Kurzskalen psychologischer Merkmale

Skalenkonzept

Theoretischer Hintergrund

Das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit (Big Five-Modell) ist zurzeit das am weitesten verbreitete Modell zur Beschreibung der Gesamtpersönlichkeit. Das Modell enthält die fünf abstrakten Dimensionen (auch: Faktoren) Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit (Amelang & Bartussek, 2001). Entstanden ist das Modell auf der Grundlage des sogenannten lexikalischen Ansatzes. Dieser nimmt an, dass es für Persönlichkeitseigenschaften, die für den Umgang der Menschen untereinander besonders wichtig sind, auch eine Repräsentation in unserer Sprache gibt (Sedimentationshypothese nach Klages, vgl. Amelang & Bartussek, 2001).

Schon im Jahre 1936 extrahierten Allport und Odbert 17954 persönlichkeitsrelevante Begriffe aus Wörterbüchern. In den Vierzigern reduzierte Cattell (1943a, 1943b, 1946a, b, c) diese in einem mehrstufigen Verfahren auf 35 Cluster mit jeweils 6 bis 12 Begriffen. Hierbei sonderte er zunächst Synonyme oder sehr seltene Begriffe aus. Auf Basis von Peer-Ratings auf der verbleibenden Wörterliste berechnete Cattell Interkorrelationen dieser Eigenschaftsbegriffe und erstelle 35 Begriffscluster. Diese Begriffscluster wurden in den Fünfziger- und Sechzigerjahren von Tupes und Christal (1958, 1961) acht unterschiedlichen Stichproben vorgeben und die Ergebnisse faktoranalysiert. Tupes und Christal fanden „five strong and recurrent factors and nothing else of any consequence (1992, S. 250). Diese Faktoren wurden interpretiert als Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit für Erfahrungen (oder Intellekt). Auch wenn Cattells Reduktion der Variablen häufig als teilweise recht willkürlich kritisiert wurde (vgl. Amelang & Bartussek, 2001) so konnten die resultierenden fünf Faktoren in den letzten Jahrzenten in zahlreichen Studien unabhängig von den Cattellschen Clustern repliziert werden (Norman, 1967; Goldberg, 1990). Zeitgleich erfolgten die ersten interkulturellen Replikationen der fünf Faktoren: Auch basierend auf Wörterbüchern anderer Sprachräume wie zum Beispiel Holländisch (De Raad, Mulder, Kloostermann & Hofstee, 1988) oder Deutsch (Ostendorf, 1990) ergaben sich auf globalster Ebene fünf unabhängige Persönlichkeitsdimensionen. Die Big Five sind inzwischen weltweit, zumindest in allen westlichen Sprachräumen repliziert. Bereits seit den 1990er Jahren gelten daher die sogenannten Big Five (1992) als das etablierteste und am weitgehendsten akzeptierte Modell der Persönlichkeit. Heutzutage ist es das Referenzmodell für Persönlichkeitsbeschreibung schlechthin.

Die Big Five haben sich als gute Prädiktoren für verschiedene Aspekte des alltäglichen Lebens erwiesen: Beispielsweise sind (niedriger) Neurotizismus und (hohe) Gewissenhaftigkeit mit Gesundheit und einer längeren Lebensdauer assoziiert (Christensen et al., 2002; Friedman et al., 1995; Wilson, Mendes de Leon, Bienas, Evans & Bennett, 2004; ein Überblick findet sich bei Roberts, Kuncel, Shiner, Caspi & Goldberg). Der Effekt auf die Lebensdauer scheint in Bezug auf die Gewissenhaftigkeit auch dadurch moderiert zu sein, dass gewissenhafte Personen seltener in Unfälle verwickelt sind (Arthur & Graziano, 1996). Auch das berufliche Leben wird von der individuellen Persönlichkeit geprägt: Bereits bei der Berufswahl zeigt sich beispielsweise, dass verträgliche Personen soziale Berufe bevorzugen und gewissenhafte eher konventionelle Tätigkeiten. Offene Menschen schließlich bevorzugen forschende oder künstlerische Tätigkeiten (Barrick, Mount & Gupta, 2003). Gewissenhaftigkeit ist der zentrale Prädiktor für den beruflichen Erfolg (Schmidt & Hunter, 1998). Die Zufriedenheit mit der Arbeit hingegen ist tendenziell größer bei Personen mit hoher emotionaler Stabilität, Extraversion und Gewissenhaftigkeit (Judge, Heller & Mount, 2002).

Darüber hinaus hängt Persönlichkeit in verschiedenen Ländern mit dem Wahlverhalten zusammen. In Deutschland beispielweise wählen Gewissenhafte eher Parteien, die im Parteienspektrum „mitte-rechts“ angesiedelt sind, während offene und verträgliche Menschen eher „mitte-links wählen“ (Vecchione et al., 2011). Es gibt zahlreiche etablierte Verfahren zur Erfassung der Big Five. Der wohl bekannteste und umfassendste Fragebogen ist das NEO Personality Inventory (NEO-PI-R; Costa & McCrae, 1992, deutsche Adaptation: Ostendorf & Angleitner, 2004), das mit seinen 240 Items auch die Erfassung einzelner Facetten der fünf Dimensionen erlaubt. Auch dessen Kurzfassung, das NEO-Fünf-Faktoren Inventar (NEO-FFI; Costa & McCrae, 1989; deutsche Adaptation: Borkenau & Ostendorf, 1993), das jeden der fünf Faktoren mit 12 Items erfasst, ist weit verbreitet. Das Big Five-Inventory (BFI) (John, Donahue & Kentle, 1991; John, Naumann & Soto, 2010; Deutsche Adaptation: Rammstedt, 1997) wurde entwickelt, um ein Verfahren zur Verfügung zu stellen, das die Big Five unabhängig von den jeweiligen wissenschaftlichen Schulen erfasst, also die prototypischen fünf Faktoren der Persönlichkeit. Das BFI ist mit seinen 44 Items auch ein vergleichsweise ökonomisches Instrument. Für die Umfrageforschung sind jedoch alle diese Instrumente in der Regel zu lang. Um in Untersuchungskontexten, die starken zeitlichen und monetären Restriktionen unterliegen (z. B. Umfragen), eine Erfassung der fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit zu ermöglichen, wurde daher der BFI-10 (Rammstedt & John, 2007; Rammstedt, 2007) entwickelt.

Aufbau

Der BFI-10 besteht aus 10 Items, zwei für jede Dimension der Persönlichkeit. Neurotizismus wird durch die Items 4 und 9 erfasst, Extraversion durch die Items 1 und 6, Offenheit durch die Items 5 und 10, Verträglichkeit durch die Items 2 und 7 und Gewissenhaftigkeit durch die Items 3 und 8. Jede der Dimensionen wird durch ein positiv und ein negativ gepoltes Item erfasst. Die Items 1, 3, 4, 5 und 7 sind negativ gepolt. Für die Antworten der Befragungsperson steht eine fünfstufige Ratingskala von „trifft überhaupt nicht zu“ (1) bis „trifft voll und ganz zu“ (5) zur Verfügung.

Auswertung

Um Messwerte für die individuelle Ausprägung der Befragungsperson auf den fünf Persönlichkeitsdimensionen zu erhalten, werden pro Dimension die Antworten auf den beiden Items gemittelt. Hierzu wird zunächst das jeweils negativ gepolte Item rekodiert (Items 1, 3, 4, 5 und 7) und anschließend pro Dimension der Mittelwert aus dem rekodierten und dem nicht rekodierten Item gebildet (für Details siehe Appendix D). Der Wertebereich der fünf Dimensionen liegt dann jeweils zwischen 1 und 5 (für Referenzwerte siehe Appendix A oder Rammstedt, 2007).

Items

Der BFI-10 ermöglicht die Messung der fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit mit nur zwei Items pro Dimension. In Tabelle 1 sind die Formulierungen der Items sowie ihre deskriptiven Statistiken dargestellt. Letztere basieren auf Daten einer umfangreichen, bevölkerungsrepräsentativen Zufallsstichprobe (Stichprobe 2, siehe Tabelle 2). Die englische Version der Skala finden Sie hier. Hinweise zur psychometrischen Güte der englischen Version werden von Rammstedt und John (2007) berichtet.

Tabelle 1: Items und deskriptive Statistiken des BFI-10 aus Stichprobe 2
Item

M

SD

Sch

Kurt

(1) Ich bin eher zurückhaltend, reserviert. 

2.88

1.22

-.02

-1.15

(2) Ich schenke anderen leicht Vertrauen, glaube an das Gute im Menschen.

3.48

1.02-.51-.37
(3) Ich bin bequem, neige zur Faulheit.2.001.10.90-.12
(4) Ich bin entspannt, lasse mich durch Stress nicht aus der Ruhe bringen.3.401.07-.48-.63
(5) Ich habe nur wenig künstlerisches Interesse.2.961.31-.00-1.29
(6) Ich gehe aus mir heraus, bin gesellig.3.831.04-.74-1.19
(7) Ich neige dazu, andere zu kritisieren.2.581.09.27-.76
(8) Ich erledige Aufgaben gründlich.4.30.83-1.311.81
(9) Ich werde leicht nervös und unsicher.2.241.07.68-.25
(10) Ich habe eine aktive Vorstellungskraft, bin fantasievoll.3.771.03-.71-.00

Anmerkungen: Sch = Schiefe, Kurt = Kurtosis, N = 1122 bis 1134