Kurzskalen psychologischer Merkmale

Entwicklung und Validierung

Die vorliegende Arbeit hatte zum Ziel, ein ökonomisches, valides und reliables Messinstrument für die Erfassung der Risikobereitschaft zu entwickeln und zu evaluieren. Forscherinnen und Forschern soll mit der R-1 ein psychologisches Messinstrument zur Verfügung gestellt werden, das in heterogenen, bevölkerungsrepräsentativen Stichproben einsetzbar ist.

Ausgangspunkt für die Entwicklung der R-1 war die seit 2004 im SOEP implementierte Operationalisierung des Konstrukts Risikobereitschaft (Schupp & Wagner, 2010). Die Risikobereitschaft wird hierbei mittels eines Items und der folgenden Itemformulierung gemessen: „Wie schätzen Sie sich persönlich ein: Sind Sie im Allgemeinen ein risikobereiter Mensch, oder versuchen Sie, Risiken zu vermeiden?“ Die Befragungspersonen beantworten die Frage auf einer 11-stufigen Skala mit den Endbezeichnungen (0) „gar nicht risikobereit“ und (10) „sehr risikobereit“. 

Im Rahmen eines kognitiven Pretests bei GESIS (Prüfer & Porst, 2010) wurde die Verständlichkeit der Formulierung des SOEP-Items sowie der Umgang mit der 11-stufigen Antwortskala mittels Think-Aloud-Technik überprüft (vgl. Prüfer & Rexroth, 2005). Diese qualitative Studie (N = 20) ergab, dass die Antwortskala des Items mit 11 Kategorien zu breit angelegt ist. Dies zeigte sich einmal im Antwortverhalten der Befragten. Die Antworten konzentrierten sich auf die mittleren Kategorien. Außerdem erbrachte die Think-Aloud-Technik Hinweise darauf, dass die Befragten mit der Antwortskala überfordert waren. Die Pretester stellten eine „Fluchttendenz in die Mitte“ (Prüfer & Porst, 2010, S. 14) der Skala fest, ohne dass sich die Befragten inhaltlich differenziert mit der Antwortskala auseinandersetzten.

Die Ergebnisse des kognitiven Pretests hinsichtlich der Antwortverteilung stimmen auch mit bisherigen empirischen Ergebnissen überein. Dohmen et al. (2009) machen Angaben zur Verteilung der Itemrohwerte der SOEP-Skala Risikobereitschaft. Demzufolge wird die Antwortoption "10" als höchste mögliche Ausprägung sehr selten gewählt, wohingegen die niedrigste Ausprägung ("0") immerhin noch von ungefähr 7 Prozent der Befragten angegeben wird. Dies weist darauf hin, dass die oberen Antwortkategorien der 11-stufigen Antwortskala von den Befragten nur wenig genutzt werden. Die Empfehlung aus dem kognitiven Pretest zur Modifikation der Breite der Antwortskala wurde folglich übernommen.    

In Bezug auf die Itemformulierung stellten die Pretester fest, dass diese von den Befragten gut verstanden wird. Jedoch wurde von ihnen kritisiert, dass die Itemformulierung nicht mit den gewählten Antwortbezeichnungen übereinstimme. Auf der Basis dieser Erkenntnisse empfahlen die Pretester die Verwendung einer 7-stufigen anstelle der im SOEP etablierten 11-stufigen Antwortskala. Darüber hinaus schlugen die Pretester vor, die Itemformulierung folgendermaßen geringfügig zu ändern, um eine bessere Passung mit den Antwortbezeichnungen zu gewährleisten: „Wie schätzen Sie sich persönlich ein: Wie risikobereit sind Sie im Allgemeinen?“. Auch diese Empfehlung aus dem kognitiven Pretest wurde im Rahmen der Entwicklung der Kurzskala zur Risikobereitschaft (R-1) übernommen.

Die Entwicklung und Evaluation der R-1 erfolgte anhand dreier umfangreicher Stichproben. Die Charakteristika dieser Stichproben können Tabelle 2 entnommen werden. Stichprobe 1 ist eine Quotenstichprobe, geschichtet nach den Merkmalen Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland (N = 539). Die Grundgesamtheit war definiert als „alle in der Bundesrepublik Deutschland in Privathaushalten lebenden deutschsprachigen Personen ab 18 Jahren“. Die Erhebung erfolgte in zwei Wellen mit einem zeitlichen Abstand von 6 bis 10 Wochen. An Welle 2 nahmen N = 338 Befragungspersonen der Welle 1 teil. Die Daten wurden im Rahmen eines persönlich-mündlichen Interviews (CAPI) oder durch die Vorgabe eines Papierfragebogens erhoben. Die Erhebung dauerte im Mittel 53 Minuten (SD = 12). Bei Stichprobe 2 handelt es sich ebenfalls um eine Quotenstichprobe, geschichtet nach Geschlecht, Alter und Bildung (N = 741), die im Internet erhoben wurde (CAWI). Grundgesamtheit waren die Teilnehmer eines Online-Access-Pools im Alter von 18 Jahren oder älter, die in Deutschland leben. Die Bearbeitung des Onlinefragebogens dauerte im Mittel 23 Minuten (SD = 8). Stichprobe 3 mit N = 1134 Befragungspersonen ist eine Zufallsstichprobe, die repräsentativ für die Wohnbevölkerung in Deutschland über einem Alter von 18 Jahren ist. Sie wurde mithilfe des ADM-Stichprobensystems F2F (Random Route) der Arbeitsgemeinschaft deutscher Marktforschungsinstitute gezogen. Die Daten dieser Interviews wurden vollständig im CAPI-Modus erhoben (Dauer: M = 43, SD = 13).

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Tabelle 2: Charakteristika der drei Stichproben


Stichprobe 1
Welle 1
Stichprobe 1
Welle 2
Stichprobe 2Stichprobe 3
Stichprobe

Umfang [N]

5393387411134
ArtQuoteQuoteQuoteZufall
ModusCAPI, PapierCAPI, PapierCAWICAPI
Zusammensetzung
Geschlecht [% Frauen]52.552.151.855.6
Alter [M(SD)]47.2 (15.2)46.7 (15.1)48.3 (13.0)53.3 (18.4)
Bildung  ≤ 9 Jahre44.745.340.137.2
                10 Jahre30.227.929.137.0
                 ≥ 11 Jahre23.725.430.825.8

Anmerkung: CAP = Computer Aided Personal Interview, CAWI = Computer Aided Web Interview, Papier = Papierversion (Selbstausfüller)

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Tabelle 2: Charakteristika der drei Stichproben


Stichprobe 1
Welle 1
Stichprobe 1
Welle 2
Stichprobe 2Stichprobe 3
Stichprobe

Umfang [N]

5393387411134
ArtQuoteQuoteQuoteZufall
ModusCAPI, PapierCAPI, PapierCAWICAPI
Zusammensetzung
Geschlecht [% Frauen]52.5%52.1%51.8%55.6%
Alter [M(SD)]47.2 (15.2)46.7 (15.1)48.3 (13.0)53.3 (18.4)
Bildung≤ 9 Jahre44.7%45.3%40.1%37.2%
       10 Jahre30.2%27.9%29.1%37.0%
≥ 11 Jahre23.7%25.4%30.8%25.8%

Anmerkung: CAPI = Computer Aided Personal Interview, CAWI = Computer Aided Web Interview, Papier = Papierversion (Selbstausfüller).

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Die Fragebogenbatterie beinhaltete neben der ASKU umfangreiche soziodemographische Angaben, weitere psychologische Maße sowie die bereits etablierte 10-Item-Skala (Schwarzer & Jerusalem, 1999) und einige sozialwissenschaftliche Validierungsmaße. Die Items zu den soziodemographischen Angaben wurden größtenteils den demographischen Standards des Statistischen Bundesamtes entnommen (2010). Für die Validierung kamen etablierte Standardinstrumente, z.B. zur Erfassung von Lebenszufriedenheit (SWLS, Diener, Emmons, Larsen, & Griffin, 1985; nur in Stichprobe 1), Kontrollüberzeugungen (Jakoby & Jacob, 1999; nur in Stichprobe 1), Optimismus (LOT-R, Glaesmer, Hoyer, Klotsche, & Herzberg, 2008; nur in Stichprobe 1), den Hauptdimensionen der Persönlichkeit nach dem Fünf-Faktoren-Modell (BFI-10, Rammstedt & John, 2007), Selbstwert (Rosenberg, 1989; nur in Stichprobe 2), Impulsivität (UPPS, Kämpfe & Mitte, 2009; nur in Stichprobe 2) und eigens entwickelte Skalen zum Einsatz (siehe Übersicht der Kurzskalen). An für die sozialwissenschaftliche Forschung relevanten Maßen wurde unter anderem Netzwerkgröße, Effort-Reward-Imbalance (Siegrist et al., 2004), Gesundheitszustand, Parteipräferenz, Einkommen und Devianz erhoben. Alle Erhebungen wurden von unabhängigen kommerziellen Anbietern durchgeführt. Die Fragebögen der Erhebungen sind im Downloadbereich zu finden. Um die psychometrische Güte der konstruierten Skala zu überprüfen, wurden auf der Grundlage der oben beschriebenen Stichproben Kennwerte für die Reliabilität und verschiedene Aspekte der Validität berechnet (für Details zur Validierung von Persönlichkeitsskalen siehe Bühner, 2011; Lienert & Raatz, 1998).

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Die Ergebnisse der Itemanalysen der R-1 sind in Tabelle 1 dargestellt. Über die Stichproben hinweg zeigen sich ähnliche Verteilungen der Itemrohwerte. Im Folgenden wird deshalb exemplarisch die Rohwerteverteilung in der bevölkerungsrepräsentativen Zufallsstichprobe (Stichprobe 3) berichtet. Alle Antwortkategorien der Skala werden von den Befragten genutzt. Die Antwortkategorien 1 und 2 weisen ungefähr gleiche Häufigkeiten auf (13.5 bzw. 12.8% der Befragten). Es handelt sich um eine im Vergleich zur Normalverteilung flachgipfligen Verteilung. Dieses Ergebnis stimmt mit früheren Befunden zu alternativen Maßen der Risikobereitschaft überein. Beauducel et al. (2003, S. 65) berichten für die Skala „Gefahr- und Abenteuersuche“ der UPPS ebenfalls eine flachgipflige und leicht rechtsschiefe Verteilung der Skalenwerte.

Die Fragebogenbatterie in Stichprobe 3 beinhaltete neben der R-1 umfangreiche soziodemographische Maße, weitere psychologische Messinstrumente sowie einige sozialwissenschaftliche Validierungsmaße. Die Items zu den soziodemographischen Angaben wurden größtenteils den demographischen Standards des Statistischen Bundesamtes (2010) entnommen. Als alternatives Maß für die Ausprägung der Risikobereitschaft wurde in Stichprobe 2 die Skala „Risikobereitschaft“ der deutschen Version der UPPS-Skala zur Messung verschiedener Aspekte der Impulsivität (Keye et al., 2009; Schmidt et al., 2008) miterhoben. Für die Validierung kamen darüber hinaus weitere etablierte Standardinstrumente, z. B. zur Erfassung von Allgemeiner Lebenszufriedenheit (SWLS, Diener, Emmons, Larsen & Griffin, 1985; nur in Stichprobe 1), den Hauptdimensionen der Persönlichkeit nach dem Fünf-Faktoren-Modell (BFI-10, Rammstedt & John, 2007), Optimismus (SOP2, Kemper, Beierlein, Kovaleva & Rammstedt, 2013), Selbstwert (Rosenberg, 1989; nur in Stichprobe 2), allgemeine Selbstwirksamkeitserwartung (Schwarzer & Jerusalem, 1999; nur in Stichprobe 1), Attraktivität (AR-1; Lutz, Kemper, Beierlein, Graf-Stiksrud & Rammstedt, 2013) und (weitere) eigens entwickelte Skalen zum Einsatz (siehe Publikationen auf der GESIS Kurzskalenwebsite). An für die sozialwissenschaftliche Forschung relevanten Maßen wurden unter anderem die selbstberichtete Delinquenz (ALLBUS, 2000), Politische Partizipation (European Social Survey, 2008), Gesundheitsstatus (SF-12; Bullinger & Kirchberger, 1998) sowie die Wichtigkeit verschiedener Aspekte des Arbeitsplatzes (Borg & Noll, 1990) erhoben. Als Maß für die risikobereites Verhalten im Bereich Finanzen wurde in Anlehnung an die entsprechende Frage im SOEP Haushaltsfragebogen 2003 erfasst, welche Wertanlagen die Befragungsperson besitzt. Alle Erhebungen wurden von unabhängigen kommerziellen Anbietern durchgeführt. Um die psychometrische Güte der konstruierten Skala zu überprüfen, wurden auf der Grundlage der oben beschriebenen Stichproben Kennwerte für die Reliabilität und verschiedene Aspekte der Validität berechnet (für Details zur Validierung von Persönlichkeitsskalen siehe Bühner, 2011; Lienert & Raatz, 1998).