Kurzskalen psychologischer Merkmale

Bewertung

Die R-1 ist eine ökonomische Skala zur Erfassung des psychologischen Merkmals Risikobereitschaft in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, die starken zeitlichen und monetären Restriktionen unterliegen. Die Skala ist einfach in verschiedenen Erhebungsmodi zu administrieren. Validitätsbelege wurden für den CAPI-, den CASI- (Selbstausfüller) und den CAWI-Modus (Onlinefragebogen) erbracht. Die Invarianz zwischen den Erhebungsmodi wurde bisher allerdings noch nicht geprüft. Vor dem Einsatz der R-1 in Mixed-Mode-Designs sollte dieser Beleg erbracht werden (für aktualisierte Informationen bezüglich der psychometrischen Güte siehe www.gesis.org/kurzskalen-psychologischer-merkmale). Die Erhebung der Risikobereitschaft mit der R-1 dauert deutlich unter einer halben Minute. Da es sich bei der R-1 um eine Ein-Item-Skala handelt, ist der Itemrohwert mit dem Skalenwert der R-1 identisch. Dies ermöglicht eine einfache Auswertung der Rohwerte.

Die Überprüfung der Messgenauigkeit der R-1 erfolgte auf Basis der Retest-Methode. Diese ergab eine  für Gruppenuntersuchungen zufriedenstellende Reliabilität bzw. Stabilität der R-1. Die Stabilität der R-1 weist auch darauf hin, dass die Risikobereitschaft als ein Zeitpunkte, Situationen und Kontexte überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal aufgefasst werden kann. Jedoch muss kritisch angemerkt werden, dass die Voraussetzungen für den Einsatz der gewählten Reliabilitätsschätzungsmethode (d.h. Parallelität der Messungen, vgl. Raykov & Marcoulides, 2011) nicht geprüft werden konnten.

Die empirischen Belege der Validierungsstudien sprechen dafür, dass die R-1 nicht nur eine ökonomische und reliable, sondern auch eine valide Erfassung der Risikobereitschaft erlaubt. In Bezug auf die  konvergente Validität der R-1 kann von einer hohen Übereinstimmung mit einem alternativen, etablierten Maß (UPPS, Dimension „Risikobereitschaft/Sensation Seeking“) ausgegangen werden (Zuckerman, 2007). Die UPPS (Whiteside & Lynam, 2001) misst dabei mehrere Dimensionen der Impulsivität. Bezüglich der diskriminanten Validität zeigte sich, dass die R-1 mit den anderen drei Dimensionen der UPPS (Dringlichkeit, Mangel an Absicht, Mangel an Ausdauer) nur gering bis gar nicht korreliert. Dies spricht für eine zufriedenstellende Abgrenzbarkeit der Messung der Risikobereitschaft von der Messung anderer, mit Impulsivität assoziierter Konstrukte. Die R-1 zeigte zudem die theoretisch erwarteten Beziehungen zum Persönlichkeitsmerkmal „Extraversion“ der Big Five. In den drei Studien korrelierte die R-1 positiv mit Extraversion. Die R-1 weist auch mit sozialwissenschaftlichen Inhaltsvariablen erwartete Beziehungen auf. So zeigte sich, dass die Skala negativ mit dem Ausmaß physischer Beeinträchtigungen assoziiert ist. Positive Beziehungen ergaben sich mit delinquenten Verhaltensweisen. Die mit der R-1 gemessene Risikobereitschaft steht außerdem erwartungsgemäß im Zusammenhang mit der Wahl riskanterer Geldanlagen. Im Bereich der arbeitspsychologischen Forschung wies die R-1 positive Korrelationen zu Arbeitswerten wie zum Beispiel Abwechslung und Aufstiegschancen auf. Es wurden mit der R-1 zudem die aufgrund früherer Befunde erwarteten Unterschiede zwischen soziodemographischen Gruppen gefunden: Männer und Jüngere gaben höhere Werte in der Risikobereitschaft an als Frauen und Ältere.    

Insgesamt liegt mit der R-1 ein ökonomisches, valides und reliables Messinstrument vor, das für Gruppenvergleiche im Rahmen sozialwissenschaftlicher Surveys geeignet ist.