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DFG-Projekt „Experiencing Ethnoracial Exclusion“: Wie sich Alltagsrassismus anfühlt


Kategorien: Fördermaßnahmen; Diversity, Antidiskriminierung, Intersektionalität; Wissenschaft Aktuell

Dr. Eunike Piwoni, Soziologin an der Universität Passau, erforscht in einem neuen DFG-Projekt, welche Gefühle Erfahrungen von Alltagsrassismus und Diskriminierung bei Betroffenen auslösen. Sie konzentriert sich dabei auf die gebildete Mittelschicht der zweiten Einwanderungsgeneration, die landläufig als perfekt integriert gilt.

Erfahrungen von Diskriminierung, Stigmatisierung und Rassismus machen psychisch krank. Zudem zeigen Studien, dass diese Erfahrungen der Integration im Wege stehen, insbesondere der Identifikation mit der neuen Heimat. Migrationssoziologisch kaum erforscht hingegen ist, welche Emotionen und Affekte alltägliche Diskriminierungen und Rassismus bei Betroffenen auslösen.

Hier setzt das DFG-Projekt „Experiencing Ethnoracial Exclusion“ von Dr. Eunike Piwoni an. Die Akademische Rätin am Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Passau nähert sich dem Thema in den nächsten drei Jahren aus der Perspektive der Emotionssoziologie. Sie untersucht, welche Gefühle diese Erfahrungen bei den Betroffenen auslösen. „Affekte und Emotionen wie Angst, Furcht, Unsicherheit, Unwohlsein und Traurigkeit bilden den Kern dieser Erfahrungen“, sagt Dr. Piwoni.

Fokus auf zweite Generation der Zugewanderten: In ihrem Projekt konzentriert sie sich auf subjektive Erfahrungen von Exklusion: „Das Spektrum reicht von ethnischen Witzen über die Frage, woher die Person nun wirklich komme, über die Verweigerung von Bildungschancen bis hin zu tätlichen Angriffen.“

Den Fokus legt sie auf drei Gruppen, die eine Zuwanderungsgeschichte haben und deren Erfahrungen mit dem Thema recht unterschiedlich sein dürften: Deutsche mit türkischem und polnischem Hintergrund sowie Schwarze Deutsche. Alle eint, dass sie in der Bundesrepublik aufgewachsen sind, sie entweder als Kind nach Deutschland kamen, oder dass ihre Eltern zugewandert sind. Weiter haben die Teilnehmenden an Dr. Piwonis Studie mindestens einen höheren Bildungsabschluss, gehören also der gebildeten Mittelschicht an. „Wenn diese Menschen, die landläufig als perfekt integriert gelten, Diskriminierungserfahrungen machen und in der Folge affektive Distanz spüren, dann haben wir als Gesellschaft, in der ein Viertel aller Menschen Migrationshintergrund haben, Tendenz steigend, ein massives Problem—und zwar für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“

Interviews und Audiotagebücher zur Erforschung der Gefühlswelt: Zentraler Bestandteil des Projekts sind individuelle Tiefeninterviews mit bis zu 36 Personen. Darüber hinaus untersucht die Soziologin mit Hilfe von Fokusgruppeninterviews die Emotionsarbeit der Betroffenen, wie sie mit den wahrgenommenen Gefühlen umgehen, diese benennen und sie im Gespräch mit anderen aushandeln. Mit Hilfe von Audiotagebüchern sollen die Teilnehmenden Situationen dokumentieren, in denen sie mit ihrem Migrationshintergrund in Berührung gekommen sind, positiv wie negativ, und diese beschreiben und bewerten.

Quelle, weitere Informationen und Stellungnahmen: PM - Universität Passau, 21.03.2022

Interview mit Dr. Eunike Piwoni
https://www.digital.uni-passau.de/index.php?id=403&L=0