Kurzskalen psychologischer Merkmale

Bewertung

Der BFI-10 ist eine hochgradig ökonomische Skala, die eine Erfassung der fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit nach dem Fünf-Faktoren-Modell in Untersuchungen erlaubt, die starken zeitlichen und monetären Restriktionen unterliegen und daher eine umfangreichere Erfassung nicht zulassen. Die Skala ist einfach in verschiedenen Erhebungsmodi zu administrieren. Validitätsbelege wurden für den CAPI-, den CAWI-Modus und die Papierform (Selbstausfüller) erbracht. Die Invarianz zwischen den Erhebungsmodi wurde bisher allerdings noch nicht geprüft. Dass Korrelationen und Mittelwerte des BFI-10 daher über Stichproben hinweg vergleichbar sind, die in unterschiedlichen Modi erhoben wurden, kann zurzeit nicht vorausgesetzt werden. Die Erhebung von Daten mit dem BFI-10 dauert in der Regel zwischen ein und zwei Minuten. Die Auswertung erfolgt streng standardisiert.

Die empirischen Belege der Validierungsstudien sprechen dafür, dass der BFI-10 nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine reliable und valide Erfassung der Big Five erlaubt. In mehreren umfangreichen alters-, geschlechts- und bildungsheterogenen Stichproben, darunter auch eine repräsentative Zufallsstichprobe, konnten die Reliabilität der Skalenwerte und unterschiedliche Aspekte der Konstruktvalidität gezeigt werden. Im Hinblick auf die Reliabilität ist einschränkend zu erwähnen, dass die Reliabilitätskoeffizienten der Skalenwerte für Verträglichkeit und Neurotizismus in Stichprobe 1 unter den geforderten Grenzwerten für Gruppenuntersuchungen lagen. Dieser Ergebnisse korrespondieren nicht mit den Befunden von Rammstedt und John (2007); hier fanden sich für alle Skalen ausreichende bis gute Stabilitätskoeffizienten. Die beobachteten Reliabilitätsunterschiede könnten stichprobenbedingt sein: Die Stichprobe von Rammstedt und John (2007) setzte sich ausschließlich aus Studierenden zusammen, während Stichprobe 1 Personen aus der Allgemeinbevölkerung beinhaltet und im Hinblick auf Alter, Geschlecht und vor allem Bildung deutlich heterogener ist. Zahlreiche Befunde aus der Literatur legen nahe, dass sich die Big Five insbesondere in Stichproben mit hoher Bildung gut replizieren lassen (vgl. z.B. Rammstedt & Kemper, 2011). Dies könnte mit insgesamt höheren Reliabilitätskoeffizienten in solchen Stichproben einhergehen. Bevor allerdings nicht weitere Befunde hinsichtlich einer zu geringen Reliabilität einzelner Subskalen, insbesondere Verträglichkeit, vorliegen, sollten die Befunde aus Stichprobe 1 nicht überbewertet werden. Die empirischen Validitätskoeffizienten für Verträglichkeit und Neurotizismus zeigen nämlich, dass anhand der Skalen dennoch reliable Varianz in relevanten Kriterien wie Devianz oder Gesundheitsstatus aufgeklärt werden kann. Zukünftige Studien zur Güte des BFI-10 werden insbesondere den Aspekt der Messpräzision systematischer betrachten.

Neben der Messpräzision wurden in der vorliegenden Untersuchung unterschiedliche Aspekte der Konstruktvalidität des BFI-10 überprüft. Es wurden Validitätskoeffizienten mit korrespondierenden und nicht-korrespondierenden Skalen des NEO-PI-R und diversen sozialwissenschaftlichen Inhaltsvariablen berechnet. Die anhand der repräsentativen Stichprobe durchgeführte Hauptkomponentenanalyse erbrachte ein klares Ladungsmuster für die 10 Items, das eindeutig im Sinne der fünf Faktoren interpretierbar ist. Alle Items luden am höchsten auf ihren korrespondierenden Faktoren. Diese Befunde sind als Beleg für die faktorielle Validität des BFI-10 zu interpretieren. Weiterhin spiegeln die empirischen Validitätskoeffizienten die aus der Fachliteratur bekannten Beziehungen des Konstrukts angemessen wider. Bei einem Vergleich mit einem längeren Instrument zur Erfassung der Big Five, dem NEO-PI-R, zeigten sich hohe Korrelationen zwischen dem BFI-10 und den korrespondierenden Skalen und Facetten des NEO-PI-R und niedrige Korrelationen zwischen den nicht-korrespondierenden. Außerdem fanden sich erwartungskonforme Korrelationsmuster der fünf BFI-10-Skalen mit diversen Maßen. Die prägnantesten Korrelationen für Neurotizismus ergaben sich mit der Beeinträchtigung der psychischen und physischen Gesundheit und mit Lebenszufriedenheit (negativ), für Extraversion mit der Größe des sozialen Netzwerks, politischer Partizipation und Effort-Reward-Imbalance, für Offenheit mit Bildung, Größe des sozialen Netzwerks und politischer Partizipation, für Verträglichkeit mit interpersonellem Vertrauen und Devianz (negativ) und für Gewissenhaftigkeit mit Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit sowie Devianz (jeweils negativ). Insgesamt sprechen die berichteten Befunde für eine ausreichende psychometrische Güte des BFI-10 für Gruppenuntersuchungen. Der BFI-10 erlaubt eine grobe Messung der individuellen Persönlichkeitsstruktur volljähriger Befragungspersonen aus der deutschsprachigen Allgemeinbevölkerung.