen mit einem nicht-akademischen Hintergrund. Der Grund für diese Hypothese ist augenscheinlich valide: In der universitären Ausbildung wird ein großer Wert auf Theorie und analytische Fertigkeiten gelegt und dies macht ein großes Maß an kognitivem Engagement notwendig. Daran anschließend wurde vermutet, dass Personen, die sich für ein Studium entscheiden, eher zu einer hohen Ausprägung in Engagement und Freude bei Denkaufgaben neigen sollten. Aber auch empirisch wurde dieser Zusammenhang schon aufgezeigt: Personen mit einer hohen Ausprägung des NFC verarbeiten Informationen bevorzugt elaborativ. Daher scheint es plausibel, dass sie höhere akademische Leistungen erbringen als Personen mit niedrigerer Ausprägung von NFC (Sadowski & Gülgöz, 1996). Schon in früheren Studien wurde dieser Zusammenhang untersucht und bestätigt (Cacioppo & Petty, 1982; Sadowski & Gülgöz, 1996).

In Studie 4 wurden aus diesem Grund Nichtakademiker/-innen und Personen mit einem akademischen Abschluss in Bezug auf Need for Cognition verglichen². Es wurde ein höherer NFC-Score bei Akademikern als bei Nicht-Akademiker/-innen erwartet. Diese Hypothese wurde sowohl bei der Erfassung von NFC mittels der NFC-K als auch bei Nutzung der ursprünglichen von Bless et al. (1994) 16-Item-Form bestätigt. So zeigte sich bei der NFC-K ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen Akademiker/-innen und Nichtakademiker/-innen (t(204) = 2.34, p(einseitig) = .01, M[Akademiker/-innen]= 5.04, M[Nicht-Akademiker/-innen]= 4.73) wie auch bei der Erfassung von NFC durch die 16-Item-Form (t(156,9) = 2.24, p(einseitig) = .014, M[Akademiker/-innen]= 5.13, M[Nicht-Akademiker/-innen]= 4.83). In dieser Analyse ergaben sich somit substantielle Zusammenhänge zwischen einem festen Außenkriterium und NFC. Zudem waren die Zusammenhänge vergleichbar mit den für die ursprüngliche Skala berichteten Ergebnissen.

Aufgabenwahl

Bereits Cacioppo und Petty (1982) haben in ihrer Untersuchung der ursprünglichen Skala festgestellt, dass die Ausprägung des Konstrukts NFC als Prädiktor für das Kriterium der Aufgabenwahl dient. Auch Bless und Kollegen (1994) konnten diesen Befund bestätigen. So sollte in Studie 4 überprüft werden, ob sich dieser Befund auch anhand der NFC-K bestätigen lässt. Zu diesem Zwecke wurden die Probanden aufgefordert, zu wählen, ob sie eine schwierige oder eine einfache Aufgabe bearbeiten wollten. Es wurde dabei angenommen, dass Personen mit einer hohen Ausprägung von NFC zu der Wahl einer schwierigen Aufgabe tendieren. Um dies zu überprüfen, wurden logistische Regressionen gerechnet, in denen NFC als Prädiktor (sowohl NFC-K als auch die ursprüngliche Skala) die Wahl der schweren Aufgabe vorhersagt. In beiden Analysen war NFC ein signifikanter Prädiktor der Aufgabenwahl in der erwarteten Richtung des Effekts (NFC-K: β = 0.716, p < .001, =.133; NFC: β = 0.719, p < .001, = .125). Wie auch beim vorhergehenden Kriterium ließ sich also nicht nur ein statistisch signifikanter Zusammenhang feststellen, sondern die Stärke dieses Zusammenhangs war auch vergleichbar zwischen den beiden genutzten Skalen.

Gesamtbewertung der Validität

Alle Zusammenhänge weisen auf eine zufriedenstellende Validität des Messverfahrens hin. Diese Aussage wird noch durch den Umstand verstärkt, dass die gefundenen Korrelationen die wahren Zusammenhänge systematisch unterschätzen, da keines der eingesetzten Messinstrumente perfekt reliabel misst. Bei der Bewertung der gegebenen Validitätsmaße ist deshalb zu berücksichtigen, dass die „wahren“ (auf der Basis messfehlerfreier Daten gefundenen) Zusammenhänge wohl noch höher sind. Vor diesem Hintergrund kann als Fazit gezogen werden, dass die NFC-K sehr gute Validität über ein breites Spektrum an Validitätskriterien hinweg aufweist.

_____

¹ Für die Gruppe der Berufstätigen wurden die Items aus dem SELLMO angepasst. Der genaue Wortlaut kann bei den Autoren per E-Mail erfragt werden.

² Studierende wurden von dieser Analyse ausgeschlossen. Sie befinden sich zwar im akademischen Setting, haben jedoch noch keinen Universitätsabschluss erzielt. Hinzu kommt, dass sich in der Stichprobe nicht nur klassisch universitäre Studierende befanden, sondern auch Studierende anderer eher praktisch orientierter Hochschulen (z.B. Musikhochschulen).

Referenzwerte

Im Appendix A sind Referenzwerte in Form von Gruppenmittelwerten und Standardabweichungen für die SOP2 abgedruckt (siehe Tabelle A). Diese wurden anhand der Zufallsstichprobe (Stichprobe 3) ermittelt und erlauben dem Anwender einen Vergleich der SOP2-Werte aus seiner Untersuchung, mit denen relevanter Subgruppen aus einer bevölkerungsrepräsentativen Zufallsstichprobe, zum Beispiel von Männern oder Frauen, von Personen mit unterschiedlicher Schulbildung oder unterschiedlichen Alters. Die Altersgruppen in Tabelle A wurden den Lebensphasen der bundesdeutschen Gesellschaft angepasst. Die Zeit von 18 bis 35 Jahren ist die der beruflichen Ausbildung und Familiengründung. Die Zeit der beruflichen Festigung, Karriere, Betreuung von heranwachsenden Kindern und Pflege von älteren Angehörigen fällt in die Zeit zwischen 36 und 65 Jahren. Die dritte Lebensphase beginnt im Alter von 65 Jahren, wenn die berufliche Tätigkeit in den meisten Fällen abgeschlossen ist. Die Aufteilung der Bildungsstufen wurde nach der Dauer der schulischen Allgemeinbildung vorgenommen. Dabei gilt die Dauer der schulischen Bildung bis einschließlich 9 Jahren als geringes Bildungsniveau. Bei einer Schuldauer von 10 oder 11 Jahren handelt es sich um ein mittleres Bildungsniveau und bei mehr als 11 Jahren um ein hohes Bildungsniveau.

_____

¹ Was glauben Sie, wie wird Ihre eigene wirtschaftliche Lage in einem Jahr sein? Erwarten Sie, dass Ihre wirtschaftliche Lage dann: 1) wesentlich besser sein wird als heute, 2) etwas besser sein wird als heute, 3) gleichbleibt, 4) etwas schlechter sein wird, oder 5) wesentlich schlechter sein wird als heute?

Tabelle 3: Reliabilität einzelner Skalen der I-8
Skalaω¹ω²ω³

r(tt)

Dringlichkeit

.75.80.72

.53

Absicht.70.86.79.46
Ausdauer.69.76.65.54
Risikobereitschaft.83.92.88.57

Anmerkungen: ω¹= McDonald Omega Stichprobe 1; ω²= McDonald Omega Stichprobe 2, ω³= McDonald Omega Stichprobe 3, r(tt)= Retest-Reliabilität (Stichprobe 1)