Kurzskalen psychologischer Merkmale

Entwicklung und Validierung

Schmitt, Neumann und Montada legten 1995 erste Selbstberichtsskalen vor, um die Sensibilität für widerfahrende Ungerechtigkeit anhand von vier Indikatoren zu messen: Häufigkeit erinnerter Ungerechtigkeitserlebnisse, Stärke der emotionalen Reaktion auf erfahrene Ungerechtigkeit, Penetranz von Gedanken an eine widerfahrene Ungerechtigkeit sowie Bestrafungs- und Vergeltungswünsche gegenüber dem Täter. Diese ersten Skalen beschränkten sich auf die Messung von Opfersensibilität. In einem zweiten Entwicklungsschritt wurde aus dieser ersten Langfassung eine kürzere Fassung erstellt, die 10 Items umfasste. Die Items beinhalten drei Indikatoren, (a) die spezifische emotionale Reaktion auf widerfahrene Ungerechtigkeit (Beispiel: Es ärgert mich, wenn es anderen unverdient besser geht als mir.), (b) die unspezifische emotionale Belastung durch widerfahrene Ungerechtigkeit (Beispiel: Es macht mir zu schaffen, wenn ich mich für Dinge abrackern muss, die anderen in den Schoß fallen.) sowie (c) die Penetranz von Gedanken an eine widerfahrene Ungerechtigkeit (Beispiel: Wenn andere ohne Grund freundlicher behandelt werden als ich, geht mir das lange durch den Kopf.).

Die von Schmitt et al. (1995) vorgeschlagenen Indikatoren der Häufigkeit erinnerter Ungerechtigkeitserlebnisse und der Bestrafungs- und Vergeltungswünsche wurden nicht einbezogen, weil diese Indikatoren eine geringere konvergente Validität aufwiesen als die anderen Indikatoren. Gleichzeitig wurden 10-Item-Skalen zur Messung von Beobachtersensibilität und von Nutznießersensibilität entwickelt (Schmitt et al., 2005). Diesen drei Skalen wurde später eine 10-Item-Skala zur Messung von Tätersensibilität hinzugefügt (Schmitt et al., 2010). Alle vier 10-Item-Skalen verwenden die oben genannten Indikatoren, wobei die spezifische emotionale Reaktion über die Skalen variiert (Ärger bei Opfersensibilität, Empörung bei Beobachtersensibilität, Schuldgefühle bei Nutznießer- und Tätersensibilität).

Für die Entwicklung der Kurzskalen USS-8 wurden jeweils zwei Items dieser 10-Item-Originalskalen ausgewählt. Dabei musste entschieden werden, welche zwei der drei Indikatoren (spezifische emotionale Reaktion, unspezifische emotionale Belastung, Penetranz von Gedanken an eine widerfahrene Ungerechtigkeit) aufgenommen und welcher ausgeschlossen werden sollte. Als Kriterien dienten Höhe und Ähnlichkeit der Faktorladungen sich entsprechender Items der vier Skalen sowie der Grad der Einfachstruktur der Faktorladungsmatrix als Indikator faktorieller Validität. Auf der Grundlage der Daten von Schmitt et al. (2005) und Schmitt et al. (2010) wurden diese beiden Kriterien in einem iterativen Prozess angestrebt. Am besten ließ sich diese mit jeweils einem Item der spezifischen emotionalen Reaktion und der unspezifischen emotionalen Belastung erreichen. Bei Verwendung dieser beiden Indikatoren war die faktorielle Validität der vier Kurzskalen optimal.

Die Instruktion der Originalskalen wurde infolge eines Expertenreviews verändert. Im Vergleich zu den Originalskalen wurden die kognitiven Anforderungen der Instruktion so reduziert, dass die Skalen in allgemeinen Bevölkerungsumfragen einsetzbar sind. Die neu entwickelten Kurzskalen wurden anschließend in Stichprobe 1 und 3 (siehe Tabelle 2) empirisch geprüft und validiert. Im Folgenden werden die Stichproben näher beschrieben. Stichprobe 1 ist eine Quotenstichprobe, geschichtet nach den Merkmalen Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland (N = 539). Die Grundgesamtheit war definiert als „alle in der Bundesrepublik Deutschland in Privathaushalten lebenden deutschsprachigen Personen ab 18 Jahren“. Die Erhebung erfolgte in zwei Wellen mit einem zeitlichen Abstand von 6 bis 10 Wochen. An Welle 2 nahmen N = 338 Befragungspersonen der Welle 1 teil. Die Daten wurden im Rahmen eines persönlich-mündlichen Interviews (CAPI) oder durch die Vorgabe eines Papierfragebogens erhoben. Die gesamte Befragung, die neben USS-8 weitere Merkmale umfasst (siehe unten), dauerte im Mittel 53 Minuten (SD = 12). Stichprobe 3 mit N = 1134 Befragungspersonen ist eine Zufallsstichprobe, die repräsentativ für die Wohnbevölkerung in Deutschland über einem Alter von 18 Jahren ist. Sie wurde mithilfe des ADM-Stichprobensystem F2F (Random Route) der Arbeitsgemeinschaft deutscher Marktforschungsinstitute gezogen. Die Daten dieser Interviews wurden vollständig im CAPI-Modus erhoben (Dauer: M = 43, SD = 13).

Tabelle 2: Charakteristika der drei Stichproben


Stichprobe 1
Welle 1
Stichprobe 1
Welle 2
Stichprobe 2Stichprobe 3
Stichprobe

Umfang [N]

5393387411134
ArtQuoteQuoteQuoteZufall
ModusCAPI, PapierCAPI, PapierCAWICAPI
Zusammensetzung
Geschlecht [% Frauen]52.552.151.855.6
Alter [M(SD)]47.2 (15.2)46.7 (15.1)48.3 (13.0)53.3 (18.4)
Bildung  ≤ 9 Jahre44.745.340.137.2
                10 Jahre30.227.929.137.0
                 ≥ 11 Jahre23.725.430.825.8

Anmerkung: CAPI = Computer Aided Personal Interview, CAWI = Computer Aided Web Interview, Papier = Papierversion (Selbstausfüller)

 

Die Fragebogenbatterie beinhalteten neben den USS-8 umfangreiche soziodemografische Angaben, weitere psychologische Maße und einige sozialwissenschaftliche Validierungsmaße. Die Items zu den soziodemografischen Angaben wurden größtenteils den demografischen Standards des Statistischen Bundesamtes entnommen (2010). Für die Validierung kamen etablierte Standardinstrumente, z. B. zur Erfassung von Lebenszufriedenheit (SWLS; Diener, Emmons, Larsen & Griffin, 1985; nur in Stichprobe 1), Allgemeinen Selbstwirksamkeit (SWE; Schwarzer & Jerusalem, 1999; nur in Stichprobe 1), Interpersonelles Vertrauen (SOEP-trust; vgl. Naef & Schupp, 2009), Kontrollüberzeugungen (Jakoby & Jacob, 1999), Optimismus und Pessimismus (LOT-R, Glaesmer, Hoyer, Klotsche & Herzberg, 2008; nur in Stichprobe 1), den Hauptdimensionen der Persönlichkeit nach dem Fünf-Faktoren-Modell (BFI-10, Rammstedt & John, 2007), und eigens entwickelte Skalen zum Einsatz (siehe Publikationen). An für die sozialwissenschaftliche Forschung relevanten Maßen wurde unter anderem Netzwerkgröße, Belastungen am Arbeitsplatz und Effort-Reward-Imbalance (Siegrist et al., 2004), Gesundheitszustand, Parteipräferenz, Einkommen, Wertanlagen und Devianz erhoben. Alle Erhebungen wurden von unabhängigen kommerziellen Anbietern durchgeführt. Die Fragebögen der Erhebungen finden Sie in unserem Downloadbereich. Um die psychometrische Güte der konstruierten Skala zu überprüfen, wurden auf der Grundlage der oben beschriebenen Stichproben Kennwerte für die Reliabilität und verschiedene Aspekte der Validität berechnet (für Details zur Validierung von Persönlichkeitsskalen siehe Bühner, 2011; Lienert & Raatz, 1998).