Kurzskalen psychologischer Merkmale

Bewertung

Die KSE-G ist eine ökonomische Skala zur Erfassung des psychologischen Merkmals soziale Erwünschtheit (Gamma-Faktor) in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, die starken zeitlichen und monetären Restriktionen unterliegen. Die Skala ist einfach in verschiedenen Erhebungsmodi zu administrieren. Validitätsbelege wurden für den CASI-Modus (Selbstausfüller) und den CAWI-Modus (Onlinefragebogen) erbracht. Die Invarianz zwischen den Erhebungsmodi wurde bisher allerdings noch nicht geprüft. Ob Korrelationen und Mittelwerte der KSE-G daher über Stichproben hinweg vergleichbar sind, die in unterschiedlichen Modi erhoben wurden, kann zurzeit nicht vorausgesetzt werden. Vor dem Einsatz der KSE-G in Mixed-Mode-Designs sollte dieser Beleg erbracht werden (für aktualisierte Informationen bezüglich der psychometrischen Güte siehe www.gesis.org/kurzskalen-psychologischer-merkmale). Die Erhebung von Daten mit der KSE-G dauert deutlich weniger als eine Minute. Die Auswertung erfolgt streng standardisiert.

Die Überprüfung der Messgenauigkeit der KSE-G ergab eine für Gruppenuntersuchungen ausreichenden Reliabilität der beiden Skalen PQ+ und NQ-. Die Analysen zur internalen Struktur der KSE-G zeitigten Ergebnisse, die auf den ersten Blick als inkompatibel mit dem integrativen Modell von Paulhus (2002) schienen. Er postuliert, dass Gamma einen Selbsttäuschungsstil und einen Fremdtäuschungsstil beinhaltet. Faktoranalytisch wurden in der vorliegenden Arbeit allerdings die beiden Faktoren Übertreibung positiver Qualitäten und Untertreibung negativer Qualitäten gefunden, die auch Roth, Snyder und Pace (1986) berichten. Eine Vermutung diesbezüglich ist, dass Gamma in Abhängigkeit von motivationalen Anreizen der jeweiligen Testsituation in unterschiedliche Faktoren „zerfällt“, entweder in die von Paulhus postulierten Selbsttäuschungsstil und Fremdtäuschungsstil oder die von Roth et al. gefundenen Faktoren Übertreibung positiver Qualitäten und Untertreibung negativer Qualitäten. Für diese Vermutung spricht, dass die von Paulhus postulierten Faktoren unterschiedlich änderungssensitiv sind. Insbesondere der Fremdtäuschungsstil Communion-Management beinhaltet bewusste Übertreibung des positiven Eindrucks, z.B. bei Anwesenheit wichtiger Personen bzw. Publikum. Die Binnenstruktur von Gamma könnte demnach bei starker Aktivierung von Communion-Werten durch situative Gegebenheiten aussehen, wie von Paulhus beschrieben. In der vorliegenden Arbeit wurde jedenfalls die Faktoren Übertreibung positiver Qualitäten und Untertreibung negativer Qualitäten explorativ gefunden und per CFA gesichert. Anhand der Validitätskoeffizienten konnte gesichert werden, dass die KSE-G Gamma erfasst, da (1) die KSE-G mit alternativen Maßen für das Konstrukt korreliert, insbesondere der L-Skala aus dem MMPI-2, und (2) in den Antworten der Befragungspersonen auf Persönlichkeits- und Werteitems ein deutlicher moralistischer Bias gefunden wurde, der in der Fachliteratur mit dem Gamma-Faktor assoziiert wird. Die Befunde zeigen allerdings auch, dass eine Unterteilung in PQ+ und NQ- vertretbar ist, weil (1) differentielle Korrelationen der beiden Skalen auftraten, insbesondere mit dem soziodemographischen Kriterien Alter, Geschlecht und Bildung, und (2) die milde experimentelle Manipulation einen geringen aber substantiellen Effekt auf Untertreibung negativer Qualitäten, nicht aber auf Übertreibung positiver Qualitäten hatte.

Die empirischen Belege der Validierungsstudien sprechen dafür, dass die KSE-G nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine reliable und valide Erfassung des Gamma-Faktors sozial erwünschten Antwortverhaltens erlaubt. Einschränkend sei allerdings an dieser Stelle erwähnt und betont, dass die KSE-G für eine statistische Kontrolle der bei einer Messung von Persönlichkeit oder Einstellungen auftretenden systematischen Fehlervarianz nicht geeignet ist. Lange Jahre wurde in der Fachliteratur propagiert, dass Skalen zur Erfassung von sozialer Erwünschtheit absichtliche Antwortverzerrungen (oder „Lügen“) reliabel messen können und sich diese Maße daher eigenen, nicht-intendierte Varianz in Messungen zu kontrollieren. Dieses Vorgehen ist problematisch, weil Antwortverzerrungen weitgehend eine Funktion substantieller Persönlichkeitsmerkmale sind. Dies haben auch die Befunde der vorliegenden Arbeit anhand des moralistischen Bias gezeigt. Mittlerweile wird in der Fachliteratur die Meinung vertreten, dass klassische Soziale-Erwünschtheits-Skalen diesem Anspruch nicht genügen können, sich neue alternative Maße für Antwortverzerrungen wie beispielsweise der Wortschatz und Overclaiming-Test (WOCT; Ziegler, Kemper & Rammstedt, 2013) bzw. das Overclaiming-Konzept (Paulhus, Harms, Bruce & Lysy, 2003) allerdings dafür eignen könnten (für eine Übersicht solcher Befunde siehe Bing, Kluemper, Davison, Taylor & Novicevic, 2011).