Kurzskalen psychologischer Merkmale

Entwicklung und Validierung

Um die Skala zu konstruieren wurde zunächst ein Pool von Items zusammengestellt, die gemäß dem Ansatz von Crowne und Marlowe (1960) gesellschaftlich gewünschte aber meist seltene Verhaltensweisen oder gesellschaftlich sanktionierte aber häufig auftretende Verhaltensweisen erfassen. Dazu wurden bestehende Skalen, zum Beispiel die Soziale-Erwünschtheits-Skala-17 (SES-17; Stöber, 1999) und die Social Desirability Scale von Crowne und Marlowe (SDS-CM; 1960) herangezogen und Items entnommen. Diese wurden in Expertenreviews sprachlich überarbeitet, um deren Verständlichkeit für die anvisierte Zielgruppe und die Inhaltsvalidität zu erhöhen. Anschließend wurde der Itempool in einer Serie von Studien quantitativ analysiert (Item- und Strukturanalysen) und Items wurden selegiert. Die Strukturanalysen ergaben eine zweifaktorielle Struktur mit zwei korrelierten Faktoren, die als „Übertreibung positiver Qualitäten“ und „Minimierung negativer Qualitäten“ interpretiert wurden (vgl. Roth, Snyder & Pace, 1986). In einem iterativen Prozess wurden psychometrisch ungeeignete Items (geringe Faktorladungen, geringe Varianz, hohe Schiefe etc.) ausgeschieden und neue Items entwickelt, hinzugefügt und der Pool erneut an einer Stichprobe geprüft. Ergebnis der mehrstufigen Itemselektion waren die sechs Items der KSE-G, die zwei unterschiedliche Aspekte des Gamma-Faktors des Konstrukts Soziale Erwünschtheit mit jeweils drei Items erfassen. Die KSE-G wurde anschließend in drei alters-, geschlechts-, und bildungsheterogenen Stichproben validiert. Im Folgenden werden diese Stichproben und die Umstände der Erhebung näher beschrieben. Die Charakteristika der Stichproben können Tabelle 2 entnommen werden.

Stichprobe 1 ist eine Quotenstichprobe, geschichtet nach Geschlecht, Alter und Bildung (N = 741), die im Internet erhoben wurde (CAWI). Grundgesamtheit waren die Teilnehmer eines Online-Access-Pools im Alter von 18 Jahren oder älter, die in Deutschland leben. Der Onlinefragebogen enthielt, neben der KSE-G, einige soziodemographische Angaben und verschiedene Skalen zur Messung psychologischer Merkmale. Die Bearbeitung des Onlinefragebogens dauerte im Mittel 23 Minuten (SD = 8).

Stichprobe 2 mit N = 1134 Befragungspersonen ist eine Zufallsstichprobe, die repräsentativ für die Wohnbevölkerung in Deutschland über einem Alter von 18 Jahren ist. Sie wurde mithilfe des ADM-Stichprobensystem F2F (Random Route) der Arbeitsgemeinschaft deutscher Marktforschungsinstitute gezogen. Die Daten wurden im CAPI- und im CASI-Modus erhoben (Dauer: M = 43, SD = 13). Die Fragebogenbatterie beinhaltete neben der KSE-G (im CASI-Modus) umfangreiche soziodemographische Angaben, verschiedene psychologische Maße und einige sozialwissenschaftliche Validierungsmaße. Die Items zu den soziodemographischen Angaben wurden größtenteils den demographischen Standards des Statistischen Bundesamtes entnommen (2010). Für die Validierung kamen Standardinstrumente, zum Beispiel zur Erfassung der fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit nach dem Fünf-Faktoren-Modell (BFI-10, Rammstedt & John, 2007; Rammstedt, Kemper, Klein, Beierlein & Kovaleva, 2012) und Items zur Messung von Werten nach dem Modell von Schwartz (1992; Schwartz & Boehnke, 2004) und Items zur Erfassung von Devianz aus dem ALLBUS  (im CASI-Modus; Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften) zum Einsatz. Die KSE-G wurde in zwei unterschiedlichen experimentellen Bedingungen vorgegeben (im CASI-Modus). Befragungspersonen wurden randomisiert auf die Bedingungen zugewiesen. In einer Bedingung wurde die übliche Instruktion verwendet; in der anderen wurde die Befragungsperson darauf aufmerksam gemacht, dass die Items der KSE-G Verhaltensweisen beschreiben, die zwar gerne gesehen, aber nicht häufig gezeigt werden bzw. nicht gerne gesehen, aber üblicherweise häufig gezeigt werden. Im Anschluss an diese Aufklärung wurde die Befragungsperson gebeten „auch jetzt wieder möglichst ehrlich“ zu antworten.

Bei Stichprobe 3 handelt es sich um eine anfallende Onlinestichprobe (CAWI). Studierende unterschiedlicher Fachbereiche der Humboldt-Universität zu Berlin wurden über eine Email-Verteilerliste auf die Studie aufmerksam gemacht. Der Fragebogen enthielt einige soziodemographische Angaben, einen Leistungstest und zahlreiche deutsche Übersetzungen von Skalen zur Erfassung von sozial erwünschtem Antwortverhalten, zum Beispiel die SD-Skala von Edwards (Lück & Timaeus, 1969), das BIDR von Paulhus (Musch, Brockhaus & Bröder, 2002) und die Lügenskala (L-Skala) aus dem MMPI-2 (Hathaway, McKinley & Engel, 2000) sowie weitere psychologische Testverfahren. Die Bearbeitung des Onlinefragebogens dauerte im Mittel 40 Minuten (SD = 19).

Tabelle 2: Charakteristika der drei Validierungsstichproben


Stichprobe 1Stichprobe 2Stichprobe 3
Stichprobe

Umfang [N]

7411134939
ArtQuoteZufallanfallend
ModusCAWICAPI/CASICAWI
Zusammensetzung
Geschlecht [% Frauen]51.8%55.6%74.0%
Alter [M(SD)]48.3 (13.0)53.3 (18.4)25.0 (5.4)
Bildung  ≤ 9 Jahre40.1%37.2%k.A.
                10 Jahre29.1%37.0%k.A.
                 ≥ 11 Jahre30.8%25.8%k.A.

Anmerkung: CAPI = Computer Aided Personal Interview, CASI = Computer Assisted Self Interview, CAWI = Computer Aided Web Interview.

Um die psychometrische Güte der konstruierten Skala zu überprüfen, wurden auf der Grundlage der oben beschriebenen Stichproben Kennwerte für die Reliabilität und verschiedene Aspekte der Validität berechnet (für Details zur Validierung von Persönlichkeitsskalen siehe Bühner, 2011; Lienert & Raatz, 1998).

Die Fragebögen der Erhebungen finden Sie in unserem Downloadbereich.